Zivile Todesopfer bei Luftangriffen

Israel bereitet neues Blutbad in Gaza vor

Von Bill Van Auken
10. Juli 2014

Bei israelischen Bomben- und Raketenangriffen auf die dicht besiedelten armen Stadtteile von Gaza kamen am späten Dienstagabend mindestens 27 Palästinenser ums Leben, mehr als 130 wurden verwundet, viele davon schwer.

Das israelische Militär erklärte stolz, es habe am Dienstag mehr als 273 Luftangriffe geflogen. Die Angriffe, die von F16-Kampfflugzeugen, Apache-Hubschraubern und Drohnen ausgeführt wurden, legten Häuser in Trümmer und ließen Feuer- und Rauchsäulen in den Himmel über Gaza aufsteigen, einer Stadt, in der fast zwei Millionen Menschen wie im größten Freiluftgefängnis der Welt leben.

Der schlimmste Angriff richtete sich gegen ein Haus im Süden der Stadt Khan Yunis: eine Rakete, die von einem F16-Kampfflugzeug abgefeuert wurde, traf das Haus, als die Bewohner versuchten, daraus zu fliehen. Zu den sieben Todesopfern des Angriffs gehörten zwei Jungen im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren. Ein achtjähriges Kind, das von Schrapnells verwundet wurde, starb später im Krankenhaus. Mindestens 25 Menschen wurden bei dem Luftangriff verwundet.

Weitere Angriffe waren "gezielte Tötungen." Einzelne Mitglieder der regierenden Hamas wurden von Raketenangriffen auf ihre Häuser oder Autos ermordet, oder als sie zu Fuß unterwegs waren.

Mediziner aus Gaza warnen, dass die andauernden Angriffe eine humanitäre Katastrophe auslösen werden, da den Krankenhäusern durch die israelisch-ägyptische Blockade grundlegende Medikamente und Materialien entweder gänzlich fehlen, oder in unzureichender Menge vorhanden sind. Aufgrund von Energiemangel kommt es in Gaza häufig zu Stromausfällen, durch die das Leben von Patienten bedroht ist, die an medizinischen Geräten wie Brutkästen und Dialysegeräten angeschlossen sind.

"In der Vergangenheit hatten wir in einem Bereich eine Krise, heute haben wir auf allen Ebenen Krisen“, sagte der Chef des Notdienstes im Al-Shifa-Krankenhaus, der größten medizinischen Einrichtung in Gaza, Dr. Ayman al-Sahbani, zu Al Dschasira News.

Die Regierung des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu hat die israelischen Streitkräfte (IDF) autorisiert, als Vorbereitung für einen möglichen Angriff mit Bodentruppen bis zu 40.000 Reservisten einzuberufen. Soldaten, Panzer und Transportpanzer wurden bereits an der israelischen Grenze zum Gazastreifen mobilisiert. Die Militärführung berief zwar am Montag nur 1.500 Reservisten ein, Stabschef Generalleutnant Benny Gantz deutete allerdings an, dass noch mehr einberufen würden, um die Truppen zu ersetzen, die das Westjordanland besetzt halten und jetzt an die Grenze von Gaza verlegt würden.

Israelische Regierungsvertreter machten deutlich, dass das Blutvergießen von Montagnacht erst der Beginn war. Eine Quelle aus Netanjahus Umfeld erklärte am Dienstag im israelischen Militärrundfunk, der Premierminister treffe sich am Nachmittag mit den obersten Militärkommandanten, um eine "deutliche Erweiterung" der israelischen Offensive zu organisieren, bei der die IDF angewiesen wären, die "Samthandschuhe" auszuziehen.

Netanjahu deutete in einer Stellungnahme, die am Dienstagabend im israelischen Fernsehen übertragen wurde, an, dass er eine "deutliche Ausweitung" des Angriffs auf Gaza angeordnet habe, die die IDF auf Englisch als "Operation Protective Edge" bezeichnen. Das ist eine vorsätzliche Fehlübersetzung des hebräischen Begriffes Tzuk Eytan, der "solider Fels" bedeutet. Das israelische Regime denkt offenbar, dass eine zutreffende Übersetzung des hebräischen Begriffes zu eindeutig auf die Brutalität der militärischen Aggression hindeuten würde, die es durchführt.

Die israelische Propaganda, die von den westlichen Medien pflichtbewusst nachgekäut wird, stellt die Angriffe auf Gaza als "Verteidigungsaktion" Tel Avivs als Reaktion auf Raketenangriffe vom Gebiet des Gazastreifens aus auf Israel dar. Bis Dienstagabend hatten diese jedoch kein einziges israelisches Todesopfer gefordert oder auch nur einen Israeli ernsthaft verletzt. Ignoriert wird auch, dass die Raketenangriffe eine Reaktion auf frühere israelische Bombenangriffe, Morde und umfassende Verhaftungen von palästinensischen Politikern und Aufständischen waren.

In Israel wird allgemein angenommen, dass ein Einmarsch von Bodentruppen in der einen oder anderen Form so gut wie nicht mehr zu vermeiden ist. Der letzte Großangriff auf Gaza im November 2012 endete dank einem von Ägypten ausgehandelten Waffenstillstand, nachdem 150 Palästinenser getötet worden waren, allerdings ohne eine Invasion. Das Regime des ägyptischen Militärherrschers Abdel Fattah al-Sisi, der von den USA unterstützt wird, hat kein Interesse daran, diesmal die gleiche Rolle zu spielen.

