Globale Aktienmärkte spüren zunehmend die Folgen der sinkenden Aktienkurse in China

Von Nick Beams
8. Juli 2015

Die weltweiten Aktienmärkte scheinen die anfängliche Schockwelle, welche das eindeutige „Nein“ der griechischen Bevölkerung im Referendum über den Sparkurs der EU ausgelöst hat, gut verkraftet zu haben. Der Hauptgrund dafür ist die Annahme, dass die Syriza-Regierung jetzt noch mehr darauf bedacht ist, sich mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds über die Umsetzung des Sparkurses zu einigen.

Gleichzeitig könnten die Finanzmärkte jedoch bald die Auswirkungen der andauernden Talfahrt der chinesischen Aktienkurse spüren.

Am Montag ging der Dow Jones-Index um nur 47 Punkte, bzw. 0,3 Prozent zurück, die europäischen Aktienmärkte fielen jedoch um ein bis zwei Prozent.

Dass die Reaktion der Märkte auf die Lage in Griechenland bisher relativ entspannt ausgefallen ist, liegt nicht nur daran, dass sie mit einem weiteren Rechtsruck der Syriza-Regierung rechnen, sondern auch daran, dass sich die Zusammensetzung der griechischen Schulden in den letzten sieben Jahren verändert hat.

Als die globale Finanzkrise 2008 ausbrach waren in Griechenland Schulden bei Privatbanken von etwa 300 Milliarden US-Dollar gefährdet. Aufgrund der Rettungsoperationen, die von der EU, dem IWF und der Europäischen Zentralbank organisiert wurden, beträgt diese Summe mittlerweile nur noch 54 Milliarden Dollar. Im Jahr 2012, als die Märkte das letzte Mal einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone befürchteten, waren etwa achtzig Prozent der griechischen Schulden Forderungen von Privatbanken und nur zwanzig Prozent Forderungen von öffentlichen Institutionen. Seither hat sich dieses Verhältnis umgekehrt.

Von den Rettungsgeldern in Höhe von mehr als 200 Milliarden Euro gingen nur elf Prozent an die griechische Regierung. Der Rest wurde benutzt, um Schulden bei Privatbanken zu tilgen. Die Kosten für dieses Verfahren mussten Millionen von griechischen Arbeitern und Jugendlichen zahlen, die dabei ins Elend gestoßen wurden. Das Bruttoinlandsprodukt ist um etwa ein Viertel gesunken. Zudem haben die Kosten für die Rettung der Banken auch zu den Forderungen der herrschenden Eliten nach Austerität in ganz Europa beigetragen.

Während Finanzspekulanten erleichtert aufatmeten, dass Griechenland doch keine so starken Turbulenzen ausgelöst hat, wie es befürchtet worden war, droht eine neue Gefahr durch die Krise auf Chinas Aktienmärkten und in seinem Finanzsystem.

Die chinesische Regierung hat am Wochenende Notfallmaßnahmen eingeleitet, u.a. haben sich die Zentralbanken des Landes ausdrücklich dazu verpflichtet, Gelder in unbegrenzter Höhe zur Verfügung zu stellen. Die Talfahrt ging jedoch weiter. Im Laufe des letzten Monats ging Kapital in Höhe von fast drei Billionen Dollar verloren.

Der Shanghai Composite-Aktienindex stieg am Montag bei Börsenbeginn um 7,8 Prozent. Bis zum Börsenschluss war er allerdings nur noch um 2,4 Prozent gestiegen und im Laufe des Tages zweimal in den negativen Bereich abgesackt. Der Shenzhen-Index, der als technologielastig gilt, schloss nach starken Schwankungen im Laufe des Börsentages mit einem Plus von nur 2,7 Prozent.

Im Laufe der letzten Woche waren die Kurse an der Shanghaier Börse um 12,1 Prozent eingebrochen. Damit lag der Kursverlust seit dem Höchststand am 12. Juni bei fast 30 Prozent. Ohne die leichte Erholung der Märkte am Montag hätte der Regierung eine schwere Krise gedroht. Obwohl der Shanghaier Index leicht anstieg, verzeichneten etwa 649 Aktienkurse einen Rückgang und nur 259 einen Anstieg.

Die Regierung hatte Maßnahmen eingeleitet, um die Märkte zu stimulieren. U.a. hatte sie Gelder bereitgestellt, Maßnahmen gegen Leerverkäufe eingeleitet, Börsengänge untersagt, damit das Geld in bestehende Aktien investiert wird, und den staatlichen Rentenfonds angewiesen, nur zu kaufen und nichts zu verkaufen. Die erhoffte deutliche Belebung des Marktes blieb jedoch aus. Stattdessen hat die Reaktion am Montag weitere Zweifel in die Fähigkeit der Regierung geschürt, die Talfahrt aufhalten zu können.

Fraser Howie, leitender Direktor von Newedge Singapore, der als Experte für chinesische Kapitalmärkte gilt, erklärte: „Es ist offensichtlich, dass die Reaktion des Marktes längst nicht so positiv war wie gehofft. Angesichts der Maßnahmen, die eingeleitet wurden – es wurde alles, was nur möglich war, auf den Markt geworfen – war das Endergebnis ehrlich gesagt ziemlich jämmerlich.“

Wie besorgt die Regierung ist, zeigt auch die Propagandaoffensive der regierungseigenen Presse. Sie schrieb, die Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) sei „in der Lage und zuversichtlich“, dass sie dafür sorgen könne, dass die Märkte „stabil und gesund“ bleiben.

