Abwertung der chinesischen Währung wirbelt Märkte durcheinander

Von Nick Beams
14. August 2015

Unruhe herrschte am Mittwoch auf den Finanzmärkten der Welt. Investoren, Spekulanten, Analysten und Experten bemühten sich um eine Einschätzung, was die Abwertung der chinesischen Währung und die Schaffung eines neuen Mechanismus zur Festsetzung des täglichen Wechselkurses bedeutet und welche Folgen diese Maßnahmen haben. Nach einem zweiprozentigen Rückgang am Dienstag fiel der Renminbi (auch Yuan genannt) am Mittwoch noch einmal um 1,6 Prozent.

Die Märkte in ganz Asien gaben nach und einige Währungen fielen auf ihren niedrigsten Stand seit der asiatischen Finanzkrise von 1997/98. Der malaysische Ringgit fiel um zwei Prozent auf den tiefsten Stand seit 1998, während die indonesische Rupie um 1,4 Prozent auf den tiefsten Stand seit siebzehn Jahren zurückging. Der Singapur-Dollar und der Taiwan-Dollar verloren ebenfalls. Die vietnamesische Währung verlor ein Prozent, als die Finanzbehörden die Wechselkursbandbreite um ein Prozent auf zwei Prozent erhöhten.

Die Börsen in ganz Europa wiesen ebenfalls deutliche Verluste auf. Marktteilnehmer befürchten, die Abwertung könnte ein Zeichen dafür sein, dass es um die chinesische Wirtschaft schlechter bestellt ist, als bisher angenommen. Es herrscht ebenfalls Sorge, dass eine Abwertung der chinesischen Währung den deflationären Druck in der globalen Wirtschaft noch verstärkt.

Der FTSE Eurofirst 300 Index fiel nach den Abwärtstrends auf den asiatischen Märkten um 2,7 Prozent. Diese Bewegung fand ihren Widerhall in anderen Indices. Der gesamteuropäische Stoxx Europe 600 fiel um 2,7 Prozent während der empfindliche deutsche DAX um 3,3 Prozent abstürzte. Dahinter stehen auch Befürchtungen, dass die chinesische Abwertung, die Waren aus China billiger macht, die Lage auf den schon jetzt hart umkämpften Exportmärkten noch weiter verschärfen wird.

Die Wall Street folgte diesem Trend. Der Dow Jones verlor am Mittwoch bis zu 277 Punkte, nachdem er am Vortag 212 Punkte abgegeben hatte. Am Nachmittag begann er eine Aufholjagd, sodass er hinsichtlich des ganzen Handelstages unverändert blieb.

Hinter der Entscheidung der chinesischen Regierung, die Währung abzuwerten, lassen sich eine Reihe von Faktoren ausmachen. Ohne Frage ist dies auch ein Versuch, die Exporte nach dem Abwärtstrend der letzten Monate wieder anzukurbeln. Die Exporte schrumpften im Juli um 8,3 Prozent. Der Anstieg des Renminbi hatte Druck auf die chinesischen Unternehmen ausgeübt, diese spüren nun eine Erleichterung. Dieses Jahr hat die chinesische Währung um zehn Prozent an Wert zugelegt. Sie folgte damit der Aufwärtsbewegung des US-Dollar.

Außerdem strebt die chinesische Regierung an, den Renminbi dem Währungskorb hinzuzufügen, an dem der Internationale Währungsfond den Wert seiner Sonderziehungsrechte bemisst. Dies würde die internationale Rolle des Renminbi deutlich stärken. Doch eine der Bedingungen für die Aufnahme in den Korb ist, dass der Wechselkurs der Währung am Markt gebildet wird und nicht durch Regulierung.

Deswegen versuchte die Chinesische Zentralbank die Aufwertung als einen Schritt hinzustellen, den Einfluss des Marktes zu stärken. Bei der Bekanntgabe der Entscheidung hieß es, dass von jetzt ab der mittlere Wert der zweiprozentigen Bandbreite, innerhalb derer die Währung innerhalb eines Tages schwanken darf, der niedrigste Punkt sein werde, den sie im Handel des Vortages erreicht habe. Außerdem werde der Startkurs jeden Tag entsprechend „den Angebots- und Nachfragebedingungen an den ausländischen Währungsmärkten und der Bewegung der wichtigen Währungen festgesetzt“.

Der IWF unterstützt mutmaßlich die Absicht, den Renminbi als globale Reservewährung zu akzeptieren. Aber die endgültige Entscheidung wird erste Ende des Jahres getroffen und setzt die Einwilligung der Vereinigten Staaten voraus.

In den USA haben wichtige Vertreter der Demokratischen Partei bereits ihre Opposition kundgetan. Der führende Demokratische US-Senator Charles Schumer aus New York kritisierte die Abwertung, sobald sie bekannt geworden war. Ihm schloss sich Sander Levin an, der führende Vertreter der Demokraten im Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses. Er behauptete, China habe schon öfter seine Währung abgewertet, um sich unfaire Handelsvorteile zu verschaffen, und erklärte, die jüngsten Maßnahmen seien „sehr besorgniserregend“. „Es gibt Gründe, skeptisch zu sein, […] dass die stärkste Abwertung der chinesischen Währung seit mehr als zwei Jahrzehnten nur im Sinne einer Stärkung der Marktkräfte bei der Bildung des Wechselkurses vorgenommen worden wurde“, sagte er.

