Antimarxismus à la Varoufakis

Von Nick Beams
10. März 2015

In einer Rede, die vor Kurzem im britischen Guardian veröffentlicht wurde, schildert der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis sein Verhältnis zu Marx. Es könnte keinen deutlicheren Beweis für den Klassencharakter von Syriza geben. Und was für die griechische Regierungspartei gilt, trifft auch auf die pseudolinken Tendenzen weltweit zu, deren typischer Vertreter sie ist.

Varoufakis, der sich als „erratischer Marxist“ bezeichnet, sieht seine ausdrückliche Aufgabe darin, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten. Ein Kampf für dessen Sturz, so sein zentrales Argument, wäre nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern würde auch rechtsextremen oder sogar faschistischen Kräften den Weg ebnen.

Zur Rechtfertigung seiner politischen Orientierung verbindet Varoufakis einige Verbeugungen vor Marx‘ Erkenntnissen mit der Anprangerung seiner angeblichen Unterlassungs- und Erklärungsfehler.

Die gesamte Rede besteht aus nichts als haarsträubenden Verdrehungen von Marx, verworrenen Ungereimtheiten und reinem Unsinn. Dennoch lohnt sich eine Analyse aus zwei Gründen:

Erstens bietet sie Gelegenheit, in Abgrenzung von den Verdrehungen und Fälschungen Varoufakis‘ die wesentlichen Ergebnisse der Marx‘schen Analyse darzulegen. Zweitens wirft sie ein Licht auf die grundlegende Orientierung des pseudolinken Milieus, in dem Varoufakis zum Star aufgestiegen ist.

Wie viele andere Möchtegern-Kritiker von Marx preist Varoufakis zunächst die Erkenntnisse über die Funktionsweise des kapitalistischen Systems, die der Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus zutage gefördert hat. Dabei wird deutlich, dass er Marx entweder überhaupt nicht verstanden hat oder seine Theorie bewusst verfälscht.

So schreibt Varoufakis Marx „eine Entdeckung“ zu, „die weiterhin den Kern jeder brauchbaren Analyse des Kapitalismus bilden muss“, nämlich den „tief in die menschliche Arbeit eingebetteten binären Gegensatz“. Marx, so Varoufakis, habe den zwiespältigen Charakter der Arbeit entdeckt. Sie sei „eine wertschöpfende Tätigkeit, die niemals im Voraus quantifiziert (und daher nicht zur Ware gemacht) werden kann“, und zugleich „eine quantitative Größe (z. B. die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden), die zu einem bestimmten Preis zum Verkauf steht“.

Hier sehen wir bereits die völlige Verwirrung, die Varoufakis‘Ausführungen und seine offenen Verdrehungen von Marx kennzeichnet.

Anknüpfend an die englische klassische politische Ökonomie, in erster Linie an die Werke von Adam Smith und David Ricardo, wies Marx nach, dass sich der Wert einer Ware nach der Menge dar darin verkörperten gesellschaftlich notwendigen Arbeit bemisst, die in Stunden gemessen wird. Dies ist das Wertgesetz, auf das letztlich sämtliche Erscheinungsformen der kapitalistischen Ökonomie – Lohn, Profit, Grundrente usw. – zurückgehen.

Doch Marx machte darüber hinaus eine entscheidende Entdeckung, mit der er das Problem löste, an dem seine Vorgänger gescheitert waren: Wo liegt der Ursprung des Profits?

Die Frage stellte sich in folgender theoretischer Form: Wenn die Arbeit die Quelle des Werts darstellt und Waren auf der Grundlage der darin verkörperten Arbeit, also Äquivalente gegen Äquivalente ausgetauscht werden, wo entsteht dann der Profit?

Anders ausgedrückt: Wenn die Arbeit die Quelle des Werts darstellt, wonach bemisst sich dann der „Wert der Arbeit“, die auf dem Markt zum Preis von Lohnzahlungen gehandelt wird? Die Antwort, dass sich der Wert der Ware Arbeit nach der darin verkörperten Arbeit bemesse, bot keine Erklärung.

