Ex-Arcandor-Chef Middelhoff zu drei Jahren Haft verurteilt

Von Dietmar Henning
20. November 2014

Die Verurteilung des ehemaligen Arcandor-Chefs Thomas Middelhoffs zu drei Jahren Haft wird von den Medien genutzt, um der Wut über die hemmungslose Bereicherung einer winzigen Elite an der Spitze der Gesellschaft zu begegnen. Der Bereicherung selbst und ihren Ursachen schiebt sie keinen Riegel vor.

Der 61-jährige Middelhoff ist am Freitag nach sechs-monatiger Verhandlung vom Landgericht Essen verurteilt worden. Wegen Fluchtgefahr wurde der ehemalige Chef der Bertelsmann AG und der inzwischen Pleite gegangenen Arcandor AG, des Mutterkonzerns von Karstadt, sofort festgenommen. Nach einem ersten Haftprüfungstermin am Montag blieb er in Haft. Middelhoffs Verteidiger haben am Wochenende angekündigt, Revision beim Bundesgerichtshof einzulegen.

Das Gericht verurteilte den Manager wegen Untreue in 27 Fällen und der Steuerhinterziehung in drei Fällen. Middelhoff habe den Konzern zu Unrecht mit Kosten von insgesamt rund 500.000 Euro belastet, begründete Richter Jörg Schmitt das Urteil. Hauptsächlich geht es dabei um Flüge in Hubschraubern und Charterjets, die nach Auffassung des Gerichts ganz oder teilweise privat veranlasst waren, aber von Arcandor bezahlt wurden. Dies sei aber so nicht vertraglich vereinbart gewesen.

Zudem wertete das Gericht die Publikation einer Festschrift für seinen Mentor und Vorgänger bei Bertelsmann, Mark Wössner, als Privatangelegenheit Middelhoffs. Die Kosten dafür, 180.000 Euro, hatte er ebenfalls über das Unternehmen abgerechnet.

Der Manager war sich keiner Schuld bewusst und wies alle Vorwürfe zurück. Auch die Presse war offensichtlich überrascht. „Hart, aber gerecht“, lauteten die meisten ersten Reaktionen.

Am Montag kommentierte die Süddeutsche Zeitung: „Drei Jahre Gefängnis wegen nicht abgerechneter rund 500.000 Euro für jemanden, der mit Milliarden jonglierte und einst als Lichtgestalt galt: Das ist ein Hammer.“

Spiegel Online drehte den Spieß um. Tatsächlich stecke „in uns allen ein kleiner ‚Big T‘“, wie Middelhoff genannt wurde. Niemand könne wissen, was geschehe, „wenn man uns Macht in die Hand gibt“. Das müsse nicht Macht über Millionensummen oder Tausende von Mitarbeitern sein. „Oft reicht für Machtmissbrauch bereits das kleine bisschen Einfluss, das wir auf unseren Partner, unsere Kinder oder auch nur unseren Hund haben.“

Das alles ist widerlich und reaktionär. Middelhoffs Gebaren und Werdegang steckt nicht „in uns allen“.

Der Sohn eines Textilunternehmers nahm seine erste führende Position direkt nach dem Wirtschaftsstudium im elterlichen Betrieb ein. Schon kurze Zeit später wechselte er in ein Tochterunternehmen des Medienkonzerns Bertelsmann und begann dort seinen Aufstieg. 1998 wurde er Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG und saß im Aufsichtsrat von AOL und der RTL-Group.

2002 verließ er den Konzern, den er eigentlich an die Börse bringen wollte, mit einer Abfindung im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

Nach einem kurzen Gastspiel bei einer Investment-Gesellschaft mit Sitz in London heuerte er 2004 bei der KarstadtQuelle AG an, die er 2007 in Arcandor AG umbenennen ließ. Er gliederte den Konzern auf, um mit Verkäufen Profite zu machen. 2007/2008 verhökerte er 51 Prozent des Tochterunternehmens Neckermann für einen Euro an die Private Equity Gesellschaft Sun Capital. Wenig später wurde Neckermann abgewickelt, die verbliebenen 7.000 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. Das gleiche Schicksal erlitt Quelle, hier wurden am Schluss 4.000 Arbeitsplätze abgewickelt.

Middelhoff war auch für den Verkauf der Karstadt-Immobilien an ein Konsortium verantwortlich, das aus Goldman Sachs, der Deutsche-Bank-Tochter Reef und weiteren Firmen bestand. Die hohen Mieten, die die neuen Besitzer verlangten, trugen maßgeblich dazu bei, dass inzwischen der gesamte Konzern vor der Zerschlagung steht.

In einem anderen Prozess hat Middelhoff als Zeuge berichtet, im März 2005 hätten auf seinen Vorschlag hin er selbst, Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, deren Ehemann und der skandalumwitterte Immobilienmakler Josef Esch im Auftrag der Privatbank Sal. Oppenheim entschieden, KarstadtQuelle von der Börse zu nehmen, zu zerlegen und in Einzelteilen zu verkaufen.

Ziel sei es gewesen, einen bestimmten Geldbetrag für Schickedanz zu erlösen, auch zur Sicherung ihres Lebensabends. „Sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht, war das eine Milliarde Euro“, sagte Middelhoff. Für ihn sollten bei dem Deal 100 Millionen herausspringen. Zum Schluss ging der Plan schief.

