Star Wars: Das Erwachen der Macht – kein wirkliches Erwachen

Von Matthew MacEgan und David Walsh
30. Dezember 2015

Regie: J. J. Abrams; Drehbuch von Lawrence Kasdan, J. J. Abrams und Michael Arndt

Am 17. Dezember kam Star Wars: Das Erwachen der Macht in die deutschen Kinos. Es ist die Fortsetzung von Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983), dem letzten Film innerhalb der Ursprungstrilogie der beliebten Science-Fiction-Filmreihe. Der erste dieser Filme erschien im Jahr 1977. Eine umfangreiche Pressekampagne nebst großem Medientamtam begleitete die Veröffentlichung von Das Erwachen der Macht. Die Öffentlichkeit wurde mehr oder weniger darüber informiert, dass es ihre Bürgerpflicht sei, sich ins Kino zu begeben und den Film zu sehen.

Der neue Film des Regisseurs J.J. Abrams (Star Trek, 2009; Star Trek Into Darkness, 2013) erscheint zehn Jahre nach Die Rache der Sith, dem abschließenden Teil einer „Prequel“-Trilogie, in welcher gezeigt wurde, wie Anakin Skywalker zu Darth Vader und die „demokratische“ Galaktische Republik zum ersten Galaktischen Imperium wurde. Der neueste Streifen ist der erste Teil einer „Sequel“-Trilogie, die die Geschichte der nächsten Generation erzählt und wie sie mit den Flaschengeistern fertig wird, die ihre Vorgänger freigelassen hatten.

Die Geschichte spielt dreißig Jahre nach den Ereignissen von Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Die „Rebellen“-Allianz hat ihre Mission erfüllt und eine „Neue Republik“ errichtet. Ein Überbleibsel des ehemaligen Galaktischen Imperiums jedoch, eine sogenannte Erste Ordnung, fängt an, neue Macht zu sammeln. Von General Leia Organa (Carrie Fisher) angeführte Kämpfer, die sich „Widerstand“ nennen, stellen sich dem Aufstieg der Ersten Ordnung entgegen.

Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega) auf Jakku

Sowohl die Erste Ordnung als auch der Widerstand sind auf der Suche nach Luke Skywalker (Mark Hamill), „dem letzten Jedi“, der sich verborgen hält. Der unheimliche Führer der Ersten Ordnung, Snoke (Andy Serkis), der in Form eines gigantischen Hologramms auftritt, entsendet einen seiner Untergebenen, Kylo Ren (Adam Driver), um Skywalkers Aufenthaltsort aufzuspüren.

Rens Suche bringt ihn auf den Planeten Jakku. Dort befindet sich Widerstandspilot Poe Dameron (Oscar Isaac), wo er eine Karte erhalten hat, die Skywalkers Aufenthalt bezeichnet. Bevor er gefangengenommen wird, kann Dameron die Daten einem kleinen Androiden namens BB-8 übermitteln. In der Zwischenzeit hat FN-2187 (John Boyega) – später trägt er den Namen Finn –, ein Mitglied von Rens Sturmtruppen, den Befehl verweigert, eine Gruppe Dorfbewohner zu exekutieren, und die Erste Ordnung verlassen. Er hilft Dameron bei der Flucht vor Rens Einheit, doch ihr kleines Schiff wird über Jakku abgeschossen.

Finn, der sich allein auf dem Wüstenplaneten wiederfindet, begegnet bald darauf der jungen Schrottsammlerin Rey (Daisy Ridley), die sich mit BB-8 angefreundet hat. Finn, Rey und BB-8 können weiteren Angriffen entgehen, indem sie an Bord des Millennium Falken fliehen, einem Schiff, das Han Solo (Harrison Ford) gehört, und ihm Jahre zuvor gestohlen wurde. Rey und Finn entschließen sich, BB-8 dabei zu helfen die Karte zum Widerstand zu bringen. Mit Hilfe von Solo und Chewbacca (Peter Mayhew), die nach ihrem einstigen Raumschiff gesucht hatten, schaffen sie es schließlich.

Die Erste Ordnung hat eine Superwaffe entwickelt, die Energie von Sternen aufzehrt und diese in Strahlen umwandelt, welche, ähnlich wie der Todesstern in der Original-Trilogie, ganze Planeten vernichten können. Die Anführer der Ersten Ordnung bereiten einen Angriff auf jenen Planeten vor, auf welchem der Widerstand seinen Standort hat. Dessen Anführer sowie Rey und Finn unternehmen daraufhin einen verzweifelten Versuch, die schreckliche Waffe zu vernichten…

Man muss feststellen, dass Das Erwachen der Macht alles in allem nur ein mittelmäßiger Actionstreifen ist. Er ist nicht ganz so unerträglich wie die letzten „Prequels“, bei denen George Lucas Regie führte, doch er ist trotzdem mittelmäßig, selbst nach den Maßstäben leichterer Unterhaltung.

