Die Liquidierung der BLPI und der große Verrat der LSSP in Sri Lanka - Teil 1

Von Nanda Wickremasinghe und K. Ratnayake
18. Oktober 2014

Dies ist der erste von vier Artikeln über die politischen Lehren aus dem Verrat der Lanka Sama Samaja Party (LSSP), die im Juni 1964 in die Regierung von Sirima Bandaranaike und der Sri Lanka Freedom Party (SLFP) eintrat. Es war das erste Mal, dass eine angeblich trotzkistische Partei einer bürgerlichen Regierung beitrat – ein Vorgang, der immer einen offenen Bruch mit den grundlegenden Prinzipien des internationalen Sozialismusbedeutet.

Der Verrat der LSSP war von großer Bedeutung für die internationale trotzkistische Bewegung. Er bestätigte den opportunistischen Charakter der politischen Tendenz, die von Michel Pablo und Ernest Mandel angeführt wurde. Die wahren Trotzkisten hatten 1953 mit dieser Tendenz gebrochen, und das Internationale Komitee der Vierten Internationale gegründet. Die Pablisten begünstigten und unterstützten jeden einzelnen Schritt im politischen Niedergang der LSSP und schufen die Bedingungen, unter denen jene in die Bandaranaike-Regierung eintreten konnte.

Der erste Artikel befasst sich mit der Gründung der Bolschewistisch-Leninistischen Partei Indiens (BLPI) im Jahr 1942 als Sektion der Vierten Internationale und ihrer späteren politischen Liquidierung, die schwerwiegende Folgen für die Arbeiterklasse in ganz Asien und weltweit haben sollte. Die anderen Teile der Serie sind hier zu finden:Teil 2, Teil 3, Teil 4

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Die Gründung der Bolschewistisch-Leninistischen Partei Indiens (BLPI) im Jahr 1942, während des Zweiten Weltkrieges, war ein entscheidender Fortschritt für die Arbeiterklasse des ganzen indischen Subkontinents. Die Führer der Lanka Sama Samaja Party (LSSP) in Ceylon, die die neue Partei ins Leben gerufen hatten, brachen mit der radikal nationalistischen Perspektive, auf der die LSSP 1935 gegründet worden war, und schlossen die Stalinisten, die der Linie Moskaus folgten, aus den Reihen der LSSP aus. Die Linie Moskaus hätte bedeutet, dass die Arbeiterklasse im Krieg gegen Nazideutschland die sogenannten Demokratien wie Großbritannien hätten unterstützen müssen.

In dem Programmentwurf der BLPI hieß es: "Allein eine solche [revolutionäre] Partei der Vierten Internationale kann die Arbeiterklasse in Indien zum revolutionären Sieg führen“, indem sie „eine revolutionäre Strategie auf der Grundlage der gesammelten Erfahrungen der Geschichte und vor allem der Theorie der permanenten Revolution“ anwende. Die BLPI, in der Trotzkisten aus Ceylon und Indien gemeinsam kämpften, beharrte auf der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von allen Fraktionen der Bourgeoisie, auch vom Indischen Nationalkongress (der Kongresspartei), der wichtigsten politischen Vertretung der indischen Kapitalistenklasse.

Im Konflikt mit der stalinistischen Kommunistischen Partei Indiens (KPI) führte die BLPI einen unermüdlichen Kampf gegen den imperialistischen Krieg und die britische Kolonialherrschaft. Kurze Zeit nach ihrer Gründung wurde die BLPI im August 1942 mitten in die Quit India-Bewegung geworfen. Diese Bewegung war vom Kongress ins Leben gerufen worden, um Großbritannien Zugeständnisse abzunötigen. Hunderttausende Jugendliche, Arbeiter und Bauern beteiligten sich in ihrem Rahmen an militanten Kämpfen gegen den britischen Kolonialismus. Die Kongresspartei versuchte, die Kämpfe auf zahnlose Proteste in Form von zivilem Ungehorsam zu beschränken. Die KPI verurteilte die Bewegung aufs heftigste, da sie der Kriegswirtschaft Schaden zufüge, und versuchte, Arbeiterstreiks zu unterdrücken. Ihre Mitglieder betätigten sich als Spione und Provokateure für die britischen Kolonialbehörden.

