Der Film „Als wir träumten“ von Andreas Dresen

Von Bernd Reinhardt
11. April 2015

Mit Spannung wurde Andreas Dresens neuer Film „Als wir träumten“, eine Adaption des gleichnamigen Nachwende-Romans von Clemens Meyer, auf der Berlinale und kurz danach in den Kinos erwartet. Im Januar hatte der Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani an die Anschläge auf ein Ausländerwohnheim im ostdeutschen Rostock im Jahr 1992 erinnert. Würde Dresens Film dazu beitragen, die Zeit der Nachwende besser zu verstehen?

Andreas Dresen

Dresens Film spielt im Leipzig von 1994. Die Jugendlichen sind zirka 16 bis 17 Jahre alt und gehen noch zur Schule. Außerhalb des Klassenzimmers feiern sie das Leben, rauschhaft, anarchisch. Sie fahren in geknackten Autos umher, klauen Alkohol, besetzen eine Ruine und erklären sie zur Underground-Diskothek. Sie wähnen sich als die Größten, bis eine Bande Hooligans auftaucht und ihnen das Revier und das Geschäft streitig macht.

Für die einstigen Autoritäten der DDR haben sie Spott und Ironie übrig. Der alte entlassene Schuldirektor, der noch als Tapezierer immer alles besser weiß, ist nur noch lächerlich. „Sternchen“ (Ruby O. Fee), früher Vorzeigepionier im Gruppenrat, stimmt ein bekanntes Partisanenlied bei ihren Klau-Touren an. Die Polizei wird mit dem alten DDR-Kindergartenlied über den Volkspolizisten, „der es gut mit uns meint“, begrüßt.

Neue Autoritäten gibt es nicht, abgesehen von Jugendgericht, Jugendstrafvollzug usw. Am Ende ist die Realität ernüchternd: ein Drogentoter, ein Dealer. Auch Rico (Julius Nitschkoff), das einstige Boxtalent, greift nach Drogen, während Sternchen, das von Dani seit Kindertagen angehimmelte Mädchen im roten Pionierhalstuch, sich im Rotlicht-Milieu ausprobiert.

Als wir träumten (Rommel Film, Pandora Film. Foto Peter Hartwig)

Wovon träumten die Jugendlichen eigentlich, die über die Frage nach einem Sinn des Lebens nur lachen können? Rückblickend erinnert sich Dani (Merlin Rose) an die schöne Zeit mit „Winnetou 3“, Saufen und Sexfilmen. Wohin soll es gehen? Dani denkt: Das Beste kommt noch. Rico beginnt nach seinem Platz in der Gesellschaft zu suchen. Zunächst stellt er sich der Polizei.

„Als wir träumten“ ist neben den Filmen „Sommer vorm Balkon“ (2005)und „Whisky mit Wodka“ (2009)die dritte Zusammenarbeit Dresens mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und ihr erster gemeinsamer Versuch, einen historischen Stoff zu bearbeiten. Das Ergebnis ist enttäuschend. Der Zusammenbruch der DDR ist offenbar ein für sie ausgereiztes Thema.

Dresens düstere Film-Bilder könnten aus der Nachkriegszeit stammen (die Kohlhaase als Jugendlicher erlebte), oder aus einem Katastrophenfilm, der den Zuschauer über die Art der Katastrophe selbst im Unklaren lässt. In einer retortenhaften Atmosphäre erleben die Jugendlichen die großen Leidenschaften, enttäuschte Liebe, Euphorie, Kameradschaft und Verrat. Sie haben etwas Unschuldiges, auch wenn sie Autos zertrümmern und sich brutale Schlägereien mit den Hooligans liefern. Wie die Jugendlichen in „Wir sind jung. Wir sind stark“ benutzen Dresens Jugendliche gegenüber den Vietnamesen das rassistische Wort „Fidschis“ wie irgendein gewöhnliches Alltagswort, weshalb auch immer. Paul (Frederic Haselon) spielt mit dem Gedanken, aus seiner Vorliebe für Pornohefte ein einträgliches Geschäft zu machen.

Wie immer ist Dresen voller Mitgefühl für seine Figuren, zeigt ihre weichen Seiten, ihre Unfertigkeit. Der Oma, der sie Geld klauen, legen sie einen Schein wieder zurück. Die Jugendlichen seien „aus dem Nest gefallen“, so der Regisseur. Er habe das Vertrauen, dass seine Film-Figuren ihren Weg gehen werden. Jeder „von uns ist irgendwann mal erwachsen geworden und landet dann irgendwie in der bürgerlichen Mitte“.

Sicher war für Dresen die Ideologisierung jeder jugendlichen Äußerung als Methode, Heranwachsende in der DDR zu kontrollieren und bei Bedarf zu kriminalisieren, eine prägende Erfahrung. Schon Schulkinder mussten sich, wie der Film in einer Rückblende zeigt, von sogenannten ideologisch negativ beeinflussten Mitschülern distanzieren.

Der 12-jährige Rico verbrennt sein Pionierhalstuch auf der Schülertoilette und äußert im Literaturunterricht, er wolle nichts mehr von den „scheiß Sowjetsoldaten“ lesen. Solch eine Provokation war keine Kleinigkeit. Trotzdem ist Rico nicht der Feind der DDR, als den ihn der FDJ-Vertreter der Schule sehen will. Der wirkliche Hintergrund: Ricos Vater, ein Offizier, der in der Öffentlichkeit als leuchtendes gesellschaftliches Vorbild gilt, verließ die Familie wegen einer anderen Frau.

