Eine aufschlussreiche Rede der Fed-Vorsitzenden Yellen

Von Nick Beams
8. Juli 2014

Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve wird weiterhin extrem billiges Geld in das Finanzsystem pumpen und die Spekulationstätigkeiten der Banken und Finanzinstitute fördern, obwohl die Gefahr besteht, dass diese Politik zu Finanzblasen führt, die platzen und damit noch größere Schäden anrichten könnten als der Finanzcrash von 2008.

Das war im Wesentlichen der Inhalt der Nachricht, die die Fed-Vorsitzende Janet Yellen am Mittwoch in einer Rede bei einem Forum des Internationalen Währungsfonds (IWF) und einer anschließenden Fragestunde mit IWF-Direktorin Christine Lagarde überbrachte.

Sie nannte zwar keine Namen, aber Yellens Rede war als Antwort auf zwei kritische Äußerungen an der Fed gedacht. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatte in ihrem Jahresbericht, der am letzten Sonntag erschien, auf das Missverhältnis zwischen boomenden Finanzmärkten und der zugrunde liegenden Realwirtschaft hingewiesen. Ferner hatte der ehemalige Fed-Gouverneur Jeremy Stein erklärt, man sollte höhere Zinssätze erwägen, um die Entschärfung potenzieller Wertpapierblasen zu erleichtern.

Yellen bezeichnete Geldpolitik als "stumpfe Waffe" und erklärte, die "Hauptrolle" bei der Vermeidung finanzieller Instabilität müsse eine kluge makroökonomische Regulierung und Aufsicht spielen

Sie betonte, wenn die Fed die Zinssätze benutzt hätte, um die Immobilienblase Mitte der 2000er zu dämpfen - die unmittelbare Ursache der Krise im Jahr 2008 - hätte dies zu ernsthaften Schäden für die amerikanische Wirtschaft geführt. "Um die Immobilienblase zu entschärfen, wäre eine deutliche Erhöhung der Zinsen mit der Folge einer starken Zunahme der Arbeitslosigkeit notwendig gewesen", sagte sie

"Makroprudenzielle Politik wie verbindliche Begrenzungen für Fremdkapitalaufnahme und kurzfristige Finanzierung sowie stärkere Versicherungsstandards, sind weitaus direktere und effektivere Methoden, um Schwachstellen zu bekämpfen."

Folglich sah Yellen auch keine Notwendigkeit für die Fed, von ihrem Hauptfokus auf Preisstabilität und Vollbeschäftigung abzurücken. Sie sind die Begründung für die derzeitige Politik der Hilfen für die Finanzmärkte.

Der grundlegende Fehler in Yellens Zusicherungen, die Fed könnte Turbulenzen auf den Finanzmärkten durch Regulierung eindämmen, zeigte sich schnell während der Fragestunde mit Lagarde.

Lagarde äußerte gegenüber Yellen: "Sie haben sehr schön gezeigt, was Sie vom makroprudenziellen Standpunkt in dem Universum getan haben, das Sie unter Kontrolle haben. Aber obwohl dieses Universum eingegrenzt und gut überwacht ist, hat es trotzdem Paralleluniversen geschaffen."

Lagarde erklärte, die Finanzmärkte hätten auf Regulierung reagiert, indem sie ein Schatten-Bankensystem "außerhalb des Reiches der Zentralbanker" geschaffen hätten. Sie fragte: "Was kann man gegen sie tun, um sicherzustellen, dass keine nennenswerter Gefahren entstehen, die nicht mit makroprudenziellen Werkzeugen bearbeitet werden können?"

Yellen Antwort war höchst aufschlussreich.

Sie antwortete Lagarde: "Ich denke, sie weisen auf eine enorme Herausforderung hin. Wir müssen einfach damit rechnen, dass, strikte Regeln, die wir in unserem Verantwortungsbereich erlassen und auf deren Einhaltung wir genau achten, dazu führen, dass sich Aktivitäten außerhalb dieser Grenzen entwickeln, und dass wir nicht in der Lage sein werden, sie zu entdecken."

Mit anderen Worten, diejenigen, die das Finanzsystem regulieren sollen, können es nicht kontrollieren.

Als Antwort auf Yellens Feststellung, dass es notwendig sei, über die Grenzen der Aufsicht hinauszuschauen, um "zu erkennen, wo sich Gefahren entwickeln," erklärte Lagarde, sie selbst sei von bisher unbekannten Erscheinungen "besessen" die zu den "Risiken von morgen" werden könnten.

