Industrie 4.0: Die neuen Formen der Ausbeutung

Von Dietmar Henning
23. Januar 2015

Vertreter von Regierung, Industrie, Wirtschaftsinstituten und Gewerkschaften werben in jüngster Zeit unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ intensiv für eine „vierte industrielle Revolution“. Dahinter versteckt sich die totale Flexibilisierung der Arbeit und eine extreme Verschärfung der Ausbeutung.

„Das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 zielt darauf ab, die deutsche Industrie in die Lage zu versetzen, für die Zukunft der Produktion gerüstet zu sein“, heißt es dazu auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. „Industrieproduktion wird gekennzeichnet sein durch starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten (Großserien-) Produktion, die weitgehende Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse und die Verkopplung von Produktion und hochwertige Dienstleitungen.“

Unter Nutzung des Internets sollen Arbeitszeiten, Arbeitsrhythmus und Bezahlung restlos an die Bedingungen des „Marktes“ angepasst und den Profitinteressen der Unternehmen untergeordnet werden. Während sich die Bundesregierung wegen der Einführung eines (äußerst geringen) Mindestlohns noch als große Reformerin preist, bereitet sie neue Formen der Ausbeutung vor, neben denen sich die klassische Akkordarbeit wie eine soziale Wohltat ausnimmt.

Zahlreiche Forschungsvorhaben und -Institute – finanziert durch die Industrie und die Bundesregierung – treiben das Thema voran. Führend ist dabei das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), mit weltweit 1.300 Wissenschaftlern das größte ökonomische Forschungsnetzwerk.

Werner Eichhorst vom IZA nennt die bevorstehende Entwicklung einen „Prozess der kreativen Zerstörung“: Berufsbilder verschwänden, neue kämen. Einfache Arbeiten, Routinearbeiten, bis hin zu Facharbeitertätigkeiten in der Industrie würden an Bedeutung verlieren, hochqualifizierte Arbeiten wichtiger werden – zu Sklavenbedingungen und Niedrigstlöhnen, vergaß er hinzuzufügen.

Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat 2013 in der Studie „Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0“ führende Wissenschaftler und Unternehmenslenker zu Wort kommen lassen, und so einen Vorgeschmack auf die sozialen Auswirkungen gegeben.

Stärkere Schwankungen der Märkte müssten zukünftig besser bewältigt werden. „Das heißt, es geht nicht mehr nur um die Flexibilität in den acht Stunden Arbeit, die wir so gewohnt sind, sondern darüber hinaus“, erklärt darin Professor Dieter Spath, langjähriger Leiter des Fraunhofer IAO, der 2013 als Vorstandsvorsitzender zur Wittenstein AG wechselte.

Stefan Ferber von Bosch beschreibt das aktuelle Problem: „Was bringt es mir, wenn ich eine Fabrik habe, die mir bei 98 Prozent Auslastung den besten Profit bringt, und ich überhaupt nicht vorhersagen kann, was im nächsten Monat verkauft werden wird.“ Man müsse Fabriken bauen, die die Schwankungen bewältigen und zwar „in Echtzeit“.

Die Reaktionsfähigkeit des Mitarbeitereinsatzes in der heutigen Produktion, mit ihren wochen- oder monatelangen erforderlichen Vorlauffristen, müsse sich stark verbessern. Insbesondere die Möglichkeit, Produktionsmitarbeiter kurzfristiger einzusetzen, erachten zwei Drittel der im Rahmen der Studie befragten Unternehmen als dringend. Dies treffe vor allem auf „große Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern (82,9 %), bei Unternehmen aus der Automobilbranche (77,8 %) und bei Unternehmen mit starken kurzfristigen Schwankungen von Tag zu Tag (76,8 %)“ zu.

Als gelungenes Beispiel für die Flexibilität der Beschäftigten führt die Fraunhofer Studie den Flughafen Stuttgart an. Das dortige Flugaufkommen schwanke stark zwischen Sommer und Winter, Wochentagen und Wochenende sowie innerhalb eines Tages. Die rund 200 Mitarbeiter im Bodenverkehrsdienst (Verladung des Gepäcks, Transport der Fluggäste zu den Maschinen etc.) seien extrem flexibel einsetzbar und zwar an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr.

