“Giftige Mischung” wirtschaftlicher Entwicklungen leitet neue Weltkrise ein

Von Nick Beams
4. Oktober 2014

Seit der globalen Finanzkrise von 2008 und der folgenden Großen Rezession hat es von offiziellen Stellen wie dem Internationalen Währungsfond (IWF), der Weltbank und der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sowie von akademischen Institutionen, zahllose Berichte über die Weltwirtschaft gegeben, die herauszufinden versuchten, wann mit einer „Belebung“ gerechnet werden könne.

Der 16. Geneva Report, ein Jahresbericht, der vom International Centre for Monetary and Banking Studies in Auftrag gegeben und von prominenten Wirtschaftswissenschaftlern verfasst wird, unterscheidet sich von den vorherigen in einer wichtigen Hinsicht.

Bisherige Studien wiesen zwar auch auf die anhaltenden Probleme der kapitalistischen Weltwirtschaft hin, versuchten aber wenigstens, ein “Licht am Ende des Tunnels” zu entdecken. Nicht so dieser Bericht. Seine Grundaussage lautet vielmehr, dass alle möglichen vorstellbaren Szenarien in unterschiedlichen Weltregionen eine neue Finanzkatastrophe auslösen könnten.

Im Zentrum des Berichts steht die von den Autoren so bezeichnete „Schuldendynamik“. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, die Verschuldung sei seit der globalen Finanzkrise zurückgegangen, zeigen sie auf, dass die weltweite Gesamtschuldenlast (staatliche und private), gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), weiter zunimmt und einen neuen Höchststand erreicht hat. Wenn man den Finanzsektor ausklammert, ist sie seit 2008 um 38 Prozentpunkte gestiegen und steht jetzt bei 212 Prozent des BIP.

Die Autoren weisen auf eine „giftige Mischung“ aus geringerem weltweitem Wachstum und niedrigerer Inflation hin. Wenn die Inflation relativ hoch ist, dann sind die Schulden leichter zu bedienen, weil der reale Wert des Geldes sinkt. Doch heute, bei niedrigerer Inflation und auch Deflation, wird die Entschuldung schwieriger. Gleichzeitig kostet der Schuldenabbau weiteres Wachstum. Dadurch entsteht ein „Teufelskreis“.

Der Bericht weist weiter darauf hin, dass die Ereignisse von 2008 auch auf längerfristige Prozesse einwirkten. Das Produktionswachstum in den entwickelten Volkswirtschaften schwächt sich schon seit den 1980er Jahren ab. Die Finanzkrise hat einen weiteren, permanenten Rückgang sowohl des Produktionsniveaus selbst als auch der Wachstumsrate der Produktion bewirkt“.

Das Ausmaß des Rückgangs ist an den Wachstumsprognosen abzulesen, die in dem Jahresbericht des IWF über die wirtschaftlichen Aussichten enthalten sind. „Jede IWF-Prognose war pessimistischer als die vorherige – für die entwickelten Industrieländer genauso wie für die aufstrebenden Wirtschaften.“ Folglich „kann man davon ausgehen, dass die am weitesten vorgreifende Vorhersage über das reale BIP von 2008, die sich auf 2012 bezog, nicht vor 2015 erreicht werden wird.“

Der Bericht betrachtet die amerikanische Wirtschaft sehr kritisch. „Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung und der Selbstbeweihräucherung der Verantwortlichen“ ist sie infolge des Anstiegs der Staatsverschuldung, gemessen am BIP, um fast 38 Prozentpunkte weiterhin tief verschuldet. Ein großer Teil der Zunahme der Staatsverschuldung geht auf Rettungspakete für die Finanzindustrie zurück.

Das auffälligste Ergebnis der staatlichen Intervention zur Stützung des amerikanischen Finanzsystems ist die Aufblähung der Bilanz der Federal Reserve. Sie hält jetzt Finanzpapiere im Wert von 25 Prozent des BIP. 2007 waren es noch weniger als sechs Prozent des BIP.

Der vermehrte Ankauf von Wertpapieren durch die Fed, der als quantitative Lockerung bekannt ist, hat, verbunden mit einer extremen Niedrigzinspolitik, die Realwirtschaft ermutigt, ihre Verschuldung zu erhöhen. Diese Kredite wurden aber nicht für reale Investitionen und eine Steigerung der Produktion genutzt, sondern um finanzielle Puffer zu bilden, die Dividenden zu erhöhen und Aktien zurückzukaufen, um den Aktienwert in die Höhe zu treiben.