Die Volkszeitung, das wichtigste Sprachrohr der KPCh, schrieb am Montag in einem Leitartikel: „Den A-Aktienmarkt [diejenigen Aktien, die nur in Renminbi angegeben sind] wieder auf ein rationales Niveau zu bringen ist eine äußerst wichtige Aufgabe. Die Flüchtigkeit des Marktes ist einer gesunden und stabilen Entwicklung des Kapitalmarktes abträglich.“

Doch nicht nur die Kapitalmärkte sind in Gefahr. Da das Wirtschaftswachstum auf dem niedrigsten Niveau seit fast einem Vierteljahrhundert liegt, droht die Krise auch, auf die allgemeine Wirtschaft überzugreifen. Die meisten Prognosen rechnen für dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von nur etwa vier Prozent – deutlich unterhalb des offiziellen Wachstumszieles von etwa sieben Prozent.

Vor einem Jahr begann die Regierung in Peking, bessergestellte kleinbürgerliche Familien zu ermutigen, am Aktienmarkt zu investieren, indem sie implizit versprach, dass dies aufgrund der staatlichen Unterstützung für das Finanzsystem eine sichere Möglichkeit sei, Vermögen zu vergrößern. Damit begann der Börsenboom.

Diese Entscheidung sollte eine neue Wachstumsquelle schaffen, nachdem der Investment- und Infrastrukturboom, den die Regierung nach der Finanzkrise von 2008-09 angeregt hatte, durch den Bau von unverkauften Wohnblöcken und die starke Verschuldung von kommunalen Regierungsbehörden ins Stocken geraten war.

Die Regierung unter der Führung von Präsident Xi Jinping hoffte außerdem, dass die Entstehung einer Schicht von kleinbürgerlichen Aktionären bei dem Versuch, die chinesische Wirtschaft für die Finanzmärkte zu öffnen, politische und soziale Stabilität bieten würde.

Dies hat dazu geführt, dass der chinesische Aktienmarkt nicht von großen Institutionen sondern von kleinen individuellen Investoren dominiert ist, die Ende 2014 zusammen mehr als 80 Prozent aller Aktien besaßen. Auf den chinesischen Aktienmärkten bestehen zwischen 70 und 80 Millionen Handelskonten. 40 Millionen davon wurden dieses Jahr angelegt, viele davon haben ihre Aktien mit geborgtem Geld gekauft.

Schätzungen zufolge sind siebzehn Prozent des chinesischen Aktienmarktes von Margin-Krediten finanziert, d.h. Aktien werden als Sicherheiten für Kredite benutzt, die im Falle sinkender Aktienkurse zurückgezahlt werden müssen.

Wenn die Talfahrt weiter anhält, droht diesen Anlegern, die von der Regierung auf den Aktienmarkt gelockt wurden, der finanzielle Ruin. Dies würde schwerwiegende politische Folgen für das Regime haben.

Yang Fan, ein hochrangiger Ökonom an der Chinesischen Universität für Politikwissenschaften und Recht, erklärte der Australian Financial Review: „Wenn der Aktienmarkt zusammenbricht, ist die Wirtschaft am Ende, und das wird zu sozialer Instabilität führen.“

Harry Harding, Professor an der Hongkonger Universität für Wissenschaft und Technologie, erklärte in einem Interview mit der New York Times, ein weiterer Rückgang des Aktienmarktes könnte drei Konsequenzen haben: Anlageverluste für Haushalte, langsameres Wirtschaftswachstum und politische Folgen für die Xi-Führung.

Harding erklärte mit Blick auf den Kampf innerhalb der KPCh-Führung, in der Xi seine Gegner mit einer Kampagne gegen Korruption bekämpft: „Einflussreiche Kräfte haben die Messer gezückt und warten nur darauf, dass er scheitert.“

Abgesehen von den Folgen, die Harding nannte, wird eine weitere Talfahrt auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und das internationale Finanzsystem haben. In gewisser Hinsicht ist China bereits die größte Wirtschaftsmacht der Welt und verantwortlich für etwa dreißig Prozent des globalen Wirtschaftswachstums. Eine Finanzkrise würde auf den Rest der Welt übergreifen, sowohl aufgrund der Abhängigkeit der großen Wirtschaftsmächte von China als auch wegen dessen Verbindungen zum globalen Finanzsystem, vor allem in Form des Aufkaufs von amerikanischen Staatsanleihen.

Die Unruhe auf den internationalen Finanzmärkten macht sich auch im amerikanischen Außengebiet Puerto Rico bemerkbar, das am Rande des Bankrotts steht. Nachdem der Gouverneur jahrelang versucht hat, die Schulden zurückzuzahlen, kündigte er an, dass es dem Land nicht mehr möglich ist und es einen Schuldenschnitt in Höhe von 72 Milliarden Dollar benötigt. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes ist in den letzten zehn Jahren um dreizehn Prozent gesunken. Der Gouverneur spricht von einer „Todesspirale“, in der sich das Land befinde. Diese Situation verdeutlicht, dass Griechenland keine Ausnahme sondern ein Ausdruck eines globalen Prozesses ist.