Die klassische politische Ökonomie hatte sich bei der Beantwortung dieser Frage im Kreis gedreht. Adam Smith etwa hatte angenommen, dass das Wertgesetz nur in einer einfachen Waren produzierenden Gesellschaft, nicht aber im Kapitalismus gelte. Demgegenüber verwies Marx darauf, dass der Kapitalismus auf der Grundlage der Warenproduktion entstanden sei und dass Smith mit seiner Annahme einen Schritt zurück gemacht, ja die Suche nach einer wissenschaftlichen Erklärung seiner Gesetze aufgegeben hatte.

Der entscheidende Durchbruch von Marx war die Entdeckung, dass der Arbeiter nicht die Arbeit als solche, sondern vielmehr seine Arbeitskraft zu Markte trägt. Damit enthüllte er das Geheimnis des Mehrwerts und seiner Erscheinungsform als Profit.

Der Wert der Arbeitskraft bemisst sich, wie bei allen anderen Waren auch, nach der Menge an Arbeit, die zu ihrer Reproduktion erforderlich ist. Folglich wird der Wert der Arbeitskraft von der Menge an Arbeit bestimmt, die für den Lebensunterhalt des Arbeiters und seiner Familie aufgewendet werden muss. Diese Menge stimmt nicht mit der Menge an Arbeit überein, die der Arbeiter im Laufe eines Arbeitstags bereitstellt. Der Ursprung des Mehrwerts liegt darin, dass für die Erzeugung der Waren, die der Arbeiter für seinen Lebensunterhalt und seine Fortpflanzung benötigt, weniger als die Arbeit eines Tages erforderlich ist, der Arbeiter dem Kapitalisten im Produktionsprozess seine Arbeitskraft jedoch für einen vollen Tag zur Verfügung stellt.

Mit anderen Worten, der Wert der Ware Arbeitskraft, die der Arbeiter dem Kapitalisten verkauft, ist durchaus nicht dasselbe wie der Wert, den der Arbeiter seinem Produkt im Laufe des Arbeitstags zusetzt und der in den Waren, die am Ende des Produktionsprozesses stehen, verkörpert ist. Während eines Teils des Arbeitstags reproduziert der Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft, während des übrigen Teils liefert er dem Kapitalisten unbezahlten Mehrwert.

Die Verwandlung der Arbeitskraft in eine Ware war das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung, in der sich die Arbeiterklasse herausbildete als neue Klasse, die von den Produktionsmitteln getrennt ist und nichts als ihre Arbeitskraft zu verkaufen hat. Auf dieser Grundlage stand die Aneignung der Arbeit der einen Klasse durch die andere, sprich die Ausbeutung, nicht im Widerspruch zum Wertgesetz und zum Austausch von Äquivalenten, sondern im Einklang damit (Marx ging durchgängig von der Annahme aus, dass der Arbeiter den vollen Wert der von ihm verkauften Ware Arbeitskraft erstattet bekam).

Diese entscheidenden Fragen werden von Varoufakis im Laufe seines Artikels hoffnungslos durcheinandergeworfen. An einer Stelle schreibt er, man könne sich „sowohl Elektrizität als auch Arbeit als Waren vorstellen“, und verwischt damit den Unterschied zwischen der Arbeit als Wertmaß und der Arbeitskraft als Ware, die der Arbeiter dem Kapitalisten verkauft.

Im selben Absatz schreibt er, dass „angehende Arbeitnehmer nichts unversucht lassen, nur um ihre Arbeitskraft zur Ware zu machen“. In Wirklichkeit ist die Arbeitskraft bereits zu einer Ware geworden, die vom Kapitalisten im Produktionsprozess verbraucht wird und dabei Mehrwert erzeugt.

