Wachsende Solidaritätswelle mit Flüchtlingen

Reportage aus Neu-Isenburg bei Frankfurt

Von Marianne Arens
8. September 2015

„Refugees welcome!“ Unter diesem Motto schlägt den aus Ungarn eintreffenden Flüchtlingen überall in Deutschland eine Welle der Solidarität entgegen. Überall, wo die Züge und Busse eintreffen, versammeln sich spontan Hunderte Anwohner mit Wasserflaschen und Geschenken, um die Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Im Frankfurter Hauptbahnhof warteten in der Nacht zum Sonntag mehr als hundert Helfer stundenlang auf einen angekündigten Zug aus Wien, während sich Wasser, Lunchpakete und Kuscheltiere in der Bahnhofshalle türmten. Auch in Fulda und Kassel standen Anwohner mitten in der Nacht am Gleis. „Ich will dass die Flüchtlinge sich hier wohlfühlen“, sagte eine junge Frau in Fulda zum Hessenschau-Reporter.

Im südhessischen Neu-Isenburg treffen am Sonntag nach und nach die Busse mit Flüchtlingen ein, die hier im ehemaligen Druckereigebäude der Frankfurter Rundschau einquartiert werden. Nach ihrer wochenlangen Odyssee kommen die Flüchtlinge, hauptsächlich Syrer und Afghanen, am Sonntag aus der Erstaufnahme in Gießen, wo sie erst einzeln registriert werden.

Das ganze Wochenende über halten sich ständig Einwohner von Neu-Isenburg und Umgebung vor den Toren des Druckereigeländes auf, unter ihnen junge Arbeiter, die teilweise selbst aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika stammen. Sie versuchen, mit den Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen, um ihnen zu helfen und für sie zu übersetzen.

Aber das Gelände wird auf Geheiß der Landesregierung durch Security-Einsatz streng bewacht und von allen Besuchen abgeschirmt. Eine Sprecherin des hessischen Sozialministers Stefan Grüttner (CDU) erklärte bei der Eröffnung der Halle am Sonntagmorgen kategorisch, es seien „genügend Dolmetscher vor Ort“.

Sobald Flüchtlinge vereinzelt herauskommen, ergeben sich sofort lebhafte Gespräche und neue Bekanntschaften.

Mohammad, Nidal, Abdul und Franziska mit Tochter

„Es ist wirklich schade, dass sie uns nicht reinlassen. Wovor haben sie bloß Angst?“ fragt sich Franziska, die zur alten Druckerei gekommen ist, sobald sie hörte, dass hier die Syrer einträfen. „Mehrere meiner Freunde haben sich spontan als Übersetzer angeboten, weil sie arabisch sprechen und ebenfalls aus Syrien oder dem Irak kommen. Sie wurden aber nicht zugelassen.“

Franziska, die selbst aus Brasilien stammt, ist mit einem Syrer aus Homs verheiratet, der in Neu-Isenburg als Maurer arbeitet. „Ich bin dennoch froh, dass es so viel Hilfebereitschaft gibt“, sagt sie. Ihre kleine Tochter besteht darauf, den Männern ihren Ball „für die Kinder in der Halle“ zu schenken.

Nidal (rechts) mit Mohammad, der für ihn übersetzt

Nidal hat vor zehn Tagen die Türkei verlassen. Mohammad übersetzt seinen Bericht ins Englische. Zwei Jahre lang hatte Nidal vergeblich nach Arbeit gesucht, um seine Familie über Wasser zu halten, ehe er sich entschloss, über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland zu kommen. „Meine Familie ist noch dort, in der Türkei, und wartet auf Nachricht von mir. Ich habe fünf Kinder: drei Töchter und zwei Söhne, von denen der Älteste in Aleppo geblieben ist, weil er versucht, sein Studium zu beenden. Aber das ist sehr schwer. Der Krieg hat alles zerstört.“