Sollte eine Art Entwicklungsgeschichte beabsichtigt gewesen sein, wie in den vorhergehenden Filmen, so ist diese misslungen. Es ist nicht viel Plausibilität in dieser oder irgendeiner anderen Entwicklung zu erkennen. Die Charaktere bleiben überwiegend eindimensional. Rey ist stets „angriffslustig“ und „temperamentvoll“, Poe ist „übereifrig“ und „heroisch“, Finn hat „ein gutes Herz“ und bleibt „loyal bis zum Ende“, sobald er sich einmal entschieden hat. Auf der anderen Seite stehen die Bösewichter, die mächtig viel zu feixen haben und enormen Wirbel veranstalten. In dieser „weit, weit entfernten“ Galaxie ist psychologische Vielschichtigkeit anscheinend unbekannt.

Alle Star-Wars-Filme basieren auf dieser simplifizierenden Gut-und-Böse-Dichotomie. Auf abstruse Weise hängt das „Schicksal der Galaxie“ von der Fähigkeit einer Handvoll von Individuen in jeder Kategorie ab, ihren aufgewühlten, teils ererbten, teils mystisch erzeugten, emotionalen und geistigen Zustand unter Kontrolle zu halten.

Der Ursprungsfilm aus dem Jahr 1977 war eine Art Parodie, jedenfalls hinterließ er diesen Eindruck – nur Unbelehrbare nahmen ihn sich zu Herzen. Carrie Fisher machte sogar die Verspottung ihrer Auftritte in den drei ersten Filmen zu einer Art Massenware, die sie in ihren One-Woman-Shows der letzten Jahre zum Besten gab. Diesmal aber geht sie offenbar mit fürchterlichem Ernst an den Stoff heran. Geld und Ruhm haben eben immer noch ihren Lockreiz. Die Szenen mit Fisher und Ford sind recht steif, und beide Schauspieler hinterlassen ein ungutes Gefühl beim Zuschauer.

Das Erscheinen des Films wurde als wichtiges kulturelles und soziales Ereignis dargestellt. Ohne die Vergangenheit Amerikas oder seiner Filmindustrie auch nur für eine Sekunde idealisieren zu wollen, so muss man doch sagen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der der „Film, über den viel geredet wurde“, ein Versuch war, tatsächlich etwas über die Welt auszusagen, so ungeschickt, so melodramatisch, so seicht auch immer. Vor fünfzig Jahren erregten solche Filme wie Elmer Gantry, West Side Story, Das Urteil von Nürnberg, Wer die Nachtigall stört, Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, Doktor Schiwago, Bonnie und Clyde und Die Reifeprüfung Aufsehen. Alle diese Filme waren mit Mängeln behaftet, manche sogar mit sehr ernsthaften, doch dessen ungeachtet waren es Filme, die etwas zu sagen hatten. Superheldenabenteuer und dergleichen galt als Kitsch und Kinderkost, die samstagvormittags verabreicht wurde.

Die naziähnliche Erste Ordnung

Gewiss, die Zeiten, in denen Das Erwachen der Macht produziert wurde, sind in ihm präsent. Wie könnte es anders sein, wie könnte überhaupt irgendein Werk sich dem entziehen? Die vergangenen fünfzehn bis zwanzig Jahre, insbesondere seit dem 11. September 2001, mit ihren endlosen Kriegen und militaristischem Gehabe, lassen ihren Einfluss spüren. Der Film ist ziemlich brutal, und die Eröffnungsszene, in der Ren und seine Sturmtruppen ein Dorf niederbrennen und alle seine Bewohner auf ähnliche Weise exekutieren, wie es die die Einsatzgruppen der Nazis taten, bewegt.

Aber auch James Camerons Avatar beispielsweise hat offensichtliche Bezugnahmen auf die neokolonialen Invasionen, doch ist dies keineswegs als Auflehnung gegen imperialistischen Krieg gemeint. Es wäre ein Fehler, das fast unvermeidliche „Einsickern“ rauer objektiver Realitäten in Das Erwachen der Macht mit einer bewussten oder einheitlichen Aussage gegen Krieg zu verwechseln. Vielfach ist der Film ein Lobgesang auf schmerzlose, unblutige Tötung und Körperverletzung, solange für diese ein guter Grund angegeben wird. Die soziale oder politische Kritik, soweit sie auftritt, ist viel zu formlos und halbherzig, um ernsthaften Eindruck zu hinterlassen. Die Erste Ordnung wird als ein faschistisches Regime präsentiert, das an die Nazis erinnert, doch an der Wurzel der Organisation stehen „böse“ Führer, die sich unerklärlicherweise einer „dunklen“ Seite verschrieben haben, der eine Reihe spiritueller Lehren zugehören.