Die BLPI beteiligte sich an diesem Massenkampf, ohne ein einziges politisches Zugeständnis an den Kongress zu machen, und sie verurteilte den Verrat der Stalinisten. Sie rief die Arbeiter und Unterdrückten auf, den imperialistischen Krieg abzulehnen und für die sozialistische Revolution zu kämpfen. In einem Flugblatt der Partei, das am 9. August, dem Tag, an dem der Massenkampf ausbrach, in Bombay verteilt wurde, rief sie zur Intervention der Arbeiterklasse in einem "politischen Massengeneralstreik“ auf, „um die Maschinerie der imperialistischen Regierung zu paralysieren und zum Stillstand zu bringen". Sie forderte die Arbeiterklasse auf, die aufständische Bauernbewegung mit Forderungen anzuführen, die "zur Beschlagnahmung des Landes durch Bauernkomitees" führen würden.

Die britische Kolonialverwaltung reagierte mit brutaler Polizeistaatsunterdrückung. Etwa eintausend Menschen wurden getötet und hunderttausende wurden verhaftet, darunter viele BLPI-Führer. Als die Massenerhebungen nachließen, entstand jedoch in der BLPI eine opportunistische Tendenz. Sie war Vorbote für die Dinge, die noch kommen sollten. N.M. Perera und Philip Gunawardena schlugen aus ihrer Haft heraus einen prinzipienlosen Zusammenschluss mit der Congress Socialist Party (CSP) und mehreren anderen kleinbürgerlichen Gruppen vor und behaupteten, eine "mächtige linke Organisation" werde "der revolutionären Stimmung im Land einen Ansporn geben".

Der Vorschlag bedeutete eine Rückkehr zu der kleinbürgerlich-radikalen Politik, die auch die LSSP und die CSP propagierten. Auf einem BLPI-Kongress im Jahr 1944 wurde eine Resolution verabschiedet, die den Zusammenschluss ablehnte und warnte, er werde zur "Auflösung der einzigen Partei in Indien mit einem klaren revolutionären Programm und – bestenfalls – der Schaffung einer breiten zentristischen Partei führen".

Das Ende des Kriegs führte zu einem weltweiten Ausbruch revolutionärer Kämpfe, auch auf dem indischen Subkontinent, wo sie sich gegen die britische Kolonialherrschaft richteten. Die BLPI gewann eine starke Basis unter Arbeitern in Kalkutta, Madras und Bombay und widerlegte damit die Lügen von Perera und Gunawardena, die revolutionäre Partei habe keinen Zugang zu breiten Teilen der Arbeiterklasse.

Angesichts dieser zunehmenden Klassenkämpfe beeilten sich der Kongress und die Moslemliga, die Partei der indischen muslimischen Eliten, eine Einigung mit den britischen Herrschern auszuhandeln, um der Unabhängigkeitsbewegung den Boden zu entziehen. Die stalinistische KPI unterstützte diese bürgerlichen Parteien, wie auch die Teilung von Britisch-Indien im Jahr 1947 nach kommunalistischen Gesichtspunkten in Indien und Pakistan. Die CSP rückte weiter nach rechts und unterstützte stillschweigend die Verhandlungen des Kongresses mit den Briten durch Enthaltung.

Nur die BLPI lehnte die Nachkriegsordnung ab. Auf einer Konferenz im Mai 1947 charakterisierte sie das Indien, das dadurch entstehen würde, als "eine Halbkolonie, zwar politisch unabhängig, wirtschaftlich jedoch beherrscht von den Interessen des britischen Imperialismus ". Die Resolution warnte, dass den Arbeitern Gefahr drohe, und rief sie dazu auf, die Vereinbarung abzulehnen. Nur wenige Monate später begann mit der Teilung Indiens in ein hinduistisch dominiertes Indien und ein muslimisches Pakistan ein kommunalistisches Blutbad, dem eine Million Menschen zum Opfer fallen sollten.

