Kapitalismus und globale Plutokratie

23. Januar 2015

Die internationale Hilfsorganisation Oxfam hat einen neuen Bericht über soziale Ungleichheit veröffentlicht, der zeigt, dass die Kluft zwischen den Superreichen und der Mehrheit der Gesellschaft nicht nur nicht kleiner wird, sondern immer schneller anwächst.

Neuesten Zahlen zufolge hatten die reichsten 92 Multimilliardäre 2013 genauso viel Vermögen wie die unteren fünfzig Prozent der Gesellschaft. 2014 war diese Zahl schon auf achtzig Milliardäre gefallen. Mit anderen Worten, eine Gruppe von Menschen, die in einen Doppeldeckerbus passt, besitzt mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen. Das ist die addierte Bevölkerung Chinas, Indiens, der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.

Die Ungleichheit wächst so schnell, dass das reichste Prozent schon nächstes Jahr mehr Vermögen haben wird als die unteren 99 Prozent der Weltbevölkerung. Es kann gut sein, dass die globale Gesellschaft in der ganzen Menschheitsgeschichte bisher noch niemals so ungleich wie heute war.

Oxfam ließ die Veröffentlichung ihres Berichts mit der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Davos zusammenfallen, wo ca. 2.500 Milliardäre, Wirtschaftsführer, Staatsoberhäupter und ihre Entourage zusammenkommen.

Oxfam-Direktorin Winnie Byanyima ist eingeladen worden, als Co-Vorsitzende der Veranstaltung zu fungieren. Wie die Organisation erklärte, will Byanyima „ihre Position nutzen, dringende Maßnahmen zu fordern, um die steigende Flut der Ungleichheit in den Griff zu bekommen“.

Welch eine Ironie. Byanyima will ihren Appell ausgerechnet an das größte Jahrestreffen der globalen Plutokratie richten, über deren hemmungslose Bereicherung sie sich in ihrem Bericht so bitter beschwert. Anwesend sind etwa hundert Milliardäre und hunderte Multimillionäre, deren Reichtum sich teilweise in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat. Derweil besitzt die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, wie der Oxfam-Bericht auch aufzeigt, heute noch erheblich weniger Vermögen als 2009.

Im vergangenen Jahr haben sich mehrere internationale Persönlichkeiten besorgt über das Anwachsen der Ungleichheit geäußert. Unter ihnen fanden sich der zum Multimillionär gemauserte Ex-US-Finanzminister Lawrence Summers, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, US-Präsident Barack Obama und Bill Gates, der reichste Mann der Welt.

Der enorme Abgrund, der sich zwischen den Superreichen und der großen Mehrheit der Bevölkerung – der Arbeiterklasse – auftut, bestimmt zweifellos das Leben auf der ganzen Welt. Einige derer, die dafür verantwortlich sind, machen sich Sorgen, dass der Kapitalismus, wie es bei Marx und Engels heißt, seinen eigenen Totengräber schafft: die zunehmend unruhige und feindselige Arbeiterklasse.

Was jedoch an all diesen Äußerungen ins Auge springt, ist die Tatsache, dass sie an keiner Stelle auf die politische und Klassendynamik eingehen, die zu dieser Kluft zwischen den Reichen und der Mehrheit der Gesellschaft geführt hat. All diese Kommentatoren tun so, als sei die wachsende soziale Ungleichheit das Ergebnis unvermeidlicher Prozesse, und habe nichts mit dem Handeln von Regierungen und gesellschaftlichen Klassen zu tun.

Tatsache ist, dass die hemmungslose Anhäufung von Reichtum durch die Superreichen Ergebnis einer eigensüchtigen Politik ist, die die herrschende Klasse seit der Finanzkrise von 2008 verfolgt. Und auch die Finanzkrise selbst war das Ergebnis von kriminellen Machenschaften der Finanzelite. Allein die amerikanische Regierung hat fast sieben Billionen Dollar in das Finanzsystem gepumpt, mit denen Wertpapiere im Wert von mehr als dreißig Billionen Dollar gestützt wurden. Zentralbanken in aller Welt folgten diesem Beispiel.

Globale Konzerne nutzen die Massenarbeitslosigkeit aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs zur Senkung von Löhnen und zur Steigerung der Ausbeutung der Arbeiter, und alle Regierungen nützen bis heute die Wirtschaftskrise zur Durchsetzung von Sozialkürzungen aus.

Fast sieben Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers führt die seit dem Finanzkrach betriebene Politik zu einer neuen globalen Krise. Die chinesische Aktienblase, die im vergangenen Jahr dutzende neue Milliardäre sprießen ließ, scheint zu platzen. Sie hat am Montag ihren stärksten Verlust seit 2008 erlitten. Europa steckt in der Deflation, und Analysten erwarten, dass die russische Wirtschaft dieses Jahr um fünf Prozent schrumpfen wird.

Am Montag senkte der Internationale Währungsfond seine Wachstumserwartung für dieses Jahr. Aber der herrschenden Klasse fällt zur Krise ihres Systems nichts anderes ein, als noch mehr Geld in die Tresore der Reichen zu schaufeln. „Die Geldpolitik (…) muss locker bleiben“, heißt es. „Notfalls müssen weitere Instrumente zum Einsatz kommen.“ Das ist ein verschlüsselter Hinweis auf Maßnahmen wie quantitative Lockerung.

Parasitismus ist der Stoff, der die globale Plutokratie durchdringt. Sie erwirbt ihren Reichtum nicht durch Produktion, sondern durch Betrug, Spekulation und Raub. Sie nutzt ihre enormen Mittel, um das politische Leben zu beherrschen und eine Politik durchzusetzen, die einzig auf ihre Bereicherung und ihren Ruhm ausgerichtet ist und auf Kosten der ganzen übrigen Menschheit geht.

Die globale Plutokratie ist ein Krebs am Körper der Menschheit. Sie verteidigt ihren Reichtum und das kapitalistische Profitsystem, auf dem er beruht, mit allen Mitteln. Mit diesem Kurs haben die herrschenden Klassen der Welt die Menschheit an den Rand des Ruins gebracht. Die großen imperialistischen Mächte kämpfen um die Neuaufteilung der Welt. Im vergangenen Jahr trat die Gefahr eines Weltkriegs einhundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als reale Gefahr wieder hervor.

Auf zunehmende soziale Spannungen reagiert die Plutokratie nicht mit Reformen, sondern mit Unterdrückung. Umfangreiche Überwachungs- Polizei und Militärapparate werden geschaffen, um die eigene Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Die tödlichen Ideologien des letzten Jahrhunderts, Faschismus, Chauvinismus und Autoritarismus, erheben wieder ihr Haupt und richten sich gegen jede Bedrohung der Herrschaft des Geldes.

Es ist hoffnungslos naiv zu glauben, irgendein großes Gesellschaftsproblem könne gelöst werden, ohne den Würgegriff der Finanzoligarchie abzuschütteln. Ihr gestohlener Reichtum muss enteignet werden, die Konzerne unter ihrer Kontrolle müssen verstaatlicht und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt werden, damit sie dem Interesse der Gesellschaft statt dem privaten Profit dienen können.

Um das zu erreichen, muss eine politische Bewegung aufgebaut werden, die die internationale Arbeiterklasse, die große Mehrheit der Weltbevölkerung, auf der Grundlage eines revolutionären Programms vereint, damit sie das bankrotte kapitalistische System stürzen kann. Das ist die Aufgabe der Socialist Equality Party und des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Wir rufen Arbeiter und Jugendliche in aller Welt auf, Mitglied der Vierten Internationale zu werden und den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen.

Andre Damon