OECD-Bericht: Weltweite soziale Ungleichheit erreicht neues Rekordhoch

Von Gabriel Black
26. Mai 2015

Laut einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der am Donnerstag veröffentlicht wurde, befindet sich die Einkommensungleichheit in vielen Industrienationen auf einem nie zuvor erreichten Rekordniveau. Der Bericht macht außerdem darauf aufmerksam, dass die wachsende soziale Ungleichheit vor allem bei jüngeren Arbeitern mit der Zunahme von Teilzeit- und befristeten Arbeitsverhältnissen einherging.

Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung der OECD-Mitgliedsstaaten verdienen mittlerweile 9,6-mal so viel wie die ärmsten zehn Prozent. Zu Beginn der 2000er Jahre waren es neunmal, in den 1980er Jahren siebenmal so viel.

OECD-Generalsekretär Angel Gurría erklärte: „Wir haben einen Wendepunkt erreicht. Noch nie in der Geschichte der OECD war die Ungleichheit in unseren Ländern so hoch wie heute.“ Die OECD besteht aus 34 Industrienationen, u.a. den USA, den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, Japan, Südkorea und Mexiko.

Laut dem Bericht besaßen im Jahr 2012 „die unteren 40 Prozent nur drei Prozent des gesamten Haushaltsvermögens der achtzehn OECD-Staaten, für die Daten vorlagen. Im Gegensatz dazu kontrollierten die obersten zehn Prozent die Hälfte des gesamten Haushaltsvermögens, das reichste eine Prozent besaß achtzehn Prozent davon.“

Dem Bericht zufolge liegt die Ungleichheit in Deutschland im Mittelfeld der OECD-Staaten hinter den nordischen und einigen osteuropäischen Ländern. Höher sei sie in Chile, der Türkei, den USA oder auch Großbritannien.

Die Vermögen in Deutschland sind stärker konzentriert als in vielen anderen OECD-Ländern. So besitzen die reichsten zehn Prozent der Deutschen 60 Prozent der Nettohaushaltsvermögen; im OECD-Schnitt dagegen halten die reichsten zehn Prozent nur 50 Prozent der Vermögen.

Die mittleren 50 Prozent besitzen etwa 47 Prozent des Vermögens, und die untersten 40 Prozent nur drei Prozent. „Insgesamt verschärft die Vermögenskonzentration jedoch OECD-weit die Nachteile der Haushalte mit niedrigem Einkommen“, heißt es in der Pressemitteilung der Organisation.

Das Armutsrisiko in Deutschland verharrt auf hohem Niveau. Auch die Einkommensunterschiede in Deutschland sind höher als in vielen anderen OECD-Ländern. Innerhalb der Krisenjahre seit 2007 sind die Einkommen der obersten zehn Prozent in Deutschland leicht angestiegen, während die der unteren unverändert blieben. So verdienen die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher fast siebenmal so viel wie die untersten zehn Prozent. Der OECD-Durchschnitt liegt aber noch höher: beim Neuneinhalbfachen.

In den USA ist die Ungleichheit die vierthöchste unter den OECD-Staaten, nach Chile, Mexiko und der Türkei.

Mitte der 1980er Jahre verdienten die obersten zehn Prozent der Einkommensempfänger in den USA elfmal so viel wie die untersten zwanzig Prozent. Diese Zahl stieg in den 1990er Jahren auf das 12,5-fache; im Jahr 2013 verdienten die obersten zehn Prozent in den USA neunzehnmal so viel wie die unteren zehn Prozent.

Die Vermögensungleichheit in den USA ist sogar noch größer als die Einkommensungleichheit. Die obersten zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung kontrollieren 76 Prozent des Gesamtvermögens, die unteren 60 Prozent nur 2,5 Prozent. Die obersten fünf Prozent der Haushalte in den USA besitzen etwa 91-mal mehr Vermögen als der Durchschnittshaushalt.

Dieser Anstieg der Einkommensungleichheit vollzog sich größtenteils nach der Finanzkrise von 2008. Laut dem OECD-Bericht ist das Nettovermögen in den USA zwischen 2007 und 2013 um durchschnittlich 2,3 Prozent gesunken, aber bei den untersten zwanzig Prozent der Einkommensverteilung war dieser Wert mit 26 Prozent zehnmal so hoch.

