Arm trotz Arbeit

Von Dietmar Henning
27. Januar 2015

Während Bundesregierung und Medien vom deutschen „Jobwunder“ schwärmen, weisen immer mehr Studien nach, dass dieses angebliche Wunder auf Billiglohn- und Teilzeitarbeit basiert. So ist die Zahl derer, die kaum von ihren Einkommen leben können, gegenüber 2008 um 25 Prozent gestiegen. 3,1 Millionen Erwerbstätige lebten Ende 2013 unterhalb der Armutsschwelle, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. 2008 hatte die Zahl der so genannten „Working Poor“ noch bei rund 2,5 Millionen Menschen gelegen.

Als armutsgefährdet gilt, wer einschließlich aller staatlichen Transfers (wie zum Beispiel Wohn- oder Kindergeld) weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erzielt. 2013 lag diese Schwelle in Deutschland bei 979 Euro netto im Monat für einen Alleinstehenden und bei 2056 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren.

Laut den Statistikern hat dies weitreichende Folgen für die Betroffenen und vor allem für deren Kinder. So konnten 2013 379.000 der armutsgefährdeten Erwerbstätigen ihre Miete nicht rechtzeitig bezahlen. 417.000 verzichteten auf angemessenes Heizen. Rund 538.000 sparten beim Essen, indem sie nur jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit zu sich nahmen. Fast 600.000 Betroffene konnten sich kein eigenes Auto leisten. Für rund 1,5 Millionen ist selbst ein einwöchiger Urlaub im Jahr unbezahlbar.

Kurz vor Weihnachten berichteten die Verbraucherzentralen, dass immer mehr Familien an den Feiertagen ohne Strom auskommen müssen. Allein im vergangenen Jahr wurde laut Bundesnetzagentur knapp 345.000 Haushalten der Strom vorübergehend abgestellt. Die Verbraucherzentrale geht von einer deutlich höheren Zahl aus.

Ursachen für das Anwachsen der Armut unter Berufstätigen sind niedrige Löhne und Gehälter, an denen auch der Mindestlohn nichts ändert, sowie niedrige Sozialleistungen wie Wohn- und Kindergeld. Ein weiterer Grund ist die steigende Zahl derer, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten.

Zwar erreicht die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland fast jährlich einen neuen Höchststand. Die Bundesregierung wird nicht müde, dies als Erfolg zu präsentieren. Doch der Anteil von Teilzeit- oder Minijobs ist höher als in fast allen anderen europäischen Ländern. Das zeigt eine neue Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung.

Demnach liegt die Erwerbstätigenquote – der Anteil der Beschäftigten an den Einwohnern im erwerbsfähigen Alter – nur in Island, der Schweiz, Schweden und Norwegen höher als in Deutschland. Doch diese Quote sagt nichts über die Art und Weise der Beschäftigung aus. „Die nominelle Erwerbstätigenquote beruht auf einer reinen Personenzählung ohne zwischen Vollzeit- und Teilzeittätigkeiten zu unterscheiden“, heißt es in der Studie. Deshalb sei die hohe Erwerbstätigenquote Deutschlands irreführend, denn in Deutschland arbeite jeder vierte Beschäftigte, das sind fast 11 Millionen Menschen, in Teilzeit. Höher fällt der Anteil nur in den Niederlanden und der Schweiz aus.

Zudem arbeiten die Teilzeitarbeiter nur sehr kurz. Minijobber, die maximal 450 Euro im Monat verdienen, machen etwa die Hälfte der gesamten Teilzeitbeschäftigten in Deutschland aus. Diese über 5 Millionen Menschen arbeiten wiederum hauptsächlich im Niedriglohnbereich. Hinzu kommen weitere 2,35 Millionen Minijobber, die den Minijob zusätzlich zu einem anderen Job ausüben.

Nach aktuellen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes haben mehr als 3 Millionen Beschäftigte in Deutschland den Wunsch, länger zu arbeiten. Insbesondere viele Frauen arbeiten weniger, als sie möchten. Sie finden keine Vollzeit-Stelle oder haben Kinder oder Angehörige zu betreuen.

Insgesamt war 2014 jeder sechste Einwohner Deutschlands von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das entspricht über 13 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt im Oktober mitteilte. Insbesondere in Berlin, dem Ruhrgebiet und vielen ostdeutschen Gebieten wächst die Zahl der Armen.

Während die Armut wächst, konzentriert sich am anderen Pol der Gesellschaft der Reichtum. Die Privatvermögen sind in Deutschland auf weit über 10 Billionen Euro angewachsen, das sind 10.000 Milliarden Euro. Allein die 100 reichsten deutschen Personen und Familien besitzen ein Vermögen von 336 Milliarden Euro.

Die Schere zwischen Arm und Reich driftet unaufhörlich auseinander. Sie sind das Ergebnis einer Politik, die im Interesse der Reichen hunderte Milliarden in die Finanzmärkte pumpt, die dann auf den Bankkonten der Groß-Aktienbesitzer landen. Die Milliardenüberweisungen in die Taschen der Superreichen werden durch Sparprogramme wieder bei den Arbeitern und Arbeitslosen einkassiert – eine gewaltige Umverteilung des Reichtums von unten nach oben.

Die Gewerkschaften sind mit verantwortlich für diese Politik. Sie haben nicht nur die Einführung der Hartz-Gesetze vor zehn Jahren und das Bankenrettungspaket von einer halben Billion Euro im Jahre 2009 mitgetragen. Vor allem sind sie es, die die Mechanismen ausarbeiten, mit denen die Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen in den Betrieben durchgesetzt werden.

Ihre in Sonntagsreden und über die Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) leise vorgetragene Kritik dient der Vernichtung der eigenen Spuren und gleichzeitig als Warnung vor den Auswirkungen dieser Politik, vor sozialen Protesten und Aufständen. Diese fürchten der DGB und seine Gewerkschaften wie der Teufel das Weihwasser.