Ölpreisverfall und abstürzender Rubel erschüttern globale Märkte

Von Nick Beams
18. Dezember 2014

Am Montag kam es zu scharfen Rückgängen auf den europäischen Märkten, die Wall Street erlebte wilde Ausschläge und der russische Rubel erfuhr einen weiteren Wertverfall. All dies sind Hinweise, dass die globale Rezession sich immer stärker auf die Finanzmärkte auswirkt.

Der Tag begann mit einem Einbruch der asiatischen Märkte um 1,1 Prozent, gefolgt von Verlusten in ganz Europa, die sich in einem 2,4-prozentigen Rückgang des FTSE Eurofirst 300 Index ausdrückten. Turbulenzen an der Wall Street erinnerten an die Verwerfungen von Mitte Oktober, als ein „Flash-Crash“ der Anleihemarktverzinsung Bedingungen schuf, die denen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 ähnelten.

Der New Yorker S&P 500 Index stieg in der ersten halben Handelsstunde um 0,8 Prozent und fiel dann um ein Prozent. Das ist die stärkste Veränderung seit den Ereignissen von vor zwei Monaten. Weil die Sorge um den fallenden Ölpreis die Börse umtrieb, bewegte sich der Dow Jones in einer Schwankungsbreite von 300 plus bis 300 minus.

Die Theorie, dass ein niedriger Ölpreis der globalen Wirtschaft Auftrieb verschaffe, wird von der Realität widerlegt. Es wird immer offensichtlicher, dass der Preisverfall um 45 Prozent seit Juni eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage anzeigt.

Der Preis der Rohölsorte West Texas Intermediate, der allgemein als Benchmark gilt, ist allein in diesem Monat um fünfzehn Prozent gefallen. Hintergrund sind die Entscheidung des OPEC-Kartells, die Produktionsmenge nicht zu verringern, und die Senkung der Voraussage der Internationalen Energieagentur für den Ölverbrauch in 2015.

Am schmerzhaftesten spürt Russland den Verfall des Ölpreises. Dort hat der Rubel in diesem Jahr ungefähr die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Dollar verloren.

Als Reaktion auf den steilen Absturz vom Montag und das Scheitern mehrerer Marktinterventionen im Verlauf des Tages gab die russische Zentralbank mitten in der Nacht bekannt, sie werde den zentralen Zinssatz von 10,5 auf 17 Prozent anheben. „Die Entscheidung ist von der Notwendigkeit bestimmt, das Risiko von Abwertung und Inflation zu begrenzen, die beide in der letzten Zeit deutlich zugenommen haben“, teilte die Bank mit.

Früher am Tage hatte die Bank gewarnt, die russische Wirtschaft könne im nächsten Jahr bis zu 4,7 Prozent schrumpfen, wenn der Ölpreis bei ca. sechzig Dollar pro Barrel verharre. Die Schrumpfung könne noch stärker ausfallen, weil immer noch kein Ende der Talfahrt abzusehen sei. Morgan Stanley warnt, die Wirtschaft werde um sechs Prozent schrumpfen, wenn der Ölpreis auf fünfzig Dollar falle.

Der russische Haushalt und Wirtschaftsprognosen für das nächste Jahr gingen von einem bei Einhundert Dollar pro Barrel verharrenden Ölpreis aus. Auf dem Niveau stand er von 2011 bis Juni dieses Jahres.

Mit dem Verfall des Rubels sanken auch die Aktienpreise. Der Leitindex Micex ist seit Anfang Dezember um 26 Prozent abgerutscht. Das ist wahrscheinlich der stärkste Absturz seit Oktober 2008.

Wie Finanzmarkthändler und Analysten in New York sagen, ist die Initiative der russischen Zentralbank der letzte Pfeil in ihrem Köcher, um den Absturz der Währung aufzuhalten.

Russland befindet sich zwar im Auge des Sturms, aber dieser erstreckt sich auf alle „aufstrebenden Märkte“. Er wird mit der asiatischen Finanzkrise von 1997-98 verglichen, aber seine Folgen sind weit schwerwiegender, weil die asiatischen Volkswirtschaften und Finanzmärkte inzwischen viel enger in das globale Finanzsystem integriert sind.

In einem Bericht von Bloomberg heißt es: “Von Russland bis Venezuela, von Thailand bis Brasilien stürzen Aktien, Anleihen und Währungen der aufstrebenden Länder ab.” Die bedeutsamste Veränderung seit der Krise von 1997-98 ist die, dass viele dieser Länder heute flexible Wechselkurse und hohe Währungsreserven haben.

