Schachweltmeisterschaft in Russland

Von Konrad Kreft
28. November 2014

Trotz der massiven wirtschaftlichen und kulturellen Sanktionen der westlichen Großmächte gegen Russland fand im November in der russischen Stadt Sotschi der diesjährige Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft statt. Der Weltmeister und sein Herausforderer ließen sich nicht in die anti-russische Kampagne einspannen, die auch die internationale Sportpolitik mitträgt, und widerstanden Boykottaufrufen.

Der Titelverteidiger, der 23-jährige Norweger Magnus Carlsen, besiegte seinen indischen Herausforderer, den 44-jährigen Viswanathan Anand, nach elf Matchpartien mit 6,5-4,5. Damit verteidigte er seinen Titel, den er im vergangenen Jahr dem Inder mit dem Ergebnis 6,5-3,5 abgenommen hatte. Ex-Weltmeister Anand hatte nicht automatisch eine Revanche erhalten, sondern im März das Kandidatenturnier gewonnen und sich zum Herausforderer qualifiziert.

Die Überlegenheit, die Carlsen im Vorjahr gegen Anand demonstriert hatte, war diesmal nicht so stark spürbar. Nachdem der Inder die dritte Matchpartie gewonnen und damit nach Carlsens Sieg in der zweiten Partie wieder ausgeglichen hatte, zeigte sich Carlsen unsicher. Der Wendepunkt kam in der sechsten Partie, als Carlsen in besserer Stellung einen fatalen Fehler beging, den Anand aber nicht ausnutzte, so dass er die Partie schließlich verlor. Dem Inder gelang es nicht mehr, sich von der Enttäuschung zu erholen. Nach vier weiteren unentschiedenen Partien verlor Anand die elfte Partie und Carlsen gewann das Match.

Beide Großmeister sind Bürger von Staaten, die in der Ukraine-Krise im westlichen Bündnis gegen Russland stehen, das von den Vereinigten Staaten und Deutschland angeführt wird. Als der Weltschachbund FIDE im Juni die südrussische Schwarzmeerstadt Sotschi zum Austragungsort des Weltmeisterschaftskampfes erklärte, geriet insbesondere der junge norwegische Weltmeister unter starken politischen Druck.

Während Anand frühzeitig zusagte und sich betont russlandfreundlich zeigte, fanden hinter den Kulissen Gespräche Carlsens mit dem norwegischen Außenministerium statt. Carlsen sah sich genötigt, seine Zusage zunächst zu verschieben. Die Frist, die die FIDE bis September gesetzt hatte, nutzte der Norweger voll aus und unterschrieb den Wettkampfvertrag erst am letzten Tag. Zuvor wurde in der Fachpresse laut über die Möglichkeit spekuliert, dass Carlsen im Falle einer Disqualifizierung durch die FIDE (die auf einen Boykott folgen würde) einen eigenen profitablen Weltmeisterschaftskampf außerhalb der Ägide des Weltschachbundes spielen könnte.

Damit wurden Erinnerungen an die Zustände in der Schachwelt geweckt, die der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Kriegs folgten. Nach den epischen Weltmeisterschaftskämpfen der beiden Russen Kasparow und Karpow, die zwischen 1984 und 1990 stattgefunden hatten, „privatisierte“ im Jahr 1993 der damalige Weltmeister Garri Kasparow seinen WM-Titel. Kasparow und sein britischer Herausforderer Nigel Short wurden in diesem Jahr von der FIDE disqualifiziert, weil sie weder die Spielbörse noch die sonstigen Bedingungen akzeptierten, die der Weltschachbund für ihren Wettkampf vorsah.

Die beiden Großmeister, die daraufhin für ihr Match einen Geldgeber in London fanden und dieses unter eigener Regie ausspielten, leiteten damit eine Spaltung im organisierten Turnierschach ein, die dreizehn Jahre anhielt. Während Kasparow mithilfe kurzlebiger Schachorganisationen mehrere Male seinen Titel in weit beachteten und sportlich hochwertigen Wettkämpfen verteidigte, organisierte der Weltschachbund notgedrungen „offizielle“ Weltmeisterschaften, an denen sich viele der besten Spieler der Welt nicht beteiligten.

Kasparows Spaltung verschärfte die enorme Krise der FIDE. Sie verfügte zwar über den organisatorischen Betrieb, Qualifikationsturniere für Weltmeisterschaften zu veranstalten. Nach Auflösung der Sowjetunion und des sowjetischen Schachverbandes, der fast alle Weltmeisterschaften zwischen 1948 und 1986 ausgerichtet hatte, steckte sie aber in enormen finanziellen Schwierigkeiten und kämpfte verzweifelt darum, Sponsoren für Weltmeisterschaften und den langen Qualifikationszyklus zu finden.

Ihre Krise wurde keineswegs gelöst, als im Jahr 1995 der Russe Kirsan Iljumschinow zum FIDE-Präsidenten gewählt wurde und Reformen ankündigte. Der vermögende Politiker, der von 1993 bis 2010 Gouverneur der autonomen Republik Kalmückien in Russland war und als Vertrauter Putins gilt, bestimmt seit dieser Zeit die Geschicke des Weltschachbundes.