Varoufakis türmt wahre Berge an Konfusion auf. Er erklärt: „Wenn es Arbeitnehmern und Arbeitgebern jemals gelingt, die Arbeit vollständig zur Ware zu machen [jetzt plötzlich die Arbeit, nicht mehr die Arbeitskraft, NB], dann wird der Kapitalismus untergehen.“

Der einzige Sinn, den man dieser Aussage abgewinnen kann, besteht darin, dass ein reformistisches Konzept zur Linderung der Ausbeutung machbar sein muss, denn wenn der Kapitalismus alles „zur Ware“ machen würde, dann würde er zusammenbrechen.

Varoufakis Behauptungen über das Bestreben der Kapitalisten, die „Arbeit zur Ware zu machen“, haben noch einen weiteren Aspekt: Er schreibt: „Marx brillante Erkenntnisse über das Wesen kapitalistischer Krisen besagten: Je erfolgreicher der Kapitalismus die Arbeit zur Ware machte, je geringer also der Wert jeder durch sie erzeugten Produktionseinheit, desto mehr sank die Profitrate und desto näher rückte die nächste systembedingte Rezession.“

Anscheinend bezieht er sich hier auf die historische Entwicklung der kapitalistischen Produktion, in deren Verlauf das Kapital ständig bestrebt ist, die lebendige Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen bzw. Produktionsprozesse durch Computer zu automatisieren. Aufgrund seiner Folgen für die Profitrate und die Kapitalakkumulation bringt dieses Bestreben heftige Krisen hervor.

Die Ausbeutung der Arbeiterklasse ist die einzige Quelle von Mehrwert, der wiederum die Grundlage für die Akkumulation von Kapital bildet. Die Ursache hierfür liegt nicht in den subjektiven Absichten des Kapitalisten, sondern in den objektiven gesellschaftlichen Beziehungen, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und dem Verkauf von Arbeitskraft beruhen.

Das Kapital setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: Kapital, das für Produktionsmittel (Rohstoffe, Maschinen usw.) aufgewendet wird, und Kapital, mit dem Arbeitskraft eingekauft wird. Doch nur der Bestandteil, der für Arbeitskraft aufgewendet wird, wirft Mehrwert ab. Akkumulation bedeutet allerdings, dass die Kapitalmenge insgesamt wächst. Und da folglich der Anteil der lebendigen Arbeit an der Produktion zurückgeht, sinkt die Profitrate in dem Maße, wie das Verhältnis des Mehrwerts zur Gesamtmenge des Kapitals abnimmt.

Das Kapital versucht, diesem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuwirken. Ein wichtiges Mittel dazu ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Dabei wird der Teil des Arbeitstags, in dem die lebendige Arbeit den Wert der Arbeitskraft reproduziert, möglichst verkürzt und derjenige, in dem Mehrwert für das Kapital erzeugt wird, verlängert. Das Mittel hierzu besteht in der Entwicklung neuer Technologien, die es ermöglichen, Prozesse, für die zuvor lebendige Arbeit eingesetzt wurde, von Maschinen ausführen zu lassen.

Dieser Prozess stößt jedoch an immanente Grenzen. Wenn der Arbeitstag beispielsweise acht Stunden dauert und der Wert der Arbeitskraft in sechs Stunden reproduziert wird, dann entfallen zwei Stunden auf Mehrarbeit. Wird nun die Arbeitsproduktivität verdoppelt, sodass der Wert der Arbeitskraft in nur drei Stunden reproduziert wird, dann steigt die Zahl der Stunden, in denen Mehrwert erzeugt wird, von zwei auf fünf. Nach einer Wiederholung dieses Vorgangs, d. h. einer erneuten Verdopplung der Arbeitsproduktivität, wird der Wert der Arbeitskraft in nur 1,5 Stunden reproduziert; die für Mehrarbeit aufgewendete Zeit steigt jedoch lediglich von 5 auf 6,5 Stunden, also um einen weitaus geringeren prozentualen Anteil.

