„Wenn wir die Arbeit nicht machen, tut es keiner“

Selbstorganisierte Unterstützung für Flüchtlinge im Hamburger Hauptbahnhof

Von Benjamin Hader und Ute Reissner
13. Oktober 2015

Seit Anfang August kommen in Hamburg am Hauptbahnhof zwischen mehreren Hundert bis zu 5.000 Flüchtlinge täglich an, davon ca. 10 bis 20 Prozent Kinder. Für viele ist Hamburg nur eine Zwischenstation, sie warten auf Anschlusszüge Richtung Norden und wollen weiter nach Dänemark und Skandinavien.

Die Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan und Nordafrika und fliehen vor Krieg und Terror sowie dem Martyrium an den Grenzen und innerhalb der Europäischen Union, wie den Misshandlungen in Ungarn.

Viele kommen für eine Nacht in Privatunterkünften, dem Schauspielhaus, gemeinnützigen Zentren, Pfadfinderheimen oder Kirchen und Moscheen unter. Doch Mitte September strandeten bis zu 300 Menschen inmitten der Wandelhalle des Hauptbahnhofs. Sie mussten auf Decken und Matten auf dem nackten Steinboden übernachten. Verursacht wurde dies durch Zugausfälle und -verspätungen, fehlende oder falsche Informationen und Erschöpfung. Zudem mussten etliche Flüchtlinge vor Ausschreitungen und Polizeieinsätzen am Rande einer Demonstration gegen Rechts flüchten, als mehrere Dutzend Rechtsradikale Flüchtlinge und Demonstranten attackierten.

Mütter mit weinenden Kindern saßen zwischen ihren Taschen und Tüten, Alte starrten vor sich hin. Reisende des Berufs- und Reiseverkehrs – der Hamburger Hauptbahnhof wird von täglich bis zu einer halben Million Menschen frequentiert – bahnten sich ihren Weg um die sitzenden und schlafenden Menschen.

Der Hamburger Senat, eine Koalition aus SPD und Grünen, überließ sie ihrem Schicksal. Doch innerhalb kürzester Zeit bildeten sich Teams aus freiwilligen Helfern, die die Flüchtlinge seit über sechs Wochen rund um die Uhr unterstützen.

Ein gemeinnütziger Verein stellte zwei Zelte auf einem Bahnhofsvorplatz auf: Eines für den Aufenthalt mit Sitzmöglichkeiten zum Ausruhen, und eines für die provisorische medizinische Erstversorgung. Die Flüchtlinge sind von ihrer teils monatelangen Flucht völlig erschöpft, sind traumatisiert und verletzt. Neben etwa 50 erwachsenen Patienten täglich werden auch Babys und Kleinkinder behandelt. Die Zelte sollen jetzt durch neue Zelte und in Zukunft durch Container eines Wohlfahrtsverbands ersetzt werden, der damit die Arbeit der freiwilligen Helfer vor Ort unterstützt.

Die freiwilligen ca. 220 Flüchtlingshelfer am Hauptbahnhof sind selbstorganisiert und bilden eine Drehscheibe für die Betreuung der Flüchtlinge in Sachen Notversorgung, Schutz, Logistik und Reiseroute.

Sie organisieren die Ankunft, den Transfer vom Bahnhof zu den Schlafplätzen und (Zelt-)Lagern und umgekehrt, kümmern sich um die medizinische Erstversorgung, Essen, Trinken, wärmende Kleidung, feste Schuhe, Geld für Tickets, beraten über Fahrpläne, Übersetzungen, Begleitung zum Zug und im Zug zum Reiseziel.

Spenden, Unterstützung und elementare lebenswichtige Gaben erhalten die Helfer von Privatpersonen, Vereinen, Gruppen und Firmen. Keine Unterstützung erhalten sie von der Stadt, den Behörden oder Parteien. Ebenso sind die Helfer rechtlich nicht abgesichert.