Im darauffolgenden Jahr erklärte BLPI-Führer Colvin R. de Silva bei einem Treffen bengalischer Studenten: "Die Briten dominieren Indiens Wirtschaftführung nach wie vor, wie auch die Meere vor Indiens Küste. (...) Was in Indien geschieht, ist kein Übergang zur Unabhängigkeit, sondern nur ein Wechsel des Imperialismus von direkten zu indirekten Herrschaftsformen; er stellt sein Bündnis mit der indischen Bourgeoisie neu auf."

In Ceylon setzten Perera und Gunawardena nach ihrer Entlassung aus indischer Gefangenschaft die opportunistische Politik fort, die sie 1943 befürwortet hatten. Sie brachen mit der BLPI, um ihre eigene Partei zu gründen und den Namen LSSP wiederzubeleben. Die BLPI verurteilte ihr Renegatentum und warnte, die Spaltung sei "Ausdruck einer nichtproletarischen Tendenz", die sich rasch zu einer offen opportunistischen Politik entwickeln werde.

Zwischen der Bolschewik Samasamaja Party (BSP, so hieß die BLPI-Sektion in Ceylon) und der neu belebten LSSP tat sich eine politische Kluft auf. Sie wurde offen sichtbar, als Großbritannien dem Land zusammen mit der lokalen Bourgeoisie die "Unabhängigkeit" gewährte. Die BSP lehnte den Einigungsentwurf zur Unabhängigkeit Ceylons von 1947 ab, und BSP-Führer Doric de Souza bezeichnete ihn als "Verschwörung gegen die Bevölkerung". Die BSP boykottierte die formelle Aushändigungszeremonie im Jahr 1948 und mobilisierte zehntausende Arbeiter zum Widerstand gegen die "falsche Unabhängigkeit".

Die LSSP jedoch bezeichnete die britische Machtübergabe als Schritt in die richtige Richtung, enthielt sich bei der Abstimmung über das Unabhängigkeitsgesetz der Stimme und verurteilte die Vorbereitung einer Widerstands-Kundgebung durch die BSP als "Exhibitionismus". Die LSSP war schnell nach rechts gerückt und erklärte sich sogar bereit, einer bürgerlichen Koalitionsregierung mit dem Ceyloner Nationalkongress beizutreten. Letzterer bereitete sich mit der Gründung der United National Party (UNP) darauf vor, die Macht zu übernehmen.

Der undemokratische Charakter der "Unabhängigkeit" zeigte sich bald an einer der ersten Entscheidungen der neuen UNP-Regierung: Sie entzog etwa einer Million tamilischer Teeplantagen-Arbeiter das Wahlrecht und die Staatsbürgerschaft. BSP-Führer Colvin R. de Silva verurteilte diese Entscheidung und wies darauf hin, dass auch der Faschismus die Staatsbürgerschaft von der Rasse abhängig gemacht habe. Er warnte, mit Hilfe solcher kommunalistischer Gesetze wolle die Regierung die Arbeiterklasse spalten und schwächen, um die schwache kapitalistische Herrschaft zu stärken.

Die formelle Unabhängigkeit des indischen Subkontinents, die mit der weltweiten Erholung des Kapitalismus unter der Vorherrschaft des US-Imperialismus einherging, setzte die BLPI unter großen Druck. Der lokalen Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum eröffneten sich neue Möglichkeiten in der Wirtschaft, dem Staatsapparat, in politischen Laufbahnen und der Gewerkschaftsbürokratie.

