China: Staatliche Banken stellen 200 Milliarden Dollar für die Aktienmärkte bereit

Von Nick Beams
21. Juli 2015

In der letzten Woche wurde deutlich, wie stark die chinesische Regierung auf den Finanzmärkten interveniert, um den Absturz der Aktienkurse aufzuhalten. Veröffentlichten Zahlen zufolge haben die großen Staatsbanken mehr als 200 Milliarden Dollar bereitgestellt, um die Aktienkurse zu stimulieren.

Der Shanghai Composite-Aktienindex hatte im Zeitraum vom 12. Juni bis zum 9. Juli mehr als 30 Prozent an Wert verloren, wodurch mehr als drei Billionen Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet wurden. Die Intervention, die vom Finanzkonzern Chinese Securities Finance (CSF) organisiert wurde, konnte diese Talfahrt beenden. Die Märkte haben sich mittlerweile erholt und sind in den letzten zwei Wochen um siebzehn Prozent gestiegen. Ob diese Erholung nachhaltig sein wird, ist jedoch eine andere Frage.

Die massive Intervention der Banken war eine von vielen Maßnahmen, die von der Regierung und den Finanzbehörden ergriffen wurden, um den Absturz der Aktienkurse aufzuhalten, der Chinas wirtschaftliche und politische Stabilität gefährdet. Andere Maßnahmen waren der Rückzug großer Unternehmen aus dem Aktienhandel, polizeiliche Ermittlungen gegen „böswillige“ Leerverkäufe und Beschränkungen des Rechts von Vorständen und Vorstandschefs, mit Aktien zu handeln. Bei etwa siebzehn Prozent aller börsennotierten Unternehmen sind die Börsenaktivitäten noch immer ausgesetzt.

Die Intervention der Banken wurde über zwei Kanäle umgesetzt. Die CSF erhielt das Geld, um es an Börsenmakler zu verleihen und deren Liquidität zu garantieren, und für den direkten Kauf von Anlagefonds.

Wie die chinesische Finanzzeitschrift Caijing meldete, waren die fünf größten Banken des Landes direkt daran beteiligt und haben je 100 Milliarden Renminbi dazu beigetragen. Insgesamt waren siebzehn Banken beteiligt, die zusammen Kredite in Höhe von 1,3 Billionen Renminbi verteilt haben.

Die Intervention scheint die Talfahrt zwar vorerst beendet zu haben, doch bestehen Bedenken, dass die Auswirkungen weit über die chinesischen Märkte hinausgehen und das weltweite Finanzsystem betreffen könnten.

Letzte Woche hatte die Ratingagentur Standard & Poors (S&P) vor der wachsenden Gefahr von Zahlungsausfällen in China und auf dem amerikanischen Markt für Schrottanleihen gewarnt. Diese Bedrohungen stellten einen „Wendepunkt“ im Finanzkreislauf dar, erklärte die Agentur. Der Wert des chinesische Marktes für Unternehmensanleihen liegt bei 160 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Laut S&P werden die Unternehmen in den nächsten vier Jahren etwa 57 Billionen Dollar Schulden verkaufen müssen, 40 Prozent davon werden aus China kommen und zwanzig Prozent von amerikanischen Märkten. Die Ratingagentur erklärte, sie erwarte, dass sich die Zahl der Zahlungsausfälle in der nächsten Zeit erhöhen wird.

Der S&P-Analyst Jayan Dhru erklärte in der Financial Times: „Schnelles Schuldenwachstum, undurchsichtige Risiken und Preise [durch das Mitwirken von Banken auf dem Markt], ein schlechtes Verhältnis zwischen Schulden und BIP und die Gefahr durch moralische Risiken machen Kredite auf dem chinesischen Markt zu einer riskanten Angelegenheit.“

Mit „moralischen Risiken“ ist die Annahme von Investoren und Spekulanten gemeint, dass die Finanzbehörden, Regierungen und Zentralbanken hinter dem Markt stünden und einschreiten würden, um einen Zusammenbruch zu verhindern. Das spornt sie zu immer riskanteren Investitionen bei der Suche nach immer höheren Erträgen an.

Die Analyse von S&P wies auf die Gefahren hin, die den Märkten durch das Anwachsen des Finanzparasitismus drohen. Laut der Analyse waren vier von fünf Neuemittenten von Schuldverschreibungen in den USA von 2012 bis 2014 Unternehmen aus der Kategorie B, die Schrottanleihen mit höheren Zinsen ausgegeben haben. Diese Wertpapiere wurden zunehmend dazu verwendet, Aktienrückkäufe und „weniger produktive Investitionen“ zu finanzieren, anstatt sie für Kapitalanlagen und die Ausweitung der Produktionsaktivität zu benutzen.

Diese spekulativen Unternehmungen wurden durch die Zinspolitik der amerikanischen Federal Reserve und der anderen Zentralbanken begünstigt, die ihre Leitzinsen auf fast Null gesenkt haben. Sie könnten in Gefahr geraten, wenn die Fed ihre Leitzinssätze auch nur in geringem Ausmaß erhöht.

