Sarah Gavrons Film Suffragette – Taten statt Worte

Was haben Mrs. Pankhurst und eine East-End-Wäscherin gemeinsam?

Von Joanne Laurier
31. Dezember 2015

Regie: Sarah Gavron; Drehbuch: Abi Morgan

Im Spielfilm Suffragette – Taten statt Worte der britischen Filmemacherin Sarah Gavron geht es um die Frauenwahlrechtsbewegung in Großbritannien in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

An der Spitze der so genannten „Suffragetten“ stand Emmeline Pankhurst (1858-1928), die im Jahr 1903 die Women’s Social and Political Union (WSPU) gründete. Der Kampf spitzte sich zweitweise scharf zu und beinhaltete Auseinandersetzungen mit der Polizei, sowie kleinere terroristische Aktionen. Die Frauen wurden häufig verhaftet, inhaftiert und gefoltert. Im Jahr 1928 errangen die Frauen in Großbritannien schließlich das Stimmrecht.

Carey Mulligan

Gavrons Film beginnt im Jahr 1912. Die 24-jährige Maud Watts (Carey Mulligan), eine Wäscherin, spielt die Hauptrolle. Sie lebt und arbeitet in ärmlichen und engen Verhältnissen. Diese Figur dient Gavron dazu, das wachsende soziale Bewusstsein der Frauen und ihr Engagement in der Suffragetten-Bewegung darzustellen.

In Suffragette – Taten statt Worte schuftet Maud wie ein Sklave bei der Arbeit, um zuhause ihren Ehemann Sonny (Ben Whishaw) zu bedienen, der ebenfalls in der Industriewäscherei arbeitet, wenn auch für mehr Lohn. Ihrem geliebten kleinen Sohn Georgie ist sie eine fürsorgliche Mutter. Die ehelichen Beziehungen sind so gut, wie man es von einem Paar erwarten darf, das in elender Armut lebt. Sie sind vielleicht sogar ein wenig besser, solange Maud alles erfüllt, was von ihr erwartet wird.

Bei der Arbeit lässt Maud ihren Chef nicht aus den Augen, der seine Untergebenen bis auf die (von Chemikalien angegriffenen) Knochen ausbeutet und sich an den jungen Mädchen vergreift. Maud, die Tochter einer Wäscherin, lebt von Kindsbeinen an in der Wäscherei und wird seit Jahren missbraucht.

Maud ist von ihrer forschen Kollegin Violet (Anne-Marie Duff) beeindruckt. Sie findet heraus, dass Violet im örtlichen Suffragetten-Verband mitmacht, der unter der Leitung der militanten Edith Ellyn (Helena Bonham Carter) im Untergrund arbeitet. Edith und ihr sympathisierender Mann – der einzige Mann im Film, der zur Unterstützung der Frauen bereit ist – besitzen eine Apotheke, welche als Fassade für die Gruppentreffen dient.

Als Maud beginnt, sich für diesen Kampf zu interessieren, gerät sie in eine Anhörung über das Frauenwahlrecht, wo sie plötzlich (und nicht sehr überzeugend) vor dem Finanzminister und späteren Premierminister David Lloyd George (Adrian Schiller) aussagt. Der Zwischenfall stimmt die Regierung nicht um. Zugleich mit ihrem Engagement für die Suffragetten wächst auch Mauds Entfremdung von Sonny, der sie schließlich aus der Wohnung aussperrt und ihr als Besitzer des ausschließlichen Elternrechts verbietet, ihren Sohn weiterhin zu sehen – ein besonders schmerzliches Opfer, das sie bringen muss. Hinzu kommen die Nachstellungen des hartnäckigen Polizisten Steed aus Irland (Brendan Gleeson), der versucht, sie zur Informantin zu pressen.

Meryl Streep als Emmeline Pankhurst

Die Begeisterung und unerschütterliche Loyalität der Frauen gilt ihrer Anführerin Emmeline Pankhurst (Meryl Streep in einem kleinen Gastauftritt). Diese fordert sie auf, dem entschlossenen Bemühen der Regierung, ihren Willen zu brechen, standzuhalten. Die Suffragetten werden geschlagen und inhaftiert. In Gefangenschaft treten Maud und andere in den Hungerstreik und werden brutal zwangsernährt. Selbst Steed ist über ihre „barbarische“ Behandlung empört. Der Film findet ganz unverhofft sein Ende, als eine der Suffragetten, Emily Davison (Natalie Press), im Jahr 1913 zur Märtyrerin für die Sache wird.

