Bochumer Outokumpu-Edelstahlwerk geschlossen

Von Philipp Frisch
8. Juli 2015

Am 23. Juni wurde mit dem Bochumer Werk des finnischen Edelstahlriesen Outokumpu ein weiterer der einst zahlreichen Industriestandorte im Ruhrgebiet geschlossen. Erst vor kurzem gab der Salzgitter-Konzern den Beschluss zur Schließung der Dortmunder Hoesch Spundwand und Profile (HSP) bekannt.

Ähnlich wie HSP in Dortmund blickt das Stahlwerk in Bochum auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Es gehörte zu ThyssenKrupp, bis der finnische Konzern Outokumpu, der weltgrößte Edelstahlhersteller, zum Jahreswechsel 2012/13 die gesamte Edelstahlsparte von ThyssenKrupp einschließlich des Bochumer Werks aufkaufte.

Die Rumpfbelegschaft, die zuletzt noch im Werk arbeitete und aus etwa 230 Beschäftigten bestand, wurde zum großen Teil entlassen. 80 Mitarbeiter schieden mit Vorruhestandsregelungen aus, 40 weitere Beschäftigte, unter ihnen viele Auszubildende, wurden ohne weitere Regelungen entlassen. Rund 120 Arbeiter erledigen noch Restarbeiten, bevor auch sie gehen müssen. Bei Übernahme des Werks durch Outokumpu 2012 gab es noch eine 450-köpfige Belegschaft. Aufgrund eines Sozialplans, den die IG Metall und der Betriebsrat mit dem Unternehmen ausgearbeitet hatten, wechselte allerdings der größte Teil in den vergangenen Jahren zu anderen Konzernen und Firmen, hauptsächlich zum Duisburger Standort des ThyssenKrupp-Konzerns.

Vertreter der IG Metall und des Betriebsrates vergießen Krokodilstränen über das Aus des Werks, das sie selbst vereinbart haben. Die Bochumer Bezirksvorsitzende der IG Metall, Eva Kerkemeier, bezeichnete die Stilllegung als „wahnsinniges Trauerspiel“ und als Schlag für die Beschäftigten. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Frank Klein ergänzte: „Es war sehr emotional.“

In Wirklichkeit war die Abwicklung des Werks ein abgekartetes Spiel und folgte einem bekannten Drehbuch. Darin spielen die IG Metall und der Betriebsrat die Schlüsselrollen. Ihre Aufgabe war es, mit vagen Versprechungen zur Arbeitsplatzsicherung die Beschäftigten ruhig zu halten, während das Werk auf Raten geschlossen wurde.

Die Übernahme des Werks durch Outokumpu vor drei Jahren wurde von IG Metall und Betriebsrat gegen Proteste der Belegschaft durchgesetzt. Als bekannt wurde, dass nach dem Verkauf der Abbau von 1.500 Stellen in Bochum und anderen Werken geplant sei, legten die Beschäftigten in Bochum und Krefeld spontan die Arbeit nieder. Damals organisierte die IG Metall zusammen mit Betriebsratsvertretern eine Demonstration in Bochum, an der sich 3.000 Arbeiter beteiligten. Für IG Metall und Betriebsrat war diese Demonstration jedoch nicht Ausgangspunkt, um die Arbeitsplätze zu verteidigen, sondern um mit dem neuen Dienstherrn beim Abbau der Arbeitsplätze zusammenzuarbeiten.

Vier Tage nach der Demonstration gaben die IG Metall Vertreter im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp grünes Licht für den Verkauf der Edelstahlsparte an Outokumpu, den ersten Schritt für die jetzt vollzogene Schließung des Bochumer Werks. IG Metall und Betriebsrat schlossen mit ThyssenKrupp und Outokumpu einen Standort- und Beschäftigungssicherungsvertrag, in dem die Schließung des Bochumer Werks für Ende 2016 vereinbart war. Damals behauptete die IG Metall, man habe vom Konzern eine Zusage erhalten, dass dieser bis Ende 2015 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten wolle. Um die Belegschaft aber still zu halten, erklärte die Gewerkschaft, es gäbe noch Hoffnung, und man werde 2015 intern prüfen, ob die Schließung wirtschaftlich notwendig sei.

Im Juni 2013 kündigte das Unternehmen Kurzarbeit an und begründete diesen Schritt mit der schwierigen Marktlage. Im Werk machten sich erneut Sorgen um die Arbeitsplätze breit. Daraufhin akzeptierten Betriebsrat und IG Metall die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Frank Klein, der damals noch Betriebsratsvorsitzender war, rechtfertigte dies mit den Worten: „Die Alternative wäre gewesen, dass hier am Standort rund 90 Arbeitsplätze abgebaut worden wären.“ Kampfmaßnahmen gegen die Angriffe auf die Beschäftigten lehnte der Betriebsrat ab.

