Die deutsche Mittelschicht schrumpft

Von Dietmar Henning
3. September 2015

Trotz hoher Beschäftigungszahlen schrumpft die Mittelschicht in Deutschland schnell. Sie ist zwischen 1992 und 2013 von 56 auf 48 Prozent der Bevölkerung gesunken. Das geht aus einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (IAQ-Report, 2015-04) hervor. Sie bestätigt frühere Untersuchungen über die zunehmende soziale Polarisierung in Deutschland.

Die Autoren der Studie fassen den Begriff der Mittelschicht sehr weit. Sie beginnt bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 2100 Euro für eine vierköpfige Familie, etwas mehr als dem Hartz-IV-Niveau, und endet bei 7000 Euro, einem relativ guten Einkommen. Als Maßstab dient den Forschern der Median, das mittlere Haushaltseinkommen, das die obere Einkommenshälfte von der unteren trennt. Sie zählen Haushalte zur Mittelschicht, deren Einkommen zwischen 60 und 200 Prozent des Medians liegen.

Der Median selbst stieg in der ersten Hälfte des untersuchten Zeitraums von gut 15.000 auf knapp 17.000 Euro. Seit 2003 ist er wieder gesunken, zuletzt auf etwas mehr als 16.000 Euro. Das lässt auf wachsende Armut in breiten Schichten schließen.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die von den Nettoeinkommen ausgeht und andere Definitionen verwendet, gelangt zu ähnlichen Ergebnissen wie die IAQ-Studie. Laut DIW schrumpfte die Mittelschicht zwischen 1997 und 2013 von 64 auf 58 Prozent.

Mit dem Schrumpfen der Mittelschicht ging sowohl ein Wachstum der „Unterschicht“ wie der „Oberschicht“ einher. Die Unterschicht, die nach der vom IAQ benutzten Definition als „armutsgefährdet“ gilt, nahm von 30 auf 35 Prozent zu. Über ein Drittel der Bevölkerung ist also gemessen am Bruttoeinkommen inzwischen arm. Die reiche oder wohlhabende Oberschicht wuchs von 14 auf 17 Prozent.

Die Haushalte der Unterschicht und der unteren Mittelschicht (bis 80 Prozent des Medians) können immer weniger von ihren Erwerbseinkünften leben. Grund sind das sinkende Lohnniveau und das Fehlen von Vollzeitstellen.

Das Niedriglohnrisiko ist in der Unterschicht zwischen 1995 und 2013 von rund 44 auf 68 Prozent gestiegen. Zwei von drei Beschäftigten aus der Unterschicht arbeiten im Niedriglohnsektor. In der unteren Mittelschicht erhöhte sich das Niedriglohnrisiko von 35 auf 46 Prozent.

Mitte der 1990er Jahre lag der Vollzeitanteil unter den abhängig Beschäftigten in der Gesamtwirtschaft noch bei 78 Prozent und in der Unterschicht bei 62 Prozent. 15 Jahre später betrug der Vollzeitanteil in der Unterschicht nur noch 42 Prozent. In der unteren Mittelschicht sank der Vollzeitanteil im gleichen Zeitraum von 77 auf 60 Prozent.

„Eine Erklärung dafür, dass immer weniger Haushalte der Unterschicht und der unteren Mittelschicht von ihren Erwerbseinkünften leben können, dürfte somit die starke Ausweitung von Minijobs und Teilzeitstellen in diesen Schichten sein“, heißt es in der IAQ-Studie.

Das viel gelobte „deutsche Beschäftigungswunder“ – sinkende Arbeitslosigkeit und ein historischer Höchstwert von 43 Millionen Beschäftigten in diesem Jahr – erweist sich so als Scheinriese. Die Arbeit wird vor allem unter den Geringverdienern einfach auf mehre Köpfe verteilt, die dadurch insgesamt immer weniger Einkommen erzielen.

In der Oberschicht ist das Arbeitsvolumen zwar nicht gestiegen, aber mit 3 Prozent nur gering gesunken. Mit wachsendem Einkommen steigt die Zahl der bezahlten Arbeitsstunden aller Haushaltsmitglieder. Der zunehmende Arbeitsstress und die Zunahme von Selbständigen und Scheinselbständigen, deren extrem langen Arbeitsstunden in keiner Statistik festgehalten werden, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. „Die Abstände in der bezahlten Arbeitszeit zwischen den Schichten sind in den letzten 20 Jahren gestiegen und haben die Ungleichheit vergrößert“, konstatieren die Forscher.

Die Ergebnisse der IAQ-Studie und vieler früherer Untersuchungen über die wachsende Ungleichheit sind sozialer Sprengstoff. Das Schwinden der Mittelschicht kündigt heftige Klassenkämpfe an.

„In den Nachkriegsjahren hat sich in Deutschland eine im internationalen Vergleich breite Mittelschicht herausgebildet“, heißt es im Fazit der IAQ-Studie. „Die ökonomische Basis dieser Entwicklung waren gute Löhne und eine relativ geringe Einkommensdifferenzierung, die durch eine hohe Tarifbindung gesichert wurden.“ Hinzu kam ein gut ausgebautes Sozialversicherungssystem, das die Bevölkerung vor Risiken schützte.

Diese „Mittelschicht“ bildete die Grundlage der Stabilität der kapitalistischen Herrschaft im Nachkriegsdeutschland. Die sogenannten Volksparteien – CDU, CSU und SPD – stützten sich darauf. Sie diente zur Rechtfertigung der Illusion, der Kapitalismus sei durch eine „soziale Marktwirtschaft“ und die Klassengesellschaft durch eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ abgelöst worden. Sie ermöglichte es den Gewerkschaften, die heftigen Klassenkämpfe der 1960er und 70er Jahre unter Kontrolle zu bringen.

Doch diese Zeiten, das unterstreichen die Zahlen der neuen Studie, sind seit langem vorbei. Ausgerechnet die SPD, die lange mit der „sozialen Markwirtschaft“ identifiziert wurde, hat maßgeblich dazu beigetragen. Die Hartz-Reformen der Regierung Schröder haben den riesigen Niedriglohnsektor geschaffen, der jetzt den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten unterhöhlt.

„Bemerkenswert an der neuen Duisburger Studie ist“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, „dass die Bedeutung der Mittelschicht nicht wieder wächst, obwohl sich die Verhältnisse in der deutschen Wirtschaft seit zehn Jahren komplett umkehren“ und sich die Zahl der Arbeitslosen halbiert habe. In einem Kommentar derselben Zeitung heißt es: „Wenig anderes steht für das deutsche Wirtschaftsmodell wie dieser Begriff (der Mittelschicht).“ Nun sei der „Kern des deutschen Modells“ bedroht.

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