Israel beruft Reservisten ein und droht mit Verschärfung der Angriffe auf Gaza

Von Barry Grey
9. Juli 2014

Die israelische Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu hat eine scharfe Eskalation der Angriffe auf den dicht bevölkerten Gazastreifen und die islamistische Hamas-Bewegung gestartet, die die Region politisch kontrolliert.

Nachdem bei israelischen Luftangriffen Sonntagnacht und am frühen Montagmorgen sechs Hamas-Kämpfer und zwei Mitglieder einer anderen islamistischen Gruppe in Gaza getötet wurden, schossen palästinensische Kämpfer etwa 85 Granaten und Raketen nach Südisrael.

Es war für die Hamas der verlustreichste Tag seit zwei Jahren. Als Reaktion darauf übernahm die Partei zum ersten Mal seit Beginn der Kampfhandlungen vor fast einem Monat die Verantwortung für den Granat- und Raketenbeschuss auf Israel. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza erklärte, durch die israelischen Luftangriffe seien fünfzehn Menschen verwundet worden, darunter fünf Kinder.

Durch den Beschuss mit primitiven Granaten und Raketen aus Gaza wurde kein Israeli getötet oder verwundet.

Nach einem Treffen von Netanjahus Sicherheitskabinett am Montag erklärte Oberstleutnant Peter Lerner, ein Sprecher der israelischen Streitkräfte (IDF), das Militär setze an der Grenze zu Gaza zwei Infanteriebrigaden ein. Er kündigte außerdem an, dass die Regierung die Einberufung von 1.500 Reservisten genehmigt habe, hauptsächlich Angehörige des Heimatfrontkommandos und von Luftabwehreinheiten.

Lerner sagte: "Wenn wir letzte Woche gesagt haben, wir beantworten Ruhe mit Ruhe, geht es jetzt um die Vorbereitung auf eine Eskalation."

Die USA stellten sich in der zunehmenden Konfrontation mit den Palästinensern schnell auf die Seite Israels. Die Sprecherin des Außenministeriums, Jen Psaki, erklärte am Montag vor der Presse, Washington verurteile die "vorsätzlichen Angriffe von Terrororganisationen auf Zivilisten." Sie fügte hinzu: "Wir unterstützen Israels Recht, sich gegen diese Anschläge zu verteidigen."

Gleichzeitig wird angenommen, dass die Obama-Regierung Netanjahu bei seinem weiteren Vorgehen zur Vorsicht anhält. Sowohl im Gazastreifen und im Westjordanland als auch in Israel selbst das Verhältnis zwischen Israel und den Palästinensern äußerst angespannt. Am Montag setzten Palästinenser ihre Proteste in arabischen Städten in Israel fort, im Westjordanland kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die von den USA und Israel unterstützt wird.

Die PA; die das Westjordanland kontrolliert und politisch von der säkularen Al Fatah-Bewegung dominiert wird, ruft zur Ruhe auf. Die Hamas jedoch rief in Hebron im Westjordanland zu Massendemonstrationen gegen die jüngsten israelischen Angriffe auf.

Die aktuellen Kämpfe begannen, nachdem am 12. Juni drei israelische Jugendliche nahe Hebron entführt wurden. Netanjahu gab sofort der Hamas die Schuld am Verschwinden der Jugendlichen, ohne dies beweisen zu können. Die Hamas stritt ab, dafür verantwortlich zu sein.

Die israelische Regierung, die eine Möglichkeit suchte, die Bildung einer gemeinsamen Regierung aus der PA und der Hamas zu verhindern, begann mit Massenverhaftungen von Hamas-Anhängern im Westjordanland. Dies führte zur Wiederaufnahme der Granat- und Raketenangriffe aus Gaza auf südisraelische Städte und Siedlungen, die vermutlich mehrheitlich nicht von der Hamas verübt wurden, sondern von der Organisation Islamischer Dschihad.

