65. Berlinale

Zwei Gesichter des deutschen Widerstands: Die Widerständigen "also machen wir das weiter " und "Elser - Er hätte die Welt verändert"

Teil 4

Von Bernd Reinhardt
21. März 2015

Der deutsche Dokumentarfilm, Die Widerständigen "also machen wir das weiter ...", ist die Fortsetzung der Dokumentation, Die Widerständigen - Zeugen der Weißen Rose (2008), von Katrin Seybold, in dem Zeitzeugen des studentischen Widerstands um Hans und Sophie Scholl berichteten. Nach dem Tod der Regisseurin 2012 stellte Ula Stöckl aus dem reichhaltigen Interviewmaterial Seybolds den vorliegenden Film zusammen. Er handelt von Studenten, die nach dem Tod der Geschwister Scholl den Widerstand fortsetzten.

Die Widerständigen "also machen wir das weiter"

Der Film legt nahe, dass Hitler nach der Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 unter breiteren Schichten von Studenten den Rückhalt zu verlieren begann. Es gab immer weniger Bereitschaft, sich nunmehr völlig sinnlos verheizen zu lassen. Auch die Drohung mit härtesten Strafen hielt sie nicht ab, heimlich den Radiosender der BBC zu hören und angesichts neuer Niederlagen auf ein schnelles Kriegsende zu hoffen.

Ein Kreis um den Studenten Hans Leipelt beschloss, das 6. Flugblatt der Weißen Rose, welches angesichts des Untergangs "der Männer von Stalingrad" zum Sturz von Hitler aufruft, nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl weiter zu verbreiten. Neben München taucht es in Hamburg und Berlin auf, wird immer wieder heimlich abgetippt. Unter Lebensgefahr wird die Familie des ebenfalls hingerichteten Dozenten Kurt Huber, dem wesentlichen Verfasser des Flugblatts, finanziell unterstützt. Als die Gestapo davon Wind bekommt, folgen Verhaftungen. Hans Leipelt wird Anfang 1945 hingerichtet. Die Überlebenden verdanken dies nicht zuletzt dem Ende des Kriegs.

Der Film verschweigt nicht den pragmatischen Charakter des Widerstands. So erfährt man, dass Leipelt, Sohn aus gutem Hause, sich freiwillig an der Front gemeldet hatte und für seine Verdienste mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Erst nachdem die Nazis ihn zum Halbarier erklärten, ihn deshalb in Unehren aus der Wehrmacht entließen und auch seine zivile Karriere gefährdet war, entwickelte sich Leipelt zum radikalen Hitlergegner.

Man kann dem und anderem entnehmen, dass sich die studentische Opposition nicht unbedingt gegen den Faschismus, sondern gegen Hitlers Festhalten am "totalen Krieg" richtete, was angesichts der sich abzeichnenden Niederlage einem nationalen Selbstmord gleichkam.

Die Widerständigen "also machen wir das weiter"

Unter ihnen, so eine der Erinnerungen, sei der Gedanke populär gewesen, einer der Nazis müsse doch "einsehen, dass man so nicht weitermachen kann." Eine Protagonistin erinnert sich, dass sie nach ihrer Verhaftung ernsthaft glaubte, ihr Verlobter, ein wichtiger Mitarbeiter der Rüstungsfirma Messerschmitt, könne sie auf Grund der engen Firmenkontakte zum Führer, im Gefängnis besuchen.

Zweifellos standen hier Kinder aus vornehmlich besserem Hause gegen Hitler auf, deren Eltern Hitlers Versprechen, die Ketten von Versailles zu zerreißen und Deutschland zu neuer Größe auf der Bühne der Weltpolitik zu verhelfen, als Basis eigenen Wohlstands begrüßt hatten. Ihre Kinder waren in diesem Selbstverständnis in der Hitlerdiktatur aufgewachsen und sahen sich plötzlich getäuscht und ihrer Zukunft beraubt. In den bisher staatstragenden Mittelschichten verbreitete sich Entsetzen darüber, dass Hitler trotz der sich klar abzeichnender Niederlage, am "totalen Krieg" festhielt.