Je stärker die Arbeitsproduktivität also über einen ganzen historischen Zeitraum hinweg gesteigert wurde, desto schwieriger wird es, dem Fall der Profitrate durch eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität entgegenzuwirken.

Diese Verkürzung des Zeitaufwands für die Reproduktion des Werts der Arbeitskraft ergibt sich aus der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit. Diese bildet die Grundlage für den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft. Aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Profitrate, also auf die Akkumulation des Kapitals – die Selbstverwirklichung des Kapitals, um mit Marx zu sprechen – bringt die Steigerung der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit eine historische Krise der kapitalistischen Produktionsweise hervor, die sich in wachsender Krisenanfälligkeit äußert.

„In schneidenden Widersprüchen, Krisen, Krämpfen“, schreibt Marx, „drückt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus“ (d. h. zum Privateigentum an den Produktionsmitteln und zum Verkauf der Arbeitskraft).

Diese Krisen äußern sich in Form tiefer wirtschaftlicher Stagnation, einer Verlangsamung oder Einstellung des Akkumulationsprozesses und der Zerstörung ganzer Teile der Produktivkräfte im Zuge von Rezessionen, Depressionen und militärischen Auseinandersetzungen.

Der Akkumulationsprozess kann nur fortgesetzt werden, wenn ganze Bereiche des Kapitals zerstört werden, um den verfügbaren Mehrwert für die verbleibenden Bereiche zu erhöhen. Die Arbeiterklasse wird durch Lohnsenkungen in Armut gestürzt und soziale Leistungen, die letztlich den Mehrwert für das Kapital einschränken, werden gekürzt oder abgeschafft.

An dieser Stelle ist es wichtig, sich klarzumachen, dass diese Verwüstung nicht auf eine Verringerung, sondern auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität zurückgeht. Mit anderen Worten, gerade die Erhöhung der Arbeitsproduktivität der Gesellschaft, die die Grundlage für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation bildet, vertieft die Krise des Profitsystems, das daraufhin Kapital zerstört und dabei Massenarbeitslosigkeit, Elend und Kriege hervorbringt.

Marx erklärte dies sehr deutlich: „Gewaltsame Vernichtung von Kapital, nicht durch ihm äußere Verhältnisse, sondern als Bedingung seiner Selbsterhaltung, ist die schlagendste Form, worin ihm advice [der Rat] gegeben wird, to be gone and to give room to a higher state of social production [abzutreten und einem höheren Stadium der gesellschaftlichen Produktion Raum zu geben].“ [Karl Marx, Grundrisse, S. 642]

Wichtig ist, dass Marx hier nicht von Konjunkturschwankungen, sondern von historischen Prozessen spricht. Im verzweifelten Bemühen, den eigenen Fortbestand zu sichern, hat das Kapital im 20. Jahrhundert Gewaltausbrüche und Vernichtungswellen hervorgebracht. Dies brachte unaussprechliches Leid über die Menschheit und drohte ihre gesamte Zivilisation zu vernichten.

Die Arbeiterklasse hat in den stürmischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts immer wieder den Kampf für den revolutionären Sturz des Kapitalismus aufgenommen. Mit Ausnahme der russischen Revolution konnte sie nicht siegen, da sie von ihrer Führung verraten wurde. Aus diesen historischen Erfahrungen zieht Varoufakis wie viele andere die Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus zu stark ist, um gestürzt zu werden, und dass die Arbeiterklasse dieser historischen Aufgabe von Natur aus nicht gewachsen ist.

Heute findet ein neuerlicher Zusammenbruch statt. Wieder stellt sich die Aufgabe, unsere überholte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu stürzen, um den Fortbestand der Zivilisation zu sichern.

Doch so stark er auch durch die Umstände zum Abtreten aufgefordert wird, der Kapitalismus wird das Feld nicht freiwillig räumen. Er muss gestürzt werden durch eine gesellschaftliche Kraft, die er selbst geschaffen hat und deren historische Interessen dadurch erfüllt werden. Dies setzt bewusstes Handeln voraus.