Am 30. Juni wurden die Leichen der drei israelischen Jugendlichen gefunden, daraufhin wurde in Israel eine Staatstrauer ausgerufen. Mehrere hundert ultraorthodoxe und ultranationalistische Juden demonstrierten am Montag in Jerusalem, skandierten "Tod den Arabern" und griffen palästinensische Passanten an. Am nächsten Tag wurde der sechzehnjährige Palästineser Muhammad Abu Khdeir von israelisch-jüdischen Terroristen in Ost-Jerusalem entführt und ermordet.

Der Rachemord an dem palästinensischen Jugendlichen löste in Jerusalem, im Westjordanland und den arabischen Gebieten in Israel eine Welle von Protesten aus. Im Lauf des Wochenendes meldeten israelische Behörden, dass der Jugendliche lebendigen Leibes verbrannt wurde.

Am Sonntag wurden sechs ultrarechte israelische Juden zwischen sechzehn und 25 Jahren verhaftet. Am Montag erklärten israelische Behörden, drei der sechs hätten das Verbrechen gestanden.

Letzten Freitag wurde Muhammads fünfzehnjähriger Cousin Tariq Abu Khdeir, ein amerikanischer Staatsbürger, der mit seiner Familie in Tampa, Florida, lebt, von der israelischen Polizei verhaftet und brutal zusammengeschlagen. Er und seine Familie waren zu Besuch bei Verwandten in Jerusalem, als Muhammad entführt und ermordet wurde.

Im Internet ist ein Video aufgetaucht, das zeigt, wie die Polizei auf den hilflosen Jugendlichen einprügelt. Sowohl die amerikanische als auch die israelische Regierung reagierten peinlich berührt.

Die Ermordung von Muhammad Abu Khdeir und die brutale Misshandlung seines Cousins haben in breiten Teilen der israelischen Bevölkerung Schock, Abscheu und Anteilnahme ausgelöst. Racheli Fraenkel, die Mutter des sechzehnjährigen Naftali Fraenkel - eines der ermordeten israelischen Jugendlichen - forderte öffentlich Mitleid mit der Familie des ermordeten palästinensischen Jugendlichen.

Sie sagte: "Es ist für mich schwer zu beschreiben, wie sehr uns die empörenden Ereignisse in Jerusalem betrüben - unschuldiges Blut wird vergossen, entgegen aller Moral, gegen die Torah, gegen die Grundlage des Lebens unserer Jungen und uns aller in diesem Land."

Teile des herrschenden Establishments Israels fordern aufgrund dieser Entwicklungen jedoch ein noch aggressiveres Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung. Netanjahu geriet innerhalb seiner eigenen Koalitionsregierung unter Druck, weil er angeblich nicht gewaltsam genug auf die Ermordung der israelischen Jugendlichen und die Raketenangriffe aus Gaza reagiert hat.

Am Montag kündigte Netanjahus Außenminister Avigdor Lieberman von der ultranationalistischen Partei Jisrael Beiteinu auf einer Pressekonferenz an, dass er die Koalition mit Netanjahus Partei Likud nach zwanzig Monaten beenden werde. Lieberman, der öffentlich einen Angriff mit Bodentruppen auf Gaza fordert, nannte seine "grundlegenden" Differenzen mit Netanjahu über die Reaktion gegenüber der Hamas als Hauptgrund für dieses Vorgehen. Er zog sich jedoch nicht aus dem Kabinett zurück und versprach, die Regierung zumindest vorerst weiterhin zu unterstützen.

Der ehemalige Geheimdienstchef und aktuelle Direktor des Instituts für Studien zur Nationalen Sicherheit, Generalmajor Amos Yadlin, äußerte sich am Wochenende über einen Krieg gegen Gaza. Er erklärte am Sonntag: "Wenn die Hamas weiterhin Granaten und Raketen auf unsere Zivilbevölkerung abschießt, sollte Israel die Gefahr durch ein umfassendes militärisches Vorgehen neutralisieren."

Er fuhr fort: "Ein solches Vorgehen sollte Geheimdienste, Feuerkraft [vor allem die Luftwaffe] und Manöver von Bodentruppen einbeziehen, um wichtige Punkte und strategisch wichtige Gebiete im Gazastreifen zu erreichen."