Von der Asylbewerberin zur Rechtsanwältin

„Durch die Wand“ von Nizaqete Bislimi

Von Elisabeth Zimmermann
13. November 2015

Im Buch „Durch die Wand“ schildert die gebürtige Roma Nizaqete Bislimi ihre beschwerliche Flucht aus dem Kosovo, die Mühsal und Unsicherheit des Flüchtlingsdaseins in Deutschland, die Schikanen der Behörden und die Hilfsbereitschaft privater Helfer und Initiativen. Die heute 36-Jährige machte trotz zahlreicher Hindernisse erfolgreich das Abitur, studierte Jura und arbeitet inzwischen als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Ausländerrecht in Essen.

Bislimi ist seit zwei Jahren Vorsitzende des Bundes Roma Verband e.V.. Angesichts der ständigen Angriffe auf Flüchtlinge und das Asylrecht ist ihr Buch hochaktuell.

Nizaqete war vierzehn, als sie 1993 gemeinsam mit ihrer Mutter, zwei Schwestern und zwei Brüdern aus dem Dorf Hallaç i Vogël im Süden von Prishtina floh, wo die Familie ihres Vaters seit mehreren Generationen wohnte. Sie verließ die Geborgenheit einer Großfamilie mit eigenem Haus und Garten, in der sie eine glückliche Kindheit verbracht hatte.

Grund für die Flucht waren die „immer hitziger ausgefochtenen Spannungen zwischen der albanischen und der serbischen Bevölkerung im Kosovo“: „Wir flohen vor dem Schreckgespenst eines drohenden Krieges, von dem wir keine genaue Vorstellung hatten, aber wussten, dass er uns als Erste treffen würde.“

Der Vater konnte die Familie nicht begleiten, da er kurz vorher zur serbischen Armee einberufen worden war und seine Papiere hatte abgeben müssen.

Ausführlich schildert Bislimi ihre Erfahrungen mit den deutschen Behörden: das endlose Warten in den Ämtern, die ständige Furcht, abgelehnt und abgeschoben zu werden, die menschenunwürdige Unterbringung und die bürokratischen und finanziellen Hürden, die ihrer Ausbildung im Wege standen.

Sie beschreibt die Stimmung „Das Boot ist voll“, die 1993 die öffentliche Debatte prägte und im selben Jahr zu einer drastischen Verschärfung des Asylrechts führte. Verwandte rieten der Familie, nicht als Roma oder Hashkali Asyl zu beantragen. Sie hätten nur eine Chance, wenn sie sich als Albaner meldeten, die vor serbischer Gewalt geflohen seien.

Zuerst wurde die sechsköpfige Familie in einer engen, nicht abschließbaren Kabine auf einem Schiff im Rheinhafen untergebracht. Um Nachts die Tür zu sichern, schoben sie vor dem Schlafengehen eines der Stockbetten vor die Tür.

Ein weiteres Problem war das zugeteilte Essen. „Eine der ersten, schwierigen Erfahrungen war für uns das ungewohnte deutsche Essen“, schreibt Bislimi. „Das Essen wurde fertig gekocht angeliefert und in Metallbehältern ausgegeben, und fast alles, was wir darin vorfanden, verursachte uns Bauchschmerzen und Übelkeit.“

Das Asylverfahren war eine unmenschliche Prozedur. Immer wieder wurden die Mutter und sämtliche Kinder morgens mit Bussen zur Außenstelle des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (heute BAMF) gebracht, wo sie tagelang auf kalten Stühlen auf die Befragung, die Abnahme von Fingerabdrücken und die Bearbeitung ihres Antrags warten mussten.

„Beim Bundesamt gab es weder einen Rückzugsraum für Kinder, noch konnten wir draußen spielen. So blieb uns nichts anderes übrig, als dazusitzen und der Uhr zuzusehen, wie ihre Zeiger sich im Kreis bewegten. Dies sollte sich in den nächsten vierzehn Jahren meines Lebens immer von Neuem wiederholen: Warten, dass jemand eine Entscheidung über mein Leben trifft, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst darauf Einfluss zu nehmen.“

Nächste Unterkunft der Bislimis war eine ehemalige Kaserne, wo ganzen Familien jeweils ein Zimmer zugewiesen wurde. Trotz der schwierigen Umstände entstanden dort Freundschaften. Familien halfen sich gegenseitig, so gut sie konnten.