Die dazu befähigte gesellschaftliche Kraft ist die internationale Arbeiterklasse. Auch hier gilt es die Verwirrung auszuräumen, die Varoufakis stiftet, indem er Arbeit und Arbeitskraft vermengt, obwohl es sich um unterschiedliche Begriffe handelt. Die Arbeiterklasse ist diejenige mit dem Kapitalismus entstandene Klasse, die ihre Arbeitskraft als Ware verkauft. Nicht Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder sonst irgendeine Manie der Identitätspolitiker bestimmen ihre gesellschaftliche Identität, sondern ihre Beziehung zu den Produktionsmitteln. Aufgrund ihrer objektiven Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft steht sie, als Verkäuferin ihrer Arbeitskraft, dem Kapital diametral entgegen. Keine andere gesellschaftliche Kraft befindet sich in dieser Position.

Heute, in der letzten Phase der historischen Entwicklung des Kapitalismus, haben dessen vergebliche Versuche, seine unlösbaren Widersprüche zu überwinden, zur Globalisierung der Produktion geführt und einen echten Weltmarkt für Arbeitskraft geschaffen. Die Arbeiterklasse macht mittlerweile die Mehrheit der Weltbevölkerung aus und steht seiner Antithese, dem globalen Kapital, objektiv als weltweite Kraft vereint gegenüber.

Aufgrund ihres objektiven gesellschaftlichen Charakters kann diese globale Klasse, das Proletariat, sich allerorten nur dann befreien und Katastrophen von sich abwenden, indem es das Gesellschaftssystem stürzt, das auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der privaten Akkumulation basiert. Um die Gesellschaft auf einer neuen, sozialistischen Grundlage umzugestalten, muss die Arbeiterklasse notwendigerweise die Produktivkräfte, die sie selbst geschaffen hat, unter ihre Kontrolle nehmen. Marx fasste diese Prognose in den Worten zusammen: „Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“

Varoufakis ist sich völlig darüber im Klaren, dass das kapitalistische System in eine neue Epoche gewaltsamer Explosionen eingetreten ist. Doch seine Perspektive ist im wahrsten Sinne des Wortes konterrevolutionär.

Er empfiehlt der Kapitalistenklasse und ihren Vertretern einen Blick in die Werke von Marx, damit sie erkennen, wohin ihr System führt, und korrigierend eingreifen, um eine Katastrophe zu verhindern. Seine Absicht als Berater besteht darin, die Arbeiterklasse politisch zu entwaffnen. Zu diesem Zweck behauptet er, die einzig realistische Möglichkeit, den Faschismus zu verhindern, bestehe darin, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten.

Nicht die sozialistische Revolution und die Schaffung einer neuen Gesellschaft ist ein utopisches Ideal, sondern das Ansinnen von Varoufakis, die Katastrophe, die sich im Kapitalismus anbahnt, zu bremsen oder aufzufangen.

Denn die von Marx aufgedeckte destruktive Logik der kapitalistischen Ökonomie folgt nicht aus den subjektiven Absichten der Kapitalistenklasse oder ihrer politischen Vertreter, sondern aus den unlösbaren Widersprüchen des Profitsystems. In besagten Absichten finden lediglich die objektiven Triebkräfte des Kapitals ihren politischen Ausdruck.

Die zentrale Aufgabe, mit der die Arbeiterklasse konfrontiert ist, besteht also darin, sich auf der Grundlage des Programms und der Prinzipien des Marxismus als unabhängige politische Kraft zu organisieren, um das historisch überholte und reaktionäre System des Kapitalismus zu stürzen.

Die Krise des Kapitalismus wird die Arbeiterklasse in enorme gesellschaftliche und politische Kämpfe treiben. Die ersten Anzeichen sind bereits sichtbar. Doch diese Kämpfe mögen noch so groß und hart sein, sie werden nicht spontan das Programm hervorbringen, das für den Sturz des Kapitalismus notwendig ist. Das entscheidende Glied in der Kette der historischen Kausalität, die in diesen Umbruch mündet, ist die revolutionäre Partei. Sie stellt das Programm und die Perspektiven – kurz, die unerlässliche revolutionäre Führung – für diese Aufgabe bereit.