Aber in ihre Finanzsektoren ist viel privates Kapital geflossen, das sich jetzt zu verabschieden droht. Wie Anfang des Monats die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) berichtete, haben grenzüberschreitende Kredite an aufstrebende Wirtschaften in den letzten zehn Jahren von drei Billionen Dollar auf neun Billionen Dollar zugenommen.

Vergangene Woche zogen Investoren mehr als zweieinhalb Milliarden Dollar aus amerikanischen Wechselkursfonds ab, die normalerweise Aktien und Anleihen auf aufstrebenden Märkten kaufen. Das war der stärkste Abfluss seit Anfang des Jahres. Damals gab es Befürchtungen, die amerikanische Federal Reserve werde ihr Programm des Aufkaufs von Anleihen zurückfahren, das als „quantitative Lockerung“ bekannt ist.

Viele Investitionsstrategien gingen davon aus, dass die amerikanischen Zinsen niedrig und die Rohstoffpreise hoch bleiben würden. Jetzt ändert sich die Lage schnell. Die US-Fed zieht die Zinsschraube an, und überall fallen die Rohstoffpreise, nicht nur beim Öl. Jeder Anstieg des Dollarwerts aufgrund der Aktivitäten der Fed erhöht sofort die Schulden und die Zinslast für Finanzfirmen und Nicht-Finanzfirmen, die Kredite in Dollar gezeichnet haben.

Abgesehen von den unmittelbaren Auswirkungen auf die Finanzmärkte hat der Verfall des Ölpreises auch langfristige Folgen. Die Financial Times berichtete, dass einer Analyse von Goldman Sachs zufolge fast eine Billion in Ölprojekte investierte Dollar in aller Welt gefährdet seien, weil viele Projekte bei einem Ölpreis von siebzig Dollar pro Barrel unprofitabel werden. Die Kürzungen könnten noch höher ausfallen, weil die Studie die Produktion von Schiefergas und -öl in den USA nicht berücksichtigt hat.

Die wirtschaftliche Situation wird noch durch die geopolitischen Spannungen verschärft. Hinzu kommt, dass eine koordinierte Reaktion der wirtschaftlichen Großmächte auf die Krise vollkommen fehlt. Russlands Position hat sich durch die Sanktionen der USA und der Europäischen Union, die seinen Zugang zu den globalen Finanzmärkten einschränken, deutlich verschlechtert.

Am offensichtlichsten ist die mangelnde Koordinierung bei der unterschiedlichen Art und Weise, wie die großen Zentralbanken reagieren. Die amerikanische Fed hat ihr Aufkaufprogramm für Wertpapiere beendet und zieht Schritt für Schritt die Zinsen stärker an. Die Europäische Zentralbank hingegen denkt über einen verstärkten Kauf von Wertpapieren nach, möglicherweise sogar von Staatsanleihen.

Die Bank von Japan betreibt sogar eine noch aggressivere Form von quantitativer Lockerung. Sie kauft Staatsanleihen in Höhe von 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Monat auf. Die Bank betont zwar, sie betreibe keinen Abwertungswettlauf, der in den 1930er Jahren so katastrophale Folgen zeitigte, aber das japanische Programm zielt darauf ab, den Wert des Yen nach unten zu drücken, um die Exporte des Landes zu unterstützen.

Die Bestätigung der Regierung Abe bei der Wahl vom vergangenen Sonntag wird ziemlich wahrscheinlich zu einer noch aggressiveren Politik Japans führen. Daher warnte die globale Bank HSBC, das Sinken des Werts des Yen könnte „ungeordnet und schnell“ vor sich gehen und zu stürmischer Unruhe an den globalen Währungsmärkten führen. Sie schilderte ein Szenarium mit einem Zusammenbruch des Yen, einem Abrutschen des Euro und dem Beginn einer Krise. Der Bericht betonte, dies sei keine Voraussage, aber eine „Möglichkeit“, die man nicht außer Acht lassen solle.

Was immer das unmittelbare Ergebnis der Unruhe an den Märkten sein sollte, es gibt unmissverständliche Anzeichen, dass die außergewöhnlichen Maßnahmen der Notenbanken nach 2008 bald nicht mehr in der Lage sein werden, die Krise der globalen Wirtschaft in Schach zu halten.