Es geht jedoch nicht einfach nur um Unwissenheit, so wichtig dies auch sein mag. Ein weiterer Faktor ist, dass zunehmende Probleme bewusst ignoriert werden, da eine Bekämpfung dieser Probleme es erforderlich machen würde, sich mit mächtigen Finanzinteressen anzulegen.

Yellen behauptete, sie und andere hätten nicht erkannt, dass Risiken für die finanzielle Stabilität Mitte der 2000er auf ein "gefährliches Niveau" angestiegen waren, und dass es zwar Bedenken wegen steigender Immobilienpreise gegeben hatte, dass allerdings niemand damit rechnete, dass die Folgen für das Finanzsystem und die Gesamtwirtschaft so schwer sein würden.

In Wirklichkeit gab es aber Warnungen vor der Gefahr wachsender Verschuldung, aber diese wurden einfach beiseite gewischt, da die Wall Street weiterhin hunderte Milliarden Dollar Gewinne einfuhr. Die Blindesten waren also diejenigen, die nichts sehen wollten.

Yellens Diskussion mit Lagarde zeigte auch, dass die Struktur des kapitalistischen Nationalstaatensystems ein Grund ist, warum es unmöglich ist, dass Finanzsystem auf rationale Weise zu kontrollieren.

Als leitende Direktorin des IWF, die nominell für das globale kapitalistische System verantwortlich ist, wies Lagarde auf die "Nebenwirkungen" der Politik der Fed hin.

Die dauerhafte Senkung der Zinssätze und die Politik der quantitativen Lockerung bereitet den Zentralbankern in Ländern in aller Welt große Probleme, da sie versuchen, den Druck zu kontrollieren, der sich durch den Zufluss von Dollars aus dem amerikanischen Finanzsystem ergibt, die höhere Gewinnraten suchen. Das hat zu Immobilienblasen und der Aufwertung von Währungen geführt, was Probleme für Exportmärkte und für Industrien schafft, die mit Importen konkurrieren, wie in der verarbeitenden Industrie.

Im vergangenen Jahr haben auch Abwärtsbewegungen ihr zerstörerisches Potenzial gezeigt. Die Angst vor den Folgen einer Reduzierung des Programms der quantitativen Lockerung und die Aussicht selbst auf eine geringfügige Erhöhung der amerikanischen Zinssätze haben zu einem deutlichen Abfluss von flüchtigem Finanzkapital aus den Schwellenmärkten auf der ganzen Welt geführt.

Auf die Frage, ob sich die Fed der Nebenwirkungen bewusst gewesen sei, antwortete Yellen, sie habe sicherlich auf sie geachtet, aber wie die anderen Zentralbanken habe auch sie vom Kongress und den relevanten Gesetzen die Aufgabe erhalten, sich auf in die binnenwirtschaftlichen Ziele zu konzentrieren."

Mit anderen Worten, das Finanzsystem ist zwar global integriert, aber jede Zentralbank, und vor allem die Fed, betreibt nur Politik im Interesse ihres eigenen Nationalstaates und der herrschenden Finanzinteressen dieses Staates. Obwohl sie Sorge um die globale Stabilität äußern, handeln sie alle nur nach den Maximen des "Jeder für sich" und "den letzten beißen die Hunde."

Das Problem, das weder in Yellens Äußerungen, noch in der Fragestunde angesprochen wurde, ist folgendes: wie konnte es dazu kommen, dass die mächtigsten Wirtschafts- und Finanzbehörden der Welt immer mehr die Kontrolle über das System verloren haben, das sie eigentlich regulieren sollen.

Frühere Entscheidungen wurde nicht kritisch beleuchtet. Allerdings haben sie eine entscheidende Rolle gespielt. Die Entscheidung des Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan, nach dem Börsenkrach von 1987 den Geldhahn aufzudrehen, war die Vorlage für die Politik, mit der sie seither bis zum Zusammenbruch von 2008 auf jedes Finanzproblem und jede -krise reagierte. Jetzt wird eine neue Katastrophe vorbereitet.

Bei Yellens Rede und ihrer Unterhaltung mit Lagarde fühlt man sich an die akute Beobachtung von Karl Marx im Kommunistischen Manifest erinnert.

"Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor."