Augsteins Heldenkult für Syriza

Von Peter Schwarz
27. Februar 2015

„Im Zweifel links“ lautet die wöchentliche Kolumne von Jakob Augstein auf Spiegel Online. Der jüngste Beitrag des Erben des Spiegel-Gründers zeigt, was darunter zu verstehen ist. Er bezeichnet im Zweifel – und selbst wenn alle Zweifel behoben sind – bestimmte Dinge auch dann noch als „links“, wenn sie eindeutig rechts sind. Mit anderen Worten, er dient dem Spiegel als linkes Feigenblatt.

Augsteins Kolumne vom 26. Februar ist eine Lobeshymne auf „die griechische Linksregierung“, die sich „im Streit mit den Eurostaaten wacker geschlagen“ habe. Obwohl der griechische Finanzminister und sein Premier vollständig vor dem Diktat der EU und der Bundesregierung eingeknickt sind, verklärt Augstein „den athletischen Varoufakis und den jungenhaften Tsipras“ zur Wiedergeburt des antiken Helden Odysseus.

Er zitiert – erst auf Altgriechisch, dann auf Deutsch – die einleitenden Worte von Homers Odyssee: „Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten…“, um dann in Varoufakis jenen „vielgewandten Mann“ zu entdecken, in dessen Händen „das Spiel um Griechenlands Zukunft, um die Zukunft des Euro, um die Zukunft Europas“ liege. „Gut für die Griechen“, folgert Augstein, „dass sie noch immer solche vielgewandten Männer haben.“

Die Wochenzeitung Der Freitag, die Augstein 2008 gekauft hat und seit zwei Jahren als Chefredakteur leitet, treibt den Kult um den griechischen Finanzminister noch weiter. Sein Titelblatt zieren Profile von Karl Marx und Varoufakis, die im Stile der Marx-Engels-Lenin-Stalin-Profile aus stalinistischen Zeiten nebeneinandergestellt sind.

Als Hauptbeitrag zum Titelthema hat die Redaktion Varoufakis‘ Essay „Wie ich zu einem ‚erratischen Marxisten‘ wurde“ ins Deutsche übersetzt. Um die gemäßigt liberale Leserschaft des Freitag nicht abzuschrecken, hat sie ihm allerdings einen neuen Titel, „Der Freidenker“, gegeben. In diesem Essay bekennt sich Varoufakis offen zum Ziel, „den europäischen Kapitalismus vor sich selbst zu retten“.

In seiner Spiegel-Online-Kolumne verteidigt Augstein die Kapitulation der griechischen Regierung mit der Behauptung, sie „habe sich in den jüngsten Verhandlungen mit der Euro-Gruppe in Wahrheit in viel größerem Umfang durchgesetzt, als die deutsche Öffentlichkeit wahrhaben“ wolle. Sie habe eine Verlängerung der Finanzhilfen bekommen, die Last der Maßnahmen abgeschüttelt, die von der Troika diktiert wurden, sich vom Troika-Diktakt befreit, einen Haushaltsüberschuss erwirtschaften zu müssen, und sei wieder Herr im eigenen Haus.

Augstein hätte im eigenen Blatt nachlesen können, dass dies alles nicht stimmt. Bereits am Dienstag hatte Spiegel-Korrespondent Gregor Peter Schmitz aus Brüssel gemeldet, dass Tsipras und Varoufakis ihre Wahlversprechen gebrochen und sich dem Diktat aus Brüssel und Berlin völlig unterworfen haben.

Hätten sie früher die Arbeit der Troika in Griechenland „unbedingt beenden“ wollen, hätten sie sich „diesen Institutionen gegenüber stattdessen auf eine ‚umfassende Ausgabenüberprüfung‘ für jedes griechische Ministerium“ verpflichtet, schrieb Schmitz. Die von Varoufakis übersandte Sparliste sei zudem „nicht mehr als ein erster Schritt“. Sie müsse bis Ende April „noch im Detail ausgearbeitet“ werden und brauche dann „erneut die Zustimmung der EU-Institutionen und des IWF“.

Wichtig sei „den Vertretern der Eurozone die Grundsatzentscheidung, die sich in der Liste ausdrückt. Und die lautet vor allem: Auch ein Griechenland unter Syriza akzeptiert mehr oder weniger die vereinbarten Regeln des Hilfsprogramms.“

Schmitz erklärte auch, warum sich die Euro-Finanzminister am Schluss gegenüber Syriza etwas versöhnlicher zeigten: „Man will es Tsipras leichter machen, vor den griechischen Wählern sein Gesicht zu wahren.“

Dieser Aufgabe hat sich offenbar auch Augstein verschrieben. Dass er auf die Kapitulation von Syriza, die in der griechischen Bevölkerung auf Wut, Verbitterung und Empörung stößt, mit einer Lobeshymne reagiert, die die bizarren Züge eines Heldenkults trägt, sagt viel über das soziale Milieu, in dem er sich bewegt und für das er spricht.

Solange sein Lebensstil, sein Vermögen und die bürgerlichen Institutionen, in denen es sich bequem eingerichtet hat, nicht gefährdet sind, ist dieses Milieu liberal, hat ein Herz für Schwache und ist „im Zweifel links“. Doch wehe, die sozialen Spannungen spitzen sich zu und drohen das Gefüge der bürgerlichen Herrschaft zu erschüttern. Dann wird es rabiat und schreckt vor nichts zurück, um die bestehende Ordnung zu verteidigen.

Der Millionen-Erbe Augstein, der Syriza und ihrer deutschen Schwesterpartei Die Linke bisher eher distanziert gegenüberstand, beginnt genau in dem Moment für Tsipras und Varoufakis zu schwärmen, in dem sie sich offen als entschiedene Verteidiger der bürgerlichen Ordnung erweisen.