Zum 70. Geburtstag von R.W. Fassbinder: Berliner Ausstellung über das Leben des Filmemachers

Von Hiram Lee
29. Juli 2015

Am 31. Mai vor 70 Jahren wurde der deutsche Filmemacher Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) geboren. Zu Ehren dieses Jahrestages fanden in Berlin mehrere Veranstaltungen statt.

In einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit dem Titel Fassbinder - JETZT, die noch bis Ende August läuft, sind mehrere Artefakte aus den persönlichen Archiven des Regisseurs zu sehen. Annekatrin Hendels neue Dokumentation, deren Titel einfach „Fassbinder“ lautet, lief in Kinos und im deutschen Fernsehen.

Im Juli und August zeigt das Berliner Arsenal-Kino einige von Fassbinders Filmklassikern, darunter drei seiner besten Werke - Effie Briest (1974) Faustrecht der Freiheit (1975) und Die Ehe der Maria Braun (1979). Das Deutsche Theater und das Gorki-Theater zeigten vor kurzem Stücke von Fassbinder oder Stücke, die auf seinen Filmen basierten.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Fassbinders Werk anlässlich seines 70. Geburtstages wäre zu begrüßen gewesen. Leider erreichen die Ausstellung in Berlin und Hendels Dokumentation nicht dieses Niveau.

©Rainer Werner Fassbinder-Stiftung, Berlin

Die Ausstellung Fassbinder - JETZT bietet zwar einiges Sehenswertes, ist aber insgesamt eine oberflächliche Angelegenheit. Die Veranstalter haben eine Reihe von Gegenständen aus Fassbinders persönlichen Archiven hervorgeholt, aber einige der ausgewählten Ausstellungsstücke sind verwirrend.

Es ist kaum vorstellbar, dass jemand übermäßig daran interessiert ist, einen Flipperautomaten zu sehen, der einmal dem Regisseur gehörte, oder sein Fahrrad. Das ist keine Würdigung des Künstlers Fassbinder, sondern eine Vorführung von Fassbinder als eine Ikone oder als Prominenter. Man darf sogar auf dem Sofa des Regisseurs Platz nehmen.

Interessanter ist die Sammlung von Videokassetten, die dem Filmemacher gehörten. Sie umfasst natürlich die Werke von Douglas Sirk, dessen Einfluss auf Fassbinder man oft merkt. Doch seine Sammlung umfasst auch mehrere wichtige und weniger wichtige Filme von Orson Welles, Michael Curtiz, Howard Hawks und mehrerer anderer der größten Geschichtenerzähler der Filmgeschichte. Fassbinders eigene Werke zeigen sein großes Wissen über die Werke des klassischen Holywood und des europäischen Kinos.

Rainer Werner Fassbinder, 1970 ©Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe.

Die bedeutendsten Ausstellungsstücke sind die große Sammlung von Drehbüchern, handschriftlichen Notizen und anderen Arbeitsmaterialien. Trotz aller Aufmerksamkeit, die seinem Privatleben zuteil wird, scheint Fassbinder den Großteil seiner Zeit mit Arbeit verbracht zu haben. Er war ein äußerst aktiver Künstler und hatte in seinem kurzen Leben 41 Spielfilme und zahlreiche Bühnenstücke geschaffen.

Die Sammlung umfasst Material von seiner epischen Fernsehfassung von Alfred Döblins Literaturklassiker Berlin Alexanderplatz (1980), ein Werk, das Fassbinder sein ganzes Leben lang faszinierte, sowie seine Notizen für einen Film über Rosa Luxemburg, den er zum Ende seines Lebens vorbereitete. 1986 erschien schließlich eine Version ihrer Lebensgeschichte, verfilmt von Margarethe von Trotta, einer von Fassbinders frühen Mitarbeiterinnen.

Obwohl diese Materialien sehenswert sind, stellt das Museum kaum Kontext für sie bereit und bietet allgemein schlechte Erläuterungen zu den verschiedenen gezeigten Ausstellungsstücken.

Tom Geens, You’re the Stranger Here, 2009 ©BFI & FILM4

Bedauerlicherweise werden einige der Räume der Ausstellung von Werken zeitgenössischer Künstler beansprucht, die angeblich in Fassbinders Fußstapfen treten. You're the Stranger Here (2009), ein Kurzfilm des belgischen Filmemachers Tom Greens, ist ein ekelhaftes Werk, in dem eine Mittelschichtsfamilie von einem unaufhaltbaren Militärdiktator schikaniert wird, der wahllos vergewaltigt und mordet. Es gibt kein Entkommen, eine Flucht wird nicht einmal versucht. Der Film hat mehr mit Pier Paolo Pasolinis schwer demoralisiertem Film Salo oder die 120 Tage von Sodom von 1975 gemeinsam als mit irgendeinem Fassbinder-Werk.

