Dunkle Wolken ziehen über der Weltwirtschaft auf

Von Nick Beams
15. Oktober 2014

Am Wochenende gingen in Washington die jährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zu Ende. Ein Ende der Wirtschafts- und Finanzkrise und ein Aufschwung der Weltwirtschaft ist nicht in Sicht.

Die Eurozone scheint vor der dritten Rezession seit Beginn der weltweiten Finanzkrise 2008 zu stehen, und es wird befürchtet, dass die Politik der großen Zentralbanken die Bedingungen für einen weiteren Zusammenbruch schafft.

Vor den Treffen von IWF und Weltbank wurden Daten veröffentlicht, die zeigen, dass in Deutschland eine Rezession beginnen könnte. Die Industrieproduktion sank seit Juli um vier Prozent. Das ist der größte Rückgang seit Januar 2009. Die Aufträge sanken laut einer Umfrage unter Einkaufsmanagern so schnell wie zuletzt 2009.

Die Produktion von Investitionsgütern ging im August um 8,8 Prozent zurück, die von Zwischenprodukten um 1,9 Prozent, Verbrauchsgüter sanken um 0,4 Prozent und das Baugewerbe verlor zwei Prozent. Nur die Energieproduktion stieg um 0,3 Prozent.

Der IWF korrigierte seine Vorhersage für das Wachstum in Deutschland im Jahr 2014 von 1,9 auf 1,4 Prozent, die Prognose für 2015 von 1,7 auf 1,5 Prozent. Selbst diese Prognosen sind wahrscheinlich noch zu optimistisch, da die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal dieses Jahres geschrumpft ist. Deutschland, das stark von Exporten abhängig ist, wird von der Stagnation in ganz Europa und der Rezession in Brasilien, einem weiteren wichtigen Markt, sowie der Verlangsamung des chinesischen Wachstums schwer getroffen.

Die weltweite Rezession, wachsende Unsicherheiten über den Kurs der Politik der Zentralbanken und zunehmende geopolitische Spannungen in der Ukraine und dem Nahen Osten schaffen zusammen unsichere Bedingungen auf den Finanzmärkten.

Der Handel an der Wall Street begann diese Woche mit den stärksten Drei-Tages-Verlusten des S&P 500-Index seit 2011. Die treibende Kraft war der Rückgang der Aktienkurse von Fluggesellschaften als Ergebnis der Ebola-Krise und der Rückgang der Aktien von Energiekonzernen. Der Ölpreis steht auf dem niedrigsten Stand seit vier Jahren. In der Vorwoche hatte der Wertverlust der globalen Börsen 1,5 Billionen Dollar betragen.

Die Angst vor einer weiteren Finanzkrise veranlasste Vertreter der USA und Großbritanniens, am Montag zu rekapitulieren, welche Lehren sie aus der Krise von 2008 gezogen hatten. Der Wirtschaftskorrespondent des Guardian, Larry Elliott, fasste am Sonntag in einem Bericht über das Planspiel die Atmosphäre auf dem IWF-Treffen zusammen.

"Das Jahrestreffen des IWF war wie eine Versammlung von internationalen Diplomaten beim Völkerbund in den 1930ern. Die Teilnehmer versuchten verzweifelt, einen neuen Krieg zu vermeiden, aber sie waren unsicher, wie sie das tun sollten. Sie sehen dunkle Mächte sich zusammenbrauen, aber sie haben nicht die Waffen oder den Willen, um effektiv gegen sie vorzugehen."

Elliott wies darauf hin, dass der IWF und die Zentralbanker sich durchaus bewusst sind, dass das Fluten des Finanzsystems mit Geld die Realwirtschaft nicht wie erwartet durch größere Investitionen und erhöhte Produktion angekurbelt hat, sondern nur zu höherer finanzieller Risikobereitschaft geführt hat. Gleichzeitig fürchten sie, dass eine Erhöhung der Zinssätze mit dem Ziel, Spekulationen aufzuhalten, ihre Wirtschaften in die Rezession stürzen wird, also "kreuzen sie ihre Finger und hoffen auf das Beste." Er fuhr fort, der IWF wisse, dass etwas in Europa gewaltig schief läuft, aber ist machtlos, etwas dagegen zu tun."

Der scharfe Niedergang der Rohstoffpreise ist ein klares Anzeichen für die zunehmende Rezession. Die Ölpreise befinden sich Berichten zufolge im "freien Fall“, der Leitindex Brent Crude sank seit Mitte des Jahres um vierundzwanzig Prozent. Die Internationale Energiebehörde erklärte, die Ölpreise würden durch ausreichende Menge und sinkende Nachfrage gedrückt.

Der Preis für Eisenerz, ein wichtiger Indikator für Investitionen wegen der Rolle von Stahl im Bau, ist dieses Jahr um 41 Prozent gesunken, auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Der Bloomberg-Industriemetalleindex ist von seinem Höchststand nach der Finanzkrise um 37 Prozent gesunken, und 50 Prozent unter dem Niveau, das er im Jahr 2007 erreicht hatte.

