Freigabe des Schweizer Franken erschüttert Finanzmärkte

Von Nick Beams
17. Januar 2015

Die Ankündigung der Schweizer Nationalbank am Donnerstag, den Mindestkurs des Schweizer Franken aufzuheben, der vor drei Jahren eingeführt wurde, hat die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt.

Der Schweizer Franken, der bisher einen festen Wert von 1,20 pro Euro hatte, legte innerhalb von Minuten 39 Prozent an Wert im Vergleich zum Dollar und zum Euro zu - eine der dramatischsten Entwicklungen in der Geschichte der Devisenmärkte.

Die Schweizer Zentralbank hatte diese Entscheidung umgesetzt, ohne zuvor den Internationalen Währungsfonds (IWF) oder irgendeine andere Behörde zu informieren, was die leitende Direktorin des IWF, Christine Lagarde, als "etwas überraschend" bezeichnete.

Die Wechselkursgrenze wurde während der Eurokrise im Jahr 2011 eingeführt, um die Aufwertung der Schweizer Währung aufzuhalten, die auf den Finanzmärkten als "sichere Anlage" gilt, und um die Exportmärkte des Landes zu schützen.

Angesichts der Tatsache, dass die Europäische Zentralbank beim nächsten Treffen des EZB-Rates am kommenden Donnerstag vermutlich eine Form von quantitativer Lockerung (QL) einführen wird, haben Schweizer Behörden allem Anschein nach entschieden, dass sie nicht mehr länger warten können. Jeder Schritt der EZB in Richtung quantitativer Lockerung wird den Wert des Euro, der sich bereits auf dem tiefsten Stand seit neun Jahren befindet, noch weiter senken. Die Schweizer Nationalbank hat große Mengen von Devisen aufgekauft, um die Deckelung beizubehalten, der Wert der Devisenbestände liegt mittlerweile bei 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Das volle Ausmaß der Auswirkungen der Entscheidung muss noch abgeschätzt werden, aber es steht außer Frage, dass sie bereits große Auswirkungen auf die Finanzmärkte hat, auf denen Händler, die darauf gewettet haben, dass die Deckelung beibehalten wird, massive Verluste erlitten haben.

Die Financial Times zitierte einen Hedgefondshändler mit den Worten: "Alle, die hier falsch lagen, werden am Boden liegen."

Der Australian Business Spectator warnte vor den "vermutlich immensen" Auswirkungen der Entscheidung. Einige Händler und Hedgefonds könnten große Verluste verzeichnen, "einige der Verlierer könnten in echte Schwierigkeiten geraten und gezwungen sein, andere Wertpapiere wie Aktien oder Staatsanleihen zu verkaufen, um ihre Verluste zu ersetzen." Es könnte auch zum Andrang auf andere als sicher geltende Anlagen kommen, wie deutsche und amerikanische Staatsanleihen, sowie zu einem massiven Verkauf von als riskant geltenden Wertpapieren, wie geringwertigen Unternehmensanleihen.

Die Entscheidung der Schweizer Nationalbank und die Schwingungen auf den Märkten, die sie ausgelöst hat, zeigen, dass sich die Krise auf den Finanzmärkten und der ihnen zugrunde liegenden Realwirtschaft vertieft.

Die leitende Direktorin des IWF Lagarde warnte am Donnerstag in einer wichtigen Rede vor der Veröffentlichung eines IWF-Berichtes über die Weltwirtschaft nächste Woche, der zeigen wird, dass das derzeitige Wachstumsmuster "zu niedrig, zu brüchig und zu einseitig" sei. Billiges Öl und ein zunehmendes Wirtschaftswachstum in den USA seien nicht genug, um die Weltwirtschaft anzukurbeln.

Lagarde erklärte auf einem Treffen des Council on Foreign Relations in Washington: "Der Ölpreis und das amerikanische Wirtschaftswachstum sind kein Heilmittel für die tiefsitzenden Schwächen in anderen Ländern. Zu viele Länder tragen noch immer an der Last der Finanzkrise, unter anderem an hohen Schulden und hoher Arbeitslosigkeit. Zu viele Unternehmen und zu viele Haushalte schränken ihre Investitionen und ihren Konsum ein, weil sie sich Sorgen wegen künftigen niedrigen Wachstums machen."

Sie warnte, die sinkenden Ölpreise könnten, anstatt die Weltwirtschaft anzukurbeln, die Gefahr einer Deflation erhöhen, vor allem in der Eurozone. "Das stärkt die Forderungen nach zusätzlichen finanziellen Anreizen. Die Europäische Zentralbank hat angedeutet, sie sei nötigenfalls bereit, sie zu setzen."

