Die Wiederkehr deutscher Großmachtpolitik und die Attacken auf den Historiker Fritz Fischer

Von Ulrich Rippert und Peter Schwarz
31. Juli 2014

Der hundertste Jahrestag des Ersten Weltkriegs hat in Deutschland eine Flut von Artikeln, Kommentaren, Buchveröffentlichungen, Sondersendungen und Veranstaltungen aller Art ausgelöst. Sie beschränken sich nicht darauf, die „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ nachzuerzählen; vielmehr gibt es gezielte Bemühungen, das bisherige Verständnis der Ursachen des Kriegs und der Verantwortung Deutschlands zu revidieren und in Übereinstimmung mit den neuen außenpolitischen Zielen der deutschen Regierung zu bringen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei heftige Attacken auf den Hamburger Historiker Fritz Fischer (1908–1999), der seit den 1960er Jahren das Verständnis der deutschen Kriegspolitik maßgeblich geprägt hat. An der Spitze dieser Attacken steht Herfried Münkler, der an der Berliner Humboldt-Universität politische Theorie lehrt.

Münkler führt einen regelrechten Feldzug gegen Fischer. Er veröffentlicht seine Angriffe auf den renommierten Historiker in einem breiten Spektrum von Publikationen, das von den in der Tradition der Frankfurter Schule stehenden Blättern für deutsche und internationale Politik über den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung bis hin zum elitären Rotary Magazin reicht. Er tritt regelmäßig in öffentlichen Diskussionen auf, spricht auf offiziellen Veranstaltungen des Bundespräsidenten und berät politische Parteien, die Bundesregierung sowie die Bundeswehr.

Münklers Attacken auf Fischer zeichnen sich durch ihren gehässigen Ton und ihren Mangel an inhaltlicher Substanz aus. Er hat dem international anerkannten Historiker öffentlich vorgeworfen, seine Erkenntnisse seien „hanebüchen“, „unhaltbar“ und seine „Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert“. Dabei greift er zu Verdrehung und Lügen und unterstellt Fischer Auffassungen, die dieser nie vertreten und wiederholt zurückgewiesen hat.

Münkler beruft sich gern auf „wissenschaftliche Fragestellungen“ und den „neuesten Stand der Forschung“. Tatsächlich findet sich in Münklers Tiraden gegen Fischer keine Spur von Wissenschaftlichkeit. Er stellt reihenweise Behauptungen in den Raum, ohne sie durch Quellen zu belegen. Umso offensichtlicher verfolgt Münkler eine politische Agenda: Er verteidigt vehement die Rückkehr zu einer aggressiven imperialistischen deutschen Außenpolitik.

Zu Beginn des Jahres verkündeten der Bundespräsident, der Außenminister und die Verteidigungsministerin, die Zeit der militärischen Zurückhaltung sei vorbei, Deutschland werde künftig wieder selbstbewusst und eigenständig in den Krisenregionen der Welt eingreifen. Münkler hat diesen außenpolitischen Kurswechsel mit vorbereitet und wirbt seither in zahlreichen Vorträgen und Artikeln dafür.

Im Mai veröffentlichte er einen Aufsatz auf der Website Review 2014, einer offiziellen Publikation des Außenministeriums, die für mehr „deutsche Führung“ in Europa und der Welt wirbt. Münkler macht sich darin für eine Außenpolitik stark, die sich weniger an den Werten, als an den Interessen Deutschlands orientiert. Er rät der Bundesregierung dringend, offensiver für diese Interessen einzutreten. Nur so könne die „demokratische Vulnerabilität“ der deutschen Politik reduziert werden, die sich aus der „Diskrepanz zwischen öffentlicher Darstellung und tatsächlicher Ausrichtung“ ergebe.

Die „spezifischen Interessen Deutschlands“ bestimmt Münkler in diesem Aufsatz ganz ähnlich, wie die Propagandisten des deutschen Imperialismus zu Beginn des vorigen Jahrhunderts: Sie ergäben sich aus Deutschlands Rolle „als ‚Handelsstaat‘ bzw. Exportnation, den Implikationen der geopolitischen ‚Mittellage‘ Deutschlands in Europa und dem verstärkten Erfordernis einer sicherheitspolitischen Aufmerksamkeit für die europäische Peripherie“.

