Bala Tampoe (1922-2014):

Vom sozialistischen Revolutionär zum Klassenverräter

Von Nanda Wickremasinghe und Wije Dias
18. September 2014

Das politische Establishment Sri Lankas, darunter auch Präsident Mahinda Rajapakse, Gewerkschaftsbürokraten, Industrie- und Geschäftsmagnaten und die Pseudolinken, haben sich versammelt, um zusammen Lobreden auf Bala Tampoe zu halten, der am 1. September im Alter von 92 Jahren starb. Obwohl Tampoe seine politische Laufbahn als sozialistischer Revolutionär begann, beendete er sie als Gewerkschaftsbürokrat und politischer Scharlatan, dessen Ziel es war, die Arbeiterklasse zu unterdrücken und die kapitalistische Herrschaft zu stärken.

Das Thema der Lobreden nach seinem Tod war nicht die Würdigung seiner revolutionären Laufbahn, sondern die seiner Dienste an der herrschenden Klasse in den letzten fünf Jahrzehnten. Er war 66 Jahre lang, bis zu seinem Tod, Sekretär der Kaufmännischen Gewerkschaft von Ceylon (Ceylon Mercantile Union, CMU). In der jüngeren Vergangenheit war er der offiziell gefragteste Gewerkschaftsbürokrat Sri Lankas. Arbeitgeber und Regierungsvertreter wollten von seiner Expertise im Verraten von Streiks und Arbeitskämpfen profitieren.

Der Arbeitgeberverband von Ceylon (Employers Federation of Ceylon, EFC), die größte privatwirtschaftliche Organisation der Insel, drückte ihr "tiefstes Mitgefühl" aus und erklärte: "Die EFC hatte das Glück, viele Jahre lang mit der CMU zusammen arbeiten zu dürfen. Genau genommen ist das älteste Tarifabkommen, das ohne Veränderungen übernommen wurde, das Tarifabkommen, das der EFC 1961 mit der CMU abgeschlossen hat. In dieser Zeit hat Bala Tampoe die CMU vertreten."

Auch Präsident Rajapakse lobte in seiner Trauerrede die schäbigen Tarifabkommen, die Tampoe als Beitrag zur Erhaltung des Betriebsfriedens abgeschlossen hatte. "Der herausragendste Beitrag zum Schutz der Rechte der kaufmännischen Angestellten durch das Tarifabkommen zwischen der CMU und dem Arbeitgeberverband Ceylon, bleibt ein beispielhaftes Abkommen und ein wertvoller Leitfaden für viele andere im Bereich der Gewerkschaften," erklärte er.

Tampoe hat nicht nur für CMU-Mitglieder "den Betriebsfrieden gewahrt“, sondern auch andere Gewerkschaftsbürokratien dabei unterstützt, ihre eigenen grotesken Verrätereien zu organisieren und zu rechtfertigen. Anfang der 1990er Jahre berief ihn die Regierung in den korporatistischen Nationalen Arbeitsberatungsrat (National Labor Advisory Council, NLAC), in dem er seither saß.

Nur wenige Wochen vor seinem Tod hatte Tampoe ein letztes Mal ein Täuschungsmanöver für die Arbeiter inszeniert. Er verließ den NLA aus "Protest" wegen dessen Unfähigkeit, eine Arbeitercharta umzusetzen - die ursprünglich Mitte der 1990er akzeptiert wurde. Mehr als zwanzig Jahre lang präsentierten Tampoe und andere Gewerkschaftsbürokraten dieses Papier den Arbeitern als "Sieg“, während sie einen Kampf nach dem anderen verrieten

Es wäre jedoch falsch, in Tampoe nur einen weiteren verräterischen Gewerkschaftsführer zu sehen. In seiner Jugend war er ein mutiger und talentierter revolutionärer Kämpfer für die Interessen der Arbeiterklasse. Die politische Degeneration Tampoes und anderer aus seiner Generation war vollständig verbunden mit der der Lanka Sama Samaja Party (LSSP), die 1964 die Prinzipien des Trotzkismus fallen gelassen und sich der kapitalistischen Regierung von Sirima Bandaranaike angeschlossen hatte.