Die Vorsitzende der Fed, Janet Yellen, hat angedeutet, dass die Fed möglicherweise schon im September die Zinssätze erhöhen werde. Um die Märkte zu beruhigen stellte sie jedoch klar, dass jede Erhöhung nur sehr langsam vonstatten gehen werde und die Geldpolitik „der Lage angepasst“ bleiben werde. Das Problem ist jedoch, dass selbst mit solchen Versicherungen niemand weiß, wie viele spekulative Operationen von einer Erhöhung der Zinssätze betroffen sein würden.

Eine Erhöhung der Zinssätze, die zu einem Rückgang der Anleihenpreise führt (die im umgekehrten Verhältnis zu den Zinssätzen liegen) könnte dazu führen, dass Anleihen verkauft werden. Das würde bedeuten, dass weniger Liquidität auf dem Markt vorhanden ist, sodass niedriger bewertete Unternehmen, die aufgrund der Politik des billigen Geldes an Kredite kommen konnten, keinen so leichten Zugang mehr zu Geld haben würden.

Laut der Bank of America Merrill Lynch gingen den Anleihemärkten letzte Woche etwa 28 Milliarden Dollar verloren, der größte Abfluss seit zwei Jahren. Dieser Abfluss könnte sich noch vergrößern, wenn die Zinssätze irgendwann wieder steigen.

Insgesamt konnten die globalen Märkte die Unruhe auf den chinesischen Aktienmärkten verkraften. Die zunehmende Empfindlichkeit des chinesischen Finanzsystems und seine möglichen Auswirkungen zeigten sich jedoch in einer außergewöhnlichen Entscheidung der Weltbank von letzter Woche.

Letzten Mittwoch veröffentlichte sie eine Einschätzung über den Zustand der chinesischen Wirtschaft. Darin warnte sie, die „schlechte Leistung des Finanzsystems“ hätte frühere Einschätzungen bestätigt, es sei „unausgeglichen, kostspielig zu verwalten und potenziell instabil.“ Der Bericht wies auch auf „Risiken aufgrund verschwenderischer Verwaltung, Überverschuldung und einem schwach regulierten System von Schattenbanken“ hin und äußerte sich kritisch über das Ausmaß, in dem sich die Regierung in die Finanzmärkte einmischt.

Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Berichts wurden die kritischen Bemerkungen entfernt.

Am Freitag verteidigte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim die Entscheidung auf einer Pressekonferenz und erklärte, die gelöschten Bemerkungen hätten nicht die ordnungsgemäßen internationalen Bewertungen durchlaufen und seien nur versehentlich veröffentlicht worden.

Kims Pressekonferenz fand in Peking statt. Ihr ging eine Reihe von Treffen mit hohen chinesischen Regierungsvertretern voraus, u.a. mit Premier Li Keqiang, der die Krise am Aktienmarkt direkt in die Hand nahm, mit Finanzminister Lou Jiwei und mit Zhou Xiaochuan, dem Vorsitzenden der chinesischen Volksbank.

Kim betonte jedoch, dass die Streichungen im Bericht nicht auf den Druck der chinesischen Regierung und der Finanzbehörden zurückgingen. „Die Veröffentlichung dieses Teils war ein einfacher Fehler,“ erklärte er. „Es gab keinen Druck und keinerlei Kommunikation mit der chinesischen Regierung.“

Diese Zusicherung sollte man jedoch lieber nicht für bare Münze nehmen.

Bert Hofman, der Landesdirektor der Weltbank für China, versuchte ebenfalls, Befürchtungen zu zerstreuen und erklärte, der umstrittene Teil des Berichts habe die üblichen Prüfverfahren nicht durchlaufen. Er dementierte jeden Druck der chinesischen Regierung.

Er erklärte: „Wir haben mit der Regierung viele Jahre lang auf dem Finanzsektor zusammengearbeitet, und der Bericht schildert nicht in ausreichendem Maße, was für Diskussionen wir mit der Regierung hatten.“

Die Weltbank und die chinesische Regierung haben bei der Einführung sogenannter Reformen des chinesischen Finanzsystems zusammengearbeitet, mit denen Peking sich stärker in die globalen Finanzmärkte integrieren wollte. Der Aktienboom war Teil dieser Bestrebungen. Die Regierung förderte ihn, indem sie Kleinanleger dazu verleitete, an der Börse zu handeln.

Die massive Intervention der Regierung und der Banken zielt zwar darauf ab, den Zusammenbruch des Aktienmarktes zu verhindern, könnte jedoch die langfristigen Ziele beeinträchtigen.

Larry Fink, Vorstandschef von BlackRock, des weltweit größten Hedgefonds, warnte, dass die Intervention der chinesischen Regierung zur Stützung des Finanzmarktes den finanziellen Ruf des Landes schädigen und institutionelle Investoren abschrecken könnte. Er erklärte: „Wenn man solche Blockaden und Einschränkungen aufbaut, sieht es aus, als sei der Markt künstlich.“

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