Da Varoufakis seine Rolle darin sieht, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten, überrascht es nicht, dass er mit seiner Kritik an Marx auf eben diese alles entscheidende Frage abzielt.

Gegen Ende seines Artikels legt Varoufakis dar, weshalb er „furchtbar sauer auf Marx“ ist und sich selbst für einen „erratischen, inkonsequenten Marxisten“ hält: Der Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus habe „zwei spektakuläre Fehler begangen, einen Unterlassungs- und einen Erklärungsfehler“.

Der Unterlassungsfehler besteht darin, dass Marx die Auswirkungen seiner Ideen auf die Welt nicht genügend bedacht habe. Marx „kümmerte es nicht, dass seine Schüler, die diese machtvollen Ideen besser verstanden als der Durchschnittsarbeiter, die ihnen von Marx‘ Ideen verliehene Kraft ausnutzen könnten, um andere Genossen zu missbrauchen und sich eine Machtbasis zu schaffen, von der aus sie einflussreiche Positionen erobern“.

Mit anderen Worten: Marx hatte nicht die theoretischen Waffen geschmiedet, mit denen die Arbeiterklasse ihre Befreiung erkämpfen konnte, sondern eine Theorie geschaffen, mit der die intellektuellen Eliten die Arbeiterklasse beherrschen konnten. Das ist eine Variation eines reichlich abgedroschenen Themas: dass die Schuld an den Verbrechen derjenigen, die den Marxismus verrieten, bei Marx selbst liege.

Varoufakis versucht nicht, seine Behauptungen durch eine konkrete Untersuchung der Geschichte zu untermauern. Das könnte er auch gar nicht, denn die Geschichte beweist das genaue Gegenteil.

Betrachten wir den Aufstieg der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion, die der Arbeiterklasse nach der Oktoberrevolution in den 1920er Jahren die politische Macht entriss. Sie konnte sich nicht deshalb zur Herrschaft über die Arbeiterklasse aufschwingen, weil sie die marxistische Theorie besser verstand als diese, sondern weil die Sowjetunion isoliert blieb, sodass ihre wirtschaftliche Rückständigkeit und der Mangel an materiellen Ressourcen zur Entstehung einer bürokratischen Kaste führte.

Die ideologischen Grundlagen des Stalinismus bestanden nicht in der marxistischen Theorie, sondern in der antimarxistischen, nationalistischen Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ – eine Vorstellung, die schon Marx widerlegt hatte.

In seinem Werk „Die deutsche Ideologie“, in dem er die Theorie des historischen Materialismus auszuarbeiten begann, erklärte Marx, dass der Kommunismus aus der Entstehung des Weltmarkts hervorging: „Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als ,weltgeschichtliche‘ Existenz überhaupt vorhanden sein kann...“

Die Entwicklung der Produktivkräfte auf Weltebene war auch deshalb eine „absolut notwendige“ Voraussetzung für den Kommunismus, „weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste...“ [Die Deutsche Ideologie, S. 34-35]

Auf dieser marxistischen Grundlage analysierte Trotzki in seinem Meisterwerk „Verratene Revolution“ den Aufstieg der stalinistischen Bürokratie, die sich als Inkarnation der „ganzen alten Scheiße“ zum Polizisten der sozialen Ungleichheit aufschwang, nachdem die Niederlagen der Arbeiterklasse in Westeuropa dazu geführt hatten, dass die Sowjetunion, abgeschnitten von der Weltwirtschaft und der internationalen Arbeitsteilung, in wirtschaftlicher Rückständigkeit verharrte.