Tampoe war im Jahr 1939, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als siebzehnjähriger Universitätsstudent der LSSP beigetreten. Angesichts des Krieges und Stalins Unterstützung für die sogenannten demokratischen imperialistischen Mächte wie Großbritannien wandte sich die LSSP entschieden dem Trotzkismus zu, verwies die Stalinisten aus ihren Reihen und spielte eine zentrale Rolle bei der Gründung der Bolschewistisch-Leninistischen Partei Indiens (BLPI), der gesamtindischen Sektion der Vierten Internationale, im Jahr 1942.

Tampoe war ein Gründungsmitglied der BLPI und spielte eine mutige und aktive Rolle in der Organisation der Partei im srilankischen Untergrund, als sie während des Krieges verboten war. Er hielt Vorlesungen über den Trotzkismus und Vorträge vor Arbeitern nahe der Rennstrecke von Colombo. Die BLPI nahm eine revolutionär defätistische Haltung ein und kämpfte für die Mobilisierung der Arbeiter in Sri Lanka und Indien gegen die britische Kolonialherrschaft. Tampoe verteilte Parteiliteratur an britische Soldaten, die auf der Insel stationiert waren, und versuchte, sie für den Trotzkismus zu gewinnen.

Tampoe war ein beeindruckender Redner, der fließend Englisch, Tamilisch und Singhalesisch sprach. Die Autoren dieses Artikels haben ihn in den 1960ern als jungen Trotzkisten in voller Fahrt erlebt. Er konnte aus einem riesigen Repertoire von Geschichten und Anekdoten schöpfen, beißenden Sarkasmus und Drohungen gegen seine Gegner einsetzen und seinen ganzen Körper wie im Tanz einsetzen, um Zuhörer von seinen Argumenten zu überzeugen. Tausende von Arbeitern kamen zu seinen Treffen, um den Mann reden zu hören, der sie für Stunden fesseln konnte.

Nach dem Krieg kämpfte Tampoe in der BLPI gegen eine nationalopportunistische Fraktion unter Führung von N.M. Perera und Philippe Gunawardene, die 1945 austrat, um die alte LSSP neu zu beleben. Er verlor seine Stelle als Dozent am Ausbildungsinstitut des Landwirtschaftsministeriums, weil er an dem Generalstreik von 1947 teilgenommen hatte, der von den britischen Kolonialherrschern niedergeschlagen wurde. Er arbeitete hauptamtlich für die BLPI und wurde 1948 von der Partei als Sekretär der CMU nominiert.

Im Gegensatz zur LSSP lehnte die BLPI die falsche Unabhängigkeit ab, die Großbritannien der srilankischen Bourgeoisie 1948 gewährt hatte, und mobilisierte die Arbeiter dagegen. Allerdings eröffnete die formelle Unabhängigkeit Teilen des Kleinbürgertums Aufstiegsmöglichkeiten im Staatsapparat, dem Parlament und der Wirtschaft und übte beträchtlichen Druck auf die Partei aus. Dieser äußerte sich zuerst in der prinzipienlosen Wiedervereinigung der BLPI mit der LSSP im Jahr 1950 ohne zuvor ihre grundlegenden Differenzen geklärt zu haben.

