Krieg im Jemen: Zwanzig Millionen Einwohner ohne Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung

Von Bill Van Auken
12. Juni 2015

Wie der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien letzte Woche den Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates mitteilte, droht im Jemen eine humanitäre Katastrophe. Zwanzig Millionen Menschen – fast 80 Prozent der Bevölkerung des Landes – haben keinen Zugang zu ausreichender Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung.

O'Brien beschrieb die Lage der Bevölkerung des ärmsten Landes der arabischen Welt als „katastrophal“. Als Hauptgrund hierfür nannte er die Luftangriffe einer Militärkoalition, die von Saudi-Arabien angeführt und von den USA unterstützt wird. Sie haben die Städte des Jemen zerstört, während eine Blockade über die Häfen des Landes nicht nur die Lieferung von Hilfsgütern verhindert, sondern auch die Versorgung mit Grundgütern, die vor dem Krieg existiert hatte, zum Erliegen bringt.

Der Direktor des humanitären Programms von Oxfam in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, Nuha Abdul Jaber, erklärte im Guardian, es sei aufgrund der Blockade unmöglich, Güter ins Land zu bringen. „Es fahren viele Schiffe herum, die Grundgüter wie Mehl geladen haben, aber sie dürfen nicht näherkommen. Die Lage wird immer schlimmer. Krankenhäuser müssen den Betrieb einstellen, weil kein Diesel mehr für die Generatoren da ist. Menschen sterben an einfachen Krankheiten. Das Überleben wird fast unmöglich.“

Der Guardian schreibt unter Berufung auf einen Bericht der Hilfsorganisation Save the Children, dass in mindestens achtzehn der zweiundzwanzig Gouvernements Krankenhäuser den Betrieb eingestellt haben, außerdem 153 Gesundheitszentren, die bedrohte Kinder mit Nahrung versorgt haben, und 158 Ambulanzen, in denen Kinder unter fünf Jahren behandelt wurden. Weiter hieß es in dem Bericht: „Weil sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen fehlen, breiten sich gleichzeitig Cholera und andere Krankheiten aus. In Aden wurde ein Ausbruch des Denguefiebers gemeldet.”

Die saudische Monarchie hatte Ende April versprochen, einen humanitären Hilfsfonds zu gründen, zu dem sie 274 Millionen Dollar beisteuern würde. Bisher hat sie noch keinen Cent davon gezahlt. Sie hatte außerdem angekündigt, die Militäroperation „Operation Decisive Storm“ zu beenden und stattdessen zum „politischen Prozess“ überzugehen.

Seither wurden die Blockade und der Luftkrieg gegen die bettelarme Bevölkerung des Jemen ununterbrochen fortgesetzt, insgesamt dauern sie mittlerweile drei Monate an. Allein am Mittwoch und Donnerstag wurden bei Luftangriffen auf mehrere Gebiete mindestens 58 zivile Todesopfer gemeldet, darunter 48 bei einem einzigen Angriff auf ein Dorf im Norden des Landes nahe der saudi-arabischen Grenze, die meisten davon Frauen und Kinder. Laut Schätzungen der UN wurden seit Beginn des Krieges mindestens 2.000 Zivilisten getötet.

Die Obama-Regierung hat Saudi-Arabien logistisch und mit Geheimdienstinformationen unterstützt, bei der Auswahl von Zielen für Luftangriffe geholfen, Tankflugzeuge geschickt, damit die Bomber Saudi-Arabiens und der verbündeten Golfmonarchien länger in der Luft bleiben können, und für Nachschub an Bomben und Raketen gesorgt.

Die Führung der Huthi-Rebellen gab am Donnerstag bekannt, sie habe sich bereit erklärt, an den von der UN vermittelten Friedensverhandlungen teilzunehmen, die am 14. Juni in Genf stattfinden. Die Nachrichtenagentur Agence France Presse zitierte ein Führungsmitglied des politischen Flügels der Huthi-Miliz namens Daifallah al-Shami: „Wir haben die Einladung der Vereinten Nationen an den Verhandlungstisch in Genf ohne Vorbedingungen akzeptiert.“

Die Rebellen weigern sich, einer einseitigen Resolution Folge zu leisten, die im April von den USA und ihren Verbündeten (unter Enthaltung Russlands) im UN-Sicherheitsrat durchgesetzt wurde. Diese Resolution sieht ein Waffenembargo vor, das ausschließlich gegen die Huthi-Rebellen gilt. Außerdem werden sie aufgefordert, ihre Waffen abzugeben, kontrollierte Territorien aufzugeben und die Regierung von Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi anzuerkennen, einem amerikanisch-saudischen Marionettenherrscher, der im März aus dem Land geflohen war. Die Resolution enthielt keinerlei Kritik an den saudischen Luftangriffen auf die Zivilbevölkerung, die einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg darstellen.

Berichten zufolge haben sich auch Vertreter von Hadi, der in Riad im Exil lebt, bereit erklärt, an den Verhandlungen in Genf teilzunehmen. Hadi hatte die Vorbedingung gestellt, dass sich die Huthi der UN-Resolution unterwerfen.

Vermutlich wird auch der ehemalige Präsident und langjährige Diktator Ali Abdullah Saleh an den Verhandlungen teilnehmen. Seine Anhänger hatten sich auf die Seite der Huthi gestellt.

Die Rebellenfraktionen im Süden des Jemen, die zwar Widerstand gegen die Huthi geleistet haben, aber kein Interesse an einer Rückkehr Hadis an die Macht haben, sondern stattdessen für die Unabhängigkeit des Südjemen kämpfen, werden vermutlich nicht teilnehmen. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft existierte der Südjemen bis zu seiner Vereinigung mit dem Norden 1990 als eigenständiger Staat und stand im Kalten Krieg auf der Seite der Sowjetunion. 1994 versuchte der Süden, sich abzuspalten und es kam zu einem Bürgerkrieg, der mit der Niederlage des Südens und einer erzwungenen Wiedervereinigung endete.

Der Krieg im Jemen hat die Spannungen in der ganzen Region weiter verschärft. Die saudische Monarchie und Washington behaupten, der Iran unterstütze die Huthi, die der schiitischen Richtung der Zaiditen angehören. Dieser Gruppe gehört etwa ein Drittel der Bevölkerung an, im Norden des Landes sind sie die dominierende Gruppe.

Washington hat dem Iran mehrfach vorgeworfen, er beliefere die Huthi mit Waffen, aber keine Beweise dafür vorgebracht. Der Iran hat die Vorwürfe stets abgestritten.