Münklers Angriffe auf Fritz Fischer und sein Eintreten für eine aggressivere imperialistische Außenpolitik hängen inhaltlich eng zusammen. Um neue Verbrechen des deutschen Imperialismus vorzubereiten, müssen seine historischen Verbrechen, zu deren Verständnis Fischer maßgeblich beigetragen hat, verharmlost und beschönigt werden.

Fritz Fischer hatte in den 1960er Jahren den ersten großen Historikerstreit im westlichen Nachkriegsdeutschland ausgelöst. Es ging dabei um die deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg sowie um die Kontinuität der deutschen Kriegsziele im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Der zweite Historikerstreit entbrannte 1986, als Ernst Nolte versuchte, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verharmlosen und als verständliche Reaktion auf den Bolschewismus darzustellen.

In beiden Kontroversen setzten sich damals Historiker durch, die eine deutsche Mit- oder Hauptverantwortung für die beiden Weltkriege bejahten: im ersten Fritz Fischer, der eine jüngere Generation von Historikern beeinflusste, die wesentlich zum Verständnis des Ersten Weltkriegs und seiner Ursachen beitrugen; im zweiten die Gegner Ernst Noltes, die eine Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ablehnten.

Das soll nun geändert werden. Das Geschichtsverständnis soll in Überstimmung mit den neuen Zielen der deutschen Außenpolitik gebracht werden. Professor Münkler teilt sich diese Arbeit mit seinem Kollegen Jörg Baberowski, der den Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte an der Humboldt Universität leitet. Während Münkler Fritz Fischer attackiert, hat Baberowski die Aufgabe übernommen Ernst Nolte zu rehabilitieren. „Nolte wurde Unrecht getan. Er hatte historisch recht“, sagte er dem Spiegel im Februar.

Die Fischer-Kontroverse

Bis Anfang der 1960er Jahren wurden der Geschichtsunterricht und die Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik von rechtskonservativen Historikern geprägt, die schon in der Weimarer Republik und größtenteils auch im Dritten Reich gelehrt hatten.

Der erste Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes und spätere Hauptwidersacher Fischers, der Freiburger Historiker Gerhard Ritter (1888-1967), hatte im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft und danach deutschnationale Parteien unterstützt, die die Weimarer Republik ablehnten, eine Rückkehr zur Monarchie befürworteten und Hitlers Politik anfangs begrüßten. Später stand er der konservativen Opposition gegen Hitler nahe, beteiligte sich aber nicht aktiv am Widerstand. An seinen rechtskonservativen Auffassungen hielt Ritter auch nach dem Krieg fest. Seiner Ansicht nach war die Weimarer Republik an zu viel Demokratie gescheitert; wäre das Kaiserreich geblieben, hätte Hitler nicht an die Macht gelangen können.

Die offizielle Lehrmeinung zum Ersten Weltkrieg lautete damals, der Krieg sei Deutschland aufgezwungen worden, das Land habe einen defensiven Krieg geführt. Es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Krieg und der imperialistischen „Weltpolitik“, die das Kaiserreich seit Ende des 19. Jahrhunderts propagiert und verfolgt hatte. Bestenfalls wurde eingestanden, dass Deutschland in den Krieg „hineingeschlittert“ sei, ohne dass ihn verantwortliche Politiker oder Militärs bewusst gewollt hätten.

Vor allem aber wurde jeder Zusammenhang zwischen den Kriegszielen des Kaiserreichs und denen der Nazidiktatur kategorisch geleugnet. Das Hitlerregime galt als „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte, der weder mit den vorangegangenen noch mit den nachfolgenden Ereignissen etwas zu tun hatte.

Diese Frage war von außerordentlicher politischer Brisanz. Die Kontinuität der deutschen Eliten in Wirtschaft, Staat und Politik war in der Nachkriegszeit unübersehbar. Die großen Wirtschaftsunternehmen waren an ihre alten Besitzer zurückgegangen, die Hitler finanziert hatten. In hohen Staats- und Regierungsämtern, in der Justiz und auf den Lehrstühlen der Universitäten saßen viele Unterstützer und Mitläufer der Nazi-Diktatur, deren Karriere teilweise bis ins Kaiserreich zurückreichte. Die Anerkennung einer Kontinuität der deutschen Politik, die von Wilhelm II bis zu Hitler reichte, hätte die gesamten herrschenden Eliten diskreditiert und die Behauptung, lediglich Hitler und seine engsten Getreuen seien für die Verbrechen der Nazis verantwortlich gewesen, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen lassen.