Dieser Druck äußerte sich schnell in der Entscheidung der BLPI in Indien, in die Socialist Party einzutreten, die 1948 von den Congress Socialists gegründet wurde, die die imperialistische Einigung in Indien nicht direkt abgelehnt hatten. Der BLPI-Kongress vom Oktober 1948 verabschiedete einstimmig eine Resolution, die den Eintritt befürwortete, nachdem die Partei genau das gleiche Vorgehen 1943 noch abgelehnt hatte, als Perera und Gunawardena es vorgeschlagen hatten. Die BLPI ignorierte eine Aufforderung von Michel Pablo im Auftrag des Internationalen Sekretariats der Vierten Internationale, den Eintritt zu verschieben, um eine ernsthafte Diskussion zu ermöglichen.

Die Entscheidung, der Socialist Party beizutreten, hatte nichts mit der Taktik des Entrismus zu tun, die Leo Trotzki in den 1930ern vorgeschlagen hatte. Die Socialist Party war keine nach links rückende Bewegung, wie die Befürworter des Eintritts behaupteten. Vielmehr war sie dabei, schnell nach rechts zu gehen. Die Parteiführung würgte die innere Demokratie ab, und damit die Fähigkeit der BLPI-Mitglieder, für revolutionäre Politik zu kämpfen.

Bald wurde offensichtlich, dass die Wende der BLPI Teil einer allgemeinen Anpassung an den Druck war, der auf der Vierten Internationale lastete, und dem Pablo und Ernest Mandel bald theoretischen Ausdruck verleihen sollten. Die auf den Krieg folgende relative Stabilität übte einen erheblichen Druck aus, und Pablo und Mandel gaben ihm nach. Sie wiesen die Perspektive des internationalen Sozialismus und den Aufbau von revolutionären Parteien zurück und schlugen vor, dass die Parteien der Vierten Internationale stalinistischen oder sozialdemokratischen Parteien und Bündnissen mit bürgerlichen nationalen Organisationen beitreten sollten.

Als im Jahr 1950 ein Flügel der BLPI vorschlug, aus der Socialist Party wieder auszutreten, riet Pablo ihnen, zu bleiben. Auf die Auflösung der BLPI in der Socialist Party of India folgte in Sri Lanka der Zusammenschluss der BSP mit der LSSP auf einem "Einheitskongress", der am 4. Juni 1950 stattfand.

LSSP-Sekretär Leslie Gunawardene schrieb 1960 in seinem historischen Rückblick („A Short History of the Lanka Sama Samaja Party“): "Zwischen den beiden Organisationen gab es absolut keinen prinzipiellen politischen Unterschied." Er enthüllte die tiefer liegende parlamentarische Perspektive, die den Zusammenschluss beseelt hatte, indem er erklärte, die Rivalität zwischen der BSP und der LSSP habe es der rechten UNP ermöglicht, die Nachwahl 1949 in Gampaha zu gewinnen.

Die Behauptung, es habe keine prinzipiellen Unterschiede gegeben, ist allerdings falsch. Die Kluft zwischen der BSP und dem Opportunismus der LSSP war bereits in der Debatte über die Unabhängigkeit und im Widerstand der BSP gegen die Hinwendung der LSSP zu Teilen der UNP-Führung offensichtlich geworden. Die BSP-Führer haben die politischen Streitigkeiten einfach im Namen der Einheit unter den Teppich gekehrt.

Dazu heißt es in den "historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka)": "Die 'Fusion' bedeutete eine Rückkehr zum Samasamajismus, d.h. zur nationalen Tradition des srilankischen Radikalismus. Dass über diese Fragen nicht diskutiert wurde, zeigte die wahren Verhältnisse in der neuen Partei: Der rechte Flügel unter N.M. Perera war an der Macht, die ehemaligen BLPI-Führer gaben ihm ‚trotzkistische’ Legitimation. Statt zu intervenieren, eine politische Klarstellung zu fordern und die prinzipienlose Vereinigung zu verhindern, gab das Internationale Sekretariat unter Michel Pablo seinen Segen dazu und akzeptierte die LSSP als srilankische Sektion der Vierten Internationale."

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