Die Bürokratie konnte nicht deswegen an die Macht gelangen, weil die intellektuellen Eliten sich ein überlegenes Verständnis des Marxismus angeeignet hätten. In Wirklichkeit setzte sich der Stalinismus durch, indem er dem echten Marxismus den Krieg erklärte. Dieser Krieg begann an der ideologischen Front und führte dann zum Massenmord an der marxistischen Avantgarde, der 1940 in der Ermordung Leo Trotzkis seinen Höhepunkt fand.

Die Wirklichkeit steht also im direkten Gegensatz zu dem Bild, das Varoufakis zeichnet. Die Blüte des marxistischen Kaders – die klügsten und weitsichtigsten Denker, die die marxistische Theorie verinnerlicht hatten und ihr Leben darauf verwandten, die Arbeiterklasse mithilfe dieses Wissens bei ihrer historischen Aufgabe anzuleiten – diese Blüte fiel selbstsüchtigen Bürokraten zum Opfer, die antimarxistische Auffassungen verbreiteten und sich Macht und Einfluss sicherten. Die Folgen dieses intellektuellen Völkermords wirken bis heute fort, nicht nur im vergifteten politischen und geistigen Klima in der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch in Form der verbreiteten Verwirrung und Fehlorientierung in der Arbeiterklasse.

Auf der Grundlage des Marxismus erklärte Trotzki nicht nur die Ursprünge der Bürokratie und ihres Aufstiegs zur Macht, sondern warnte auch, dass ihre Herrschaft unweigerlich zur Restauration des Kapitalismus führen werde, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse gestürzt werde. Im Gegensatz zu den Vorstellungen unzähliger bürgerlicher Intellektueller und Apologeten des Stalinismus, in deren Augen die Sowjetunion von ewiger Dauer war, sollte sich diese Perspektive auf tragische Weise bestätigen.

Den angeblichen Erklärungsfehler, den er Marx zuschreibt, hält Varoufakis für noch schlimmer. Er liege in seiner „Annahme, dass die Wahrheit über den Kapitalismus durch die Mathematik seiner Modelle aufgedeckt werden könne“.

Marx griff zwar auf die Mathematik zurück, entwickelte aber keine „mathematischen Modelle“ nach Art der bürgerlichen Ökonomen. Vielmehr deckte er im Zuge einer historischen Analyse auf, welche inneren Widersprüche die Triebkraft für die Entwicklung des Kapitalismus darstellten, und wies nach, dass sie seinen Sturz unabwendbar machen würden, wenn die Menschheit sich weiterentwickeln sollte.

Der Vorwurf, Marx habe sich fälschlicherweise der Mathematik bedient, dient aber nur als Vorgeplänkel. Varoufakis eigentlicher Angriff richtet sich gegen das Bestreben von Marx, die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Ökonomie zu entdecken.

Marx habe sich, so Varoufakis, darüber hinweggesetzt, dass „eine ordentliche Wirtschaftstheorie davon ausgehen muss, dass die Regeln des Unbestimmten selbst unbestimmt sind“.

Kurz, die Schwankungen des Marktes, die unzähligen Zufälle, durch die sich seine Gesetze manifestieren, sind unergründlich. Da sie nicht durch tiefer liegende Triebkräfte hervorgerufen werden, gibt es auch keine Gesetzmäßigkeiten zu entdecken.

Folglich ist es unmöglich, die Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie zu durchschauen und entsprechend zu handeln. Alles bleibt in Rätsel gehüllt, sodass der Arbeiterklasse nichts anderes übrig bleibt, als sich in ihr Schicksal zu ergeben.

Was für eine Beleidigung der geistigen Fähigkeiten des Menschen, könnte man in Anlehnung an Marx‘ Kommentar zu Pfarrer Malthus sagen. Der Mensch konnte mit seinen Erkenntnissen bis tief ins Weltall und in den Atomkern vordringen, die Geheimnisse des Lebens im Aufbau der DNA und des menschlichen Genoms ergründen, doch seine eigene sozioökonomische Organisationsform, die er selbst geschaffen und aufgebaut hat, bleibt ihm ein Buch mit sieben Siegeln.

