VW-Vorstand, IG Metall und Betriebsrat planen massiven Arbeitsplatzabbau

Von Dietmar Henning
8. August 2015

Während die meisten deutschen VW-Arbeiter in die sommerlichen Betriebsferien gehen, stellen Vorstand, IG Metall und Betriebsrat die Weichen für den Umbau des größten Industriekonzerns in Europa und zweitgrößten Autokonzerns der Welt mit 600.000 Beschäftigten. Ziel ist es, die Renditen auf Kosten der Beschäftigten zu erhöhen. Die wichtigsten Akteure dabei sind neben dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn der ehemalige IG-Metall-Chef und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende Berthold Huber sowie der VW-Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh.

Huber hatte am 25. April den Aufsichtsratsvorsitz und damit die Spitzenposition im Konzern übernommen. Am 4. und 5. Mai leitete er die Aufsichtsratssitzung und Hauptversammlung – ein Novum in der Gewerkschaftsgeschichte.

Betriebsratschef Osterloh stellte sich im Frühjahr in der Auseinandersetzung zwischen dem bisherigen Aufsichtsratschef und Mehrheitseigner Ferdinand Piëch und Vorstand Winterkorn demonstrativ hinter letzteren. Als sich der Porsche-Enkel und Familien-Patriarch Piëch daraufhin zurückzog, wurde der Vorsitz vorübergehend dem IG Metall Spitzenfunktionär Huber übertragen – mit ausdrücklicher Zustimmung der Kapitalseite im Aufsichtsrat. Nun arbeiten vor allem diese drei am Umbau des Konzerns: Vorstandsvorsitzender Winterkorn und die Gewerkschafter Huber und Osterloh!

Vor allem geht es darum, die Rendite von derzeit unter drei Prozent bei der Marke VW nach oben zu treiben, wie kürzlich Betriebsratschef Osterloh in einem Interview mit dem Handelsblatt verkündete: „Wir werden immer reduziert auf das Ziel zehn Millionen verkaufter Autos.“ Da stehe „aber noch eine Rendite von acht Prozent“.

In den letzten neun Jahren hat sich der Umsatz annähernd und der Gewinn mehr als verdoppelt. VW ist weltweit mit zehn Millionen verkauften Fahrzeugen neben General Motors und Toyota der größte Automobilproduzent. Der Aufstieg VWs war unter anderem seiner Konzentration auf den chinesischen Automarkt geschuldet. Fast die Hälfte aller verkauften Autos der Kernmarke VW ging im letzten Jahr nach Asien, mehr als jedes dritte Auto nach China. Allerdings sind dort die Verkäufe inzwischen rückläufig. Im ersten Halbjahr 2015 verkaufte der Gesamtkonzern 3,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, die Kernmarke gar sieben Prozent weniger.

Als es im Oktober vergangenen Jahres um die Frage ging, wie VW effizienter werden kann, legte der Betriebsrat dem Vorstand ein eigenes 400-Seiten-Papier mit Vorschlägen zur Einsparung von fünf Milliarden Euro allein bei der Kernmarke VW vor.

Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Osterloh als den „wohl einflussreichsten Erneuerer im Konzern“. Gegen den Betriebsrat könne „in den Gremien des Unternehmens nicht regiert werden.“ Als Vorstand kläre man wichtige Entscheidungen am besten vorher mit ihm ab. „Ohne Osterloh, den managenden Betriebsrat, geht bei VW nichts.“

In der vergangenen Woche schwor Winterkorn die 350 Verantwortlichen für die betriebsinterne Kommunikation bei einer Konferenz unter dem Namen „Change“ in Berlin auf den kommenden Umbruch ein. „Die eigentliche, die große Bewährungsprobe“ stehe VW noch bevor. Nicht mehr nur Toyota und General Motors seien zukünftig die großen Konkurrenten. Mit der Digitalisierung würden nun auch Apple, Google oder Baidu dazugehören. Er habe keine Zweifel, dass die Automobilwelt am Vorabend eines „historischen Umbruchs“ stehe.

Die neue Struktur, die voraussichtlich im Oktober vom Aufsichtsrat beschlossen werden soll, sieht die Bündelung der insgesamt zwölf Marken unter dem Dach von VW vor, ähnlich wie bei der neuen Lkw-Holding um MAN und Scania. Die neuen Holdings oder Markengruppen mit den Namen „Massengeschäft“ oder „Volumen“ (VW, Skoda, Seat), „Premium“ (Audi, Lamborghini) und „Luxus“ (Porsche, Bentley) sollen unabhängiger von der Konzernzentrale in Wolfsburg entscheiden und handeln dürfen.

Die Folgen für die Beschäftigten kann man an der LKW-Holding ablesen. MAN hat den Abbau von zunächst 1800 Arbeitsplätzen angekündigt, 1400 in der Verwaltung, 400 in den Fabriken. Ein weiterer Abbau ist nach Medienberichten auch beim Einkauf, bei der Entwicklung und in der Produktion zu erwarten.

Die IG Metall und der MAN-Betriebsrat sind an diesem Arbeitsplatzabbau maßgeblich beteiligt. MAN-Betriebsratsvorsitzender Jürgen Dorn schrieb Anfang Mai, von Befürchtungen vor einer „Zerschlagung von MAN“ könne keine Rede sein. „Vielmehr stehen wir am Beginn von etwas großem Neuen.“

Nur wenige Tage später meldete er sich erneut schriftlich zu Wort: „Ich werde zum 1. Juni eine Management-Funktion im Personalwesen von Volkswagen antreten.“ Wo genau, teilte er nicht mit. Der neue Einkommensmillionär soll später angeblich von Wolfsburg zur Augsburger MAN-Tochter Renk wechseln. Seinen Platz im VW-Aufsichtsrat übernahm Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück.

