Australische Polizei tötet Jugendlichen in Hysterie über Anti-Muslim „Terrorismus“

Von James Cogan
26. September 2014

Am Dienstagabend um etwa 19.40 Uhr erschoss die Polizei am südöstlichen Stadtrand von Melbourne den achtzehnjährigen afghanisch-stämmigen Abdul Numan Haider. Er soll angeblich zwei Polizisten vor einem Polizeirevier mit einem Messer angegriffen haben.

Der Jugendliche ist das erste Todesopfer der “Antiterrorismus” Operationen in ganz Australien, die von Angstkampagnen der Medien vor „Terrorzellen“ unter der muslimischen Bevölkerung des Landes begleitet werden. Zumindest ein Augenzeuge berichtet, dass Haider vor den beiden Polizisten davonlief, als er erschossen wurde.

Die australischen und internationalen Medien waren am Mittwoch voll mit Behauptungen, der Jugendliche habe “Drohungen gegen Ministerpräsident Tony Abbott ausgestoßen. Es wurde unterstellt, dass er einen Terroranschlag geplant habe. Die dicke Schlagzeile im in Sydney erscheinenden Daily Telegraph lautete: „Polizisten töten Fanatiker“. Der Telegraph steht an vorderster Front im Schüren der antimuslimischen Hysterie.

In Stellungnahmen, die Untersuchungen des Vorfalls nur präjudizieren können, erklärte Justizminister Michael Keenan am Mittwochmorgen, dass Haider “ein bekannter Terrorverdächtiger” sei. Der Chef der australischen Bundespolizei, Bruce Giles“ fachte Medienspekulationen mit dem Hinweis an, der Jugendliche habe in einem Einkaufszentrum „möglicherweise“ die schwarze Flagge des Islamischen Staats im Irak und in Syrien (Isis) hochgehalten.

Die Staatspolizei von Victoria verstärkte die Beschuldigungen gegen Haider später noch. Sie sagte zu Journalisten, er habe eine Isis-Flagge bei sich gehabt und habe beabsichtigt, die Polizeibeamten zu enthaupten, ihre Leichen mit der Flagge zu bedecken und dann Fotos zu machen, die er ins Internet habe hochladen wollen.

Was immer Haiders Absichten gewesen sein mögen, die Polizei hielt ihn jedenfalls nicht für eine Gefahr für wen auch immer, geschweige denn für den Ministerpräsidenten. Er wurde weder festgenommen, noch wurde ihm irgendetwas vorgeworfen. Er war gebeten worden, zu einer Befragung durch Antiterrorbeamte in das Polizeirevier von Endeavour Hills zu kommen. Dabei ging es laut Giles um eine „Routineangelegenheit“. Der stellvertretende Polizeipräsident von Victoria, Luke Cornelius sagte den Medien: “Unsere Behörde hatte keinerlei Informationen, dass diese Person eine Bedrohung darstellte.“

Nach der Version der Polizei über die Ereignisse, war der Jugendliche mit der Befragung einverstanden und kam freiwillig in das Polizeirevier. Er wurde dort von einem Mitglied der Bundespolizei (AFP) und einem hohen Beamten der Staatspolizei von Victoria empfangen. Als sie die Hände schüttelten, soll er ein Messer gezogen und angegriffen haben. Der Beamte aus Victoria sei dabei am Arm verletzt worden, während der Bundesbeamte schwer im Gesicht und an der Brust verletzt wurde.

Namentlich nicht genannte Zeugen wurden am Mittwoch im Age und im Sydney Morning Herald mit der Aussage zitiert, Haider habe die Polizisten nicht angegriffen, als er erschossen wurde. Sie erklärten, er sei zu dem Zeitpunkt Richtung Eingang des Reviers gerannt und habe Beleidigungen gegen Abbott ausgestoßen.

Bevor eine Untersuchung der Anwendung tödlicher Gewalt durch die Polizei überhaupt begonnen werden konnte, unterstützten Abbott und seine Minister die tödlichen Schüsse ausdrücklich. Justizminister Keenan erklärte: „Es ist der Mut und die Entschlossenheit dieser Polizisten, die unsere Gesellschaft auch in Zukunft sicher sein lässt.“ Abbott sagte, der Zwischenfall zeige, dass „in unserer Gesellschaft Menschen leben, die zu sehr extremen Taten fähig sind“ und dass „die Polizei immer wachsam ist, um uns gegen Menschen zu schützen, die uns schaden wollen.“

Der junge Mann wird als fanatischer Terrorist und “einsamer Wolf” beschrieben. Es sind noch keine Informationen über seinen Geisteszustand bekannt geworden oder ob er sich in medizinischer Behandlung befand. Es ist noch nichts über die Umstände der Ankunft seiner Familie in Australien oder ihre Lage seitdem bekannt. Viele Afghanen leiden unter schweren kriegsbedingten Traumata, die durch gefährliche Reisen über den Indischen Ozean und lange Aufenthalte in Lagern für „illegale Flüchtlinge“ noch verstärkt werden. Wenn es ihnen gelungen ist, sich in Australien niederzulassen, leiden viele unter Armut und systematischer Diskriminierung, unter anderem seitens der Polizei.