Nur einige Monate später, im Oktober 2013, kündigte Outokumpu dann den Abbau von weltweit 3.500 Stellen an. Nun hieß es, das Werk in Bochum werde bereits im Jahr 2014 schließen, ein Jahr vor der angeblich geplanten internen Wirtschaftlichkeitsprüfung. Der NRW-Bezirksleiter der IG Metall Knut Giesler sprach von einer „Provokation, die wir nicht hinnehmen werden.“ Die gültigen Verträge von 2012 „sind schlicht und klar einzuhalten“, sagte Giesler damals. Die Gewerkschaftsfunktionäre und Betriebsräte organisierten erneut Alibi-Proteste mit Triller-Pfeifen und Transparenten. Anschließend verhandelte die IG Metall über sechs Monate mit dem Outokumpu-Vorstandschef Mika Seitovirta über die fünf Edelstahlwerke in Deutschland.

Ende März 2014 einigte man sich dann auf die Schließung des Bochumer Werks im September 2015. Knut Giesler äußerte sich zufrieden. Zynisch kommentierte er das Verhandlungsergebnis, das die Werksschließung und die Vernichtung der verbliebenen Arbeitsplätze in Bochum beinhaltete: „Für die Beschäftigten bedeutet dies, dass sie Gewissheit über die Zukunft der Standorte und ihrer Arbeitsplätze haben.“

Auch Vorstandschef Seitovirta war zufrieden: „Das ist ein wichtiger Meilenstein auf unserem Weg hin zu einer nachhaltigen Profitabilität.“ Die gesamte Outokumpu-Belegschaft in Deutschland war zu diesem Zeitpunkt von 6000 Mitarbeitern im Jahr 2012 auf 3500 geschrumpft.

Nun hat das Werk in Bochum sogar noch drei Monate früher seine Tore geschlossen. Dies veranlasste der neue Vorstandsvorsitzende der deutschen Tochtergesellschaft Outokumpu Nirosta GmbH, Dr. Oliver Picht, der Anfang des Jahres diesen Posten übernahm. Er war angetreten, um das Unternehmen – mit eigenen Worten – von einem Riesentanker in eine wendige Motoryacht zu verwandeln. Picht wusste genau, wie er dies zu bewerkstelligen hat. Als eine seiner ersten Amtshandlungen besuchte er den Gesamtbetriebsrat und konnte sich dort über ein „sehr gutes Gespräch“ freuen.

Die jetzige Schließung des Bochumer Werks rechtfertigte er als „notwendigen Schritt, um innerhalb Europas zu ausgewogenen Produktionskapazitäten zu gelangen.“ Das europaweite Sparprogramm von Outokumpu soll 100 Millionen Euro bis zum Jahr 2017 einsparen. Diese Pläne implizieren bereits die nächsten Schritte.

Und sie sind ebenfalls bereits lange mit der IG Metall abgemacht. Seit 2012 droht der Outokumpu-Vorstand auch den Belegschaften an anderen Standorten wie Krefeld, Düsseldorf, Dahlerbrück und dem hessischen Dillenburg mit Massenentlassungen oder der Schließung. Nach und nach unterschrieben IG Metall und Betriebsräte den Abbau von Hunderten Arbeitsplätzen. Die Belegschaften der einzelnen Standorte haben sie dabei stets gegeneinander ausgespielt. Die Flüssigphase– die Stahlproduktion – war in Krefeld bereits Ende 2013 eingestellt worden, ein Jahr später legte der Konzern sein schwedisches Werk im Ort Kloster still.

Auch die Schließung des Outokumpu-Stahlwerks in Düsseldorf-Benrath 2016 wurde schon lange von der IG Metall abgesegnet. Die Produktion wird bis dahin komplett nach Krefeld verlagert sein. Im Düsseldorfer Kaltwalzwerk besteht die Belegschaft derzeit noch aus knapp 500 Beschäftigten. Die Abwicklung des Werkes solle laut IG Metall „sozialverträglich“ erfolgen. Die Arbeiter sollen entweder in Krefeld weiterarbeiten, zu ThyssenKrupp wechseln oder in den Vorruhestand gehen.

Von den einst fünf Edelstahlwerken von Outokumpu in Deutschland bleiben die Standorte in Krefeld, Dahlerbrück sowie in Dillenburg. Auch dort sind weitere Einschnitte zu erwarten.

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