Prof. Georg Fundel, Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH berichtet: „Als in der Weltwirtschaftskrise unsere Produktion um 30 Prozent eingebrochen ist, haben wir alle Arbeitszeitkonten ins Minus gefahren.“ Dafür arbeiteten die Beschäftigten dann im Sommer mehr.

Auch die interne Verleihung der Beschäftigten komme am Flughafen Stuttgart zum Tragen. „Wenn wir im Winter weniger zu tun haben, freuen sich die Mitarbeiter, ihr Wissen im Unternehmen an anderer Stelle einbringen zu können.“ Beschäftigte, die keine Koffer zu verladen hätten, könnten in der Wache verschiedene Kontrolltätigkeiten übernehmen, andere verteilten Prospekte im Terminal oder übernähmen Informations- und Auskunftsfunktionen. „Das war früher undenkbar“, gesteht Geschäftsführer Fundel.

Das 2004 eingeführte flexible System zahlt sich laut Fundel aus: „Früher bezahlten wir pro Jahr fast eine Million Euro für Überstunden und Überstundenzuschläge. Heute zahlen wir Überstunden nicht aus, sondern bauen sie in Leerlaufzeiten wieder ab.“

Doch gehen die Vorstellungen der Unternehmen über die Flexibilisierung noch erheblich weiter. Leih- und Werkvertragsarbeit sei nicht mehr ausreichend. Es gehe darum, den „flexiblen Freelancer“ zu schaffen. Dabei handelt es sich um mehrfach ausgebildete Fachkräfte, die rund um die Uhr abrufbar, vielfach einsetzbar, ohne soziale Absicherung und ohne garantiertes Einkommen sind – eine Form der Tagelöhnerei für Facharbeiter und Akademiker.

Die „flexiblen Freelancer“ werden – sobald sie zahlreich vorhanden sind – gegeneinander ausgespielt und der Verdienst massiv gesenkt. Schon jetzt existiert diese digitale Ausbeutung beim so genannten „Crowdsourcing“. Dabei schreiben Konzerne meist über eine Internetplattform Aufgaben aus und jeder „Solo-Selbstständige“ bietet seine Lösung an. Doch nur das beste Produkt wird vergütet, alle anderen gehen leer aus.

Über diesen Weg entledigen sich die Unternehmen jeder sozialen Verantwortung. Alle Absicherungen und Errungenschaften, die sich die Arbeiterklasse in mehr als einem Jahrhundert erkämpft hat, fallen weg. Die Mehrheit der meist hoch qualifizierten Solo-Selbständigen sind für ihre Renten-, Kranken-, Arbeitslosenversicherung selbst zuständig. Sie erhalten keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keinen bezahlten Urlaub und schon gar kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld.

Neben der „Selbständigkeit“ kommen verschiedene Formen der „Flexibilisierung“ zum Einsatz, um die menschliche Arbeitskraft optimal auszubeuten. „Schon jetzt geben die Tarifverträge Rahmen vor, von denen betrieblich abgewichen werden kann“, kommentiert dies Dr. Constanze Kurz, Gewerkschaftssekretärin beim Vorstand der IG Metall. „Ich glaube beim Thema Flexibilität stehen die Unternehmen vielfach aber erst am Anfang.“

Neben Leiharbeit und Werkverträgen, die jetzt schon weit verbreitet sind, soll dazu vor allem der flexible Einsatz von Arbeitern in unterschiedlichen Abteilungen dienen, was die Unternehmen zynisch als „Qualifizierungsoffensive“ preisen. „Mitarbeiter von einer Arbeitsgruppe bedarfsweise in eine andere Arbeitsgruppe zu verleihen, erfordert eine breite Qualifizierung der Mitarbeiter“, heißt es dazu in der Fraunhofer Studie. Das ständige Dazulernen sei von großer Bedeutung.

