87. Oscar-Verleihung:

Ein interessanteres Ereignis als in den letzten Jahren

Von David Walsh
4. März 2015

Die Zeremonie der Academy Awards, der Oscar-Verleihung am 22. Februar, erwies sich als ein interessanteres Ereignis als in den letzten Jahren. In einem Kommentar vom 21. Februar hatte ich die Bemerkung gemacht: „In einer Zeit nie dagewesener globaler Spannungen und Gewalt, dürfte wohl keine Spur der äußeren Welt in diese mit sich selbst beschäftigte Veranstaltung eindringen.“ Aber dies stellte sich als eine gar zu pessimistische Prophezeiung heraus. Allerdings war es unvermeidlich, dass die soziale Wirklichkeit bei den Feierlichkeiten in einer Weise Eingang fand, die durchaus den Besonderheiten und Widersprüchen der Filmwelt entsprach.

Citizen Four

Die schwarze Komödie Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) des mexikanischen Regisseurs Alejandro Iñárritu über einen ehemals berühmten Schauspieler der versucht, sein Leben, seine familiären Beziehungen und seine Karriere in den Griff zu bekommen, gewann neben dem Preis „Bester Film“, den Oscar für die „Beste Regie“, das „Beste Original-Drehbuch“ und die „Beste Kamera“. Birdman hat schon besondere Momente (und Michael Keaton ist ein Schauspieler, der zu fesseln vermag), aber die Filme Boyhood, The Grand Budapest Hotel oder Selma wären die bessere Wahl gewesen.

Eddie Redmayne erhielt den Oscar als „Bester Hauptdarsteller“ für Die Entdeckung der Unendlichkeit, die Verfilmung des Lebens des Astrophysikers Stephen Hawking. Wie erwartet wurde Julienne Moore für ihre Rolle als Opfer der Alzheimer Erkrankung in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern als „Beste Hauptdarstellerin“ ausgezeichnet. Der Veteran J.K. Simmons erhielt den Preis als „Bester Nebendarsteller“ in Whiplash und Patricia Arquette als „Beste Nebendarstellerin“ in Boyhood.

Vier Auszeichnungen, gleichwohl in weniger wichtigen Kategorien, erhielt auch Wes Andersons fantasievolles The Grand Budapest Hotel, bei dem es um Ereignisse in der fiktionalen zentraleuropäischen Republik Zubrowka zwischen den beiden Weltkriegen geht. Whiplash, ein Filmüber die Beziehung eines strengen Musikpädagogen und Dirigenten zu seinem Jazz-Schlagzeug –Studenten erhielt drei Preise, darunter den für Simmons.

Die Jury der Akademie wählte Ida von Pawel Pawlikowski, einen intensiven Film über das Schicksal polnischer Juden unter der Nazibesatzung, zum „Besten fremdsprachigen Film“. Pawlikowski hat mit Filmen wie Last Resort, My Summer of Love and The Woman in the Fifth schon ein interessantes Werk geschaffen. Graham Moore erhielt den Preis für das „Beste adaptierte Drehbuch“ für The Imitation Game, ein Film, der sich relativ frei am Leben und der Karriere des Mathematikers Ala Turing orientiert.

Bedeutsam war auch die Tatsache, dass Marion Cotillard für ihre Rolle in Jean-Pierre und Luc Dardennes Film Two Days, One Night nominiert wurde. Er handelt von einer Fabrikarbeiterin, die entschlossen ihren Arbeitsplatz verteidigt. Abderrahmane Sissokos Timbuktu und Wim Wenders Salz der Erde waren ebenfalls nominiert worden. Beschämend ist, dass Mike Leighs Mr. Turner, der beste Film des Jahres, keinen der drei Preise gewann, für die er nominiert war.

Der Sieg für Citizenfour, die aufregende Dokumentation von Laura Poitras über den NSA Whistleblower Edward Snowden in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ war sicher der Höhepunkt der Verleihungen. Es war ein Schlag ins Gesicht für die Obama-Regierung und das amerikanische Establishment. Poitras, die in den letzten Jahren nicht in die USA gereist ist, weil sie gerichtliche Verfolgung befürchten muss, nahm den Preis zusammen mit Glenn Greenwald und Snowdens Freundin Lindsay Mills sowie mit der Cutterin Mathilde Bonnefoy und dem Produzenten Dirk Wilutzky entgegen.