Schließlich zog die Familie in eine Flüchtlingsunterkunft am Rand der Stadt Oberhausen. In der Barackensiedlung lebte sie monatelang in einem zwei mal vier Meter großen Raum, der mit drei Doppelstockbetten, einem Metallspind und einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen ausgerüstet war. Im gegenüberliegenden Zimmer wohnten sechs alleinstehende Männer. Die wenigen Duschen und Toiletten waren heruntergekommen und auch alles Putzen half nichts bei fest eingebrannten oder -getrockneten Verschmutzungen, Schimmel und Kakerlaken.

Die Bislimis versuchten nach dem anfänglichen Schock das Beste aus ihrer Lage zu machen. Sie montierten die Bettgestelle ab und legten die Matratzen tagsüber zu Sitzgelegenheiten zusammen. Ein Vorhang vor der Zimmertür schützte vor allzu neugierigen Blicken. Aus dem Sperrmüll und Geschenken von Mitbewohnern wurde das Zimmer irgendwie wohnlich gemacht.

Drei Monate nachdem sie den Antrag auf Asyl gestellt hatte, erhielt die Familie den Bescheid, dass sie momentan geduldet und nicht abgeschoben werde, aber ausreisepflichtig sei. Bislimi schreibt: „Dieses Dokument bedeutete, dass wir jeden Tag ohne Ankündigung abgeschoben werden konnten. Unser Aufenthaltsstatus in Deutschland war also höchst ungewiss, und jeden Abend vor dem Schlafengehen fragten wir uns, ob es wohl in dieser Nacht so weit sein würde.“

Dieser unsichere Zustand sollte dreizehn Jahre lang anhalten.

Nizaqete und ihre Schwester, die im Kosovo gute Schülerinnen gewesen waren, wurden zunächst auf eine Hauptschule in Oberhausen geschickt. Dank eigenen Anstrengungen und der tatkräftigen Hilfe von Unterstützern, die sich um die Flüchtlinge in der Barackensiedlung kümmerten, gelang es ihnen schließlich, die Hindernisse zu überwinden, die man ihnen in den Weg legte. Nizaqete wechselte 1994 auf die Gesamtschule und machte vier Jahre später das Abitur mit einer Gesamtnote von 2,1.

Im Sommer 1994 verbesserte sich auch die Wohnsituation. Eine abgetrennte Wohneinheit von 24 Quadratmetern mit eigenem Bad und Küchenzeile in einem Containerdorf nahe der geräuschvollen Autobahn A3 galt nun bereits als „schön“. Beim Begrüßungsfest in der neuen Unterkunft lernte Nizaqete ein deutsches Ehepaar kennen, das ihr in den kommenden Jahren beim Kampf gegen die Schikanen der Ausländerbehörde und für einen gesicherten Aufenthaltsstatus eine unverzichtbare Hilfe sein sollte.

In der Auseinandersetzung mit der ständigen Abschiebungsgefahr reifte auch Nizaqetes Wunsch, selbst Rechtsanwältin zu werden. Vor der Erfüllung dieses Wunsches türmten sich allerdings kaum überwindbare Hürden.

Im Buch wird eine Unicef-Studie aus dem Jahr 2010 zitiert, die darauf hinweist, dass das deutsche Ausländer- und Asylrecht für Kinder aus Flüchtlingsfamilien den Zugang zu Bildung und sozialer Teilhabe gravierend einschränkt. Kinder aus Roma- und Sinti-Familien wurden über Jahrzehnte hinweg nahezu automatisch auf Sonderschulen überwiesen. Noch Anfang 2005 galt in acht von sechzehn deutschen Bundesländern keine Schulpflicht für Kinder, die ein Asylverfahren durchliefen oder als Geduldete in Deutschland lebten. Erst seit 2010 ist der Schulbesuch für sie in ganz Deutschland obligatorisch.

