Mittelmeer „tödlichste Flüchtlingsroute der Welt“

Von Martin Kreickenbaum
13. Dezember 2014

In den ersten elf Monaten des Jahres haben mehr als 207.000 Flüchtlinge versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Das sind rund dreimal so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2011, als 70.000 Menschen vor dem Nato-Krieg gegen Libyen flohen. Offiziell sind in diesem Jahr bislang 3.419 Flüchtlinge auf ihrer Überfahrt von Afrika nach Europa ums Leben gekommen.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) veröffentlichte die dramatischen Zahlen der weltweiten Fluchtrouten von Bootsflüchtlingen zu Beginn ihres diesjährigen „High Commissioner's Dialogue“ am Mittwoch in Genf. In der Diskussionsveranstaltung, deren Schwerpunkt auf der Seerettung lag, bezeichnete die UNHCR das Mittelmeer als die „tödlichste Flüchtlingsroute der Welt“.

Der UN-Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres kritisierte die europäischen Regierungen zu Beginn des Dialogs ungewöhnlich scharf. Er erklärte, dass „manche Regierungen der Abwehr von Flüchtlingen eine höhere Priorität einräumen als dem Recht auf Asyl“. Dies sei, so Guterres, ein Fehler und „die falsche Reaktion in einer Zeit, in der Rekordzahlen von Menschen vor Kriegen fliehen“. Die Flüchtlingspolitik dürfe nicht so gestaltet sein, „dass sie den Verlust von Menschenleben als Kollateralschaden in Kauf nehme“.

Dieses Eingeständnis eines hochrangigen europäischen Politikers – Guterres war zwischen 1995 und 2002 portugiesischer Premierminister – unterstreicht, dass die Europäische Union de facto für den Massenmord an Flüchtlingen verantwortlich ist.

Mit ihrer Politik der rigorosen Flüchtlingsbekämpfung nimmt die EU den Tod Tausender billigend in Kauf. Da sie die Landgrenzen mit Zäunen und Mauern völlig abschottet und Satelliten und Drohnen zur Überwachung der Außengrenzen gegen Flüchtlinge einsetzt, sind diese gezwungen, die gefährliche Route über das Mittelmeer zu nehmen.

Dort hat die Europäische Union zur Abdrängung der Flüchtlinge die Frontexmission „Triton“ gestartet, während die Seerettung in der Regel Handelsschiffen überlassen wird. Diese verbrecherische Politik hat in den letzten 15 Jahren mehr als 25.000 Flüchtlingen das Leben gekostet.

Insgesamt zählte das UNHCR in diesem Jahr 348.000 Menschen, die die Flucht über das Meer gewagt haben. 4.245 Todesfälle sind belegt. Das im Vergleich winzige Mittelmeer ist dabei mit gezählten 3.419 Todesfällen die weltweit mit Abstand tödlichste Fluchtroute.

Im Golf von Bengalen in Südostasien kamen 540 Asylsuchende auf der Flucht ums Leben. Insgesamt mussten dort 54.000 Menschen die Fluchtroute über das offene Meer nehmen. Am Horn von Afrika, wurden 82.000 Flüchtlinge im Roten Meer und dem Golf von Aden gezählt. 216 Menschen starben während der Überfahrt in den Jemen oder nach Saudi-Arabien. In der Karibik überlebten 72 Flüchtlinge ihre Flucht über das Meer nicht.

Die EU hat nicht nur die meisten Flüchtlingstoten zu verantworten, sie nimmt auch den geringsten Teil der weltweiten Flüchtlinge auf. Nach Angaben des UNHCR stammen mehr als die Hälfte der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aus den aktuellen Kriegsregionen. Darunter befanden sich 60.000 Syrer, 35.000 Eritreer, etwa 10.000 Malier und tausende Afghanen, denen jeder legale Weg nach Europa versperrt ist.

Obwohl die imperialistischen Mächte die Verantwortung für die Kriege tragen, die Millionen überhaupt erst zu Flüchtlingen machen, ziehen sie die Zugbrücke immer weiter hoch.

Auf der letzten Syrien-Krisenkonferenz des UNHCR in Genf vor wenigen Tagen sagten die Staaten Europas und Nordamerikas lediglich die Aufnahme von weiteren 38.000 syrischen Flüchtlingen zu. Sie wollen damit also nur ein Prozent der Flüchtlinge aufnehmen. Die deutsche Regierung will sogar überhaupt keine weiteren syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge ins Land lassen und verweist auf die bisherige Aufnahme von 80.000 Syrern.

Zum Vergleich: Die Nachbarstaaten Syriens, Jordanien, der Libanon, Ägypten, der Irak und die Türkei haben mehr als 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Ein bettelarmes Land wie Äthiopien beherbergt mehr als 650.000 Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und dem Südsudan – mehr als doppelt so viele wie Deutschland insgesamt. In Kenia sitzen in einem einzigen Flüchtlingslager nahe der Ortschaft Daadab mehr als 350.000 Flüchtlinge fest, die überwiegend aus Somalia stammen. Da dem Welternährungsprogramm dort die Mittel ausgehen, mussten die Essensrationen verringert werden und die Flüchtlinge beginnen zu hungern. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen.

Die Flüchtlingskrise in Syrien spitzt sich dramatisch zu. Die Nachbarstaaten, die mit den Flüchtlingen zunehmend überlastet sind, eifern dem Beispiel der EU nach und schließen ihre eigenen Grenzen. Hinzu kommt, dass die syrischen Flüchtlinge im Irak durch den Krieg der USA und ihrer europäischen Verbündeten gegen den Islamischen Staat nicht länger sicher sind. Der nahende Winter verschärft die Versorgungslage zusätzlich. Nach der Einschätzung von Experten sind in den nächsten Monaten tausende weitere Flüchtlinge vom Tod bedroht.