Die Einkommensungleichheit in den USA ist deutlich größer als in allen anderen Industrienationen. So ist das Gesamthaushaltseinkommen in den USA zwar vierzehn Prozent höher als in Kanada und fünfundzwanzig Prozent höher als in Frankreich und Deutschland, doch wie es im Bericht heißt, ist „das Durchschnittseinkommen der untersten zehn Prozent in den USA 42 Prozent niedriger als in Kanada und etwa 50 Prozent niedriger als in Frankreich und Deutschland.“

Laut der OECD war ein Grund für diesen Unterschied, die „im Vergleich zu den meisten anderen OECD-Staaten deutlich niedrigere Umverteilung durch Einkommenssteuern und Geldtransfers in den USA“.

Der Bericht weist auf die besonders schwere Notlage hin, die die am wenigsten verdienenden Teile der internationalen Arbeiterklasse in den letzten 30 Jahren durchlitten haben. In den letzten 30 Jahren haben "Haushalte mit niedrigem Einkommen in keiner Weise vom Einkommenswachstum profitiert." So sind beispielsweise die Einkommen der untersten zehn Prozent der Einkommensempfänger in den USA seit 1985 inflationsbereinigt um 3,3 Prozent zurückgegangen, während sich das durchschnittliche Haushaltseinkommen um vierundzwanzig Prozent erhöht hat.

In Spanien und mehreren anderen Ländern, in denen die Finanzkrise die stärksten Folgen hatte, war dieser Trend sogar noch deutlicher. Die Einkommen der ärmsten zehn Prozent der spanischen Bevölkerung sind zwischen 2007 und 2011 um ganze dreizehn Prozent pro Jahr gesunken.

Abgesehen von einer massiven Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheit zeigt der Bericht außerdem, dass Teilzeitarbeit, Selbstständigkeit und befristete Arbeitsverträge in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zugenommen haben. Die OECD schreibt: „Zwischen 1995 und 2013 fallen mehr als die Hälfte aller in OECD-Staaten geschaffenen Arbeitsplätze in eine dieser Kategorien“ und fügt hinzu: „Vor allem gering qualifizierte- und befristet Beschäftigte haben ein viel niedrigeres und unsichereres Einkommen als fest angestellte Arbeiter.“ Im OECD-Schnitt verdiene ein befristet Beschäftigter lediglich 56 Prozent von dem, was ein regulär Beschäftigter verdient.

Auch in Deutschland, so betonen die Autoren, führen besonders atypische Beschäftigungen zu einer ungleicheren Einkommensverteilung. 2013 waren in Deutschland 40 Prozent aller Beschäftigten entweder befristet, selbstständig oder nur in Teilzeit tätig.

Wie die OECD schreibt, sind junge Arbeiter am meisten von dieser Entwicklung zu befristeter und schlecht bezahlter Arbeit betroffen. 40 Prozent der Beschäftigten zwischen achtzehn und 34 Jahren haben keine reguläre Vollzeitstelle.

Die OECD ruft in ihrem Bericht die Regierungen zum Handeln auf, um die Ungleichheit zu verringern. „In den letzten Jahrzehnten hat sich die Leistungsfähigkeit der Umverteilungsmechanismen in vielen Ländern verringert“, erklärt sie und warnt: „Wenn die Regierungen nichts gegen Ungleichheit unternehmen, verletzen sie das soziale Gefüge ihrer Länder und behindern ihr langfristiges Wirtschaftswachstum.“

In Wirklichkeit ist die Zunahme der sozialen Ungleichheit jedoch das beabsichtigte Ergebnis der Politik der Regierungen. Ihr Ziel ist, die Finanzoligarchie auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung reicher zu machen. Im Rahmen des kapitalistischen Systems, lässt sich dieser Zustand unmöglich verändern. Dessen wesentliches Merkmal ist die unbegrenzte Konzentration von Vermögen an der Spitze der Gesellschaft.

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