Das Star-Wars-Franchise ist das populärste in der Geschichte. Der Online-Tickethändler Fandango berichtete, dass noch nie vom ersten Tag der Ticketfreigabe bis zur letzten Nacht vor der Erstaufführung so viele Tickets verkauft wurden. Schätzungen zufolge spülte der Vorverkauf bis Ende Donnerstagnacht knapp 100 Millionen Dollar in die Kassen. Bis Ende Sonntagnacht stieg die Summe auf 517 Millionen Dollar. Das ist gleichbedeutend mit dem historisch zweitgrößten Einspielergebnis, das nur an einem Wochenende erzielt wurde. Demnächst wird der Film auch in China starten, dem zweitgrößten Filmmarkt der Welt.

Wie bereits erwähnt, wurde Abrams’ Film der Bevölkerung mittels einer gigantischen Marketingoffensive praktisch eingetrichtert. Sowohl Barack Obama als auch Hillary Clinton erwähnten ihn bei öffentlichen Auftritten.

Das Magazin Variety berichtete beispielsweise: „Das Weiße Haus sagte, Das Erwachen der Macht werde am Freitag Mitgliedern der Gold-Star-Familie vorgeführt, einer Organisation von Familienmitgliedern, die einen Verwandten in militärischen Kämpfen verloren haben… auch der Präsident deutete an, er werde der Vorführung beiwohnen. Er schloss eine Presskonferenz mit den Worten: ‚Machen Sie’s gut, ich muss jetzt zu Star Wars gehen’.“

Bei der Samstagabenddebatte der Demokratischen Partei beendete Clinton ihren Beitrag mit den Worten: „Vielen Dank, Gute Nacht, und möge die Macht mit Ihnen sein.“

Viele der an der Produktion des neuen Films Beteiligten erklärten in Interviews, dass so viele Leute vierzig Jahre später immer noch von Star Wars angezogen seien, da die Reihe den Menschen eine positive Botschaft und „Hoffnung“ vermittele. Das Problem besteht indessen darin, dass diese „Hoffnung“ auf keiner echten Beantwortung, oder gar Untersuchung, realer Probleme beruht. Die Fixierung auf „gute“ und „böse“ Charaktere geht nicht viel tiefer als der seifenopernhafte Zugang der Boulevardpresse zur sozialen Realität – oder als die dumme Gepflogenheit amerikanischer Wahlkampagnen, bei denen die Wähler aufgefordert werden, auf Grundlage von den Medien erzeugter Bilder von Männern und Frauen eine Wahl zu treffen, („er hat ein freundliches Gesicht“, „sie hat Führungseigenschaften“), vollständig unabhängig von ihren sozialen Positionen und Programmen.

In dieser Zeit beispielloser Instabilität, die von einer amerikanischen herrschenden Klasse bestimmt wird, die offenbar entschlossen ist, einen dritten Weltkrieg zu provozieren, gibt es natürlich den weitverbreiteten Wunsch, den allgemein herrschenden beunruhigenden Zuständen zu entkommen.

Die Mittelmäßigkeit von Das Erwachen der Macht ist nicht dem Publikum zuzuschreiben, doch die Menschen müssen mehr verlangen. Dies ist einfach kein ernsthaftes oder anspruchsvolles Filmemachen, nicht einmal für das Actiongenre. Es wird ermüdend und monoton. Ridleys und Boyegas Darbietungen sind nicht schlecht und der Film ist nicht übelwollend oder zynisch, doch letzten Endes ist er nicht viel mehr als reine Zeitvergeudung.

Disney und Lucasfilm planen für 2017 und 2019 die Star-Wars-Episoden VIII und IX, und außerdem sollen Filme außerhalb der Episodenreihe veröffentlicht werden. Im Dezember 2016 wird Rogue One (Schurke Eins) erscheinen, der zeigen wird, wie die Rebellen unmittelbar vor Episode IV – Eine neue Hoffnung in den Besitz der Pläne für den Todesstern gelangten. Der Film wurde als eher „düster“ beschrieben, wenn es um Moral geht, und als weniger auf „die Macht“ oder „Gut“ und „Böse“ fokussiert.