„Die Kinder leiden am meisten, das ist ja klar“, sagt Serpil aus Offenbach. Sie hat im Radio von der Ankunft der Flüchtlinge gehört und hält sich nun schon seit Stunden vor der Neu-Isenburger Halle auf. „Ich habe schon seit über einer Woche Sachen für die Flüchtlinge gesammelt, und auch Nachbarn und Freunde helfen mit“, berichtet Serpil. „Diesen Menschen muss man doch helfen, egal woher sie kommen. Syrien zum Beispiel ist total zerstört, die Menschen können einen wirklich leidtun.“

Serpil und Antje

Antje aus Neu-Isenburg war schon am Vorabend hier. Sie sagt: „Es ist mir ein sehr großes Bedürfnis, den Leuten zu zeigen, dass sie hier willkommen sind. Das ist in Neu-Isenburg Tradition: Diese Stadt wurde von Hugenottischen Flüchtlingen gegründet. Es ist wichtig, diese Menschen willkommen zu heißen. Sie haben wirklich genügend Furchtbares erlebt, jeder einzelne von ihnen. Umso schlimmer, wenn man aus Deutschland solche Schreckensbilder sehen muss wie in der letzten Zeit.“

Auf die Frage nach den Fluchtursachen kommt in der Diskussion sofort das Thema Krieg auf. „Das ist ein ganz schwieriges Thema“, sagt Antje. „Es gibt viele Beispiele, wo es katastrophal war, dass sich Regierungen eingemischt haben, wie zum Beispiel im Irak. Da hatte es schlimme Konsequenzen, dass die USA einmarschiert sind. Aber was ist mit Syrien, war da nicht das Problem, dass nichts passiert ist?“

Auf den Einwand, dass die USA in Syrien in Wirklichkeit stark interveniert haben, indem sie die Islamisten gegen Assad systematisch mit Geldern der CIA und über amerikanische Partner wie Saudi Arabien hochrüsten, sagt Antje: „Ja, das stimmt, ich verstehe das Argument. Diese Fragen muss man sich genauer anschauen.“

Zemuy (links) und Meron

Inzwischen kommen Zemuy und Meron, zwei Studenten aus Eritrea, vor das Tor. Sie haben den gefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa gewagt. „Wir waren zehn Stunden in einem Schiff aus Libyen, ehe uns die italienische Küstenwache auffand. Dann dauerte es noch fast zwei Tage, bis wir in Sizilien an Land gehen konnten.“ Von Sizilien reisten sie dann über Bologna und Mailand per Zug nach München, wo sie praktisch gleichzeitig mit den Flüchtlingen aus Syrien ankamen.

Auf die Frage nach ihren Zielen sagen die beiden: „Unser Traum ist unser Ingenieurstudium; wir hoffen einfach auf eine Möglichkeit, in Frieden studieren zu können. In Eritrea hatten wir dazu keine Möglichkeit mehr.“ In Eritrea ist ein Studium mit großen Kosten verbunden, und Jugendliche werden jahrelang in den Militärdienst gezwungen. Das ist der Grund, dass zurzeit ein großer Teil der Flüchtlinge, die im Rhein-Main-Gebiet ankommen, junge Männer aus Eritrea sind.

Saleh

Als nächstes stößt wieder ein Syrer zu den Wartenden vor der Halle: Es ist Saleh, dessen Familie in der syrischen Stadt Deir Ezzor auf Nachricht von ihm wartet. Wie er berichtet, leben seine Frau, drei Söhne und eine Tochter noch in ihrem Haus, das aber im Bürgerkrieg zur Hälfte zerstört worden sei. Er selbst sei in die Türkei gegangen, um eine neue Zuflucht für die Familie zu suchen, doch dort war es „unmöglich, Arbeit zu finden. Ich habe es versucht, aber wenn du ohne Papiere arbeitest, dann taucht sehr schnell die Polizei auf und du kommst ins Gefängnis. Deshalb habe ich nach fünf Monaten Istanbul verlassen und bin zu Fuß über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Österreich bis Ungarn gewandert, um hierher zu kommen, bis meine Schuhe total zerrissen waren.“