Middelhoff verließ Arcandor im März 2009, nicht ohne eine Abfindung in Höhe von 2,3 Millionen Euro mitzunehmen. Nur drei Monate später beantragte Arcandor Insolvenz. Ohne die Insolvenz wäre Middelhoff letzte Woche nicht verurteilt worden. Erst der Insolvenzverwalter brachte den Prozess ins Rollen. Der Aufsichtsrat, in dem neben Betriebsräten auch jahrelang die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane saß, nahm nie Anstoß an Middelhoffs luxuriösen Privatreisen auf Firmenkosten. Stattdessen stimmte er einer Lohnsenkungs- und Entlassungsrunde nach der anderen zu.

Nach dem Abgang bei Arcandor machte Middelhoff dort weiter, wo er aufgehört hatte: an der Börse. Er führte gemeinsam mit Roland Berger und Florian Lahnstein, dem Sohn des ehemaligen SPD-Ministers Manfred Lahnstein, eine Private-Equity Gesellschaft in London. Im Aufsichtsrat saß neben Manfred Lahnstein mit Wolfgang Clement ein weiterer ehemaliger SPD-Politiker. Später wurde Middelhoff Managing Partner eines in New York ansässigen Hedge-Fonds.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb jetzt, der Manager sei „ein Produkt seiner Zeit“. „Er hatte sich auf Kosten anderer bereichert, vielleicht sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein.“ Soll heißen: Das haben alle so gemacht.

In der Tat verkörpert Middelhoff den Typus des modernen Unternehmers, des Finanzspekulanten, der jedes Interesse an der produktiven oder gewerblichen Seite des Konzerns verloren hat und nur noch den kurzfristigen und schnellen Profit sieht. 40 Millionen Euro zahlte ihm Bertelsmann als Bonus für einen Gewinn von 7,5 Milliarden Euro aus dem Verkauf von AOL-Anteilen.

Seine Millionenvilla in Saint-Tropez, die er bis heute besitzt, kaufte Middelhoff laut Presse von einem osteuropäischen Oligarchen. Sein Anwesen in Bielefeld verfügt über ein eigenes Kino. Er jettete zu den Urlaubs- und Shopping-Zentren der Reichen und zu den politischen Machtzentren, u. a. nach New York, wo er einige Zeit im Aufsichtsrat der New York Times saß. Zur Urteilsverkündung in Essen fuhr ihn sein Chauffeur mit einem Audi A8, der je nach Ausstattung bis zu 150.000 Euro kostet.

Der ehemalige Vorzeige-Manager hat die dreijährige Haftstrafe, die noch nicht rechtsgültig ist, mehr als verdient. Die 500.000 Euro, die ihm nun zum Verhängnis geworden sind, nehmen sich allerdings im Vergleich zu den Millionen, die er völlig legal für die Vernichtung Tausender Arbeitsplätze bei Neckermann, Quelle und Karstadt kassierte, eher bescheiden aus. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er und seine ehemaligen Geschäftspartner im Zuge der Krise von 2008 viel Geld durch fehlgegangene Immobilienspekulationen verloren und sich nun gegenseitig mit Klagen überziehen.

Middelhoff gehört zu der skrupellosen kleinen Schicht, die die Unternehmen, ja die gesamte Gesellschaft auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung auspressen und in Saus und Braus leben. Während die Mehrheit der Bevölkerung die Rettung der Banken nach der Finanzkrise 2008 mit Sozialabbau, Lohnkürzungen und Arbeitsplatzverlust bezahlt, hält der Konzentrationsprozess an der Spitze der Gesellschaft unvermindert an. Das Vermögen der 100 Reichsten in Deutschland ist in den letzten zwölf Monaten um 5,2 Prozent auf den Rekordwert von 336,6 Milliarden Euro gestiegen. Insgesamt leben in Deutschland 135 Milliardäre und 1,7 Millionen Millionäre.

Angesichts der wachsenden sozialen Gegensätze sind die herrschenden Eliten Deutschlands beunruhigt, dass der Unmut darüber in offenen Protest und Widerstand umschlagen kann. Middelhoff mit seiner selbstherrlichen und arroganten Art, der glaubte, nach eigenen Regeln handeln zu können, wurde schließlich fallen gelassen.

Richter Schmitt vom Landesgericht Essen zeigte sich erstaunt über die „Widersprüche“, in die sich Middelhoff verstrickt hatte. Er sei nicht ehrlich gewesen. „Es ist ganz wichtig, dass Prominente vor Gericht keinen Bonus erhalten“, sagte er in seiner Urteilsbegründung. Vor dem Gesetz seien alle gleich, jubelten daraufhin nicht wenige Zeitungen.

Der Prozess und das Urteil gegen Middelhoff werden genutzt, um den Staat und seine Justiz zu stärken und gleichzeitig die herrschende Elite insgesamt reinzuwaschen. Die Süddeutsche Zeitung betonte, der Fall Middelhoff sei ein Einzelfall eines abgehobenen Managers. Sie zeigte sich besorgt über die sich „verfestigende Vorstellung“, dass an der Spitze der Gesellschaft „nur Raffzähne und Gierhälse“ stünden.

Niemand in Staat und Politik, einschließlich Justiz, Medien und Gewerkschaften, hat etwas gegen die Bereicherung am oberen Ende der Gesellschaft einzuwenden. Sie benutzen die Verurteilung ihrer früheren „Lichtgestalt“, um vorzugaukeln, dass Staat und Justiz gegen die schlimmsten Auswüchse der Raffgier vorgehen. Doch die Verurteilung Middelhoffs schiebt der obszönen Bereicherung an der Spitze der Gesellschaft keinen Riegel vor. Das kann nur die Vergesellschaftung der großen Konzerne und Banken und die massive Besteuerung und Konfiszierung der Milliardenvermögen.

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