Der Sekretär des Islamrates von Victoria, Ghaith Krayem, gehörte zu den wenigen, die anmerkten, was offensichtlich ist, dass „wir ohne eine Untersuchung nicht wirklich wissen, was geschehen ist, als dieser junge Mann in das Polizeirevier kam“.

Krayem sagte dem Sondernachrichtendienst, die Familie des jungen Mannes habe „zu kämpfen“. Die Vorstadt Narre Warren von Melbourne, wo sie lebt, ist eine ärmliche Arbeitergegend. Die Jugendarbeitslosigkeit, besonders unter jugendlichen Einwanderern, ist hoch

Krayem bestätigte, dass Haider früher einmal mit der konservativen islamistischen Gruppe Al-Furkan in Kontakt gewesen sei, aber schon seit längerem nichts mehr mit ihr zu tun habe. Ende 2012 waren ein Buchladen von Al-Furkan und elf Wohnungen in den südöstlichen Stadtteilen von Melbourne von der Polizei durchsucht worden. Lediglich eine Person war damals wegen des Besitzes eines digitalen Magazins belangt worden, das sich für al-Qaida einsetzte.

Haider gehörte nicht zu denen, deren Haus 2012 durchsucht wurde. Die Polizei gibt lediglich an, er werde seit einiger Zeit beobachtet.

Einladungen der Polizei an beobachtete Personen zur Befragung, sind im Kern Einladungen, die man nicht ablehnen kann. Eine Weigerung könnte als Grund für eine intensivere Überwachung bis hin zu einem Verhör durch den Geheimdienst ASIO genommen werden. Der Pass des Jugendlichen war schon eingezogen worden, vermutlich wegen seiner Beziehung zu Al-Furkan.

Der Vorfall macht deutlich welches Ausmaß die intensiven, einschüchternden und provokativen Operationen von Geheimdiensten und Polizei angenommen haben, die unter dem Vorwand vorgenommen werden, Terrordrohungen zu unterdrücken.

Letzten Donnerstag und Freitag wurden in Dutzenden Häusern in Sydney, Brisbane und Melbourne Razzien mit der dubiosen Begründung durchgeführt, dass ein australischer Bürger, der in Syrien für ISIS kämpft, einen jungen Mann in Sydney angerufen habe und ihn aufgefordert habe, einen willkürlichen Mord zu begehen. Das wurde dann in den Medien zu einer ISIS-Verschwörung aufgeblasen, jemanden öffentlich zu enthaupten und ein Video davon zu machen. Nur eine einzige Person, und zwar der 22-jährige, der den Telefonanruf erhalten hatte, wurde wegen eines terroristischen Vergehens festgenommen.

Es gibt keine Informationen wie viele Personen, vor allem junge Muslime, solche Einladungen zu Befragungen durch die Polizei erhalten haben, oder die zu Hause oder an ihren Arbeitsplätzen von Geheimdienstlern oder Polizisten Besuch erhielten. Auch ist nicht bekannt, wie viele Menschen abgehört oder beobachtet werden, weil sie „Personen von Interesse“ sind.

Die künstlich erzeugte Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden Terroranschlägen wird noch dadurch verstärkt, dass die Terrorwarnstufen absichtlich hoch gesetzt werden und bei öffentlichen Ereignissen und großen Gebäuden ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften präsent ist, um die Bevölkerung an starke Polizeipräsenz immer und überall zu gewöhnen.

In einem beispiellosen Auftrieb von Sicherheitskräften wurden am Dienstag wegen angeblicher Drohungen gegen Abbott und andere Politiker vor dem australischen Parlament Polizisten mit Sturmgewehren in Stellung gebracht. Die zehntausende Fans, die das Große Finale der australischen Football Liga am Samstag in Melbourne besuchen wollen, werden mit bewaffneter Polizei, Polizeihunden, der Durchsuchung ihrer Taschen, Leibesvisitationen und Videoüberwachung konfrontiert sein.

Wie nicht anders zu erwarten war, wurde die Erschießung des Jugendlichen durch die Polizei von der Abbott-Regierung und den Medien sofort als Gelegenheit genutzt, auf die Verabschiedung des so genannten „Gesetzes gegen ausländische Kämpfer“ zu drängen, der zweiten Tranche der Antiterrorgesetze, die am gleichen Abend eingebracht worden war. Die drakonischen Maßnahmen in dem 160-seitigen Gesetzentwurf gehen noch über die am Wochenende an die Medien durchgesickerten Bestimmungen hinaus. Sie beinhalten auch weitergehende Vollmachten, Einzelpersonen einzusperren und Gruppen zu verbieten, die Terrorismus „befürworten“. Sie sehen auch lebenslange Haft dafür vor „das Eindringen“ in ein fremdes Land vorzubereiten, dabei behilflich zu sein oder es mit dem Ziel zu vollziehen, „feindliche“ oder „subversive“ Aktivitäten zu begehen.

Die gesamte Kampagne gegen Terrorismus stützt sich auf schamlose Lügen und Verzerrungen, die dem politischen und Medienestablishment den Vorwand liefern sollen, australisches Militär in den Nahen Osten zu entsenden, um den Krieg der USA im Irak und in Syrien zu unterstützen, und in Australien weitgehende Polizeistaatsvollmachten für Geheimdienste und Polizei einzuführen.

Diese Hysterie hat jetzt zum Tod eine 18-jährigen Mannes durch die Polizei geführt.

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