Ein Videozusammenschnitt von Maryam Jafri mit dem Titel Costume Party von 2005 zeigt einen Raum voller Partygäste, die sich als verschiedene Gesellschaftstypen verkleiden und die Rollen spielen, die man mit ihnen assoziiert. Damit soll angedeutet werden, dass wir alle Teil der Gesellschaftsordnung sind und uns an dieses und jenes anpassen und uns an unserer eigenen Unterdrückung beteiligen, oder etwas derartiges. Scheinbar gibt es keine unschuldigen Akteure.

Sofern diese Künstler überhaupt von Fassbinder beeinflusst waren, neigten sie am ehesten zu den schwächsten oder pessimistischsten und zynischsten Aspekten seiner Werke. Was für Fassbinder eine Einschränkung war, gilt ihnen als Priorität.

Allgemeiner gesagt, handelt es sich um einen Versuch gewisser kleinbürgerlicher Kritiker und Bewunderer Fassbinders, die Sexualität des Regisseurs überzubewerten und die Behandlung von sexueller Orientierung und "persönlicher Identität" in seinen Filmen hochzuspielen. Der soziale Inhalt seiner besten Werke und seine Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus werden dabei überdeckt.

Hendels Dokumentation Fassbinder ist die zweite wichtige Hommage dieses Sommers an den Regisseur. Sie ist Fassbinder gegenüber zwar aufgeschlossener als die boulevardeske Dokumentation Fassbinder - Liebe ohne Forderungen von Chtistian Braad Thomsen, die letztes Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin vorgestellt wurde, allerdings neigen beide Filme dazu, Fassbinders Sexualleben auszuschlachten und tun ihr möglichstes, um seinen Ruf als Enfant Terrible der Filmwelt in schwarzer Lederjacke zu bestätigen (auch die Jacke ist im Martin-Gropius-Bau ausgestellt). Es hat etwas Ungebührliches an sich, wie Fassbinders ehemalige Freunde und Mitarbeiter in diesen Dokumentationen über ihn herziehen und sich ihre kleinlichen Eifersüchteleien und persönlichen Probleme mit ihm von der Seele reden.

Wenn Fassbinder nur zweitklassigen Künstlern den Weg bereitet und dabei viele seiner Mitarbeiter misshandelt hat, wieso sollte man ihn dann heute beachten?

Trotz diesem Rufmord leistete Fassbinder einige der bemerkenswerteren Beiträge zum Kino in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Werke dramatisieren auf eindringliche Weise, welche Folgen es hat, seine Prinzipien dem Karrierismus, Status und dem Streben nach Reichtum oder mächtigen Freunden zu opfern. Mit oft schmerzhafter Genauigkeit beschreibt er den Verfall menschlicher Beziehungen unter Bedingungen, in denen sich Erfolg in genau diesem Verhalten äußert.

Einer der Filmausschnitte, die bei Fassbinder - JETZT zu sehen sind, ist die vernichtende Szene aus Händler der vier Jahreszeiten (1971), in der sich die geltungssüchtige kleinbürgerliche Familie eines Obsthändlers endlich erlaubt, offen mit diesem schwarzen Schaf der Familie zu sprechen, nachdem er scheinbar auf der sozialen Leiter aufgerückt ist. Die Familienmitglieder geben, einer nach dem anderen - und erleichtert - zu, wie sie seine Art, sein Einkommen zu verdien, gehasst haben, und wie sie sich dafür geschämt haben. Der Obsthändler leidet still. Es ist eine Szene, die zutiefst mitnimmt. In Fassbinders Werken finden sich noch viele weitere derartige Szenen, vor allem in den Filmen aus der Zeit zwischen 1969 und 1976.

Rainer Werner Fassbinder und Michael Ballhaus am Set von Warnung vor einer heiligen Nutte, 1970-71, ©Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe

Fassbinder befasste sich im Laufe seiner Karriere mit fast jeder Ära der deutschen Geschichte ab dem späten neunzehnten Jahrhundert: in Effie Briest mit dem Kleinadel des späten neunzehnten Jahrhunderts, in Berlin Alexanderplatz mit der Weimarer Repbulik, in Lili Marleen (1981) mit dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg, in Die Ehe der Maria Braun mit der Nachkriegszeit und dem "Wirtschaftswunder" und in Die dritte Generation (1979) mit dem radikalen Terrorismus der 1970er Jahre.

Zwei Filme über Ausländerfeindlichkeit - Katzelmacher (1969) und Angst Essen Seele auf (1974) wirken heute noch relevanter als zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung.