Fritz Fischer durchbrach diesen offiziellen Konsens. Als er im Oktober 1961 sein Buch „Griff nach der Weltmacht“ vorlegte, löste er einen Sturm der Entrüstung aus und wurde von konservativen Historikern und Politikern heftig angefeindet.

Fischers Werk, das die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland von 1914 bis 1918 zum Thema hat, weist minutiös nach, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der „Weltpolitik“, die die globalen Ansprüche des wirtschaftlich rasch expandierenden Deutschen Reichs formulierte, dem Kriegsausbruch im Sommer 1914 und den Zielen gab, die Deutschland während des Kriegs verfolgte. Es stützt sich auf gründliche Recherchen und die systematische Auswertung einer Vielzahl neuer Quellen. Als einer der ersten deutschen Historiker hatte Fischer Zugang zu den Akten des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzlei, die die Alliierten bisher unter Verschluss gehalten hatten, und – mit Erlaubnis der DDR-Regierung – zum Potsdamer Zentralarchiv.

Im ersten Kapitel, das die Überschrift „Deutscher Imperialismus. Von der Großmachtpolitik zur Weltmachtpolitik“ trägt, skizziert Fischer auf 30 Seiten den Aufstieg des deutschen Imperialismus seit der Reichsgründung im Jahr 1871.

Er geht auf den Zusammenhang zwischen der rasanten wirtschaftlichen Expansion Deutschlands und seinem Anspruch auf Weltmacht ein, der es in Konflikt zu seinen imperialistischen Rivalen brachte, die die Welt bereits unter sich aufgeteilt hatten. „Je größer das Produktionsvolumen der deutschen Wirtschaft wurde, desto stärker machte sich die eingeschränkte Basis des deutschen Rohstoffmarktes bemerkbar, und je weiter Deutschland in den Weltmarkt hinausgriff, desto mehr wurde die Enge empfunden.“

Fischer beschreibt, wie „das Verhältnis von Wirtschaft und Politik im Laufe der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts immer enger (wurde), und zwar je mehr die politische Grundanschauungen der führenden Industriellen, Bankiers und Verbandsekretäre mit denen des Bildungsbürgertums, der hohen Bürokratie sowie der Armee und der Marine übereinstimmten“. Er zeigt, wie das „Ineinandergreifen von wirtschaftlichem Denken, emotionalen Elementen und Weltmachtstreben“ seinen Ausdruck in der breiten Zustimmung zum Bau einer Kriegsflotte und der Agitation des Flottenvereins fand. Dieser staatlich gelenkte und geförderte Verein hatte die Aufgabe, unter Beamten, Lehrern und anderen Teilen der Mittelklasse Unterstützung für den Militarismus zu mobilisieren.

Auch auf die innenpolitische Funktion des Militarismus geht Fischer ein: die Ablenkung der wachsenden Klassenspannungen nach außen und die Unterdrückung der sozialistischen Arbeiterbewegung. Er zitiert eine Direktive, die Kaiser Wilhelm, der ein Übergreifen der russischen Revolution nach Deutschland fürchtete, nach der blutigen Niederschlagung des Moskauer Arbeiteraufstands im Dezember 1905 an Kanzler Bülow schickte: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig, per Blutbad, und dann Krieg nach außen.“

Wie sich im August 1914 herausstellen sollte, musste Wilhelm die Sozialisten nicht köpfen. Die SPD hatte sich inzwischen so weit mit den Zielen des deutschen Imperialismus identifiziert, dass sie ihr eigenes Programm verriet und den Krieg unterstützte.

Unter der Zwischenüberschrift „Der unvermeidliche Krieg“ schildert Fischer dann, wie sich die internationalen Krisen (in Marokko, auf dem Balkan) in den Jahren vor Kriegsausbruch häuften und führende Vertreter der herrschenden Eliten zur Auffassung gelangten, dass ein Weltkrieg nicht nur unvermeidlich, sondern auch notwendig sei.