Zu den Problemen in Deutschland und der Angst vor der Abschiebung gesellte sich die Sorge um den Vater und die Angehörigen im Kosovo. Vor allem die Mutter lebte in ständiger Furcht. „Die Flüchtlingspolitik in der Bundesrepublik Deutschland macht die Menschen krank an Leib und Seele“, schreibt Bislimi. „Ich hörte einmal den Ausdruck ‚Tod auf Raten’ und fand ihn sehr zutreffend.“

In einer nervenaufreibenden Prozedur musste die Familie ihre Duldung alle drei Monate, manchmal auch jeden Monat verlängern lassen. Berufsberater und Behördenvertreter sagten Nizaqete, sie könne als Geduldete weder eine Ausbildung machen, noch studieren. Sie solle heiraten, sonst gebe es keine Chance für sie. Schließlich schrieb sie sich einfach an der Ruhruniversität Bochum ein und absolvierte erfolgreich ihr Studium. Bafög oder sonstige staatliche Unterstützung erhielt sie allerdings nicht. Sie musste sich ihr Studium durch Nebenjobs verdienen.

Nach erfolgreichem erstem Staatsexamen begann Bislimi im April 2006 als erste Rechtsreferendarin mit einer Duldung im Oberlandesgericht Hamm das Referendariat. Nach dreizehn Jahren erteilte ihr die Ausländerbehörde schließlich im Juni 2006 eine Aufenthaltserlaubnis.

Bislimis Buch geht auch kritisch auf die militärische Intervention der Nato im Kosovo ein, an der sich auch Deutschland beteiligt hatte. Die Luftangriffe der Nato auf serbische Stellungen im Kosovo hätten die humanitäre Katastrophe erst ausgelöst, schreibt sie. Und nach dem Ende des Kriegs, der den Kosovo faktisch von Serbien abtrennte, hätten sich die Probleme der ethnischen Minderheiten vergrößert. „Aus unserer Heimat drangen erschreckende Geschichten zu uns. Von Pogromen, die sogar unter den Augen der NATO-Soldaten stattfanden, war die Rede, von Vergewaltigungen und Vertreibungen.“ Auch mehrere Angehörige der Familie Bislimi fanden den Tod.

Die Verfolgung der Roma im Kosovo setzte sich über Jahre fort. Bislimi zitiert aus einer Spiegel-Reportage aus dem Jahr 2004, die ein Pogrom in der Stadt Vučitrn schildert. Dennoch wurde in Deutschland bereits Anfang 2000 diskutiert, Flüchtlinge aus dem Kosovo ohne Rücksicht auf die ethnische Zugehörigkeit in ihre Heimat zurückzuschicken.

In den letzten Kapiteln ihres Buchs beschreibt Bislimi, wie Deutschland und die EU Balkanstaaten unter Druck setzen, damit sie Flüchtlinge zurücknehmen. So wurden z.B. Serbien, Mazedonien und anderen Staaten nur Visa-Erleichterungen gewährt, wenn sie bereit waren, Rückführungsabkommen abzuschließen.

Die Lebensbedingungen der Roma in diesen Ländern sind verheerend. So haben von den knapp 600 Roma-Siedlungen in Serbien ein Drittel keine Wasserversorgung und 70 Prozent sind nicht an ein Abwassersystem angeschlossen. Die Kindersterblichkeit unter Roma ist viermal höher als der Landesdurchschnitt. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Roma-Frauen liegt bei 48 Jahren.

Das Buch „Durch die Wand“ liefert zahlreiche Fakten über die brutale deutsche Asyl- und Ausländerpolitik, die in jüngster Zeit wieder ihr abstoßendes Antlitz zeigt. Angesichts der Verschärfung des Asylrechts und der Ernennung Kosovos zum „sicheren Drittstaat“ hätte jemand wie Bislimi heute wohl keine Chance mehr, in Deutschland zu bleiben und Rechtsanwältin zu werden.

Die Schilderung der schmerzhaften Erfahrungen ihrer Familie ist bewegend. Dem Buch ist eine große Leserschaft zu wünschen.