Die Beteiligten setzen sich zusammen aus breiten Teilen der Bevölkerung: ehemalige Flüchtlinge, Migranten, junge und ältere Menschen, Arbeiter und Angestellte, Sanitäter und Ärzte.

Sie versuchen die Reise der Flüchtlinge etwas erträglicher zu machen und zu verhindern, dass die Lage eskaliert und die Flüchtlinge dadurch im schlechten Licht erscheinen, wie es von breiten Teilen der Politik und Medien offenbar angestrebt wird.

Für viele Helfer gibt es nur noch die Arbeit am Hauptbahnhof und Schlafen in Schichten, zum Teil seit über 6 Wochen. Die Übersetzer sind noch länger tätig und teils mehr als 30 Stunden im Einsatz.

Provisorischer Stand der Helfer unter einer Treppe

An dem improvisierten Bretterverschlag, der in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs unter einem Treppenabsatz installiert ist, werden die Flüchtlinge von den Helfern empfangen. Hinter der Tischplatte sitzt Elif. Auf die Bitte, ihre Arbeit zu beschreiben, erzählt sie:

„Die Helfer bringen die Flüchtlinge zu einer zentralen Anlaufstation und versorgen sie mit Essen und Trinken, damit sie kurz entspannen können. Dann wird geklärt, wo sie hinwollen (Ausland oder Deutschland) und ob sie schon registriert sind. 30 Minuten vor der Abfahrt der Züge z. B. nach Schweden werden die Flüchtlinge versammelt, zum Zug nach Rostock gebracht. Wir sprechen mit dem Schaffner. In Rostock geht es dann zur Fähre.

Entstanden ist das Ganze anfangs durch Migranten, die gemerkt haben: Es kommen immer mehr Flüchtlinge. Da gab es noch keinen Infotisch, keine Walkie Talkies, keine Westen. Als wir bekannter wurden, haben sich immer mehr Freiwillige gemeldet. Jetzt gibt es ca. 70 Dolmetscher und ca. 150 Helfer.

Die Bahn kann ja froh sein, dass sie uns hat. Sonst würde die Bundespolizei die Flüchtlinge einfach aus dem Bahnhof hinauswerfen. Sie würden in Hamburg unterkommen müssen, die Stadt wäre noch mehr überfüllt, obwohl die meisten Flüchtlinge ja weiter, nach z. B. Schweden, wollen.

Probleme gibt es direkt nicht, aber wir wünschen uns mehr Unterstützung. Hier ist niemand von der Stadt, wir sind alles freiwillige Helfer. Selbst Flüchtlinge, die selbst erst vor ein paar Monaten in Hamburg in Lagern angekommen sind, helfen bis zu 20 Stunden am Tag und bekommen keinen Cent dafür. Sie müssen von dem wenigen Geld, das sie bekommen, selbst noch die Tickets zum Hauptbahnhof bezahlen.

Die Stadt und die Behörden sagen, sie können uns keine Unterstützung geben, weil wir keine richtige Trägerschaft haben. Wir sind ja kein Verein, sondern nur Freiwillige. Ich würde mir wünschen, dass sie die Schlafplätze besser organisieren. Hier gibt es soviel leer stehende Räume, warum sagt die Stadt nicht, geht dorthin?

Wir dürfen auch kein Essen zubereiten, z. B. keine Brötchen in den Zelten schmieren, das ist verboten. Aber es wird auch keine Küche bereitgestellt. Die ganz einfachen Sachen, die ohne großen Aufwand zu realisieren wären, werden nicht ermöglicht. Konkret tun die Behörden hier am Bahnhof nichts, um die Arbeit der Helfer zu unterstützen.

Die Erstaufnahmestelle in Hamburg-Harburg ist jetzt schon so überfüllt, dass jede Nacht 300 bis 500 Menschen auf der Straße schlafen müssen. Und das nur, weil keine Zusammenarbeit und keine Kommunikation stattfinden.