Bei der letzten Invasion mit Bodentruppen zum Jahreswechsel 2008-2009, bekannt unter dem Namen Operation gegossenes Blei, tötete das israelische Militär mehr als 1.400 Palästinenser, fast die Hälfte davon unbewaffnete Zivilisten. Insgesamt kamen bei der Operation dreizehn Israelis ums Leben, bis auf drei allesamt Soldaten.

Solche blutigen Angriffe sind so regelmäßig geworden, dass israelische Sicherheitsbeamte laut der New York Times vom Dienstag die Tötungsorgien in Gaza mit Bezeichnungen wie "das Gras mähen" titulieren.

Wie üblich hat Israels Aggression zum großen Teil auch innenpolitische Hintergründe. Am Vorabend der Offensive löste Außenminister Avigdor Lieberman das Bündnis seiner Partei Jisrael Beiteinu mit Netanjahus Likud-Block auf, erklärte sich jedoch bereit, in der Koalitionsregierung zu bleiben. Dieses Manöver ermöglicht es Lieberman, Netanjahu als Vorbereitung für den Wahlkampf gegen Likud in der nächsten Wahl von rechts zu kritisieren und eine noch blutrünstigere Politik gegen die Palästinenser zu fordern. Diese Kritik von rechts wird Netanjahu mit Sicherheit dazu bringen, das Töten in Gaza auszuweiten.

Allerdings wurde die aktuelle Offensive schon im letzten Monat politisch vorbereitet, seit am 12. Juni drei israelische Jugendliche auf einem Trampausflug von einer illegalen zionistischen Siedlung ins besetzte Westjordanland entführt und ermordet wurden.

Die Regierung Netanjahu begann eine große weltweite Propagandakampagne mit dem Hashtag #BringBackOurBoys, in der sie der Hamas ohne einen einzigen Beweis die Schuld an den Entführungen gab. Unter dem Vorwand, die vermissten Jugendlichen zu suchen, begann das israelische Regime ein massives Vorgehen im Westjordanland; mehr als 560 Palästinenser wurden verhaftet, darunter führende Hamas-Funktionäre. Mindestens 200 von ihnen werden immer noch ohne Anklage festgehalten.

Nach der Entdeckung der Leichen der drei Jugendlichen am 30. Juni veröffentlichten Behörden die Aufzeichnung eines Gespräches, das einer von ihnen mit der Polizei geführt hatte, zum Schluss waren Schüsse zu hören. Sicherheitsbeamte gaben zu, dass sie von Anfang an davon ausgegangen waren, dass die drei unmittelbar nach ihrer Entführung getötet worden waren. Allerdings verheimlichten sie diese Nachricht vor der Öffentlichkeit, verhängten eine Nachrichtensperre gegen die israelischen Medien und belogen sogar die Familien der Toten.

Die Regierung Netanjahu war entschlossen, den Vorfall so weit wie möglich für politische Ziele auszunutzen. Sie versuchte, die Unterdrückung im Westjordanland - und die Einbeziehung der Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde, die das Gebiet offiziell regiert - zu benutzen, um das Versöhnungsabkommen zwischen der PA und der Hamas zu sabotieren. Dieses Abkommen führte zu einer neuen Einheitsregierung, die international stillschweigend anerkannt, von Israel jedoch erbittert abgelehnt wurde.

Sie nutzte die Entführung auch aus, um die internationale Kritik an Tel Aviv daran abzuwehren, dass es die jüngste Runde der jahrzehntealten "Friedensgespräche" sabotiert hat, indem es die Ausweitung der zionistischen Siedlungen im Westjordanland wieder aufgenommen und die versprochene Freilassung von palästinensischen politischen Gefangenen nicht fortgesetzt hatte.

Außerdem wurde die Angelegenheit benutzt, um rechten zionistischen Nationalismus und eine palästinenserfeindliche Stimmung in der israelischen Bevölkerung zu schüren. Netanjahu selbst bezeichnete die Palästinenser als "menschliche Tiere" und sprach von "Rache."

Max Blumenthal, der Autor von Goliath: Life and Loathing in Greater Israel, schrieb in einem Artikel, der die Manipulation der Entführung durch das israelische Regime entlarvt, über Netanjahu und den Militär- und Geheimdienstapparat: "Durch eine giftige Mischung aus Propaganda, Tricks und Aufwiegelung haben sie eine prekäre Lage geschaffen und die Israelis dazu gebracht, ihre Agenda solange zu unterstützten, bis ein ganz und gar vermeidlicher Albtraum unausweichlich wurde."

Dieser Albtraum nahm die Form von rechten zionistischen Mobs an, die mit der Parole "Tod den Arabern" durch Jerusalem zogen und auf Palästinenser losgingen. Er endete in der brutalen Ermordung des sechzehnjährigen Mohammed Abu Khdeir, der am letzten Mittwoch von einer Bande rechtsextremer Zionisten lebendig verbrannt wurde.

Jetzt wird der Albtraum nach Gaza getragen. Wie bei früheren israelischen Offensiven genießt auch die jüngste Aggression Washingtons bedingungslose Unterstützung. Obamas Sprecher John Earnest erklärte am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus: "Wir verurteilen aufs Schärfste die andauernden Raketenangriffe auf Israel... Gleichzeitig begrüßen wir die Forderung von Premierminister Netanjahu nach verantwortungsbewusstem Handeln."

Die Sprecherin des Außenministeriums Jen Psaki erklärte, Israel sende mit seinen Morden in Gaza eine "deutliche Botschaft aus" und bekräftigte mehrfach das "Recht" des zionistischen Regimes, "sich zu verteidigen." Auf die Frage eines Reporters, ob die Palästinenser in Gaza auch ein Recht hätten sich zu verteidigen, antwortete sie: "Ich verstehe nicht, worauf sie hinauswollen."