Nato probt europaweiten Krieg

Von Thomas Gaist
22. Oktober 2015

Rund 36.000 Soldaten nehmen an dem Nato-Manöver Trident Juncture 2015 teil, das am Montag in seine heiße Phase eintrat und noch bis zum 6. November dauern wird. Mehr als 140 Kampfflugzeuge und sechzig Kriegsschiffe sind im Einsatz. Einheiten von dreißig kapitalistischen Regierungen, die im Bündnis mit der Nato stehen, neben an der Übung teil.

Umfangreiche Manöver finden in Italien, Spanien und Portugal statt. Nach offiziellen Angaben sollen die Übungen die Nato-Mächte auf umfassende strategische Kriegsführung jenseits der Grenzen der Mitgliedsländer vorbereiten.

Wie Nato-Offiziere erläuterten, liegt der Fokus der Manöver auf der Vorbereitung auf eine umfassende strategische Kriegsführung, die sich über weite Bereiche der eurasischen Landmasse erstreckt.

„Trident Juncture 2015 zeigt die neue, gesteigerte Fähigkeit der Nato zu gemeinsamer, hochtechnologischer Kriegsführung und demonstriert ein nach vorne orientiertes Bündnis“, verlautbarte die Nato-Kommandozentrale am Dienstag.

Nato-Sprechern zufolge umfassen die militärischen Übungen eine beispiellose Mobilisierung von Truppen nach dem Muster des “Federated Mission Network”, d.h. der systematischen „Interoperabilität“, wie sie bei der Besetzung Afghanistans durch USA und Nato entwickelt wurde.

Das Manöver ist als großflächige Übung angelegt, wie es sie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr gegeben hat. Außerdem wird hybride Kriegsführung geübt.

Dabei sollen sich führende Nato-Kampfelemente, wie die Krisenreaktionskräfte (NRF) und die „Superschnelle Eingreiftruppe“ (VJTF), in einer „veränderten Sicherheitsumgebung“ und gegen „Bedrohungen aus dem Süden und Osten“ bewähren, wie aus Nato-Kreisen zu hören ist.

So trainieren die Westmächte ihre Armeen für eine weitere Destabilisierung der politischen Ordnung Europas. Sie bereiten sich auf neue Kriege und Interventionen entlang der russischen Ostgrenze und in Afrika, dem Nahen Osten und Asien vor.

Zum Auftakt der heißen Phase erklärte der stellvertretende Nato-Generalsekretär, US-General Alexander Vershbow, das Manöver werde die Fähigkeit der Nato unter Beweis stellen, zügig und entscheidend jenseits ihrer Grenzen zu agieren“.

Auf einer Pressekonferenz stritt Vershbow zwar ab, dass der fiktive Aggressor im Trident Juncture Szenario Russland sei, bestätigte dann aber praktisch diese Annahme mit den Worten: „Das heißt aber nicht, dass nicht mehrere Gefahren, die wir unterstellen und gegen die wir unsere Truppen trainieren, denen sehr nahe kommen, mit denen wir es im Falle eines Konflikts mit Russland zu tun hätten.“

Er erklärte, die Nato-Planer müssten auch die große russische Marinebasis in Kaliningrad, eine zwischen Litauen und Polen gelegene russische Enklave, ins Kalkül ziehen, und die jüngste Entsendung von russischen Kampfflugzeugen nach Syrien berücksichtigen.

Auf der Pressekonferenz entrollte ein Kriegsgegner ein Transparent und forderte eine Erklärung für die Bombardierung eines Krankenhauses der Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan. Dieses Kriegsverbrechen hatten amerikanische Truppen mit Unterstützung ihrer Nato-Partner in dem Land begangen. In Trapani auf Sizilien, wo sich das Hauptquartier von Trident Junkture 2015 befindet, demonstrieren immer wieder Kriegsgegner.