Wir bekommen Essenspenden von Privatleuten und von den Bäckern hier im Bahnhof. Eine Moschee in der Nähe nimmt jeden Abend 400 Flüchtlinge auf, dort werden sie mit Essen versorgt. Unterstützung kommt auch vom Schauspielhaus und seit Kurzem von einem Wohlfahrtsverband, v.a. für Familien. Vorbeigehende drücken uns 10 Euro in die Hand, jeder Euro zählt. Wir sind stark auf Spenden angewiesen. Teilweise müssen wir sehr viel Geld für Tickets ausgeben.

Elif

Manche Flüchtlinge haben noch nicht mal mehr Geld für Fahrkarten. Wir sprechen mit der Bahn immer konkret, wie die Kapazitäten aussehen und ob sie die Flüchtlinge mitnehmen kann. Wir müssen auf die Gutherzigkeit der Deutschen Bahn hoffen. Bisher hat das gut funktioniert, doch an manchen Tagen geht es nicht. Wir wollen ja auch keinen Unmut zu den anderen Reisenden schaffen, die für die Fahrt bezahlen. Solange das Miteinander und Verständnis da sind, funktioniert das ganz gut.

Die Flüchtlingskrise in dem Ausmaß war vorhersehbar. Wenn so lange Krieg geführt wird und es immer näher an Europa geht, dann ist irgendwann für die Menschen nicht mehr zumutbar, dort zu leben. Das führt dazu, dass die Menschen nach Europa kommen. Da fragt man sich, warum wurde da nicht schon der Platz geschaffen, so dass es jetzt im Chaos endet?

Warum wird nur ein Baumarkt z. B. in Hamburg-Bergedorf leergeräumt und Feldbetten reingestellt und gesagt: ‚Bitteschön!‘. Auch dort unterstützen wieder freiwillige Helfer. Sie haben wenigstens Fenster zugeklebt und Verpflegung gebracht. Durch die Fenster konnte jeder reingucken, menschenunwürdiger kann man Menschen nicht halten. Und den Flüchtlingen wurde zuvor gesagt, ihr bekommt menschenwürdige Unterkünfte.

Für uns geht es so lange weiter, wie die Flüchtlinge kommen. Das wird die nächsten Wochen und Monate noch so weitergehen, wir können keine Zeit absehen. Und als nächster Schritt geht es darum, den Flüchtlingen hier die bestmögliche Integration zu bieten: Deutschkurse anzubieten, Behördengänge, europäisches Verhalten beibringen, wie mache ich was. Wir wollen dabei bleiben, auf jeden Fall.

Die abgewiesenen Flüchtlinge und die Flüchtlinge, die kein Geld haben, sind auf sich allein gestellt und fallen oft Kriminellen in die Hände. Viele haben alles verkauft für die todesmutige Flucht. Wer krank, alt oder arm ist, hat keine Chance und muss in den Kriegsgebieten bleiben.“

In einer Frage kommt der Gegensatz zwischen der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und dem Zynismus des Establishments besonders deutlich zum Ausdruck: Hamburg zählt zu den Städten, deren Regierung sich um die Olympischen Spiele 2024 bewerben will. Am 29. November wird darüber ein Referendum stattfinden.

Die Kosten für die Ausrichtung der Spiele werden bisher auf 11,2 Milliarden Euro geschätzt. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, Alfons Hörmann, der in dieser Sache eng mit dem Hamburger Senat zusammenarbeitet, äußerte Ende September die Sorge, die Bewerbung Hamburgs werde daran scheitern, dass „weite Teile der Bevölkerung“ der Meinung seien, das Geld sei für die Flüchtlinge besser ausgegeben. Die Flüchtlingskrise käme daher „zur Unzeit“.

 

Siehe auch:

„So kann kein Mensch leben“
[6. Oktober 2015]