Der Goldpreis liegt 38 Prozent unter dem Höchststand, den er 2011 erreicht hatte. Die Preise für Landwirtschaftsprodukte, ein weiterer wichtiger Indikator, sind auch stark gesunken. Die Preise für Mais liegen zweiundzwanzig Prozent niedriger als im Juni. Die für Weizen sind im gleichen Zeitraum um sechzehn Prozent, und die Preise für Sojabohnen sind um 28 Prozent auf den tiefsten Stand seit vier Jahren gesunken.

Die zunehmende Rezession wird durch die Unsicherheit und Verwirrung auf den Finanzmärkten noch verschlimmert. Letzte Woche veröffentlichte der Vorstand der amerikanischen Federal Reserve das Protokoll des Treffens ihres Offenmarktausschusses im September und enthüllte: "Einige Teilnehmer äußerten Bedenken, dass der andauernde Rückgang des Wirtschaftswachstums und der Inflation in der Eurozone zu einer weiteren Aufwertung des Dollars führen und nachteilige Auswirkungen auf den Export der USA haben könnte." Der Vizepräsident der Fed, Stanley Fisher, erklärte, die Zentralbank werde die Auswirkungen der Stärke des Dollars auf die globale Nachfrage nach amerikanischen Waren und Dienstleistungen beobachten.

Das Protokoll warf die Frage auf, wie hoch und wie schnell die Fed versuchen werde, die Zinssätze auf ein normaleres Niveau anzuheben. Die Gefahr von Turbulenzen entsteht aus der Tatsache, dass die Fed zwar scheinbar auf einem nicht näher definierten Weg zu höheren Zinsen ist, die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan jedoch die Zinssätze senken. Dies schafft die Bedingungen für sogenannten Carry Trade - Investoren leihen zu niedrigen Sätzen auf internationalen Märkten und investieren in amerikanische Wertpapiere, was den Wert des Dollars erhöht und den amerikanischen Exporten schadet.

Die Unsicherheit über die Richtung der Politik der Fed hat zu einem starken Anstieg des Flüchtigkeitsindex VIX beigetragen, der die Bewegung auf den amerikanischen Aktienmärkten verfolgt. Er ist in der letzten Woche um einundzwanzig Prozent angestiegen, nachdem er monatelang "unheimlich bewegungslos" war.

Die Probleme auf den Finanzmärkten werden durch Unterschiede in der Politik der großen Wirtschaftsmächte verstärkt, die in einem Seminar während des IWF-Treffens ans Tageslicht kamen.

Der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers, der letztes Jahr vor der Gefahr einer "langdauernden Stagnation" der Weltwirtschaft gewarnt hatte, konzentrierte sich auf Deutschland, kritisierte Europas "trostlose" wirtschaftliche Leistung und verglich sie mit der zwanzig Jahre andauernden Stagnation in Japan und der Großen Depression in den 1930ern.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schlug zurück und wies die Unterstellung zurück, die Krise sei das Ergebnis von politischem Versagen in Europa. Er erklärte: "Offen gesagt war Amerika die Ursache der Krise.“

Die USA und der IWF wollen, dass die EZB den Ankauf von Wertpapieren auf Staatsanleihen ausdehnt, um finanzielle Anreize zu schaffen. Doch EZB-Präsident Mario Draghi erklärte, die EZB sei nahe an der Grenze des Möglichen. Im Jahr 2012 konnte Draghi eine Finanzkrise in Spanien, Griechenland, Portugal und anderen hoch verschuldeten Ländern der Eurozone abwenden, indem er erklärte, die EZB würde tun, "was immer notwendig ist."

Die Interventionen der Zentralbanken in den letzten sechs Jahren haben jedoch gezeigt, dass Geldspritzen nicht zu erhöhten Investitionen und zu mehr Produktion in der Realwirtschaft führt, wo sich mittlerweile der Mittelpunkt der Krise befindet. Die einzigen, die davon profitiert haben, sind die Banken, Finanzinstitute und die superreichen Spekulanten.

Es bestehen auch tiefe Spaltungen in der EZB selbst. Deutsche Vertreter haben bereits gegen die derzeitigen Anleihenaufkäufe gestimmt und es gilt als sicher, dass sie alle Versuche der Zentralbank zum Aufkauf von Staatsanleihen und zur Ausweitung der quantitativen Lockerung ablehnen werden.

Die Diskussionen des IWF zeichnen das Bild einer herrschenden Klasse im Chaos. Die herrschenden Eliten sind über die Frage zerstritten, was sie tun sollen und sind nicht in der Lage, ein Programm zu entwickeln, das auch nur im Entferntesten an einen Wirtschaftsaufschwung erinnert. Sie sind sich akut bewusst, dass sie auf einem Pulverfass sitzen. Das einzige, worin sie sich einig sind, ist ihre Furcht, dass die sich verschlechternden sozialen Bedingungen und die zunehmende soziale Ungleichheit, die der Zusammenbruch ihrer Wirtschaftsordnung verursacht, zu einer Explosion von sozialen Kämpfen von unten führen wird.

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