So schrieb Generalstabschef Helmuth von Moltke im Februar 1913 an seinen österreichischen Kollegen Conrad von Hötzendorf, er sei „der Ansicht, dass ein europäischer Krieg über kurz und lang kommen muss, in dem es sich in letzter Linie handeln wird um einen Kampf zwischen Germanentum und Slawentum.“

1912 veröffentlichte der Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi den Bestseller „Deutschland und der nächste Krieg“, dessen Überlegungen und Forderungen, so Fischer, „mit großer Präzision die Intentionen des offiziellen Deutschland“ zusammenfassen. Um Deutschlands Durchstoß zur Weltmacht zu sichern, nennt Bernhardi drei Ziele: „Ausschaltung Frankreichs“, „Gründung eines mitteldeutschen Staatenbundes unter deutscher Führung“ und „Deutschlands Ausbau als Weltmacht durch die Gewinnung neuer Kolonien“.

Die Julikrise – die Ereignisse zwischen dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 und der österreichischen Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli – untersucht Fischer in diesem Zusammenhang. „Die deutsche Politik im Juli 1914 darf nicht isoliert gesehen werden“, schreibt er. „Sie erscheint erst dann im richtigen Licht, wenn man sie als Bindeglied zwischen der deutschen ‚Weltpolitik‘ seit Mitte der 90er Jahre und der deutschen Kriegszielpolitik seit dem August 1914 betrachtet.“

Fischer schreibt explizit, dass von einem „Hineinschlittern“ in den Krieg (der Ausdruck stammt vom britischen Politiker David Lloyd George) nicht die Rede sein könne. Berlin hatte Wien ermutigt, Serbien den Krieg zu erklären, und Österreich-Ungarn einen „Blankoscheck“ ausgestellt, der ihm die militärische Unterstützung Deutschlands gegen Russland zusicherte. Allein das zeigt, dass die deutsche Führung den Krieg wollte oder zumindest billigend in Kauf nahm.

Fischer belegt dies außerdem durch Äußerungen mehrerer Zeugen. So zitiert er eine Tagebucheintragung des deutschfreundlichen österreichischen Politikers Joseph Maria Baernreither, der die deutsche Politik im Juli 1914 mit den Worten beschreibt: „Daher ergriff Deutschland nach dem Mord in Sarajevo die Gelegenheit beim Schopfe und benutzte den Anlass, der sich auf der österreichischen Seite ergeben hatte. Das ist die Geschichte des Krieges.“

In den restlichen Kapiteln, die den Kern des Buches ausmachen, weist Fischer umfassend nach, wie die Kriegsziele, die vor dem Krieg formuliert worden waren, bis zur deutschen Niederlage konsequent weiter verfolgt wurden.

Eine wichtige Quelle, die er zitiert, ist das Septemberprogramm von Theobald von Bethmann Hollweg. Der Reichskanzler hatte es im militärischen Hauptquartier in Koblenz aufstellen lassen und im September 1914, als der Zusammenbruch Frankreichs in der Marneschlacht unmittelbar bevorzustehen schien, an seinen Stellvertreter in Berlin übersandt. Fischer hatte das Dokument, das vorher verheimlicht worden war, im Potsdamer Archiv gefunden.

Kern des Septemberprogramms war ein wirtschaftlich geeintes Mitteleuropa unter deutscher Hegemonie. Dieses Ziel war von führenden Bankiers und Industriellen wie Walther Rathenau schon lange vertreten worden: „Nur ein durch ein ‚Mitteleuropa‘ verstärktes Deutschland sei in der Lage, sich zwischen den Weltmächten Großbritannien, USA und Russland als ebenbürtige Weltmacht zu behaupten.“ Außerdem sollte Deutschland auf Kosten Frankreichs und Belgiens „ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich“ erhalten.

Die deutsche Vorherrschaft in Mitteleuropa sollte durch Gebietsabtretungen Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, Handelsverträge, die diese Länder in deutsche Abhängigkeit brachten, die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes unter Einschluss Frankreichs, Belgiens, Hollands, Dänemarks, Österreich-Ungarns, Polens und eventuell Italiens, Schwedens und Norwegens sowie die Zurückdrängung Russlands erreicht werden.

Das Septemberprogramm stellte „keine isolierten Forderungen des Kanzlers dar“, schreibt Fischer, „sondern repräsentiert Ideen führender Köpfe der Wirtschaft, Politik und des Militärs“ und sollte „im Prinzip Grundlage der gesamten deutschen Kriegszielpolitik bis zum Ende des Krieges“ sein.