Die Wiedervereinigung war ein Symptom eines allgemeinen opportunistischen Trends, der in der Vierten Internationale unter der Führung von Michel Pablo und Ernest Mandel entstehen sollte. Pablo und Mandel gaben als Reaktion auf die Restabilisierung des Kapitalismus in der Nachkriegszeit den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse auf und versuchten, die Sektionen der Vierten Internationale in "bestehende Massenbewegungen" aufzulösen, die von Stalinismus, Sozialdemokratie und, in Ländern wie Sri Lanka, von verschiedenen Formen von bürgerlichem Nationalismus dominiert waren.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) wurde 1953 gegründet, um die Prinzipien des orthodoxen Trotzkismus zu verteidigen und einen politischen Kampf gegen den Pablismus zu führen. Bezeichnenderweise kritisierte die LSSP-Führung Aspekte von Pablos Theorien, lehnte jedoch die Gründung des IKVI ab. Die LSSP verblieb bei dem pablistischen Internationalen Sekretariat. Tampoe, der Mitte 1953 Mitglied des Zentralkomitees der LSSP geworden war, führte keinen Kampf gegen diese Entscheidung, die den politischen Kurswechsel der LSSP in den nächsten zehn Jahren ermöglichte.

Mit dem Segen des Internationalen Sekretariats, das mit der LSSP die größte trotzkistische Partei der Welt in ihren Reihen hatte, ging diese zunehmend dazu über, ihren Erfolg an der Zahl der Sitze im Parlament und der Zahl ihrer Gewerkschaftsmitglieder zu messen. Ihre politische Perspektive tendierte mehr und mehr zur Volksfront, dazu schloss sie Abkommen mit der bürgerlichen Sri Lanka Freedom Party (SLFP) ab. Sie passte ihr Programm immer mehr an die kommunalistische Politik des singhalesischen Populismus und der Diskriminierung der Tamilen an.

Als bekannter Gewerkschaftsführer stand Tampoe im Zentrum militanter Streiks, unter anderem gegen die SLFP-Regierung, die nach den Wahlen 1956 und 1960 an die Macht gekommen waren. Er führte 1963 den langen Streik der Hafenarbeiter an, die der Regierung eine demütigende Niederlage beibrachten, indem sie die Ausrufung des Notstands ignorierten. Der Streik vergrößerte die politische Krise der SLFP-Regierung unter Sirima Bandaranaike, die mit einer wachsenden Bewegung der Arbeiterklasse konfrontiert war, deren Mittelpunkt ein breites Bündnis der Gewerkschaften unter Führung der LSSP war, das eine Liste von einundzwanzig Forderungen erhob.

Bandaranaike musste öffentlich zugeben, dass das Land unregierbar geworden war und sie die Unterstützung der LSSP brauchte. 1964 forderte sie die LSSP-Führung auf, sich an ihrer Regierung zu beteiligen. Sie ließen daraufhin jede Andeutung von politischen Prinzipien fallen und verrieten die Bewegung der einundzwanzig Forderungen. Als Gegenleistung erhielten sie drei Ministerposten.

Auf dem LSSP-Kongress, auf dem der Verrat ratifiziert wurde, war Tampoe einer der 159 Delegierten, die gegen den Eintritt in die Regierung stimmten und austraten, um die LSSP (Revolutionary) zu gründen. Gleichzeitig lehnte Tampoe als einer der wichtigsten Führer der LSSP-R alle Diskussionen über die politischen Wurzeln der Degeneration der LSSP ab, vor allem mit dem IKVI.

Wie das IKVI betonte, waren die Hauptverantwortlichen für den Verrat nicht die LSSP-Führer, sondern die pablistische Internationale, die die opportunistischen Anpassungen der LSSP an die nationale bürgerliche Herrschaft in den zehn Jahren davor unterstützt hatte. Der Verrat war eine deutliche Bestätigung des Kampfes, den die britische Socialist Labour League (SLL) gegen die amerikanische Socialist Workers Party (SWP) führte, die 1963 mit dem IKVI gebrochen, sich den Pablisten angeschlossen und erklärt hatte, die grundlegenden Meinungsverschiedenheiten aus der Spaltung 1953 würden nicht mehr bestehen.

Das IKVI betonte, der Eintritt der LSSP in die Regierung Bandaranaike stelle den Eintritt des pablistischen Revisionismus in den direkten Dienst des Imperialismus dar. Daher könne der Trotzkismus auf Sri Lanka nur durch einen vollständigen Bruch mit dem Pablismus auf der Grundlage der historischen Lehren aus dem Kampf des IKVI wiederbelebt werden.

