OECD-Bericht macht auf wachsende Gefahren für die Weltwirtschaft aufmerksam

Von Nick Beams
1. Juli 2015

Ein von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development – OECD) veröffentlichter Bericht unterstreicht die Gefahren, vor denen die Weltwirtschaft und das gesamte Finanzsystem stehen. Der Bericht macht hierfür den zunehmenden Finanzparasitismus verantwortlich, der Investitionen in Produktionskapazitäten durch verschiedene Spekulationsformen ersetzt hat.

Der Unternehmens- und Finanzausblick, der am Mittwoch veröffentlicht wurde, umfasst eine ausführliche Studie zu etwa 10.000 Unternehmen, deren Produktion knapp 30 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Der Bericht ging der Frage nach, warum zu einer Zeit, in der die historisch niedrigsten Zinsen vorliegen, die Unternehmen so wenig in Produktionsanlagen investieren, was auch als „globales Investitionsrätsel“ bezeichnet wird. Unternehmen horten Unmengen Geld, das für Finanzoperationen wie Aktienrückkäufe eingesetzt wird.

Die Studie macht außerdem auf die Gefahren aufmerksam, die das Aufblähen des Finanzsystems mit sich bringt, denn die Niedrig-Zins-Politik, die von den großen Zentralbanken weltweit betrieben wird, verleitet Investoren auf der Jagd nach Rendite, zu immer riskanteren Investitionen. Vergleichsweise niedrige Renditen, wie sie bei Anlagen in Staatsanleihen üblich sind, führen bei Lebensversicherern und Pensionsfonds zu Investitionslücken und setzen sie potenzieller Insolvenzgefahr aus.

Als OECD-Generalsekretär Angel Gurria den Bericht vorstellte, wies er auf die widernatürliche Situation hin, dass in fortgeschrittenen Wirtschaften solche Unternehmen, die einen hohen Investitionsaufwand betreiben, von den Aktienmärkten bestraft werden. Weit besser stünden diejenigen Unternehmen da, die Aktienrückkäufe und ähnliche Operationen tätigen.

“Im Zeitraum von 2009 bis 2014 hätte ein Kauf der Aktien von Unternehmen mit geringem Investitionsaufwand und ein gleichzeitiger Verkauf solcher von Unternehmen mit hohem Investitionsaufwand zu einer Erhöhung des Werts Ihres Portfolios geführt: in Japan um zwölf Prozent, in den aufstrebenden Wirtschaften um 21 Prozent, in Europa um 47 Prozent und um kolossale 50 Prozent in den Vereinigten Staaten,“ sagte er. „Offensichtlich befinden sich die Anreize in schwerer Schieflage.“

Der Hauptautor des Berichtes, der Sonderfinanzberater des OECD-Generalsekretärs für die Finanzmärkte, Adrian Blundell-Wignall, sagte in einem Interview mit der Australian Financial Review, dass jedes Unternehmen, das unter den gegenwärtigen Bedingungen Investitionen für die nächsten fünfzehn Jahre beabsichtigt, „relativ bestraft“ werde.

Einer der entscheidenden Gründe hierfür sei, wie er sagte, die Entstehung globaler Wertschöpfungsketten. Das hat zur Folge, dass Konzerne weniger Investitionen in ihren Heimatländern tätigen, als in so genannten aufstrebenden Märkten. Allerdings gebe es in diesen Ländern nicht genug Nachfrage, da deren Regierungen „Finanzrepression“ betreiben und ihre Währungen auf einem niedrigen Niveau halten, um ihre Exportwettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden.

Diese Tatsachen widerlegen die Behauptung, dass trotz Stagnation in den fortgeschrittenen Wirtschaften das Emporkommen einer Mittelklasse in den aufstrebenden Wirtschaften das Defizit kompensieren würde. Es sei gerade das Fehlen einer echten konsumierenden Mittelschicht in diesen Ländern, sagte Blundell-Wignall, das die Ankurbelung des globalen Bedarfs behindere.

Eine weitere entscheidende Erkenntnis, die der Bericht liefert, besteht darin, dass das globale Finanzsystem vor wachsenden Risiken steht, weil traditionell sichere Investitionen, darunter Staatsanleihen, die von Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds nachgefragt werden, solch niedrige Renditeraten erbringen, dass die Unternehmen sich riskanteren Spekulationen widmen müssen.

“Pensionsfonds und Lebensversicherer spüren zunehmend selbst Druck, Gewinne zu erwirtschaften und selbst Hochrisikoinvestitionsstrategien zu verfolgen, die am Ende ihre Solvenz untergraben könnten. Damit werden Risiken eingegangen, die nicht bloß den Finanzsektor betreffen, sondern potenziell die Rentensicherheit unserer Bürger aufs Spiel setzen“, sagte Gurria.