EZB-Präsident Mario Draghi hatte am Mittwoch in einem Interview mit der Zeit angedeutet, dass die Bank sich vorbereite, Staatsanleihen aufzukaufen, um die Auswirkungen der Deflation abzufangen. Die größte Sorge der Finanzbehörden ist, dass der andauernde Rückgang der Preise die Stellung der Banken und Finanzhäuser veschlechtert, weil die reale Höhe ihrer Schulden und Zinszahlungen unter solchen Bedingungen steigen würde.

Dieser Versuch, die Banken zu stärken, wird damit erklärt, es sei notwendig, das Mandat der EZB zu erfüllen, die Inflation nahe, aber unter einem Niveau von zwei Prozent zu halten.

Eurostat veröffentlichte letzte Woche Zahlen, die zeigten, dass die Eurozone zum ersten Mal seit 2009 in die Deflation gefallen ist. Die Verbraucherpreise in der Eurozone gingen im Dezember 2014 um 0,2 Prozent zurück, im November waren sie noch um 0,3 Prozent gestiegen.

Draghi sagte der Zeit: "Alle Mitglieder des Rates der Europäischen Zentralbank sind entschlossen, unserem Mandat gerecht zu werden."

Diese Demonstration von Einheit ist jedoch nur kosmetischer Natur. Tatsächlich ist der EZB-Rat tief zerstritten. Die Vertreter Deutschlands lehnen QL-Maßnahmen ab, da sie fürchten, deutsche Banken müssten für die Schulden anderer Länder haften, wenn die EZB Staatsanleihen aufkauft. Deutschlands Banken sind im Vergleich zu denen der USA und anderer Rivalen bereits unterkapitalisiert, weil sie durch das Subprime-Debakel von 2007-2008 große Verluste gemacht haben und fürchten, dass eine umfassende quantitative Lockerung ihre Position noch weiter schwächen wird.

Trotz der wachsenden Gefahr einer Deflation gehen die Spaltungen in der EZB nicht zurück, sondern werden heftiger.

Sabine Lautenschläger, eine der deutschen Vertreterinnen im EZB-Rat, erklärte in einem Interview in der Spiegel-Ausgabe vom 10. Januar, sie sei nicht von der Notwendigkeit des Aufkaufs von Staatsanleihen im großen Stil überzeugt.

Sie erklärte, das Problem sei nicht, dass die Kreditinstitute in Südeuropa nicht genug Liquidität hätten, da die EZB in den letzten Monaten eine Reihe von Maßnahmen unternommen habe, um sicherzustellen, dass genug Geld da sei. Vielmehr würden die Banken zögern, Kredite zu vergeben, weil sie glauben, das Risiko sei zu hoch, dass die Schuldner sie nicht zurückzahlen können, erklärte sie.

Auf die Frage, ob das "erfolgreiche" quantitative Lockerungsprogramm der amerikanischen Federal Reserve, durch das etwa vier Billionen Dollar in die Finanzmärkte gepumpt wurde, ein "Umdenken" bewirken würde, antwortete Lautenschläger, ein solcher Vergleich sei nicht möglich, da im Euroraum andere wirtschaftliche und politische Bedingungen herrschten. Zu Anfang des Interviews wies sie darauf hin, dass seine "Eigenheiten" als "Währungsraum aus neunzehn souveränen Staaten" berücksichtigt werden müssten.

Mit anderen Worten, eine gemeinsame Politik scheitert an der Aufteilung des Gebietes in rivalisierende und in Konflikt stehende Nationalstaaten.

Die Entscheidung der EZB am nächsten Donnerstag könnte diese Spannungen nicht verringern, sondern verschärfen. Einer der erwogenen Vorschläge ist, dass Staatsanleihen nur unter der Bedingung aufgekauft werden, dass die Zentralbank des Landes, dessen Anleihen gekauft wurden, als finanzieller Garant eintritt.

Wie der Wirtschaftskommentator der Financial Times, Wolfgang Münchau, am Montag in einer Kolumne feststellte, würde eine solche Entscheidung effektiv das "Ende einer einheitlichen Geldpolitik" bedeuten und diejenigen, die eine quantitative Lockerung gefordert haben, ihre Forderung bereuen lassen.

Das volle Ausmaß der Entscheidung der Schweiz ist noch nicht absehbar. Allerdings hat sie bereits die zunehmende Empfindlichkeit der Finanzmärkte gezeigt; dass sie ohne vorherige Benachrichtigung der Finanzbehörden umgesetzt wurde, zeigt außerdem, dass im Konflikt stehende nationale Interessen zunehmend in den Mittelpunkt rücken, während sich die Wirtschaftskrise verschärft.