In früheren Werken, zum Beispiel This Little Life Frühgeboren (2003) über ein Frühchen und Brick Lane (2007) über die Londoner Bangladesch-Gemeinde, bewies die Regisseurin Gavron Sensibilität und Talent. Leider erweist sich jedoch bei einem weiter gesteckten und größeren Thema, dass ihre Perspektive und Herangehensweise schwach und begrenzt sind.

Es ist auch nicht hilfreich, dass sie in ihrem jüngsten Film mit der Drehbuchautorin Abi Morgan zusammenarbeitete. Diese zeichnete für die lausige Eiserne Lady (2011) verantwortlich und schuf damit ein durchaus unkritisches Porträt der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher.

Die Hauptschwierigkeit bei dem Film Suffragette – Taten statt Worte entsteht im Wesentlichen aus den intellektuellen Taschenspielertricks, mit denen die Filmemacherinnen aufwarten. Um ein zurzeit gängiges politisches Klischee zu bedienen, treibt der Film zu seinem Nachteil Schindluder mit der Geschichte.

Die Szenen, in denen sich Maud in der Wäscherei abplagt, sind sehr bewegend. Sie ringt darum, ihrer kleinen Familie ein anständiges Leben zu bieten. Mulligan, eine bisher eher farblose Schauspielerin, liefert hier eine verhaltene und überzeugende Darbietung als unterdrückte Frau, deren leidenschaftliche Gefühle und Ansichten nur langsam heranreifen.

Dabei gehören Gavrons Szenen aus der abscheulichen Wäscherei und dem Londoner East End in hohem Maße in einen anderen Film.

Obwohl die WSPU damals vielerorts auch von Arbeiterfrauen unterstützt wurde, war sie doch ihrer Führung und gesellschaftlichen Perspektive nach wesentlich eine Bewegung der Mittelklasse. Zu dieser Zeit hatten vierzig Prozent der männlichen Bevölkerung (darunter Mauds Ehemann), d.h. die ärmsten Schichten, kein Wahlrecht. In dieser Situation forderte die WSPU für Frauen dasselbe Stimmrecht wie für Männer, und damit akzeptierte sie beim Frauenwahlrecht dieselben einschränkenden Reichtums- und Eigentumsgrenzen. Die Independent Labour Party, die für ein universales Frauenwahlrecht eintrat, kritisierte die WSPU damals auf dieser Grundlage.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte sich eine Frau wie Maud Watts, deren Bewusstsein erwachte, nicht von der feministischen, sondern von der sozialistischen Bewegung angezogen gefühlt. In der Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs verzeichneten die sozialistischen Parteien weltweit ein immenses Wachstum, besonders unter Frauen. In Deutschland beispielsweise schnellte zwischen 1901 und 1913 der Mitgliederanteil der Frauen in der SPD von etwa 4.000 auf über 141.000 empor. Rosa Luxemburg war damals ihre herausragende Führungspersönlichkeit.

Suffragette – Taten statt Worte

Mauds Geschichte gehört sozusagen einer anderen gesellschaftlichen und intellektuellen Entwicklung an, als ihr die Filmemacherinnen zugedacht haben. Offenkundig wollten sie keinen Film über eine ehrgeizige Parlamentarierin, Juristin oder Apothekerin drehen, weil das nicht denselben emotionalen und dramatischen Effekt erzielt hätte.

Wäre der Film ehrlicher, dann hätte er geschildert, wie eine Frau wie Maud vom Aufleben der sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse als Ganzes angezogen worden wäre. (Die britische Labour Party, die ebenfalls das universelle Frauenrecht forderte, wurde 1906 gegründet.) Sowohl die Interessen von Emmeline Pankhurst, als auch diejenigen von Maud und Violet werden von Klassenunterschieden bestimmt. Pankhurst sagt im Film: „Wir wollen keine Gesetze brechen, wir wollen Gesetze schaffen.“ (Die Phrase geht in Wirklichkeit auf Anne Cobden Sanderson zurück, eine weitere Frauenrechst-Aktivistin.)

