Die Kontroverse um den Film American Sniper (Der Scharfschütze)

Von David Walsh
12. Februar 2015

Mit der Bewerbung und Verteidigung von Clint Eastwoods Film Der Scharfschütze(American Sniper) versuchen Politik und Medien in den USA aktuell, ihre militaristische Agenda zu verfolgen. Die Kampagne wird mit einer solchen Heftigkeit geführt, dass die vergleichsweise harmlose Kritik des Filmemachers Michael Moore und des Schauspielers und Regisseurs Seth Rogen eine Kontroverse ausgelöst und zu wüsten Beschimpfungen gegen sie geführt haben. Die beiden wurden als "Verräter" denunziert, und Moore erhielt Morddrohungen.

American Sniper

 

Der Scharfschütze ist den Versuchen zuzurechnen, die illegale Invasion und Besetzung des Irak durch das US-Militär zu verklären – einen Krieg, der die Infrastruktur des Nahoststaates zerstört, einen mörderischen sektiererischen Bürgerkrieg ausgelöst und mindestens eine Million irakische Opfer gefordert hat. Jetzt sollen nicht nur die bereits begangenen Verbrechen legitimiert, auch die öffentliche Meinung soll eingeschüchtert und vergiftet, und die Opposition gegen zukünftige, noch größere Verbrechen untergraben werden.

Held des Films Der Scharfschütze ist Chris Kyle (Bradley Cooper), ein Navy Seal, der 160 oder mehr Aufständische im Irak getötet haben soll. Der Film stellt ihn als eine aufrechte, patriotische und gottesfürchtige Person dar, die sich vor allem unter dem Eindruck der Selbstmordanschläge des 11. Septembers 2001 dem Militär anschloss.

Die Szenen aus dem Irak präsentieren die amerikanischen Streitkräfte als Kämpfer für eine gerechte Sache gegen einen fast unvorstellbar grausamen und bösen Feind. Die Haltung des Films gegenüber den Irakern und Arabern im Allgemeinen ist feindselig und verächtlich. Die US-Streitkräfte verkörpern Ordnung, Moderne, Zivilisation und Vernunft; die Iraker – sie stehen für Aberglauben, Rückständigkeit, Verrat und Gewalt. Nach der Logik des Films müssen die amerikanischen Soldaten einfach eine große Anzahl von Irakern auslöschen, zur Selbstverteidigung und gewissermaßen auch im Sinne der öffentlichen Hygiene.

An keiner Stelle fragt der Film nach der Legitimität des Irak-Krieges, seinen Ursachen und dem historischen Kontext, oder nach den weiterreichenden geopolitischen Implikationen. Der Scharfschütze soll Fragen und Kritik abblocken.

In den USA wird mit großer Entschlossenheit versucht, die chauvinistische Haltung "Recht oder Unrecht, (es ist) mein Vaterland", die in den Augen von Millionen durch die Erfahrung des Vietnam-Krieges so in Verruf geraten ist, zu neuem Leben zu erwecken.

Die primitive Sichtweise des Films passt zu der Schlichtheit der Psyche und Motivation der Beteiligten. Der abgestumpfte Kyle verteidigt entschlossen das Leben von Amerikanern, seine eher weinerliche Frau setzt alles daran, dass er nach Hause zurückkommt, die schmutzigen Iraker sind besessen davon, Amerikaner zu töten, usw. Eine mörderische, kriminelle Operation als makellos darzustellen, ist eine zeitraubende Aufgabe, auf ihre Weise eine echte Herausforderung. Die Filmemacher hatten wenig Energie übrig, um glaubwürdige, vielschichtige menschliche Charaktere oder Dialoge zu entwickeln.

Es sei darauf hingewiesen, dass Eastwoods Film deutlich die halb-faschistischen Ansichten und Verhaltensweisen Kyles herunterspielt und verwässert. Cooper ist viel stärker in sich gekehrt und bekümmert als der Kyle, wie er sich in seiner Autobiografie darstellt.