Der Wechsel Dorns vom Betriebsratsvorsitz ins Management ist nicht außergewöhnlich. Er demonstriert einmal mehr, wie eng die IG Metall ebenso wie andere große Gewerkschaften inzwischen mit den Konzernvorständen verschmolzen sind. Von bisherigen Co-Managern, die den Vorstand beraten, avancieren Betriebratsfürsten und Gewerkschaftsfunktionäre zu Topmanagern mit entsprechendem Millionengehalt, die die Vorstandsentscheidungen selbst mit ausarbeiten und durchführen.

Das gilt besonders für VW. Der Konzern hat bei der Verwandlung der Gewerkschaften stets eine Vorreiterrolle gespielt. Der Konzern galt jahrzehntelang als Inbegriff dessen, was abwechselnd als „deutsches Mitbestimmungsmodell“, „Deutschland AG“ oder „Co-Management“ bezeichnet wird. Nirgendwo sonst ist das Verhältnis zwischen Vorstand, Gewerkschaft, Betriebsrat und Politik so eng wie bei VW.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Gerüchte aufkamen, auch Osterloh wechsle in den VW-Vorstand und trete die Nachfolge von Personalchef Horst Neumann an, der im letzten Jahr 6,5 Millionen Euro Gehalt bekam. Neumann geht zum Jahresende in den Ruhestand.

Osterloh hat einen Wechsel in den Vorstand – zumindest vorerst – abgelehnt. Aus Betriebsratskreisen heißt es, er werde „dort gebraucht, wo er heute ist“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Besonders „in der heutigen Situation der Veränderung" sehe man sich „als Stabilitätsanker“.

Osterloh und Huber ziehen im Hintergrund die Strippen beim Umbau der Konzernspitze. Der 67-jährige Winterkorn (Jahresgehalt 16 Millionen Euro) wird möglicherweise an die Spitze des Aufsichtsrates rücken. Als VW-Vorstandsvorsitzender könnte ihm der ehemalige BMW-Manager Herbert Diess folgen, der erst im Juli im VW-Vorstand die Verantwortung für die Kernmarke VW von Winterkorn übernommen hat. Diess gilt als eiskalter Sanierer.

Osterloh antwortete dem Handelsblatt in der letzten Woche auf die Feststellung, die VW-Spitzen müssten doch einen Übergangsplan haben: „Den haben wir. Wir (sic!) reden nur nicht darüber.“ Er halte aber Winterkorn für bestens geeignet, den Vorsitz im Aufsichtsrat vom ehemaligen IGM-Chef zu übernehmen. Und Diess ist ohnehin „sein Mann“. An dessen Berufung war Osterloh nach eigenen Aussagen maßgeblich beteiligt, wie das Handelsblatt im Frühjahr berichtet hatte.

Im Handelsblatt-Interview schwärmt Osterloh über seine „ausführlichen“ Gespräche mit Diess. „Er wirkt sehr sachlich und entscheidungsfreudig. Ich bin sehr davon angetan, wie er bestimmte Dinge einschätzt. Bei den Themen Komplexität, Einhalten von Prozessen und Kostenbewusstsein haben wir viele Gemeinsamkeiten festgestellt. Er sieht viele Dinge wie der Betriebsrat.“

Das Handelsblatt frohlockt: „Der Schulterschluss zwischen Arbeit und Kapital ist ein wichtiges Signal für die bald 600.000 Mitarbeiter.“ Denn von Diess und Osterloh hänge ab, „wie der große VW-Konzern durch die nächsten Jahre kommt“. Für die VW-Arbeiter ist dies kein gutes Zeichen, wie das Beispiel MAN-Scania zeigt.

Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Wirtschaft in Bergisch Gladbach, erklärte zur Rolle von Gewerkschaft und Betriebsrat bei VW: „Auf der IG Metall lastet nun eine sehr große Verantwortung. Sie ist Teil des Managements und muss beide Seiten zufriedenstellen, das ist nicht ganz ohne.“

Als Teil des Managements geht es der IG Metall in Wirklichkeit darum, die Aktionärsseite zufrieden und die Arbeiter ruhig zu stellen. Die IG Metall und ihre Betriebsräte vertreten nicht die Interessen der Arbeiter, sondern die der Aktionäre, und werden dafür fürstlich belohnt.

Die größte Einzelgewerkschaft der Welt, wie sich die IG Metall gerne bezeichnet, dient den Konzernen als Berater und Sanierer. Ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber früheren Rationalisierern wie den Beratungsfirmen McKinsey oder Roland Berger besteht darin, dass sie nicht nur die betrieblichen Verhältnisse besser kennen und detailliertere Einsparpläne vorschlagen können. Etwas, was keine andere Beratungsfirma hat, macht sie für die Konzerne so wertvoll: das gut organisierte Netz von Betriebsräten und Vertrauensleuten, um die Belegschaften unter Kontrolle zu halten. Dieses Netz spürt, einem Seismographen gleich, den Unmut und selbst das geringste Aufbegehren von Arbeitern sofort auf, um sich dann der Opposition „anzunehmen“ und diese im Keim zu ersticken.