Die politische Stoßrichtung dieses Angriffs auf die bloße Möglichkeit, den Kapitalismus wissenschaftlich zu verstehen, wird im nächsten Absatz offenkundig.

Würden Marx (und damit auch die heutigen Marxisten) eingestehen, dass Marx’ „Gesetze“ nicht unabänderlich seien, dann würden sie Varoufakis zufolge „gegenüber abweichenden Stimmen in der Arbeiterbewegung“ zugeben, „dass seine Theorie unbestimmt war und dass seine Aussagen daher nicht in einmaliger und eindeutiger Weise richtig sein konnten. Dass sie auf Dauer provisorisch blieben.“

Hiermit bekennt sich Varoufakis zu der gesamten postmodernen Schule der Fälschung, derzufolge es in Bezug auf die Geschichte keine „Meta-Erzählungen“ und keine objektive Wahrheit zu entdecken gibt.

Die Leugnung, dass ein wissenschaftliches Verständnis der kapitalistischen Ökonomie im Bereich des Möglichen liegt, dient einem politischen Zweck: Es gibt dann keine Grundlage, auf der die Arbeiterklasse einen politischen Kampf gegen den Verrat der Gewerkschaftsapparate und pseudolinker Parteien wie Syriza führen könnte. Denn alles ist unbestimmt. Es gibt viele Wahrheiten, und daher keine Wahrheit.

Der Nachdruck, mit dem Varoufakis diese Konzeption vertritt, lässt auf die gesellschaftlichen Kräfte schließen, die er vertritt.

„Diese Entschlossenheit“, schreibt er, „Anspruch auf das vollständige, abgeschlossene Bild oder Modell bzw. das letzte Wort zu erheben, kann ich Marx nicht verzeihen. Immerhin erwies sie sich als Quelle zahlreicher Fehler und vor allem des Autoritarismus.“

Der Vorwurf an den Marxismus, er habe dem Autoritarismus den Weg geebnet habe, entbehrt aus dem Munde Varoufakis‘ nicht einer gewissen Ironie. Immerhin fungiert er als Finanzminister einer Regierung, die in den fünf Wochen seit ihrem Machtantritt dem Autoritarismus des europäischen Finanzkapitals ausgesetzt ist, das unerbittlich fordert, dass Syriza die Angriffe auf die griechische Arbeiterklasse verschärft und das Programm, für das die Partei gewählt wurde, über den Haufen wirft.

Diesem Autoritarismus der Bourgeoisie beugte sich Syriza binnen weniger Wochen, und dies in ausgesprochen erbärmlicher und feiger Weise. In naher Zukunft werden Syriza und, sollte er Regierungsmitglied bleiben, Varoufakis den kapitalistischen Staat einsetzen, um die Opposition, die sich zwangsläufig in der Arbeiterklasse regen wird, gewaltsam niederzuschlagen.

Die politischen Vertreter der Finanzoligarchie spricht Varoufakis als seine „Kollegen“ und „Partner“ an. Arbeiter und Intellektuelle hingegen, die die Kapitulation von Varoufakis und der Syriza-Regierung auf der Grundlage einer wissenschaftlichen marxistischen Analyse als Verrat geißeln, beschuldigt er, Wegbereiter des Autoritarismus zu sein.

Varoufakis legt den Klassencharakter seiner Perspektive und seiner Regierung offen. Insofern ist sein Artikel von Nutzen. Vor allem aber verdeutlicht er, dass der Kampf gegen die Verrätereien von Syriza und gegen das pseudolinke Milieu, dem sie angehört, von einem theoretischen Kampf gegen die gesamte postmoderne Schule der Fälschung getragen werden muss. Denn mit ihren Angriffen auf die Wissenschaftlichkeit des Marxismus macht sie sich schlicht zum ideologischen Handlanger der Finanzoligarchie.

Siehe auch: „Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis will den Kapitalismus retten“