In ihrer Dankesrede sagte Poitras: “Die Enthüllungen Edward Snowdens haben nicht nur eine Bedrohung unserer Privatsphäre aufgedeckt, sondern unserer Demokratie selbst. Wenn die wichtigsten Entscheidungen, die uns alle betreffen, geheim getroffen werden, dann wird uns die Fähigkeit genommen, die uns kontrollierenden Mächte zu überprüfen. Dank an Edward Snowden für seinen Mut und an die vielen anderen Whistleblower. Ich teile [diesen Preis] mit Glenn Greenwald und den anderen Journalisten, die die Wahrheit enthüllen.“

Als Reaktion auf den Preis gab Snowden über die American Civil Liberties Union (ACLU) eine Erklärung ab: „Als Laura Poitras mich fragte, ob sie unsere Treffen filmen dürfe, war ich erst äußerst zurückhaltend. Ich bin dankbar, dass ich ihr erlaubt habe, mich zu überreden. Das Ergebnis ist ein mutiger und hervorragender Film, der die Ehrung und die Anerkennung verdient, die er erhalten hat. Meine Hoffnung ist, dass dieser Preis mehr Leute ermutigen wird, den Film anzuschauen und sich durch seine Botschaft dazu anregen zu lassen, dass einfache Bürger die Welt verändern können, wenn sie zusammenarbeiten.“

Der Preis und Poitras Bemerkungen wurden vom Publikum im Dolby Theater in Hollywood freundlich aufgenommen. Danach versuchte der Moderator Neil Patrick Harris diese Stimmung zu untergraben, indem er witzelte, dass Snowden „wegen einigen Verrätereien nicht hier sein“ könne. Greenwald sagte später gegenüber dem Medienportal BuzzFeed News, Harris' Witzelei sei "ziemlich übel... Mal so nebenbei eine schwere Beschuldigung gegen Snowden erheben, obwohl er deswegen gar nicht angeklagt, geschweige denn verurteilt ist, das finde ich schon dumm und verantwortungslos."

Insgesamt war Harris, eigentlich ein talentierter Komiker, nicht besonders beeindruckend. Der Eröffnungsmonolog bot einst eine Gelegenheit für den Moderator, zumindest einige aktuelle Ereignisse kritisch zu kommentieren (wie dies zuletzt bei der Zeremonie 2012 durch den Moderator Billy Crystal geschah). Das fiel in diesem Jahr aus. Stattdessen wurden einige fade Bemerkungen über Filme gemacht.

Es wurde deutlich, dass sich die Organisatoren zumindest teilweise über die Kluft bewusst waren, die zwischen der sich selbst beweihräuchernden Filmindustrie und den im Allgemeinen kritischeren Ansichten über ihre Aktivitäten herrscht. Der Schauspieler Jack Black gab vor, die Eröffnungsnummer zu stören, indem er mit gespieltem Ärger den Lobgesang auf die Filme als „bloßen Schrott“ bezeichnete. „Es geht nur um Markttrends, falsche Freunde und Hollywood-Quatsch. …Diese Branche ist im Umbruch, sie wird von Schmutzfinken gesteuert, die Pflöcke für Blockbuster einschlagen und in China den großen Reibach machen wollen. Wir haben nur Nullen und machen daraus nichts als Superhelden: Spider-Man, Superman, Batman, Jedi Man, Sequel Man, Prequel Man, formelhafte Drehbücher!“

Harris witzelte an einer Stelle: „Die in diesem Jahr nominierten Schauspieler werden Geschenktüten mit Handelswaren im Wert von 160.000 Dollar erhalten, in denen sich zwei Ferienreisen, Make-up, Kleider, Schuhe befinden und eine Fahrt in einem gepanzerten Fluchtauto, wenn die Revolution ausbricht.“

Der Abend mit seinen langweiligen und selbstgefälligen, gelegentlich von einem Schimmer der Realität unterbrochenen Präsentationen, hatte insgesamt einen irgendwie schizophrenen Charakter. Immerhin wurde das strikte Verbot für die Preisträger, Kommentare abzugeben, durchbrochen. Das Verbot hatte die Akademie 2003 nach Michael Moores „Dankesrede“, durchgesetzt (und die Preisträger hatten es befolgt). Moore hatte damals George W. Bush als „fiktiven Präsidenten“ angeklagt und die Invasion des Irak kritisiert.

Als Arquette, die als eine der ersten ihren Preis entgegennahm, emotional ausrief: „Nun ist endlich unser Moment gekommen – für gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika!" schienen diese Bemerkungen, so begrenzt sie auch sind, eine Art Dammbruch bewirkt zu haben. Nicht sehr viel später folgte die Rede von Poitras zum Preis für Citizenfour.

Die Darbietung des Songs Glory aus dem Film Selma über den Kampf für Bürgerrechte trug ebenfalls dazu bei. Er wurde von seinem Komponisten, dem Sänger und Liedermacher John Legend (John Roger Stephens) und dem Rapper Common (Lonnie Lynn) vorgetragen. Dabei würdigten sie sowohl die Schlachten der 1960er Jahre und wiesen gleichzeitig auf die Polizeigewalt in Ferguson, Missouri hin. In seiner Dankesrede bemerkte Legend: „Wir leben in dem Land auf der Welt mit den meisten Eingesperrten.“

In seinem Kommentar nahm Graham Moore indirekt Bezug auf das tragische Schicksal von Alan Turing, den die britischen Behörden wegen seiner Homosexualität verfolgt und in den Selbstmord getrieben hatten. In der Schlussphase der Zeremonie widmete Iñárritu seinen Preis „meinen mexikanischen Landsleuten“ und fuhr fort: „Ich bete darum dass wir eine Regierung finden und installieren können, die wir und alle, die in diesem Land leben, verdienen, und auch die, die mit der letzten Generation von Immigranten hierher gekommen sind. Ich bete auch dafür, dass sie mit der gleichen Würde und Achtung behandelt werden, wie diejenigen, die schon früher kamen und diese unglaubliche Nation von Immigranten geschaffen haben.“