Einer der von den Studenten hoch verehrten Hitler-Kritiker war der Dozent Kurt Huber, auf dessen, mehr auf Reformen innerhalb des Faschismus abzielende Opposition, der Film nicht eingeht. Zum "Antifaschismus" Hubers erklärt der Autor Klaus Weber: "Er wird gegen das System des deutschen Faschismus widerständig, ‚als ihm die ‚Anständigkeit‘, das ‚Wahre‘ daran verlorenging‘(...)". Ein überzeugter Antifaschist, so Weber, sei Huber nicht gewesen.

Ein weiteres Idol war Heinrich Otto Wieland. Man erfährt, dass Dank Wieland, etliche als Halbarier eingestufte Studenten weiterstudieren oder in seinem chemischen Institut arbeiten konnten. Der Nobelpreisträger erschien aus Solidarität mit den angeklagten Studenten zur Verhandlung beim Volksgerichtshof. Unerwähnt bleibt, wie sich der Nazi-Gegner Wieland im Ersten Weltkrieg um den nationalen Aufstieg Deutschlands verdient machte. Er entwickelte chemische Kampfstoffe wie das Senfgas und sogenannte "Maskenbrecher" für den Gaskrieg an der Westfront.

Zum Ende des Films erfolgt eine Kritik an der DDR. Diese, so eine Protagonistin, hätte nur den Widerstand der KPD gegen Hitler anerkannt. Tatsächlich instrumentalisierte die stalinistische DDR-Führung den Antifaschismus, um die SED-Diktatur über eine angeblich von Hitler verblendete Bevölkerung zu begründen.

Aber während die DDR dazu tendierte, nur die kommunistische Opposition anzuerkennen, tat die politische Elite im Westen das Gegenteil. Um die Nazis in ihren eigenen Reihen nach dem Krieg zu rechtfertigen, tilgte das politische Establishment in Westdeutschland die kommunistische Opposition praktisch aus den Geschichtsbüchern zugunsten der „ehrenhaften Opposition“ langjähriger Nazianhänger wie Stauffenberg und der Organisatoren des Attentats von 1944. Während der Film Giftpfeile gegen die DDR abschießt, macht er keinen ernsthaften Versuch, den Hintergrund und die Motive derjenigen auszuloten, die sich mit Hitler überwarfen.

Elser - Er hätte die Welt verändert

Georg Elser war ein schwäbischer Tischler, der am 8.November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller ein Bombenattentat auf Hitler verübte, dem dieser nur knapp entging. Anders als die Weiße Rose oder der konservative Kreis um Stauffenberg, fand Elser jahrzehntelang keine offizielle Anerkennung. Elser steht für einen Widerstand von unten, aus dem Milieu kleiner Handwerker und Arbeiter.

Der Film Elser von Oliver Hirschbiegel (Der Untergang, 2004) widerspricht einigen gängigen Klischees über Hitlerdeutschland. Hirschbiegel zeigt die Nazidiktatur nicht als einen in seiner Macht unerschütterlichen Monolithen, dessen fanatischer Führer vom Volk vergöttert wird. Kurz nach Beginn des Krieges 1939 scheinen die braunen Machthaber eher nervös.

Elsers Vernehmer sind davon überzeugt, dass Elser kein Einzeltäter gewesen sein könne und foltern ihn, als er auf einer Einzeltat beharrt, entsprechend brutal. Im KZ-Dachau, ist der Spezialhäftling Elser für einen Schauprozess vorgesehen. Solche dienten der Massenabschreckung. Nach Elsers Hinrichtung, kurz vor der Befreiung des KZ-Dachau, wird peinlich darauf geachtet, dass die Öffentlichkeit nur von einem "Unfall" erfährt. Der Befehl zu dieser Fälschung sollte sofort vernichtet werden.

Elser - Er hätte die Welt verändert

Allgemein wird heute von Elsers Einzeltäterschaft ausgegangen. Doch anders als die Filme Der Attentäter (1969) von Rainer Erler oder Georg Elser - Einer aus Deutschland (1989) von und mit Klaus Maria Brandauer, legt Hirschbiegels Film nahe, dass Elser geistig nicht isoliert war. In seiner Umgebung scheinen die völkischen Rassetheorien kaum Eingang gefunden zu haben. Die neuen Machtverhältnisse werden eher pragmatisch genutzt, wie von dem Großbauern, der einen Wilderer verfolgt. Das bekommt eine andere Dimension als sich die beiden als NSDAP- und KPD-Mitglieder gegenüberstehen.