Es wird erwartet, dass die Pensionsfonds in den nächsten fünf Jahren um 26 Prozent wachsen werden: von geschätzten 28,4 Billionen Dollar im Jahr 2014 auf 35,8 Billionen im Jahr 2019. Im selben Zeitraum sollen die Kapitalbestände der Versicherungsunternehmen um 33 Prozent ansteigen: von 28,2 Billionen auf 37,7 Billionen Dollar.

Diese Fonds stehen vor einem sich vergrößernden Problem: die Hochzinsanleihen, in die sie früher investierten, erreichen ihre Fälligkeit und werden fortschreitend mit Niedrigzinsanleihen in ihrem Portfolio ersetzt. Pensionsfonds legen im Allgemeinen um die 40 Prozent ihres Kapitals in festverzinslichen Wertpapieren und Darlehen an, darunter in Staatsanleihen, und könnten somit vor einem Finanzierungsausfall stehen und ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können.

Blundell-Wignall warnt, dass viele langfristige Pensionsfonds mit festgelegten Leistungsplänen, insbesondere in Europa, „in irgendeiner Form in eine Insolvenzkrise geraten“ werden. Drei Monate zuvor gab der Internationale Währungsfond eine ähnliche Einschätzung, als er sagte, europäische Lebensversicherer stünden vor „erheblichen Herausforderungen.“

Außerdem bemerkte Blundell-Wignall, dass der expandierende Weltmarkt für Hochzinsanleihen gefährlich ansteigende Geldflüsse in riskante Alternativinvestitionen produziere. Er warnte, dass dies zu Problemen führen könnte, sobald die Zinssätze anfangen sich zu normalisieren und von ihrem ultraniedrigen Niveau wieder ansteigen.

“Es gibt eine große Blase, die das außerbörsliche Kapital, Fonds mit absoluter Rendite, Hedgefonds und künstlich börsengehandelte Fonds [Exchange-traded funds – ETF] umfasst,“ sagte er.

Der OECD-Bericht führt eine Reihe potenzieller Auslöser für eine erneute Finanzkrise auf, darunter eine Rückkehr der Zinssätze auf ein normales Niveau, eine über den Erwartungen liegende Wertsteigerung des US-Dollars, eine Krise der aufstrebenden Märkte, ein Versagen des Programms der quantitativen Lockerung der Europäischen Zentralbank, eine durch einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone hervorgerufene Krise und ein weiterer plötzlicher Fall der Ölpreise.

Unter Bedingungen, wo die Finanzmärkte zunehmend außerhalb der Kontrolle und Regulierung irgendeiner Zentralbank oder Finanzbehörde operieren und wo Regulierungen, wenn sie angewendet werden, durch neue Mechanismen durchkreuzt werden, die Spekulanten sich ausdenken, um ihre Folgen zu umgehen, kann der unmittelbare Auslöser einer erneuten Krise gegenwärtig auch ohne weiteres außerhalb des aktuellen Blickfeldes liegen. Der Ökonom John Maynard Keynes bemerkte einst: „Das Erwartete tritt niemals ein: es ist stets das Unerwartete.”

Was auch immer der Funken für die nächste Katastrophe sein wird, die objektiven Bedingungen, die ihn hervorbringen, liegen klar zutage. Sie wurzeln im Widerspruch zwischen der Realökonomie, wo die Wachstumsaussichten so miserabel sind, dass Investitionen in Produktionskapazitäten für zu riskant angesehen werden, und den Finanzmärkten, die so agieren, als ob Investitionen risikolos seien.

Gurria deutete in seinen Bemerkungen zum Bericht auf diese schreiende Diskrepanz hin.

“Warum sehen so viele Leute, die gelistete Unternehmen leiten, welche für einen großen Anteil an der weltweiten Kapitalbildung verantwortlich sind, so viele Risiken am Horizont und gleichzeitig so viele der Akteure auf den Finanzmärkten anscheinend so wenige Risiken?“, fragte er. „Es ist unvermeidlich, dass eine von den beiden Gruppen widerlegt wird. Wie vermeiden wir eine Krise, sobald dies eintritt?“

Seine Bemerkungen sind eine vernichtende Anklage gegen das gesamte politische und Finanzestablishment des globalen kapitalistischen Systems, dessen Bestandteil die OECD selbst ist. Die unbegrenzte Versorgung der Finanzmärkte mit Geld, die seit 2008 von den Zentralbanken der ganzen Welt im Namen der Wachstumsankurbelung betrieben wird, hat die Bedingungen für die nächste Katastrophe geschaffen.