Fassbinder sah einen roten Faden, der durch die ganze deutsche Geschichte lief. In dem Buch Fassbinders Deutschland: Geschichte, Identität, Subjekt (1996) des Filmhistorikers Thomas Elsaesser findet sich folgender Kommentar des Regisseurs über seinen Film Lili Marleen: „[Es] ist meine erster Versuch, einen Film über das Dritte Reich zu machen. Und ich werde mit Sicherheit weitere Filme über das Dritte Reich machen. Aber das ist ein anderes Thema, genau wie die Weimarer Republik ein anderes Thema ist. Dieser Kreis wird sich auch weiter fortsetzen. Vielleicht wird am Ende ein Gesamtbild der deutschen Bourgeoisie seit 1848 entstehen... Ich denke, hinter all dem steckt eine Logik. Genau wie ich denke, dass das Dritte Reich nicht nur ein Unfall oder ein bedauerlicher Fehler der Geschichte war, als der es so oft dargestellt wird. Das Dritte Reich hat eine eigene Logik, und ebenso das, was aus dem Dritten Reich in der Bundesrepublik und der DDR weiter existiert.“

Ein Interesse an Geschichte ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Verständnis der Geschichte. Natürlich war das Dritte Reich kein Unfall, aber es war auch nicht das unausweichliche und "organische" Ergebnis der deutschen Geschichte. Die Schrecken des Hitlerfaschismus waren nur möglich wegen des historischen Verrats der Arbeiterklasse durch die Sozialdemokratie und den Stalinismus in den Jahren zwischen 1914 und 1933. In dieser Zeit gab es zahlreiche Möglichkeiten, den deutschen Kapitalismus zu stürzen und die Barbareien des Dritten Reiches zu verhindern.

Das konkrete Problem der Krise der Führung der Arbeiterklasse im zwanzigsten Jahrhundert - vor allem der Konflikt auf Leben und Tod zwischen Stalinismus und Trotzkismus - war für Fassbinder und andere radikalisierte Intellektuelle und Künstler im Deutschland der 1980er Jahre größtenteils ein Buch mit sieben Siegeln. Viele begnügten sich mit einer relativ faulen, halbanarchistischen Bohemie und trösteten sich mit dem Gedanken, dass die kritischen politischen Fragen des letzten halben Jahrhunderts „Schnee von gestern“ oder nur etwas für „Altlinke“ waren. Und sie bezahlten einen hohen Preis dafür.

Elsaessers Fassbinders Deutschland enthält eine weitere vielsagende Äußerung: Fassbinder sagt: „Freud scheint manchmal wichtiger zu sein als Marx. Die Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Gesellschaft und die Erforschung interpersoneller Kommunikation muss parallel zueinander erfolgen... Ich finde, eine Psychoanalyse ab der Kindheit sollte jedem Bürger zustehen.“

Diese Art von freudianisiertem Marxismus, der mit der Frankfurter Schule in Verbindung gebracht wird, dominierte die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre, die wiederum eine wichtige politische Rolle in Fassbinders prägenden Jahren spielte.

Diese Denkweise führte viele Angehörige seiner Generation weg von den wichtigsten Fragen der Klassengesellschaft und hin zu den Fragen individueller Psychologie, Sexualität und Konsumverhalten. Horkheimer und Adorno, die Mitbegründer der Frankfurter Schule, erklärten, dass die kapitalistische Gesellschaft mächtige Mechanismen geschaffen habe, um die breite Masse der Bevölkerung für ihre eigene Unterdrückung einzuspannen. Dieser politisch-intellektuelle Prozess führte in Deutschland unter anderem zur Gründung der proimperialistischen Grünen.

Rainer Werner Fassbinder, Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972, ©Rainer Werner Fassbinder-Stiftung, Berlin

Interessant ist, dass Fassbinders Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) den Untertitel „Eine medizinische Geschichte“ trug und nicht etwa „eine soziale Geschichte.“ Effie Briest trug den sperrigen Untertitel „Viele, die sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst sind und nur das bestehende System in ihren Gedanken und Taten dulden müssen, bestätigen und stärken es damit.“

Das war eine demoralisierte Perspektive, die nach dem Trauma des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges, und der brutalen Verbrechen des Stalinismus entstanden war und sich gefestigt hatte, als sich der deutsche Kapitalismus nach dem Krieg kurzfristig wieder stabilisieren konnte.

Fassbinders beste Filme erweckten echte Sympathie für einfache Menschen, allerdings zeigte er selten ein großes Vertrauen in sie. Zum Ende seiner Karriere, in den späten 1970ern und frühen 1980ern brachte er eine Geschichte nach der anderen heraus, in der sich Personen selbst verraten, sich mit reaktionären Elementen verschwören und dabei zerstört werden. Etwas in ihm war schwer abgewirtschaftet. 1982 starb er tragisch mit nur 37 Jahren an einer Überdosis Drogen.

Eine kritische Würdigung von Fassbinders Werk anlässlich seines 70. Geburtstags wäre von großem Wert, wenn sie die durchaus bedeutenden Stärken, aber auch Schwächen seines Werkes untersuchen und in den entsprechenden Kontext stellen würde. Leider findet sich eine solche Würdigung weder in der Fassbinder-Ausstellung noch in den jüngsten Dokumentationen über sein Leben.

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