Amerikanische Historiker kritisieren japanische Regierung wegen Beschönigung von Kriegsverbrechen

Von Ben McGrath
21. Februar 2015

Eine Gruppe von 19 amerikanischen Historikern hat gegen den japanischen Premierminister Schinzo Abe protestiert. Dieser drängte den amerikanischen Verlag McGraw-Hill dazu, Textpassagen eines Buches über die furchtbare Misshandlung der sogenannten „Trostfrauen“ durch das japanische Militär während des Zweiten Weltkriegs zu verändern. 

In einer Erklärung mit der Überschrift „Solidarität mit den Historikern in Japan“ kritisierten die amerikanischen Historiker nicht nur den Versuch der japanischen Regierung, die Geschichte umzuschreiben. Sie sprachen sich gegen alle Versuch einer Regierung aus, die Geschichtswissenschaft zu zensieren und unterstützen explizit ihre japanischen Kollegen, die zu den „Trostfrauen“ geforscht haben. „Trostfrauen“ ist ein euphemistischer Begriff für Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs als Sexsklavinnen für japanische Soldaten in „Militärbordelle“ verschleppt wurden.

Zu den Unterzeichnern der Protestnote an Abe gehören Patrick Manning, Professor an der Universität Pittsburg und Anwärter auf die Leitung der Amerikanischen Historischen Gesellschaft (American Historical Association) und Herbert Ziegler von der Hawaii Universität und einer der Mitautoren des von Abe kritisierten Buchs.

Ende letzten Jahres hatte sich der japanische Generalkonsul in New York mit Vertretern von McGraw-Hill getroffen und eine Änderung des Buchs verlangt. Der Verlag lehnte das ab. Ende Januar erklärte Abe persönlich, er sei durch das, was er in Büchern gelesen habe, „geschockt“ und forderte mehr Bereitschaft zur „Korrektur“ solcher Inhalte. 

In der Erklärung der amerikanischen Akademiker heißt es: „Als Historiker erklären wir unsere Bestürzung über die Versuche der japanischen Regierung, sowohl in Japan als auch in anderen Ländern historische Berichte über die euphemistisch als „Trostfrauen“ bezeichneten Frauen zu unterdrücken, die während ihres erzwungenen Dienstes für die Kaiserlich Japanische Armee im Zweiten Weltkrieg unter einem brutalen System sexueller Ausbeutung zu leiden hatten.“

Die Historiker stellten sich auch hinter japanische Geschichtswissenschaftler wie Joschimi Joschiaki, Professor an der japanischen Chuo Universität. „Nach der sorgfältigen Forschungsarbeit des Historikers Joschimi Joschiaki in japanischen Regierungsarchiven und nach Zeugenaussagen Überlebender aus ganz Asien stehen die grundlegenden Züge eines Systems außer Frage, das zu staatlich betriebener sexueller Sklaverei führte,“ heißt es in der Erklärung. 

Joschiaki ist Professor für Neuere Geschichte und Autor des Buches „Trostfrauen“, dessen japanische Erstausgabe 1995 erschien. Eine Englisch Ausgabe wurde 2002 veröffentlicht. Als sich 1992 erstmal Opfer zu Wort meldeten, begann Joschiaki mit seinen Forschungen über die sexuelle Versklavung der „Trostfrauen“. Er sichtete umfangreiche Dokumente aus den 1930er Jahren, die er im Archiv des Verteidigungsministeriums fand. Dieses Informationsmaterial ist äußerst wertvoll, da im Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs vieles vernichtet wurde, unter anderem viele Beweise für Kriegsverbrechen.

Joschiaki rekonstruierte mit Hilfe dieser Dokumente die Rolle des Militärs bei der Errichtung von Bordellen. 2007 erklärte in in der New York Times: „Das sind Dinge, die in offiziellen Dokumenten nie aufgezeichnet wurden. Dass sie [die Trostfrauen] gewaltsam rekrutiert wurden wurde an prominenter Stelle nie dokumentiert.“

Die Anzahl der Frauen, die zwangsprostituiert wurden, wird auf nahezu 200.000 geschätzt. Viele von ihnen kamen aus Korea, China, den Philippinen und aus anderen, von Japan besetzten asiatischen Ländern. Die Frauen und Mädchen lebten in den japanischen Militärbordellen unter apokalyptischen Verhältnissen. Viele begingen Selbstmord.

