OECD bestätigt wachsende soziale Ungleichheit

Von Dietmar Henning
11. Dezember 2014

Die Kluft zwischen Arm und Reich in den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist heute weit größer als vor 30 Jahren. Das gilt insbesondere auch für Deutschland. Verdienten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung Deutschlands Mitte der 1980er-Jahre fünfmal so viel wie die ärmsten zehn Prozent, sind es heute bereits siebenmal so viel, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Arbeitspapier.

Auch in fast allen anderen OECD-Staaten wuchs die Einkommensungleichheit. Vor drei Jahrzehnten verdiente das reichste Zehntel der Bevölkerung sieben Mal so viel wie das ärmste. Heute liegt das Verhältnis bei 9,5 zu eins. Zur OECD gehören 34 Länder, vor allem Industriestaaten.

Gemessen wird die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung durch den sogenannten Gini-Koeffizienten. In 16 von 21 Ländern, aus denen Langzeitdaten vorlagen, hat sich dieser Wert erhöht. Am stärksten stieg er in Schweden, Finnland, Israel, Neuseeland, den USA und Deutschland.

In den vergangenen Monaten sind mehrere Studien und Bücher veröffentlicht worden, die das weltweite Anwachsen der sozialen Ungleichheit zum Thema haben. Die Gründe dafür sind eindeutig: Sinkende Löhne, Sparprogramme bei den Sozialausgaben und Geldgeschenke an die Banken, Abwälzung der Steuerlast von den Unternehmen auf die arbeitende Bevölkerung. Vor allem in Deutschland und den USA sorgt zudem ein riesiger Niedriglohnsektor dafür, dass die Einkommen der unteren Schichten rückläufig sind, während die Einkommen aus Aktienbesitz und Unternehmensgewinnen explodieren.

Eine letzte Woche erschienene Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und der Freien Universität Berlin (FU Berlin) gelangt zum Schluss, dass in Deutschland das Lebenseinkommen, also die Summe aller über das Erwerbsleben erzielten Löhne und Gehälter, während der letzten Jahrzehnte im unteren Lohnbereich real gesunken ist, während es im oberen Lohnbereich zugenommen hat.

Insgesamt hat sich die Ungleichheit der Lebenseinkommen zwischen den Geburtsjahrgängen 1935 und 1972 etwa verdoppelt. Bis zu 40 Prozent dieses Anstiegs der Ungleichheit sind auf die erhöhte Arbeitslosigkeit von Personen im unteren Bereich der Lohnverteilung zurückzuführen, der Rest wird durch eine verstärkte Spreizung der Löhne verursacht.

„Es wird vor allem für die Arbeitnehmer in den mittleren und unteren Lohnbereichen zunehmend schwerer, eigenes Vermögen aufzubauen“, fasst Holger Lüthen, einer der Autoren der Studie, die Folgen der wachsenden Ungleichheit zusammen.

Nimmt man die sinkenden Renten aufgrund der letzten Rentenreformen hinzu, ist Altersarmut vorprogrammiert. Anfang des letzten Monats teilte das Statistische Bundesamt mit, dass immer mehr Rentner auf die so genannte Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Diese entspricht etwa der Höhe des Hartz-IV-Satzes, das sind derzeit 391 Euro im Monat plus Miet- und Heizkosten. Ende 2013 bezog rund eine halbe Million Menschen ab 65 Jahren diese Hilfe, 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Am stärksten verbreitet ist Altersarmut in Großstädten wie Hamburg, Bremen und Berlin.

Betroffen sind aktuell vor allem westdeutsche Frauen. In Zukunft werden aufgrund langanhaltender Arbeitslosigkeit und geringer Löhne aber auch zunehmend Männer in Ost und West zu den armen Rentnern gehören.

Während Regierungen und Unternehmen die Umverteilung der Einkommen damit begründen, dass hohe Sozialausgaben und Löhne das Wirtschaftswachstum bremsen, gelangen die Autoren der OECD-Untersuchung zum Schluss, dass die wachsende soziale Ungleichheit das Wirtschaftswachstum hemmt. So sei das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Deutschland zwischen 1990 und 2010 um 26 Prozent gewachsen. Es hätte um fast sechs Prozentpunkte höher ausfallen können, wenn die Einkommensungleichheit nicht gestiegen wäre.

Noch stärker sei der Effekt in Neuseeland oder Mexiko: Hier habe die wachsende Ungleichheit mehr als zehn Prozentpunkte des BIP-Wachstums gekostet. In Großbritannien, Finnland und Norwegen betrage der Verlust neun Prozentpunkte, in den USA, Italien und Schweden immer noch sechs bis sieben Prozentpunkte.

Für den ökonomischen Effekt sei „vor allem das immer stärkere Auseinanderdriften der ärmsten 40 Prozent vom bessergestellten Rest der Bevölkerung verantwortlich“, schreiben die OECD-Autoren. Denn ärmere Gruppen würden in der Regel weniger in Bildung investieren, und das wiederum beeinflusse die soziale Mobilität und die Ausbildung von Kompetenzen im jeweiligen Land.

Die Zunahme der sozialen Ungleichheit bremst also das Wirtschaftswachstum nach Auffassung der Studie hauptsächlich deshalb, weil Kinder aus sozial schwächeren Familien weniger Bildungschancen haben. Die Gleichung der OECD scheint folgende zu sein: Je mehr sozial schwächere Familien, desto weniger Bildung, desto weniger Fachkräfte und mehr Geringverdiener, desto weniger Konsum und damit geringeres Umsatz- und Wirtschaftswachstum.

Die Studie plädiert deshalb nicht dafür, mehr Geld an die Ärmsten der Armen zu verteilen (ein Argument, dass z. B. die Süddeutsche Zeitung begeistert aufgriff), sondern mehr Geld in die soziale Infrastruktur zu investieren. „Es ist deshalb nicht genug, allein jene Schichten der Bevölkerung zu fördern, die am schlechtesten gestellt sind“, schreiben die Autoren. „Mindestens ebenso wichtig wie monetäre Unterstützung ist ein verbesserter Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung und Weiterbildung sowie zu Gesundheitsdienstleistungen.“

Die Studie vertritt die Auffassung, „dass Umverteilung mittels Steuern und Transfers nicht zwangsläufig wachstumsschädlich ist, solange entsprechende Maßnahmen zielgenau angewandt werden“. Eine Umverteilungspolitik müsse sich vor allem auf Familien mit Kindern sowie auf junge Menschen konzentrieren und „deren Lernchancen verbessern“.

Die Studie geht allerdings nicht auf die Gründe ein, weshalb heute exakt das Gegenteil geschieht, weshalb die Ausgaben für Bildung und Erziehung ständig gekürzt werden und das Studium für breite Schichten unerschwinglich wird. Sonst müssten sie das bestehende Gesellschaftsystem in Frage stellen, das sich im Würgegriff einer winzigen Finanzelite befindet, die es rücksichtslos ausplündert.