Trident Juncture „ist eine klare Warnung an jeden potentiellen Aggressor“, erklärte Nato-Kommandeur, General Philip Breedlove. „Jeder Versuch, die Souveränität eines Nato-Mitglieds zu verletzen, wird alle Mitgliedsländer militärisch auf den Plan rufen.“

Breedlove folgte damit den Vorgaben Präsident Obamas bei seiner letzten Europareise. Damals versprach er, die ganze Macht der Dreißig-Länder-Allianz, einschließlich ihrer Atomwaffen, würde zur Verteidigung jedes Mitgliedslandes mobilisiert werden, und das gelte auch für die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Sie leben ständig im Streit mit Russland, weil jedes dieser Länder eine große russisch-sprachige Minderheit hat, die teilweise verfolgt wird und kein Wahlrecht hat.

Das Trident-Manöver ist Teil der generellen Militäreskalation der USA und der Nato-Mächte gegen Russland, seitdem das pro-russische Regime von Präsident Wiktor Janukowitsch durch einen von Faschisten geführten und von den USA unterstützten Putsch im Februar 2014 gestürzt wurde. Seit der Zeit haben sich die Nato-Krisenreaktionskräfte immer weiter an die russischen Grenzen vorgeschoben. Heute befinden sie sich in ständig erhöhter Alarmbereitschaft, um innerhalb von Stunden an den russischen Grenzen einsatzbereit zu sein.

Auf einer Nato-Konferenz, die Anfang Oktober in Brüssel stattfand, bauschten mehrere Militärsprecher Vorwürfe von Luftraumverletzungen durch zwei russische Jets auf, um die militärische Eskalation gegen Russland weiter voranzutreiben. Sie kamen überein, die Krisenreaktionskräfte der Nato auf 40.000 Mann aufzustocken und neue Teams von Nato-Militärspezialisten nach Mittel- und Osteuropa zu entsenden. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg verkündete auf der Konferenz: „Die Allianz setzt gerade die größte Aufrüstung ihrer kollektiven Verteidigungsfähigkeit seit dem Ende des Kalten Kriegs um.“

Am Sonntag sagte US-General Dennis Via, dass das Pentagon die Lieferung einer weiteren Sendung von vorwärtsgelagerten Waffenpaketen nach Europa vorbereite, die „Activity Sets“ genannt werden.

Das Trident-Manöver dient auch dazu, Nato-Truppen auf den Einsatz an Europas Südflanke vorzubereiten. Große Flüchtlingsströme nehmen den Weg über das Mittelmeer. Sie fliehen vor den Katastrophen, die die Kriege der USA und der Nato angerichtet haben: diese Kriege reichen vom Afghanistankrieg über die amerikanische Irak-Besatzung bis hin zum Libyen-Krieg und dem Kampf, den die Islamisten mit US-Unterstützung gegen die Regierung in Syrien führen. Hunderttausende wurden getötet, und heute liegen dort ganze Gesellschaften in Trümmern. Jetzt mobilisieren die Nato-Mächte ihre militärische Kraft, um die vielen Menschen abzuwehren, die sie selbst durch ihre kriminelle Kriegspolitik zu Flüchtlingen gemacht haben.

Die Intensität der Nato-Manöver ist ein Ausdruck der Tatsache, dass westliche Generäle einen allgemeinen Krieg in Europa nicht mehr für undenkbar halten. Die Bemerkungen eines französischen Offiziers in einem Werbevideo für das Trident-Juncture-Manöver illustriert die militaristische Mentalität, die in den imperialistischen Offizierscorps vorherrscht.

Der Nato-Offizier vergleicht die historischen Kriegsvorbereitungen mit einer sportlichen Übung: „Lasst mich die Analogie mit einer Fußballmannschaft ziehen. Sie alle sind gute Spieler, sie haben Angreifer und sie haben einen guten Torwart. Aber nun müssen sie eine Mannschaft werden.“ Er fuhr fort: „Nun müssen sie zusammen kommen, sie brauchen Training, um den Kampf am nächsten Sonntag zu gewinnen.“

Die internationale Arbeiterklasse muss in diesem Kriegsfieber der Imperialisten eine ernste Gefahr sehen. In den herrschenden Kreisen werden bisher undenkbare Szenarien diskutiert, bis hin zu einem umfassenden Krieg zwischen den beiden stärksten Atommächten der Welt, der Nato und Russland.