Ein Teil der Frauen wurde gewaltsam, andere durch Täuschungsmanöver in die sexuelle Sklaverei gezwungen und dann gegen ihren Willen gefangen gehalten. In Korea arbeitete das japanische Militär beispielsweise mit koreanischen Mittelsmännern, die die Mädchen oft mit falschen Versprechungen über gut bezahlte Fabrikarbeit oder andere Jobs anlockten. Die Mädchen stammten häufig aus armen Familien.

Rechte japanische Nationalisten behaupten oft, die „Trostfrauen“ seien schon zuvor Prostituierte gewesen und hätten freiwillig in den Bordellen gearbeitet. Manches deutet darauf hin, dass das anfangs so gewesen sein könnte. Im Verlauf seines imperialistischen Eroberungskriegs ging Japan jedoch zunehmend dazu über, junge Frauen mit Hilfe von Zwang und Einschüchterung zu „Trostfrauen“ zu machen.

„Dieses System war eine Erfindung des japanischen Militärs. Die Initiative ging vom Militär aus, das Militär betrieb es und dehnte es aus. Die Folge davon war die Verletzung von Menschenrechten,“ erklärte Joschiaki in der New York Times. „Das ist der entscheidende Unterschied [zur Prostitution].“

Abes Versuch einer Revision der historischen Forschungsarbeit zu den „Trostfrauen“ ist nur ein Element einer umfassenderen Agenda. Die Regierung hat mehr als eine halbe Milliarde Dollar für eine diplomatische und propagandistische Offensive zur „Wiederherstellung der Ehre Japans“ bereitgestellt. Um das Ansehen Japans aufzupolieren und seine früheren Kriegsverbrechen zu beschönigen, kündigte sie die Eröffnung von sogenannten „Japanhäusern“ auf der ganzen Welt an.

Die ersten „Japanhäuser“ werden Ende 2016 in London, Los Angeles und Sao Paulo eröffnet. Und die Planungen reichen weiter. „Wir sind erst halb zufrieden. Wir müssen alle Mittel einsetzen, um Japans  Informationsstrategie zu verbessern... so dass wir [bei anderen] ein echtes Verständnis dafür schaffen, was an Japan gut ist“, sagte Joschiaki Harada, ein Abgeordneter aus Abes regierender Liberaldemokratischer Partei (LDP). 

Kürzlich stellte Japan fünf Millionen Dollar zur Finanzierung einer Stelle für Japanstudien an der Columbia University in New York zur Verfügung. Nach mehr als vier Jahrzehnten hat Tokio zum ersten Mal eine derartige Professur finanziert. „Es wird befürchtet, Japan könnte in einem Informationskrieg mit Südkorea und China den Kürzeren ziehen, und wir da aufholen müssen“, erklärte Kan Kimura von der Universität Kobe.

Die konzertierte ideologische Kampagne ist Bestandteil von Abes Bemühungen, Japan zu remilitarisieren und auf Krieg vorzubereiten. Sie soll patriotische Stimmungen befördern und einer neuen jungen Generation den Krieg schmackhaft machen. Kritik aus dem Ausland an den früheren Verbrechen sowie an der derzeitigen Wiederaufrüstung der japanischen Regierung soll unterbunden werden. 

Die USA unterstützen im Rahmen ihres „Pivot to Asia“ (Schwerpunktverlagerung nach Asien) solche Entwicklungen. China soll wirtschaftlich geschwächt, und militärisch eingekreist werden. Abes Regierung steht voll hinter dem amerikanischen „Pivot“. Sie strebt mit der Remilitarisierung aber auch die Durchsetzung der wirtschaftlichen und strategischen Interessen des japanischen Imperialismus an, selbst wenn sie mit den Interessen der USA in Konflikt geraten.