Die Reaktionen auf Fischers Buch waren heftig. Die Kontroverse darüber zog sich über zehn Jahre hin. Sie gipfelte 1964, fünfzig Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in einer mehrstündigen Redeschlacht auf dem deutschen Historikertag. Neben Historikern bezogen auch führende Politiker wie Bundeskanzler Ludwig Erhard, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß öffentlich Stellung gegen Fischer. Eine Vortragsreise Fischers durch die USA auf Einladung des Goethe-Instituts wurde 1964 verhindert, weil Außenminister Gerhard Schröder (CDU) auf Intervention des Historikers Gerhard Ritter die bereits bewilligten Fördergelder wieder strich.

Fischers Gegner warfen ihm Geschichtsfälschung vor. Er habe seine Quellen falsch oder einseitig interpretiert und es unterlassen, die deutsche Politik im Zusammenhang mit der Politik der anderen Großmächte zu untersuchen. Deutschland sei durch Ententen und Militärbündnisse „eingekreist“ gewesen und habe nicht daran denken können, nach der Weltmacht zu greifen. Die Hauptverantwortung für Kriegsausbruch und Kriegsverlauf trügen die beiden wirklichen Weltmächte England und Russland.

Als größter Tabubruch galt, was Fischer in „Griff nach der Weltmacht“ nur angesprochen hatte, sich aber unweigerlich aus seiner Analyse ergab: Die Kontinuität der deutschen Geschichte vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg. Diese Frage rückte im Laufe der Debatte immer stärker ins Zentrum. Fischer selbst nahm in späteren Büchern und Artikeln dazu unmissverständlich Stellung.

Im Artikel „Hitler war kein Betriebsunfall“, der 1969 im Spiegel erschien, weist Fischer darauf hin, dass Hitlers Ziel, die Eroberung und Kolonisation des Ostens, seit 1912/13 offizielle Zielsetzung des Deutschen Reiches gewesen war. Er geht auch auf den Zusammenhang zwischen Hitlers Judenhass und den antisemitischen Traditionen des Kaiserreichs sowie seiner Feindschaft gegen die sozialistische Arbeiterbewegung ein. „Judentum und ‚Bolschewismus‘ wurden in seinem Kopf eins“, schreibt er. „Von Karl Marx bis Rosa Luxemburg ist für Hitler der ‚Marxismus‘ in jeder Spielart seiner Führung identisch mit dem ‚zersetzenden‘ Judentum, dessen Ausschaltung auch und gerade um dieser Verbindung willen unabdingbar für ihn wurde.“

Fritz Fischer ging schließlich als Sieger aus der Kontroverse der 1960er Jahre hervor. Dazu trug sicher auch die politische Atmosphäre jener Zeit bei. Der Eichmann-Prozess (1961) und der Auschwitz-Prozess (1963-1965) hatten eine jüngere Generation angeregt, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Abrechnung mit den Verbrechen der Nazis war ein zentrales Thema der Studentenproteste von 1967/1968.

Viele namhafte deutsche Historiker wurden von Fischer beeinflusst, haben an seine Arbeiten angeknüpft und sie weiterentwickelt. „Trotz der abwehrenden Haltung nahezu aller führenden Zeithistoriker der Bundesrepublik, ja selbst der Einschaltung politischer Instanzen, setzten sich Fischers Thesen aus Griff nach der Weltmacht im Laufe der sechziger Jahre vor allem in der jüngeren Generation … zunehmend durch“, bilanziert der Zeithistoriker Klaus Große Kracht.

Münklers Feldzug gegen Fischer

Herfried Münkler und eine Reihe weiterer Autoren haben sich zum Ziel gesetzt, die „Dominanz der Fischer-Schule in Deutschland“ zu beenden und „die von Fischer und seinen Schülern vorgenommene Themenversiegelung“ aufzulösen, wie Münkler am 20. Juni in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung schrieb, der die Unterüberschrift „Für eine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers“ trägt. Ohne den geringsten Beweis zu liefern, behauptet er: „Die jüngere Forschung neigt inzwischen stärker der Position Ritters zu.“

Es geht dabei um eine „geschichtspolitische Weichenstellung“, wie Volker Ulrich, einer der wenigen Historiker, die Fischer verteidigen, schon im Januar in der Zeit feststellte. „Was den Konservativen im ‚Historikerstreit‘ der achtziger Jahre noch missglückte – nämlich die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen, – das soll jetzt gelingen. Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war.“