Nichts von all dem ist welterschütternd. Besonders, wenn man diese Kommentare mit dem Ernst der sozialen Lage vergleicht, in der sich unzählige Menschen befinden, bleiben die Einwürfe im allgemeinen Rahmen von Fragen der Identitätspolitik. Dennoch wäre es falsch, die Ohren zu verschließen. Die Schauspieler meinten es ernst und man sollte sie nicht mit den afro-amerikanischen, feministischen oder homosexuellen Politikern oder Aktivisten in einen Topf werfen, die für die Eigeninteressen der einen oder anderen Gruppierung der wohlsituierten Mittelklasse werben.

Natürlich fiel es am Abend des 22. Februar niemandem im Publikum ein, sich direkt an die amerikanischen Massen oder die Weltbevölkerung zu wenden und die großen Probleme anzusprechen, vor denen sie stehen: Arbeitslosigkeit, Armut, sinkender Lebensstandard, das Fehlen einer angemessenen Gesundheitsversorgung, die Zerstörung des öffentlichen Bildungssystems und die endlosen Militäroperationen. Die Frage der Fragen, die dringende Notwendigkeit, sich gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung zusammenzuschließen, die nichts zu bieten hat als immer weitere und katastrophalere Kriege, soziales Elend und Diktatur, kommt den meisten in der amerikanischen Filmbranche nicht in den Sinn, und falls doch, dann schweigen sie sich darüber aus.

Die offizielle Stimmung bleibt konventionell und patriotisch. Clint Eastwoods American Sniper, ein furchtbarer Film, der Lügen über den Irakkrieg verbreitet, wurde durchgehend Achtung gezollt. Glücklicherweise gewann er jedoch nur einen unbedeutenden Preis und fiel in allen anderen Kategorien durch, für die er nominiert worden war.

Rechte Kreise maulen bereits darüber, dass Hollywoods „Elite“ den „Bezug zu den Amerikanern“ verloren habe, weil Eastwoods Film die Anerkennung verweigert worden sei. Das ist natürlich selbstgerechter, reaktionärer Unsinn. Die Jury der Akademie hat das Mandat, so gut es ihre Mitglieder gemeinsam vermögen, den „besten“ Film zu wählen, nicht den populärsten. Keiner der Filme, welche die Spitzenplätze an den Kinokassen eroberten (darunter American Sniper) erhielt einen Preis noch hätte er einen verdient gehabt.

Angesichts der gegenwärtigen Lage in den Vereinigten Staaten, wo der Bevölkerung der Zugang zu Bildung und Kultur weitgehend verweigert wird und sie dem großen Druck eines riesigen Marketing-Apparats der Medienunterhaltung ausgesetzt ist (im Fall von American Sniper ist es sogar eine halb-öffentlich geförderte Kampagne) gibt es keinen Grund, Erfolge an der Kinokasse als letzte Instanz für ein Urteil zu akzeptieren. Als ob breite Schichten der Bevölkerung in irgendeinem aussagekräftigen Sinn eine Wahl hätten, welche Filme sie zu sehen bekommen…!

Die Übertragung der Preisverleihung der Akademie machte noch etwas anderes deutlich: Es wäre pure Zeitverschwendung, einzelne Darsteller, Regisseure oder auch nur die Leitung von Studios – trotz ihrer nicht zu bezweifelnden Unzulänglichkeiten – für den allgemein bedauernswerten Zustand der amerikanischen Filmproduktion in der Gegenwart verantwortlich zu machen. Damit Drehbuchschreiber und Regisseure sich mit mehr Engagement mit dem derzeitigen Zustand des Lebens befassen, benötigen sie ein weitaus besseres Verständnis der grundlegenden Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, vor allem der Russischen Revolution und der Bedeutung von Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus. Unter Filmemachern und Darstellern fehlt eine bewusste sozialistische Orientierung, die notwendig ist, um das Augenmerk auf die großen Fragen und Lehren aus der Geschichte zu lenken.

Dieses Problem hängt auch mit dem unmöglichen System zusammen, dass Filme des Profits wegen gemacht werden. Außerdem ist der Prominentenkult in den Vereinigten Staaten mitverantwortlich. Während eines Ereignisses wie der Verleihung der Oscars spürt man das erdrückende Gewicht der Unterhaltungs- und Medienbranche, die unbarmherzig Mittelmäßigkeit, Konformismus und Trivialität hervorbringt, um niemanden zu beleidigen (oder aufzuklären) und die Interessen der gigantischen Konzerne zu schützen. Keinem einzigen, der in die Live-Übertragung involviert war, Kommentatoren, Moderatoren, Darstellende oder der Gastgeber selbst, war wirklich erlaubt, irgendwie unabhängig zu handeln. Unter diesen Bedingungen von Meinungsfreiheit zu sprechen, hieße sich und anderen etwas vorzulügen.

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