Dresen übertreibt jedoch, wenn er die Nachwendezeit zur ideologiefreien Zone zwischen den Systemen erklärt und die ausgiebig inszenierten Gewaltausbrüche zum normalen Reifeprozess Jugendlicher. „Das ist das Privileg der Jugend: auf anarchische Art Grenzen auszuweiten, zu überschreiten, abzustürzen, Forderungen unverschämtester Art zu stellen, die Welt zu provozieren.“ Die Gesellschaft brauche dringend, so Dresen, Anarchie und Provokation. Vielleicht würden die Jugendlichen heute auf einer Pegida-Demo stehen, vielleicht auch nicht. Man sollte sich „damit auseinandersetzen und aufpassen, dass nicht eine große Gruppe von Leuten in die rechte Ecke geschoben wird, nur weil sie ein paar Idioten von Schreihälsen folgt.“

Einige der heutigen „Schreihälse“ stammen aus Ricos Generation, wie die freiberuflich tätige Wirtschaftsberaterin und Immobiliensachverständige Kathrin Oertel (geb. 1978), ehemals Pegida, jetzt „Direkte Demokratie für Europa“, oder der rechte 40-jährige Leipziger Rechtsanwalt Arndt Hohnstädter (Legida). Sie gehören zu den DDR-Jugendlichen, die ihre erkämpfte soziale Stellung gegen Konkurrenten und sozial Schwächere auch mit Hilfe rechter antiislamischer Demagogie verteidigen.

Prägend war für sie der Zerfall der DDR, in ideologischer Hinsicht ein Krieg. An allen Verbrechen des Stalinismus war angeblich der Kommunismus schuld. Sozialer Egoismus wurde als Befreiung des Individuums in der Demokratie gepriesen. Die Zerschlagung der verstaatlichten Industrie galt als Kampf gegen Bürokratie, die Hetze gegen Planwirtschaft als Verteidigung des demokratischen Wettbewerbs. Es war eine vergiftete Atmosphäre der Lüge, Denunziation und Enttäuschungen. Statt der von Kohl versprochenen Arbeitsplätze gab es verwaltete Arbeitslosigkeit in befristeten Beschäftigungsgesellschaften. Neben „Aufbauhelfern“ und Glücksrittern aus dem Westen tummelten sich die aufstrebenden Wendehälse aus den ehemals privilegierten Schichten des Ostens.

Den Aggressivsten und Rückständigsten erschien der Einzug der Kapitalismus wie die späte Erfüllung eines Naturgesetzes, voller Möglichkeiten, zu schnellem Geld zu kommen. Moralische Skrupel galten als Reste „kommunistischer Ideologie“. Andere trugen sich mit der Vorstellung einer gemäßigten marktwirtschaftlichen DDR oder wie Dresen seine eigenen Illusionen heute formuliert: „Wir hatten die Hoffnung gehabt, dass die Wiedervereinigung mehr sein könnte, als nur eine schlichte Übernahme.“

In Dresens sehenswertem frühem Film über die Wende „Stilles Land“ (1992) steht am Ende die Desillusion. Das Land ist wieder still. Ein Gefühl bleibt. Die Hauptfigur, ein junger Theaterregisseur in der ostdeutschen Provinz, hat kurzzeitig eine Kraft an sich und anderen erlebt, als völlig unvermittelt das Land aufstand. Dieses Gefühl, alles sei plötzlich möglich, wird er nie vergessen und als utopisches Ideal im Herzen behalten.

Inzwischen sind der Regisseur und sein Schöpfer Andreas Dresen älter geworden. Beide scheinen der heutigen Jugend angesichts einer Welt, die „an allen Ecken und Enden brennt“ (Dresen), zuzurufen: Traut euch, das heutige Schweigen zu durchbrechen! „Wenn ich die Nachrichten einschalte“, so Dresen, „kriege ich Angst. Da fände ich es nur richtig, wenn junge Leute ihre Ansprüche formulierten.“ Er hoffe mit dem Film „der jüngeren Generation heute eine Vision der inneren Kraft mitzugeben, die größer ist als alles andere, größer als jedes System, egal, ob es da oder schon zusammengekracht ist.“

Er wollte mit dem Film einen positiven Blick auf die Nachwende wagen, als Zeit der Möglichkeiten, als Zeit einer „unglaublichen Energie“. Die Bewunderung für die Energie der Jugendlichen, ungeachtet dessen, dass sie auf die rückständigste Art „rebellieren“, ist im Film durchgehend spürbar. Man ist auch überzeugt von Ricos Willen zu einem normalen Leben. Doch was war normal in der Nachwendezeit? Was ist heute normal?

Für Dresens Sensibilität spricht, dass er zwischen der heutigen Jugend und der Jugend, die die gewaltigen gesellschaftlichen Erschütterungen zu Beginn der 90er Jahre hautnah erlebte, eine Parallele sieht. Die Bemerkung des Regisseurs, Jugendliche würden sich irgendwann in der bürgerlichen Mitte wiederfinden, ist allerdings eine leere Redensart, die passt zu Dresens fast religiös anmutender Beschwörung der „Vision einer inneren Kraft“, die größer sei „als alles andere“.

Die 90er Jahre zeigten, zu welcher Brutalität, Desintegration und Gehässigkeit die wohlhabende sogenannte bürgerliche Mitte fähig war, die den sozialen Kahlschlag in der ehemaligen DDR begrüßte und vorantrieb. Heute fordern Politiker der sogenannten Volksparteien mit „unglaublicher Energie“ die Verschärfung des Jugendstrafrechts und kritisieren die mangelnde patriotische Begeisterung Jugendlicher für „humanitäre“ Kriegseinsätze. Wie in der Zeit nach der Wende wird aus ihren Reihen jede Art von Rückständigkeit gefördert, wenn sie nur antikommunistisch und asozial ist, wie die rechte Pegida-Bewegung.

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