Auch Hirschbiegels Bilder der Judenverfolgung passen nicht zum Kanon des "Tätervolks". Während Brandauers Film demonstrativ zeigt, wie Leute der Vertreibung von Juden tatenlos aus dem Fenster zusehen, zeigt Hirschbiegel Judenverfolgung als Machtmittel der Nazis zur Verbreitung von Angst. Eine junge Frau, die mit einem jüdischen Mann ein Verhältnis hatte, muss mit einem Schild mit einem obszönen Text auf dem Dorfplatz hocken.

Der Tagesspiegel kritisiert, hier werde Geschichte als "kulissenhafter Fingerzeig instrumentalisiert", als handele es sich um keine realistische Episode. Gleiche Kritik gilt der Szene, wo Häftlinge offen durch den Ort getrieben werden. Lob hingegen findet die Szene, in der eine junge Sekretärin, während der Folter Elsers auf den Flur geschickt, scheinbar gleichgültig in einem Buch liest. Elsers Schreie hallen über den Flur. Aber sprechen aus dem regungslosen Gesicht nicht eher Beklemmung und Angst? Später steckt die junge Frau Elser ein Foto seiner Verlobten zu.

Wie in seinem seinerzeit heftig angegriffenen Film Der Untergang über die letzten Tage Hitlers, weigert sich Hirschbiegel in Elser Nazis als Dämonen oder Clowns zu zeigen. Er zeigt die gut nachvollziehbare Alltäglichkeit einer Diktatur, die auf der einen Seite grausam war und sich auf der anderen Seite dem kleinen Mann als fortschrittlich anbiederte.

Elser - Er hätte die Welt verändert

Man versprach jedem Dorf eine asphaltierte Straße, elektrisches Licht, jedem Haushalt ein Radio. Das Kino kommt in die Provinz. Es zeigt Bilder von der Leistungskraft der deutschen Industrie und scheinbar erfolgt damit auch eine Würdigung des deutschen Arbeiters. Doch jeder Zuschauer konnte sehen, dass es Bilder der Rüstungsindustrie sind. Und wie Elser im Film konnten damals Millionen Arbeiter nüchtern feststellen, dass es ihnen unter Hitler noch schlechter als in der Weimarer Republik ging.

Elser geht im Film mit wachen, weltoffenen Augen durchs Leben und den faschistischen Alltag. Man kann sagen, der Film ist eines der seltenen Beispiele über die Zeit des Faschismus, wo Arbeitern nicht von vornherein Rückständigkeit unterstellt wird. Er thematisiert auch erstmals genauer das Verhältnis von Elser zur KPD, das bisher ignoriert oder kleingeredet wurde. Bis zu Hitlers Sieg wählte Elser stets die KPD und war für kurze Zeit Mitglied ihres Rotfrontkämpferbunds, ohne Parteimitglied zu sein. Der Film zeigt ihn als Sympathisanten, der auf Distanz gegangen ist, nicht zuletzt weil er in den ständigen Straßenschlägereien Ende der 20er Jahre zwischen Nazis und KPD keinen Sinn sah.

Hirschbiegel gibt in seinem Film Arbeitern ein Gesicht, die bereits früh Gegner der Nazis waren, deren Widerstand aber durch die stalinistische Politik in eine Sackgasse geriet. Dies äußert sich auch in der Art und Weise, wie Elser versucht diese Lähmung durch individuellen Terror zu überwinden. Der Film verzichtet nicht auf einen Seitenhieb gegen die "Helden des 20. Juni". Elser erfährt im KZ-Dachau von der Hinrichtung eines Verschwörers aus dem Kreis um Stauffenberg. Es ist sein alter Vernehmer Arthur Nebe, wie man heute längst weiß, ein nicht unbedeutender Nazi-Kriegsverbrecher.

wird fortgesetzt ***

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