Die LSSP-Führung verblieb beim pablistischen Vereinigten Sekretariat, das ihren fortdauernden Opportunismus unterstützte. In Tampoes Fall bestand er unter anderem aus einer deutlichen Anpassung an die Politik der Gewerkschaften und die Ablehnung eines politischen Kampfes zum Sturz des Kapitalismus. Als Gewerkschaftsbürokrat setzte Tampoe seine Fähigkeiten und seine revolutionäre Vergangenheit ein, um die Arbeiter zu täuschen und ihre Kämpfe zu verraten. Unter seiner Führung wurde die LSSP-R in kurzer Zeit zu einem Sprachrohr des Syndakalismus. Dennoch erkannten die Pablisten sie weiterhin als offizielle Sektion in Sri Lanka an, bis sie sich 1981 endgültig auflöste.

Tampoe rückte zunehmend weiter nach rechts. 1967 verursachte er einen öffentlichen Skandal, als er an einem Empfang für den deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, einem ehemaligen Nazi, in der deutschen Botschaft teilnahm, allerdings die Teilnahme an einem Strek von 300.000 Plantagenarbeitern verweigerte, den die Gewerkschaft DWC organisiert hatte - die Teil eines von Tampoe angeführten Gewerkschaftsbündnisses war.

Im gleichen Jahr reiste Tampoe auf Einladung und auf Kosten der Asia Foundation, die von der CIA finanziert wird, in die USA. Während der Reise hatte er eine private Unterhaltung mit US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der für die brutale Führung des Vietnamkrieges berüchtigt war. Das Vereinigte Sekretariat sah sich gezwungen, eine Sonderkommission einzurichten, um Tampoes angebliche Beziehungen zur CIA zu untersuchen, kehrte danach jedoch ihre Ergebnisse unter den Teppich.

Eine besonders verräterische Rolle spielte Tampoe bei der Sabotage des Generalstreiks von 1976. Unter dem Banner "unpolitischer" Gewerkschaftsarbeit lehnte er jeden politischen Kampf gegen die von der SLFP geführte Koalitionsregierung ab und ermöglichte damit die Machtübernahme der rechten United National Party (UNP), die schnell eine wirtschaftsfreundliche Politik umsetzte. Der Widerstand der Arbeiterklasse gegen die Zerstörung ihres Lebensstandards äußerte sich im Jahr 1980 in einem Generalstreik im öffentlichen Dienst; Tampoe weigerte sich, ihn zu unterstützen und ermöglichte damit die Entlassung von 100.000 Arbeitern.

Besonders ablehnend stand Tampoe der Revolutionary Communist League (RCL), der Vorgängerorganisation der Socialist Equality Party (SEP) und ihrem prinzipientreuen Kampf als srilankische Sektion des IKVI für den Trotzkismus gegenüber. Er ließ mehrfach RCL-Mitglieder aus der CMU werfen, wenn sie unter Gewerkschaftsmitgliedern Diskussionen über das Programm der RCL/SEP oder Fragen über Prinzipien und Geschichte begannen.

Während das politische Establishment von Colombo dem elenden Gewerkschaftsbürokraten Tampoe die Ehre erweist, der geholfen hatte, den todgeweihten Kapitalismus zu stärken, ziehen wir es vor, dem jungen revolutionären Kämpfer gegen imperialistischen Krieg, Kolonialismus und nationale bürgerliche Herrschaft zu gedenken, und die tragischen Folgen seiner Zurückweisung des Kampfes für Programm und Prinzipien aufzuzeigen. Seine Entwicklung zeigt, dass die neue Generation von Revolutionären unbedingt die strategischen Lehren der internationalen Arbeiterklasse verinnerlichen muss, die nur das IKVI verkörpert, die internationale trotzkistische Bewegung.

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