The Cut, eine Geschichte über den Völkermord an den Armeniern

Von Hiram Lee
8. November 2014

Der neueste Film des türkisch-deutsch Regisseurs Fatih Akin (Gegen die Wand, Auf der anderen Seite, Soul Kitchen) spielt während einer der dunkelsten Episoden des Ersten Weltkriegs – des Völkermordes an den Armeniern.

Das Osmanische Reich, das an der Seite der Mittelmächte in den Krieg eingetreten war, begann im April 1915 mit einem Vernichtungsfeldzug gegen seine armenische Bevölkerung. Die bürgerlich-nationalistischen Jungtürken, die 1908 an die Macht gekommen waren, sahen sich von den alliierten Mächten umzingelt. 1915 hatten sie an der Kaukasusfront bei Versuchen, zuvor verlorene Territorien an der Ostgrenze des Osmanischen Reiches zurückzuerobern, deutliche Niederlagen gegen Russland erlitten.

Die Jungtürken behaupteten, der Grund für die Niederlagen sei die Unterstützung der überwiegend christlichen armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich für Russland. Deshalb begannen eine Kampagne von Massenmorden und Zwangsumsiedlungen von Armeniern. Schätzungen zufolge sind dabei 1,5 Millionen Armenier umgekommen.

Akins Film beginnt in Mardin, einer Stadt in der Südosttürkei. Es ist das Jahr 1915, und der erste imperialistische Krieg tobt. Der Völkermord an den Armeniern steht kurz bevor. Als der Schmied Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) eines Abends von der Arbeit heimkommt, machen er und seine Familie sich Sorgen, dass die Gewalt des Krieges schließlich auch sie erreichen wird. Sie hören in den Nachrichten, dass alliierte Truppen in Gallipoli eintreffen. In dieser Nacht geschieht, was sie am meisten gefürchtet hatten.

Türkische Soldaten treiben die Männer von Mardin zusammen und marschieren mit ihnen in die Wüste. Ihnen wird gesagt, alle Männer über fünfzehn Jahren würden ins Militär eingezogen, sie müssten Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Viele arbeiten unter der heißen Sonne bis sie zusammenbrechen und sterben.

Die Arbeitssklaven sehen große Gruppen von Frauen und Kindern aus der ostanatolischen Stadt Kharput, die im Rahmen der Zwangsumsiedlungen auf Todesmärschen nach Mesopotamien getrieben werden.

Nazaret und die anderen gefangenen Armenier arbeiten, bis sie eines Tages von dem Lager weggeführt werden. Sie werden zusammengebunden und auf die Knie gezwungen, und alle bis auf Nazaret werden hingerichtet. Er kommt nur davon, weil der Soldat, der ausgewählt wurde, ihn zu ermorden, zögert und es nicht über sich bringt, seinen Gefangenen zu töten. Durch eine Wunde im Hals wird Nazaret jedoch für den Rest seines Lebens nicht mehr sprechen können.

Da Nazaret für tot gehalten wird, kann er seinen Verfolgern entkommen und beginnt eine lange Reise mit dem Ziel, seine Zwillingstöchter wiederzufinden, die er für die einzigen Überlebenden seiner Familie hält. Seine Suche wird ihn nach Syrien, in den Libanon, nach Kuba und in die USA führen.

Akins Film ist eine Art Odyssee des Völkermordes an den Armeniern, in der sich ein einsamer Held während des schrecklichen Ereignisses von Episode zu Episode vorarbeitet. Das führt zu vielen bedeutenden Momenten, doch als Ganzes wirken die unterschiedlichen Teile seines Films nicht völlig verbunden oder ausgearbeitet. Man erhält nur einen Einblick in Dinge, das größere Bild bleibt jedoch etwas unklar. Es ist ein manchmal bewegendes, aber oft auch enttäuschendes Werk.