Die Argumente, deren sich Münkler und seine Mitstreiter bedienen, sind weder neu noch originell. Sie wiederholen altbekannte Behauptungen aus der Fischer-Kontroverse, die längst beantwortet und widerlegt worden sind. Münklers wichtigster Vorwurf gegen Fischer lautet, seine These „von einer Hauptschuld des Deutschen Reichs am Ersten Weltkrieg“ sei falsch. Schon im Vorwort seines eigenen 800-seitigen Buchs über den Ersten Weltkrieg, das im Dezember letzten Jahres erschien, hatte Münkler behauptet, „die Thesen Fritz Fischers, die den Deutschen die Hauptschuld am Krieg anlasten“, seien nicht länger haltbar.

Nach der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe des Buchs „Die Schlafwandler“ des australischen Historikers Christopher Clark nahm dieser Vorwurf inflationäre Ausmaße an. In deutschen Medien erschienen reihenweise Artikel, die Clarks Werk als endgültige Widerlegung der „Alleinschuldthese“ Fischers feierten.

Typisch ist ein Artikel von Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber in der Welt vom 4. Januar 2014, „Warum Deutschland nicht allein schuld ist“. Darin heißt es unter Berufung auf Münkler und Clark: „Fritz Fischers These vom zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht hat sich als überspitzt und einseitig erwiesen. Von einem ‚deutschen Sonderweg‘ kann heute ebenso wenig mehr die Rede sein wie vom ‚preußischen Militarismus‘ als Ursache allen Übels. Die lange Zeit gängige Deutung der Außenpolitik des Deutschen Reiches als Inbegriff diplomatischer Grobschlächtigkeit, deplatzierter Krafthuberei, aggressiven Expansionsstrebens und permanenten Versagens ist längst relativiert.“

In Wirklichkeit habe die deutsche Führung, „getrieben von Abstiegsängsten und Einkreisungssorgen, das defensive Ziel (verfolgt), jene prekäre Situation einer begrenzten Hegemonie auf dem europäischen Kontinent wieder zu errichten, die das Reich unter Bismarck besessen hatte“, schreiben die Welt-Autoren. Man fragt sich, was sie unter einer offensiven Politik verstehen, wenn sie die Errichtung der Hegemonie über den europäischen Kontinent als defensives Ziel betrachten.

In diesem Zusammenhang wundert es nicht, wenn Münkler den Schuldbegriff als „moralische beziehungsweise religiöse Kategorie“ abtut, die in der Politiktheorie nichts zu suchen habe. Fischers Ansatz, „man könne bei der Entstehung von bewaffneten Konflikten und Kriegen einen eindeutig Schuldigen ausmachen“, sei „politisch gefährlich, weil moralisch simplifizierend“, doziert er. (Süddeutsche Zeitung)

Diese ganze Argumentation ist von Grund auf verlogen. Sie unterstellt Fischer Aussagen, die er nie getroffen hat, um ihn dann mit Begründungen zu widerlegen, die auf die Rechtfertigung einer imperialistischen Kriegspolitik hinauslaufen.

In Wirklichkeit hat Fritz Fischer nie von einer Hauptschuld oder Alleinschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg gesprochen. Im Begleitwort zur Neuauflage von „Griff nach der Weltmacht“ schrieb er im Januar 1977: „Es geht in diesem Buch nicht um das Anprangern des deutschen Imperialismus als einer maßlosen Machtpolitik, sondern um die Analyse seiner Voraussetzungen und seiner Stellung im Staatensystem.“ Und ein paar Absätze vorher betont er: „Dass auch die anderen Großmächte im Zeitalter des Imperialismus expansive Politik betrieben und im Kriege ihre eigenen Kriegsziele verfolgt haben, habe ich nie in Frage gestellt.“

Schon bei der Erstveröffentlichung im Herbst 1961 wehrte sich Fischer gegen die Unterstellung, er vertrete die These einer deutschen Alleinschuld. Die Zeit hatte sein Buch wohlwollend besprochen, aber dabei von deutscher Alleinschuld gesprochen. Fischer wies das umgehend in einem eigenen Artikel in der Zeit zurück.