Und da die von einer Abteilung zur anderen gejagten Mitarbeiter etwas dazu lernen, dient das gleichzeitig als Begründung, die Löhne weiter zu senken. Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) schlägt vor, insbesondere junge Beschäftigte müssten bereit sein, am Anfang ihrer beruflichen Karriere für Niedriglöhne zu arbeiten. Sie erhielten ein Entgelt in Form von Ausbildung und Qualifizierung – auch wenn diese Qualifizierung auf den jeweiligen Arbeitgeber zugeschnitten ist und daher nur dort von Bedeutung ist.

Der Dortmunder Professor Michael ten Hompel schlägt vor, „Menschen mit mobilen Endgeräten, sogenannten Smart Devices, in die Industrie 4.0“ einzubinden. Sie wären dann 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche verfügbar und könnten auch zu Hause arbeiten, dem Arbeitgeber also die Kosten für Büro und Arbeitsgerät ersparen. „Ich denke, die Fabrik der Zukunft ist genauso menschenleer, wie heutige Büros papierlos sind“, kommentiert dies Dr. Klaus Mittelbach vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie.

Die Einbindung der Arbeiter über mobile Endgeräte führt auch zu einer enormen Verschärfung der Arbeitshetze. Erstens ist damit jeder Schritt, jeder Handschlag, jede Verschnaufpause – einfach alles – überwachbar. Große Versandkonzerne wie Amazon oder Zalando haben dies in ihren Lagern bereits umgesetzt. Dort sind alle Beschäftigten über Scanner am Handgelenk stets lokalisierbar und beobachtbar. Wenn zweitens etwas Unvorhergesehenes passiert, ist es der Arbeiter, der schnell und flexibel reagieren und den Schaden oder die Verzögerung durch Mehrarbeit ausbaden muss. Feste Arbeitszeiten hat er ohnehin nicht mehr.

Die Kampagne für die „Arbeit der Zukunft“ in der Industrie 4.0 erinnert stark an die Kampagne zur Einführung der Gruppenarbeit in der Produktion in den 1990er Jahren. Damals wurde die Gruppenarbeit von Unternehmen und Gewerkschaften zu einer „Humanisierung der Arbeit“ verklärt. Heute schwärmt Unternehmer Manfred Wittenstein in der Fraunhofer Studie: „Die Menschen werden durch selbstverantwortliches Arbeiten eine höhere Befriedigung finden.“ Die höhere Verfügbarkeit von Informationen vor Ort „erleichtert den Einstieg in den schöpferischen Prozess, im Gegensatz zum bloßen Ausführen von erteilten Aufgaben“. Diese Autonomie „führt zu einer höheren Identifikation mit der Arbeit“.

In Wirklichkeit bedeutete Gruppenarbeit Gruppenakkord, und nun soll dieses Prinzip im Rahmen der „Industrie 4.0“ auf die gesamte „vernetzte“ Belegschaft ausgeweitet werden.

Die Gewerkschaften spielen bei der Entwicklung dieser neuen Ausbeutungsmethoden eine zentrale Rolle. Nicht zufällig sitzt Verdi-Chef Frank Bsirske im Kuratorium des Fraunhofer IAO. Dr. Constanze Kurz, Gewerkschaftssekretärin beim Vorstand der IG Metall, kommt in der Fraunhofer Studie mehrfach zu Wort. Sie sieht unter anderem Chancen, dass zukünftig „Menschen, die heute gar nicht daran denken in der Produktion zu arbeiten, dieses Feld attraktiv finden“. Produktion habe heute „einen gewissen Geruch und den wird man eben auch nicht einfach los“, so die IGM-Sekretärin.

Das IZA führt Hubertus Schmoldt, den ehemaligen Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) und Ruprecht Hammerschmidt, den Pressesprecher der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IGBAU), als „Policy Fellows“.

Die Gewerkschaften lobt das IZA als wesentlichen Akteur: „Eine ganz zentrale Rolle kommt hierbei der Gestaltung der konkreten Arbeitsorganisation in den Betrieben zu.“ DGB-Chef Rainer Hoffmann betonte auf der Jahresauftakt-Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch, der DGB werde die Veränderungen in der Arbeitswelt aktiv mitgestalten. Das diesjährige 1. Mai-Motto des DGB lautet: „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“

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