Die niedrigen Zinsen trieben Investoren an, „auf die Jagd nach Margen zu gehen“, heißt es in dem Bericht. “Praktisch hat die Fed Investoren ‘ermutigt’, riskante Anlagen zu kaufen. Das Problem ist, dass vielleicht nicht alle Investoren verstehen, welche Risiken sie sich in ihre Bücher holen.“

Mit anderen Worten: um den Auswirkungen der letzten Krise entgegenzuwirken, betätigt sich die Fed, die die Gesamtverantwortung für die Stabilität des Finanzsystems trägt, als Katalysator für die nächste.

In seiner Übersicht über die europäische Wirtschaft sagt der Bericht: „Gemessen an der aktuellen Inflationserwartung und dem potentiellen Wirtschaftswachstum befindet sich die Eurozone in einer Situation großer Fragilität.“ Die Politik der Europäischen Zentralbank habe zwar einen Zusammenbruch des Bankensystems verhindert, „konnte aber das Problem der Zahlungsfähigkeit der Banken nicht wirklich lösen und auch eine veritable Kreditklemme nicht verhindern.“

Besonders ihr hoher Schuldenstand macht diese Länder der so genannten Peripherie der Eurozone „verwundbar für die Normalisierung des langfristigen globalen Zinsniveaus“, d.h. für die Rückkehr zu einer angeblich besseren wirtschaftlichen Lage. Gleichzeitig seien sie „anfällig bei einer Krise der internationalen Finanzmärkte in der Zukunft.“ Das bedeutet praktisch, dass es für diese Länder, darunter Spanien, Griechenland und Portugal, keinen Ausweg gibt.

Mit seiner Konzentration auf die Schuldenfrage stellt der Bericht fest, dass China und andere aufstrebende Volkswirtschaften vielleicht nicht so stark von der Krise von 2008 betroffen waren wie die entwickelten Länder, dafür aber leicht zum Auslöser der nächsten werden könnten.

Mehrere aufstrebende Länder, am erkennbarsten China, reagierten auf den Zusammenbruch von 2008, indem sie von einer exportorientierten Wirtschaftspolitik auf verstärkte Förderung des Binnenwachstums umstellten, das sie durch eine enorme Ausweitung der Kreditvergabe vorantrieben. Bei allen aufstrebenden Ländern zusammengerechnet hat sich die Gesamtverschuldung, Finanzfirmen nicht berücksichtigt, im Verhältnis zum BIP seit 2008 um „beunruhigende“ 36 Prozentpunkte erhöht.

China ist “einer der Kandidaten für die nächste Episode der Finanzkrisen, die die Welt seit Anfang der 1990er Jahre gebeutelt haben.“ Seit 2008 hat sich die chinesische Gesamtverschuldung ohne den Finanzsektor, „um erstaunliche 72 Prozentpunkte, gemessen am BIP, erhöht. Das entspricht einer jährlichen Steigerung von vierzehn Prozentpunkten. Das ist die doppelte Steigerungsrate der USA und Großbritanniens in den Jahren vor 2008.

Vor der globalen Finanzkrise konzentrierten sich Investitionen in China auf den Produktions- und Exportsektor. Seitdem erhielt die Wirtschaft auf der Grundlage des Kreditbooms ihren Schwung aus Investitionen in die Bauwirtschaft und in Infrastruktur. Das hat in einigen Sektoren der Wirtschaft zu Überkapazitäten und einem Preisdruck geführt.

“Als Folge davon erlebt China eine giftige Mischung aus hoher, schnell wachsender Verschuldung und einem schwachen Wachstum des BIP. Das lässt für die Zukunft in einigen Sektoren Schwierigkeiten erwarten, Schulden zu bedienen und zurückzuzahlen.“

Die gegenwärtige Situation zusammenfassend, erklärt der Bericht, für einige entwickelte Länder sei die Krise eine schwere Hypothek, während es in China und einigen anderen aufstrebenden Märkten „schon jetzt Anzeichen für die nächste Finanzkrise“ gebe.

Der Weg zu einem “erfolgreichen” Schuldenabbau „scheint sehr schmal“ zu sein und „eine längere Politik sehr niedrigen Wachstums oder gar eine weitere globale Krise sind sehr wahrscheinlich.“

Natürlich sind die Autoren dieser Studie, wie andere Autoren ähnlicher Studien auch, entschiedene Verteidiger des kapitalistischen Systems, das sie als die einzig mögliche Organisationsform des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens hinstellen. Die Tatsachen und Zahlen, die sie liefern, sind aber ein überwältigender Beweis für die Notwendigkeit einer sozialistischen Umgestaltung der gesamten Weltwirtschaft.

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