Er schrieb: „So dankbar ich für die eingehende Würdigung des Buches bin, so bedauere ich doch die dieser Besprechung gegebene Unter-Überschrift ‚Professor Fischers These von der Alleinschuld (Deutschlands) am Ersten Weltkrieg’. Diesen Begriff habe ich in meinem Buch nicht gebraucht, vielmehr ausdrücklich darauf hingewiesen, ‚dass in dem Zusammenstoß von politisch-militärischen Interessen, Ressentiments und Ideen, die in der Julikrise zur Wirkung kommen, die Regierungen der beteiligten europäischen Mächte in der einen oder anderen Weise und in sehr abgestufter Form an der Verantwortung für den Ausbruch des Weltkrieges teilhaben.’“

Fischer betonte, dass er nicht die politische Verantwortung aller europäischen und internationalen Regierungen untersuchen konnte, weil das ein viel-bändiges Mammutwerk erfordert hätte. Er habe sich auf die besondere deutsche Kriegsverantwortung konzentriert, in der Hoffnung, damit Historiker in anderen Ländern zu ermutigen, ihrerseits die Verantwortung ihrer Regierungen zu untersuchen.

Er schrieb: „Wohl aber habe ich weit stärker, als es in der vorherrschenden deutschen Geschichtsanschauung geschieht, festgestellt, dass die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges trägt, weil Deutschland den lokalen österreichisch-serbischen Krieg gewollt und gedeckt hat und dabei, im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewusst auf einen Konflikt mit Russland und Frankreich ankommen ließ.“

Die Behauptung, Fischer habe eine deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg behauptet, ist ein Strohmann-Argument. Münkler unterstellt Fischer Ansichten, die er nie vertreten hat, um diese dann wortreich zu widerlegen und Fischer zu diskreditieren, ohne sich auf seine tatsächlichen Erkenntnisse einzulassen.

Fischer hat immer wieder betont, dass es ihm nicht vorrangig um die Kriegsschuldfrage gehe, sondern darum, „welche Schichten, Gruppen, Interessen und Ideen vor dem Kriege und im Kriege die entscheidenden waren“. Die deutsche Geschichtswissenschaft sei so auf die Kriegsschuldfrage fixiert gewesen, „dass in der Kontroverse um das Buch sein eigentlicher Gegenstand: die deutschen Kriegsziele in ihrer Verwurzelung in industrie-kapitalistischen, agrarischen und überseeisch-kommerziellen Interessen zusammengebunden mit den strategischen Forderungen von Heer und Marine“, verloren ging.

Auch wenn sich Fischer nie zum marxistischen Standpunkt bekannte, dass der Krieg das unausweichliche Ergebnis des grundlegenden Widerspruchs des Kapitalismus sei – des Widerspruchs zwischen der Weltwirtschaft und ihrer Aufspaltung in antagonistische Nationalstaaten, die die Grundlage für das Privateigentum an den Produktionsmitteln bilden –, enthält sein Buch doch reichhaltiges Material, um diesen Standpunkt zu untermauern.

Fischer suchte die Ursache des Krieges nicht „im mangelnden ‚Krisenmanagement‘ der beteiligten Staaten“, sondern in den gesellschaftlichen Interessen der herrschenden Eliten. Er anerkannte durchaus, dass auch die anderen imperialistischen Mächte Schuld am Ausbruch des Kriegs trugen, aber das milderte nicht die Verantwortung der herrschenden Klasse Deutschlands für den Krieg.

Dagegen richten sich Münklers Attacken. Unter Umständen, unter denen der deutsche Imperialismus die militärischen Zurückhaltung aufgibt, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg auferlegt wurde, will Münkler ein historisches Verständnis der Triebkräfte von Krieg und Militarismus mit allen Mitteln unterdrücken.

Griff nach der Weltmacht 3.0

Man kann die Heftigkeit, mit der Münkler Fischer attackiert, nur im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Lage verstehen. Nach zwei gescheiterten Versuchen unternimmt Deutschland heute einen dritten Anlauf zum „Griff nach der Weltmacht“. Dabei unterliegt es objektiven Faktoren, die sich kaum von jenen im Ersten und im Zweiten Weltkrieg unterscheiden. Münkler selbst nennt sie im eingangs zitierten Artikel für die Website Review 2014: Deutschlands Rolle als Exportnation, die geopolitische „Mittellage“ Deutschlands in Europa und die sicherheitspolitische Bedeutung der europäischen Peripherie.