Eine der verstörendsten Szenen in Akins Film ist Nazarets Reise zu den Todeslagern von Ras al-Ayn (an der heutigen syrisch-türkischen Grenze), wo diejenigen, die noch nicht getötet wurden, liegen und verhungern. Solche Momente sind brutal und teilweise schwer mit anzusehen. Man gewinnt jedoch nicht den Eindruck, Akin hätte sie auf reißerische Art gefilmt. Seine Herangehensweise an diese Szenen ist allgemein mitfühlend und sensibel. Die Leistung von Tahir Rahim ist ebenfalls sehr stark. Der Schauspieler ist fähig, eine große Vielfalt von Emotionen zu vermitteln, obwohl er während der zweiten Hälfte des Films nicht spricht.

Szenen, in denen echte Wärme und sogar Humor zwischen den Überlebenden des Völkermordes dargestellt werden, beispielsweise, wenn sie sich zusammenfinden, um im syrischen Aleppo Charlie Chaplins The Kid zu sehen, hinterlassen großen Eindruck. Das gilt auch für die Szenen in einer Seifenfabrik, die als Notunterkunft für armenische Flüchtlinge benutzt wird. Auf ihre eigene Weise vermitteln diese Szenen das Grauen, das diesen Menschen angetan wurde, viel deutlicher als die brutalen und gewalttätigen Szenen allein es könnten. Man fühlt die Lebhaftigkeit, die Kultur, die unterschiedlichen Einstellungen und die Gefühle der Menschen.

Akin ist anzurechnen, dass er nicht einfach alle türkischen Bürger, die im Film vorkommen, als Monster oder Unterstützer des Völkermordes darstellt. In einer Szene sieht Nazaret den Schmerz im Gesicht einer türkischen Mutter und ihres jungen Kindes, die von einer wütenden Gruppe von Überlebenden beschimpft und mit Steinen beworfen werden und beschließt, dass er es nicht fertigbringt, sich an der Gewalt gegen sie zu beteiligen.

Leider ist die zweite Hälfte des Films, in der Nazaret nach seinen Töchtern sucht, deutlich schwächer als die erste. Es gibt zwar bewegende Momente, aber man merkt, dass der Spielraum des Films zunehmend enger wird. Die Geschichte wird mehr und mehr zu der Geschichte über die Entschlossenheit eines Mannes, seine Kinder zu finden, ein Tribut an den Geist des Einzelnen, der mit starkem Willen gegen beträchtliche Widerstände kämpft. Der Völkermord und seine Bedeutung geraten zunehmend in den Hintergrund.

Vielleicht ist Akin von der Geschichte hinter dem Schreckens und seinem Ausmaß während des Völkermordes überwältigt. Er hat versucht, einen großen Teil davon in seinen Film einzubringen, aber er übergeht auch vieles zu schnell. Das Schicksal der armenischen Überlebenden auf der ganzen Welt, ihre Erfahrungen als Einwanderer in neue, andere Länder ist ein interessantes Thema, das sich lohnt angesprochen zu werden. Aber diese späteren Szenen, in denen Nazaret von einem Land zum anderen reist, haben nicht das gleiche Gewicht wie die Ereignisse in der ersten Hälfte des Films. Hier fühlt man sich, als würde man ein historisches Ereignis durch das Schlüsselloch betrachten. Zu vieles bleibt unerwähnt.

Auch viele der interessanteren Fäden aus der ersten Hälfte des Films werden nicht wieder aufgegriffen. Nazaret hatte zuvor seine Wut über die Kluft zwischen Reichen und Arbeitern wie ihm geäußert. Darauf wird nicht weiter eingegangen, obwohl es eine zentrale Frage ist. Was steckte hinter der Brutalität des türkischen Nationalismus und hinter dem Ersten Weltkrieg selbst? Welche Kräfte und welcher soziale Druck hat all das in Gang gesetzt? Mit anderen Worten, warum ist das alles passiert? Die Fragen, die man sich dabei stellt, spricht der Filmemacher nicht einmal ansatzweise an.

Letzten Endes steckt hinter Akins Epos über den Völkermord an den Armeniern etwas zu viel an konventionellem Denken und Erzählkunst.

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