Kyle, der vorhatte, Ranch-Manager zu werden, war der Sohn eines Managers der Southwestern Bell and AT & T, der auch Diakon war und ein kleines Unternehmen führte. Er wuchs im halbländlichen Norden von Mitteltexas auf, in einer von Militarismus, Antikommunismus und "Familien- und Traditionswerten" durchtränkten Atmosphäre. Es ist schwer, sich einen noch reaktionäreren Hintergrund vorzustellen.

Was Kyles Einsichten in den Irak-Krieg angeht, heißt es in seiner von einem Ghostwriter verfassten Autobiografie: "Brutales, abscheuliches Böses. Dagegen haben wir im Irak gekämpft. Und deshalb haben viele, auch ich, den Feind als ‚Wilde’ bezeichnet.“

Er fügt hinzu: "Mein Land hat mich dort hingeschickt, damit dieser Schwachsinn nicht zu uns kommt. Ich habe nie für die Iraker gekämpft. Ich scheiß auf sie ... ich liebte meinen Job, liebe ihn auch heute noch ... es hat Spaß gemacht. Die Zeit als Seal war die beste meines Lebens“.

Als gegen ihn ermittelt wurde, weil er unter dem Verdacht stand, einen unbewaffneten Zivilisten erschossen zu haben, sagte Kyle, ein anti-muslimischer Eiferer, zu einem Oberst: "Ich erschieße keine Menschen mit einem Koran. Ich würde gerne, aber ich tue es nicht".

Kyle diente auch für kurze Zeit als Leibwächter für Sarah Palin, die ehemalige Gouverneurin von Alaska. Rechtsextremer christlicher Fanatismus und ihm verwandte faschistische Ansichten sollen in den amerikanischen Elite-Killerkommandos wie den Seals und den Army Special Forces großen Einfluss haben.

Die liberalen Kritiker, die entweder von sich aus weit nach rechts gegangen sind oder die Hosen voll haben, bewerteten den Scharfschützen im Allgemeinen positiv. David Denby zum Beispiel schrieb im New Yorker, dass der Film "sowohl ein schockierender Kriegs- als auch ein schockierender Anti-Kriegs-Film ist, ein verhaltenes Loblied auf die Fähigkeiten eines Kämpfers, und ein tieftrauriges Klagelied über seine Entfremdung und seine elende Situation.“

Während A.O. Scott von der New York Times den Streifen nicht zu Eastwoods "großen Filmen" zählt, behauptet er andererseits, dass "er seine beachtliche Kraft der Klarheit und Aufrichtigkeit seiner Grundüberzeugungen verdankt. Weniger ein Kriegsfilm als ein Western... ist er direkt und wirkungsvoll, aber auch beunruhigend".

Das offizielle Hollywood schloss sich dem unseligen Werbefeldzug für Der Scharfschütze am 15. Januar an. Es gab bekannt, dass der Film für sechs Oscars nominiert sei, u. a. in den Kategorien Bester Film, Bester Schauspieler und Bestes adaptiertes Drehbuch.

Von den Kritikern, den Medien und der Unterhaltungsbranche war natürlich zu erwarten, dass sie der neuen Offensive der Kriegsbefürworter, die das Bewusstsein der Bevölkerung betäuben will, nichts entgegensetzen würden.

Die "Kontroverse", die Ende Januar aufkam, war vor allem eine Provokation. Die Ultrarechte, die begeistert ist über den Film und seinen kommerziellen Erfolg, wartete nur darauf, dass jemand Bekanntes etwas Falsches sagte.

American Sniper

Als Michael Moore und Seth Rogen (der gerade erst selbst mit dem Anti-Nordkorea-Film The Interview an einer finsteren Provokation beteiligt war), ein paar "falsche Dinge" sagten, wurde das begierig aufgegriffen, und man brandmarkte sie - unverdienterweise - als Gegner des heldenhaften amerikanischen Militärs.

Ohne den Film zu erwähnen, twitterte Moore am 18. Januar: "Uns wurde beigebracht, dass Scharfschützen Feiglinge sind ... Scharfschützen sind keine Helden. Und Invasoren sind noch schlimmer". Er twitterte ein zweites Mal in dem Sinne, dass die Verteidigung "deiner Heimat gegen Eindringlinge", die aus 7000 Meilen Entfernung kommen, „mutig" ist.