Wenn der Widerstand in den USA zum Ausschluss des Renminbi aus dem IWF Währungskorb führt, wird das die Spannungen zwischen den beiden Ländern verschärfen. Anfang des Jahres hatten die USA mit Nachdruck, letztlich jedoch erfolglos versucht, einige ihrer engen Verbündeten davon abzuhalten, der von China forcierten Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank beizutreten.

Einige Kommentatoren bewerten Chinas Entscheidung als Verschärfung eines globalen Währungskrieges, bei dem Länder ihre Exporte auf Kosten anderer durch die Senkung des Wechselkurses ihrer Währung zu steigern versuchen. Doch im Allgemeinen herrscht die Einschätzung vor, dass dies nicht das Ziel der chinesischen Regierung sei. Allerdings könnte der Schritt auch unbeabsichtigte Folgen haben.

George Magnus, Top-Wirtschaftsberater der UBS, lehnt in der Financial Times die Auffassung ab, dass China eine neue Front im Währungskrieg eröffnet habe. Dies sei „eine Übertreibung, besonders angesichts der weitaus dramatischeren Maßnahmen, die politische Entscheidungsträger in der Vergangenheit in Industrieländern wie in Schwellenländern getroffen haben“.

China, bemerkt er, werde seinen Wechselkurs langsam absenken wollen, weil ein schneller Fall starke Kapitalabflüsse auslösen würde. Gleichzeitig wolle die chinesische Regierung Widerstand von Seiten des IWF, des amerikanischen Finanzministeriums und anderer Regierungen und Finanzinstitutionen vermeiden.

„Aber China hat einen riskanten Präzedenzfall geschaffen“, heißt es in dem Artikel weiter. „Dies wird vermutlich keine einmalige Angelegenheit sein und die neuen Währungsregeln werden sicher durch stärkere Unsicherheit an den Währungsmärkten auf ihre Tragfähigkeit getestet.“

Das Risiko einer überraschenden Wende der Ereignisse konnte man erst jüngst bei dem chinesischen Börsenkrach sehen. Die Regierung griff ein, um die Deckung von Krediten für Aktienkäufe durch eben die gekauften Aktien einzuschränken – eine Maßnahme, um etwas die heiße Luft aus der sich entwickelnden Finanzblase herauszulassen. Das bewirkte einen Marktabsturz, den die Regierung nur durch eine größere Intervention in den Griff bekam.

Bisher scheint die chinesische Regierung die Unterstützung der Obama-Regierung und des IWF zu genießen. Das US-Finanzministerium sagte am Dienstag, dass die Entscheidung mit den Bemühungen konform gehe, den Wechselkurs mehr von Marktkräften bestimmen zu lassen. Ähnlich äußerte sich gestern der IWF und erklärte, dass die neuen Regelungen „ein willkommener Schritt sind, der Marktkräften einen stärkeren Einfluss auf die Bildung des Wechselkurses verleihen sollte.“

Aber ebenso wie das Finanzministerium behielt sich der IWF ein endgültiges Urteil mit den Worten vor, dass die „genaue Wirkung davon abhängt, wie der Mechanismus in der Praxis angewandt wird.“

Die Regierungs- und Finanzbehörden in China und international sind fraglos bemüht, alles zu unterlassen, was eine Krise heraufbeschwören könnte. Doch ihre Bemühungen drohen jederzeit durch die gnadenlosen und mächtigen Rezessionstendenzen der Weltwirtschaft unterminiert zu werden.

Der Schwung der chinesischen Wirtschaft lässt schnell nach. Es gibt starke Zweifel, ob das Bruttoinlandsprodukt wirklich auch nur annähernd mit der angegebenen Rate von sieben Prozent wächst. Schlüsselsektoren der Wirtschaft wie die Immobilien- und die Baubranche liegen am Boden. Es gibt erste Berichte, dass in einigen regionalen Zentren nicht nur geringeres Wachstum zu verzeichnen ist, sondern die Wirtschaft tatsächlich schrumpft.

Im Juli stiegen die Kapitalinvestitionen insgesamt um 11,4 Prozent, das ist das niedrigste Wachstum seit fünfzehn Jahren. Die Zementproduktion ging letzten Monat um fünf Prozent zurück und die Fensterglasproduktion um 13,5, Prozent.

Laut Reuters fiel die Rohstahlproduktion im Juli um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Der Bericht stellte fest, dass geringere Nachfrage mit dem niedrigerem Wachstum in China zu tun hat, was „die Stahlpreise für dieses Jahr bis jetzt um 26 Prozent in den Keller drückte. Viele Stahlwerke sind in die roten Zahlen gerutscht und müssen entweder die Produktion drosseln oder auf Märkte in Übersee ausweichen.“