Nur ein Viertel aller Arbeitenden weltweit hat einen sicheren Arbeitsplatz

Von Andre Damon
21. Mai 2015

Laut einem aktuellen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der am Dienstag veröffentlicht wurde, hat nur ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung weltweit einen dauerhaften und sicheren Arbeitsplatz.

Obwohl die Gesamtzahl der Arbeitslosen weltweit deutlich höher liegt als vor der Krise 2008, waren die wenigen Arbeitsplätze, die in den letzten Jahren geschaffen wurden, überwiegend Teilzeit-, befristete- und Niedriglohnstellen.

Laut dem ILO-Bericht "World Employment and Social Outlook—Trends 2015 " sind drei Viertel aller Arbeitenden "in befristeten oder kurzfristigen Arbeitsverhältnissen beschäftigt, in informellen Arbeitsplätzen oft ohne Arbeitsvertrag, auf eigene Rechnung oder in unbezahlten Familienberufen."

Weiter heißt es in dem Bericht, dass weltweit mehr als 60 Prozent aller Beschäftigten keinen Arbeitsvertrag haben, die meisten von ihnen arbeiten auf familieneigenen Bauernhöfen oder in Unternehmen in Entwicklungsländern. Doch selbst von denjenigen, die Löhne oder Gehälter beziehen, sind weniger als die Hälfte – nur 42 Prozent – dauerhaft beschäftigt.

In Ländern, in denen das Einkommen als hoch eingeschätzt wird, ist die Zahl der Beschäftigten mit festen Arbeitsplätzen in den letzten Jahren von 74 Prozent im Jahr 2004 auf 73,2 Prozent im Jahr 2012 gesunken. Bei Männern war der Rückgang noch deutlicher: von 73,1 Prozent auf 71,2 Prozent im gleichen Zeitraum.

Der Bericht stellte außerdem eine weltweite Zunahme der Teilzeitarbeitsverhältnisse fest. "In der großen Mehrheit der Länder, über die Informationen verfügbar sind, ist die Zahl der Teilzeitstellen zwischen 2009 und 2013 schneller gestiegen als die Zahl der Vollzeitstellen."

Die ILO schreibt: "In Frankreich, Italien, Japan, Spanien und der [Europäischen Union] allgemein ist die Zahl der Teilzeitstellen zeitgleich mit dem Rückgang von Vollzeitjobs gestiegen – in einigen Fällen führte dies in diesem Zeitraum zum Verlust von Arbeitsplätzen." Seit 2009 ist die Zahl der Vollzeitstellen in der Europäischen Union um fast 3,3 Millionen gesunken. Gleichzeitig ist die Zahl der Teilzeitstellen um 2,1 Millionen gestiegen.

Auch der rechtliche Schutz wurde abgebaut, der Arbeitern eine sichere Beschäftigungsplanung ermöglicht. Die ILO schreibt: "Insgesamt ist der Arbeitsschutz seit 2008 zurückgegangen."

ILO-Generaldirektor Guy Ryder erklärte: "Die Entwicklung von traditionellen Arbeitsverhältnissen zu atypischen Beschäftigungsformen geht in vielen Ländern mit dem Anstieg von Ungleichheit und Armutsquoten einher."

Der Bericht identifiziert eine "Entwicklung weg vom üblichen Beschäftigungsmodell, in dem Arbeiter... sichere Arbeitsplätze haben und Vollzeit arbeiten. In Industrienationen ist das Standard-Beschäftigungsmodell immer weniger vorherrschend."

Dieses Phänomen zeige sich auch in Entwicklungsländern; dort, "am unteren Ende der globalen Wertschöpfungsketten", setzen sich "sehr kurzfristige Verträge und irreguläre Arbeitszeiten" immer mehr durch. Daher "verlangsamt sich in Schwellen- und Entwicklungsländern der historische Trend zu zunehmenden Arbeits- und Angestelltenverhältnissen."

In dem Bericht heißt es: "vor fast acht Jahren tauchten die ersten Anzeichen für eine Krise der Weltwirtschaft auf", aber "in der jüngeren Vergangenheit ist die weltweite Arbeitslosigkeit weiter gestiegen" und war gekennzeichnet "von einer uneinheitlichen und fragilen Erholung auf dem Arbeitsmarkt."

Laut Schätzungen der ILO ist die weltweite Zahl der Arbeitslosen letztes Jahr auf 201 Millionen gestiegen, 30 Millionen mehr als vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2008. In dem Bericht heißt es dazu: "Arbeitsplätze für die mehr als 40 Millionen Menschen zu schaffen, die jedes Jahr in den globalen Arbeitsmarkt eintreten, erweist sich als große anspruchsvolle Herausforderung." Bisher habe sich die Zahl der Arbeitslosen weltweit nicht deutlich verringert.

Wie die ILO schreibt, hat das Beschäftigungswachstum weltweit weitgehend stagniert. In den Industrienationen ist die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze um nur 0,1 Prozent pro Jahr gestiegen; von 2000 bis 2007 waren es noch 0,9 Prozent pro Jahr.

Das ging einher mit einem allgemeinen Rückgang des Wirtschaftswachstums. Für die "Industrienationen" insgesamt lag das Wachstum zwischen 2007 und 2014 bei durchschnittlich 0,7 Prozent pro Jahr, vor der Krise lag das jährliche Wachstum bei zwei Prozent.

Der Bericht mahnte an, dass sinkende Löhne und andauernde Massenarbeitslosigkeit zu einer Strukturschwäche der globalen Nachfrage beitrügen, die zu einer weiteren Rezession auf dem Arbeitsmarkt führten. Generaldirektor Ryder fügte hinzu: "Diese Trends könnten den Teufelskreis schwacher globaler Nachfrage und langsamer Schaffung von Arbeitsplätzen weiter aufrechterhalten, der die Weltwirtschaft und viele Arbeitsmärkte seit dem Ende der Krise charakterisiert hat."

Die zunehmende Verbreitung von schlecht bezahlten Teilzeit- und befristeten Arbeitsplätzen geht einher mit einer massiven Bereicherung der Finanzelite. Seit 2009 hat sich das Vermögen der 400 reichsten Personen der Welt laut dem Magazin Forbes fast verdreifacht – von 2,4 Billionen auf 7,05 Billionen im Jahr 2015. Dieses massive Anwachsen der Ungleichheit war das direkte Ergebnis der Politik, mit der die Regierungen der Welt auf die Krise 2008 reagierten: sie pumpten Billionen Dollar ins Finanzsystem kürzten gleichzeitig Sozialleistungen und förderten die Einrichtung von Arbeitsplätzen für Armutslöhne.

Die Ergebnisse des Berichtes zeichnen ein vernichtendes Bild des kapitalistischen Systems. Es ist nicht in der Lage, mit Massenarbeitslosigkeit, Armut oder andere sozialen Problemen fertig zu werden. Entwicklungsländer, die von den imperialistischen Mächten ausgeplündert und ausgenutzt werden, verharren in Rückständigkeit und Armut, während in den "Industrienationen" die herrschenden Klassen unnachgiebig Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und die Arbeitsplätze der großen Mehrheit der Bevölkerung durchgeführt haben.

In dem 155-seitigen Bericht findet sich nichts, was auf eine Verbesserung in der nahen Zukunft hindeutet. Dies kommt einem stillschweigenden Eingeständnis gleich, dass steigende Ungleichheit, sinkende Löhne, Massenarbeitslosigkeit und zunehmend befristete Beschäftigung grundlegende Merkmale der derzeitigen Gesellschaftsordnung sind.