Die Europäische Union hat sich seit der Finanzkrise 2008 immer offener als Instrument der deutschen Vorherrschaft über Europa entpuppt. Als stärkste Wirtschaftsmacht diktiert Deutschland die Finanzpolitik der EU und die Angriffe auf die europäische Arbeiterklasse, einschließlich der deutschen. Bethmann Hollwegs „Septemberprogramm“, laut dem nur ein durch ein „Mitteleuropa“ verstärktes Deutschland in der Lage sei, sich zwischen den anderen Großmächten als ebenbürtige Weltmacht zu behaupten, erlebt so seine Auferstehung.

Angesichts wachsender internationaler Rivalitäten und Konflikte wendet sich der deutsche Imperialismus wieder seiner traditionellen Expansionsrichtung zu, dem Osten. Liest man die Werke Fischers im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in der Ukraine, bekommen sie eine hochaktuelle Bedeutung.

Bereits im „Griff nach der Weltmacht“ war Fischer ausführlich auf die deutsche Ukrainepolitik eingegangen, und 1968 hatte ein Doktorand Fischers, Peter Borowsky (1938-2000), zu diesem Thema promoviert. 1969 fasste Fischer seine Erkenntnisse im Artikel „Hitler war kein Betriebsunfall“ folgendermaßen zusammen: „Zwei Tage nach seinem Beginn als Weltkrieg, am 6. August 1914, nannte der deutsche Reichskanzler als Kriegsziel die Zurückwerfung der russischen Grenze auf Moskau und die Bildung einer Reihe von Pufferstaaten (Finnland, Polen, die Ukraine, Georgien) zwischen Deutschland, beziehungsweise Österreich-Ungarn, und Russland; und im vieldiskutierten Septemberprogramm des Kanzlers vier Wochen später heißt es, dass Russland soweit als möglich von der deutschen Ostgrenze zurückgeworfen und seine Herrschaft über die nicht-russischen Völker gebrochen werden muss.“

Die deutsche Ostpolitik nach der Oktoberrevolution 1917 habe die Ziele von 1914 fortgesetzt und verwirklicht, schreibt Fischer. „Der Friede von Brest-Litowsk (März 1918) war ein Friede des Deutschen Reichs mit Sowjetrussland und einem selbständigen Staat Ukraine, nachdem Polen und Finnland schon vorher zu selbständigen Staaten gemacht worden waren. In den Zusatzverträgen vom August 1918 wurden auch noch Estland und Georgien von Russland abgetrennt. Neben raumpolitisch-strategischen waren es vor allem wirtschaftliche Interessen (die Ukraine als Kornkammer und Lieferant von Erzen), die das Motiv dieser Politik bildeten.“ Russland sei auf seine Grenzen im 16. Jahrhundert zurückgeworfen worden.

Fischer weist darauf hin, dass eine gerade Linie von der deutschen Besetzung der Ukraine zum Milieu Adolf Hitlers in München führt. Unter den ukrainischen Emigranten, die sich dort sammelten, befand sich auch der ehemalige deutsche Statthalter in Kiew, „Hetman“ Skoropadsky. Skoropadsky wurde Mitbegründer des Nazi-Parteiblatts Völkischer Beobachter und seine politischen Vorstellungen flossen in Hitlers „Mein Kampf“ ein. In Hitlers Ostfeldzug spielte die Eroberung der Ukraine dann eine zentrale Rolle. „Die geopolitisch-strategische und ökonomische Zielsetzung (‚Nach Ostland wollen wir reiten!‘) ist Kontinuität des wilhelminisch-alldeutschen Expansionismus“, bemerkt Fischer dazu.

Nun hat sich der deutsche Imperialismus erneut das Ziel gesetzt, die Ukraine, Georgien und andere Länder, die einst der Sowjetunion und dem Zarenreich angehörten, aus dem Einflussbereich Moskaus zu lösen und in den Einflussbereich der von Deutschland dominierten Europäischen Union einzugliedern. Er arbeitet dabei mit politischen Kräften wie der Partei Swoboda und der Vaterlandspartei zusammen, die Skoropadsky und den Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera als Nationalhelden verehren.

Münklers Attacken auf Fritz Fischer sollen verhindern, dass die historischen Vorbilder dieser Politik studiert und verstanden werden. Sie dienen dazu, das geistige Klima zu vergiften und Widerstand gegen den Militarismus zu ersticken. Das wird ihm allerdings nicht gelingen. Seine Tiraden gegen Fischer zeigen, wie schwach seine Argumente sind.