Neue Schuhe und Kleider gibt es in Neu-Isenburg reichlich. Noch während des Gesprächs trifft ein neuer Spendentransport ein: eine Belegschaft aus Hattersheim hat die Kleider für die Flüchtlinge gesammelt. „Das ist doch selbstverständlich“, sagt einer der Ausladenden. „Wir machen nur, was eigentlich jeder tun sollte. Schreibt einfach: diese Sachen hat das Team Unique Hattersheim gesammelt.“

Team Unique Hattersheim

In Neu-Isenburg reißt seit Tagen der Strom der Wagenladungen voller Schuhe, Kleider, Spielsachen und anderer Gegenstände nicht ab. Mittlerweile werden Schilder aufgehängt mit der Aufschrift: „Keine Sachspenden mehr! Vielen Dank! Aufnahmekapazitäten sind erschöpft!“ Auch gibt es zahlreiche Angebote zu jeder Art persönlicher Hilfe. Es fällt indessen auf, dass praktisch alles privat organisiert wird, wobei sich die Menschen über Facebook, Twitter und SMS verständigen.

Auch was die Organisation in der Halle betrifft, sind es vor allem freiwillige Helfer – Feuerwehr, Malteser, Rotes Kreuz – die sie tragen. Das bestätigt der Arzt, Dr. Werner Haag, selbst ein Freiwilliger. Obwohl schon im Ruhestand hat er als Mitglied der German Doctors e.V. (ehemals Ärzte für die Dritte Welt) auch schon auf den Philippinen und in Südafrika Hilfe geleistet. Jetzt kümmert er sich um die Flüchtlinge in Neu-Isenburg.

Der Arzt Werner Haag (German Doctors e.V.)

„Die Leute sind verängstigt, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Es sind viele junge Leute darunter, auch Kinder. Das Durchschnittsalter ist um die dreißig.“ Zwei Patienten seien wegen unklaren Hustens und TB-Verdachts in die Klinik überführt worden, einen weiteren habe man wegen starker Verbrennungen ins Offenbacher Krankenhaus gebracht.

“Wir sind doch ein reiches Land“, sagt der Arzt. „Wir können das leicht verkraften. Was jedoch als Nächstes kommt: Man muss den jungen Leute jetzt die Chance geben, sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Das wäre jetzt das Wichtigste.“

Aynur, der mit seiner Mutter und Schwester hergekommen ist, berichtet, dass seine Eltern aus Gaziantep in der Türkei stammen, das nur fünfzig Kilometer von der syrischen Grenze entfernt ist. Seine Mutter ergänzt: „Ich komme aus der Türkei, bin aber Kurdin. In meiner Heimatstadt, wo auch die syrische Sprache gesprochen wird, leben heute sehr viele Syrer. Ich bin mit zwanzig Jahren hergekommen, weil meine Familie dort unter extrem armen Verhältnissen lebt. Nun habe ich hier in Neu-Isenburg zwei Kinder.“

Aynur mit Familie

Der junge Aynur sagt, er interessiere sich für die politischen Fragen, die zu Flucht und Vertreibung führen. „Man kann diesen Krieg nicht mit immer neuem Krieg bekämpfen“, sagt er, und die Mutter stimmt zu. „Die Leute wollen eigentlich gar nicht hierherkommen“, fährt Aynur fort. „Das einzige, was sie wollen, ist, dass der Krieg endlich aufhört.“

„Refugees welcome“ – dies war auch die Losung einer Demonstration von rund vierhundert Teilnehmern in Heppenheim, wo es vergangene Woche in der Flüchtlingsunterkunft aus bisher ungeklärten Gründen gebrannt hatte.

Die enorme und täglich wachsende Hilfsbereitschaft und Solidarität der arbeitenden Bevölkerung steht in krassem Gegensatz zur Politikerelite. Die Regierung hat in der Nacht zum Montag beschlossen, auch das Kosovo, Montenegro und Albanien zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. Auch die Türkei steht schon als „sicheres Herkunftsland“ in der Diskussion. Das bedeutet, dass die Flüchtlinge nach Ethnien und Herkunft getrennt und ein möglichst großer Teil von ihnen möglichst rasch abgeschoben werden soll.

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