Seine ersten Reformen der FIDE-Weltmeisterschaften diskreditierten den Verband in den Augen der meisten Spitzen- und Amateurspieler. Er schaffe zunächst das traditionelle Format eines Zwei-Mann-Wettkampfes ab und führte ein dem Tennissport abgeschautes KO-System mit 128 Spielern ein. Es schreckte viele Spitzengroßmeister ab, da es dem Zufall einen zu hohen Stellenwert beilegte.

Noch verheerender für die Reputation der FIDE wirkte sich aus, dass Iljumschinow Sponsoren wie den irakischen Diktator Saddam Hussein, das iranische Regime und Oberst Gaddafi aus Libyen für die FIDE-Weltmeisterschaften gewann. Eine Intervention der UNO und der Vereinigten Staaten, die zu dieser Zeit ein Wirtschaftsembargo gegen den Irak verhängten, vereitelte den für 1996 in Bagdad geplanten WM-Kampf. Als im Jahr 2004 die KO-Weltmeisterschaft in der libyschen Hauptstadt Tripolis stattfand, kam es zum Eklat, als das Gaddafi-Regime israelischen und jüdischen Spielern die Einreise verbot.

Erst der Rückzug Kasparows vom aktiven Turnierschach im Jahr 2005 ermöglichte die Aufhebung der Spaltung. Kasparow hatte zwanzig Jahre lang das Spitzenschach spielerisch dominiert und unangefochten (auch bei seinem Rücktritt) die Weltrangliste angeführt. Inzwischen hatte Kasparow überraschend „seinen“ Weltmeistertitel an den Russen Wladimir Kramnik verloren. Dieser siegte im Jahr 2006 in einem Vereinigungsweltmeisterschaftskampf gegen den Bulgaren Wesselin Topalow, den damaligen FIDE-Weltmeister.

Seit diesem Zeitpunkt ist die FIDE zum bewährten Zwei-Mann-Wettkampfformat zurückgekehrt und hat, da sie die einzige anerkannte Institution ist, die Weltmeister kürt, bei der Ausrichtung sowohl der Qualifikationsturniere, der sogenannten Kandidatenturniere, als auch der Weltmeisterschaften deutlich mehr Glück gehabt.

Carlsens mutiger Entschluss, dem politischen Druck nicht nachzugeben und in Sotschi zu spielen, hatte auch damit zu tun, dass er sich verantwortlich fühlte, nicht die unsäglichen Zustände aus der Spaltungszeit wieder herbeizuführen.

Diejenigen, die sich an die Zeiten erinnern, in denen Fischer um die Weltmeisterschaft gegen Spasski spielte, oder an Karpows WM-Matche gegen Kortschnoj, werden vielleicht überrascht sein über die Veränderungen, die das Schach seit dieser Zeit genommen hat. Nicht allein die tiefgreifenden politischen Ereignisse, auch die Entwicklung der Computertechnologie nahm enormen Einfluss auf das Spiel.

Bereits Anfang der 1990er Jahre schaffte die FIDE die „Hängepartien“ ab, was bedeutet, dass Turnierpartien ohne Unterbrechung, wie sie zuvor nach etwa fünf Stunden Spielzeit üblich war, zu Ende gespielt werden müssen. Begründet wurde dieser Schritt mit der enormen Spielstärkezunahme der Schachprogramme, die von den Spielern für die Analyse der „hängenden“ Partie genutzt würden.

Nachdem Garri Kasparow 1997 einen Schaukampf gegen das IBM-Schachprogramm „Deep Blue“ verloren hatte, war deutlich geworden, dass Menschen sich mit der Rechenkraft der Maschinen nicht mehr messen konnten. Die Verbesserung der Computerhardware neben immer ausgefeilterer Software führte dazu, dass Schachprogramme nur noch als Analysehilfen eingesetzt werden. Daneben wurden Schachdatenbanken entwickelt, die Schachspielern Zugriff auf Millionen gespielter Partien, Analysen und Eröffnungsvarianten gestatten.

Das Internet ermöglichte jedermann Trainingsmöglichkeiten, die zuvor nur angehende sowjetische Spitzenspieler während des Kalten Krieges genossen. Über Skype und verwandte soziale Medien bieten zahllose Großmeister und Schachtrainer weltweit ihre Dienste an und heben die Spielstärke insbesondere jüngerer Schachenthusiasten.

Dies alles führte dazu, dass manche herausragenden Talente bereits mit vierzehn, dreizehn oder gar zwölf Jahren mit dem Großmeistertitel geehrt werden. Die Verjüngung der Spitzenspieler, deren häusliche Vorbereitung enorme Ausmaße angenommen hat, und die Tatsache, dass Schachpartien, solange keine Entscheidung gefallen ist, bis zu acht und mehr Stunden lang gespielt werden, hat dem physischen Faktor im modernen Schach eine entscheidende Rolle zukommen lassen.

Die früher diskutierte Frage, ob Schach Kunst, Wissenschaft, Spiel oder Sport sei, stellt sich heutigen Weltklassespielern kaum noch. Der junge norwegische Weltmeister hat sie für sich längst beantwortet: für ihn ist Schach eindeutig „Sport“.