Rogen twitterte am 19. Januar, Der Scharfschütze "erinnerte mich irgendwie“ an den Nazi-Propagandafilm, der in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds gezeigt wird.

Es folgten wütende Angriffe auf beide. Rogen warf sofort das Handtuch und sprach von einem Missverständnis: "Ich mochte Der Scharfschütze eigentlich. Er erinnerte mich einfach an die Szene in Tarantinos Film... Ich habe die beiden Filme nicht verglichen".

Moore, der sich politisch völlig unglaubwürdig gemacht hat (vor allem, weil er Kathryn Bigelows Film Zero Dark Thirty, der Folter bejaht, lautstark verteidigt hat), verteidigte sich auf Facebook mit einem armseligen Kommentar, in dem er den Behauptungen der Rechten entgegentrat, dass "Michael Moore die amerikanischen Truppen hasst". Er sei gegen den “sinnlosen” Irakkrieg gewesen, behauptete Moore, machte aber geltend: "Ich bin der, der die Truppen unterstützt hat", und sprach von den "tapferen jungen Männer und Frauen" des Militärs.

So kapituliert man bereits vor dem Kampf. Es ist eine Sache zu erklären, dass einzelne Mitglieder der Streitkräfte nicht für die Verbrechen der US-Regierung und des Militärs verantwortlich sind und dass sie ebenfalls Opfer des imperialistischen Kriegsdrangs sind. Es ist etwas völlig anderes, die Truppen als Helden zu preisen, als sei die Tatsache, dass sie in Verbrechen verwickelt sind, bedeutungslos, und sich selbst, wie es Moore tut, der pausenlosen militaristischen Propaganda anzupassen, die die USA seit 15 Jahren heimsucht.

Die Besetzung des Irak führte zur Entvölkerung von Falludscha (wo weißer Phosphor eingesetzt wurde) und anderer Städte, die Widerstand leisteten, zu den Gräueltaten im Abu Ghraib-Gefängnis, zum Massaker in Haditha, zur Gruppenvergewaltigung eines 14-jährigen irakischen Mädchens und dem Mord an ihrer Familie in Al-Mahmudiyah, zu den Kriegsverbrechen der "Leavenworth 10", eine Gruppe von US-Soldaten in Bagdad, zu den Morden durch Marines in Hamdania, zum Luftangriff in Bagdad, auch "Collateral Murder" genannt, und zu unzähligen anderen Grausamkeiten.

Tagtäglich fügten die amerikanischen Streitkräfte der irakischen Bevölkerung zerstörerische Gewalt zu, wovon nur ein winziger Teil bisher allgemein bekannt wurde. Das liegt im Wesen der kolonialen "Aufstandsbekämpfung". Der amerikanische Militär- und Geheimdienstapparat ist die treibende Kraft hinter Gewalt und Terror auf dem Planeten, und unzählige Menschen auf der ganzen Welt wissen das genau.

Die Kontroverse um den Film Der Scharfschütze muss man in Verbindung mit den unablässigen Versuchen sehen, das US-Militär zu glorifizieren, Opposition einzuschüchtern und in die Knie zu zwingen, und den Gegnern von Krieg und Militarismus das Gefühl zu geben, sie seien isoliert und stünden allein. Die verzweifelten Bemühungen, Militarismus zu propagieren, zeugen von der Krise des amerikanischen Kapitalismus, dessen Bestrebungen im Nahen Osten und in Zentralasien bislang weitgehend in Rückschlägen und Misserfolgen endeten.

Welche Absichten der betagte Eastwood verfolgt, der dabei bleibt, dass es ein “Antikriegsfilm” ist, sei dahingestellt. Aber Der Scharfschützeheizt fremdenfeindliche Stimmungen weiter an, und wird, gerade nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, antimuslimischen Hass und Gewalt zusätzlich befeuern. Auf ihre Weise zeigt diese geschmacklose Propagandaschlacht, dass der amerikanische Imperialismus sich keineswegs aus dem Nahen Osten oder einem anderen Teil der Welt zurückziehen will. Diese ganze Angelegenheit muss als ernstzunehmende Warnung verstanden werden.

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