Es ist kein Ruhmesblatt, wenn Gavron und Morgan im Vertrauen auf das allgemein niedrige Niveau historischer Kenntnisse die sozialistische Bewegung einfach aus der Geschichte tilgen. Die Zeitspanne, die der Film Suffragette – Taten statt Worte umfasst, ist bezeichnend. Hätte der Film einige Jahre mehr abgedeckt, hätten die Regisseurinnen den unüberbrückbaren Bruch, der sich auch in der Pankhurst-Familie einstellte, darstellen müssen.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellten sich Emmeline und eine ihrer Töchter, Christabel, voll hinter den britischen Imperialismus, der sich im Konflikt mit der „deutschen Gefahr“ befand. Wenige Tage nach der Kriegserklärung im August 1914 war die britische Regierung bereit, alle Häftlinge der WSPU freizulassen, und zahlte der Organisation zweitausend Pfund, damit sie eine patriotische Versammlung unter dem Motto „Männer an die Front, Frauen an die Werkbank“ abhalten konnte. Emmeline und Christabel Pankhurst agitierten unermüdlich dafür, Millionen junger Männer auf die Schlachtbank des Kriegs zu schicken. Später trat Emmeline Pankhurst, eine glühende Antikommunistin, der Konservativen Partei bei und kandidierte um Parlamentssitze.

Der Streifen macht viel Aufhebens von dem WSPU-Slogan „Taten statt Worte“. An einem solchen Motto ist jedoch nichts Radikales oder Progressives. Der Charakter einer Bewegung wird von ihrem Programm und ihrer sozialen Orientierung bestimmt. Viele ultra-rechte Organisationen stimmen dem Motto “Taten statt Worte” zu und haben es sich schon zu Eigen gemacht.

Tatsächlich macht es Sinn, die politische Entwicklung von Norah Dacre Fox aufzuzeigen, einer Führerin und von 1913 an Generalsekretärin der WSPU. Fox war eine Organisatorin der Kriegspropagandaversammlung von 1914 und eine wüste anti-deutsche Chauvinistin. Laut der Times unterstützte Mrs. Dacre Fox im Jahr 1918 den Vorschlag, „eine Säuberung von allen Personen deutschen Blutes, ohne Ansehen des Geschlechts, des Geburtsortes oder der Nationalität durchzuführen … Jede Person in diesem Lande, wer es auch sei und welche Stellung sie auch innehabe, die verdächtigt wird, deutschen Einfluss zu unterstützen, sollte als Verräter behandelt und wenn nötig erschossen werden. Es darf keinen Kompromiss und keinen Unterschied geben.“ In den 1930er Jahren wurde Norah Dacre Fox (später Norah Elam) eine herausragende Persönlichkeit in Oswald Mosleys British Union of Fascists (Britische Union der Faschisten).

Für viele Frauen aus der gehobenen Mittelklasse, die in die WSPU eintraten, wie auch für ihre heutigen Nachfolgerinnen, lief der „Kampf für Frauenrechte“ darauf hinaus, um einen größeren Anteil am Kuchen zu kämpfen, der sich in Berufschancen, politischem Einfluss und Einkommensvorteil ausdrückt. Aber jede Bewegung, die sich auf ethnische Zugehörigkeit oder Geschlecht gründet, folgt zwangsläufig einer unheilvollen und reaktionären Logik. Viele heutige Feministinnen unterstützen mit der fadenscheinigen „Frauenrechts“-Begründung den imperialistischen Kriegskurs gegen den Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien – und morgen gegen Russland.

Was dagegen Sylvia Pankhurst (1882-1960) betrifft, so führte sie die Frauen aus dem East End in Richtung Sozialismus. 1914 brach sie mit der WSPU und gründete schließlich die Workers’ Socialist Federation. Sie gründete die Zeitung Women’s Dreadnought [Dreadnought – Ohnefurcht war der Name eines englischen Schlachtschiffs], die später in Workers’ Dreadnought umbenannt wurde. Aus ihrer eigenen Erfahrung mit Frauen wie Maud Watts gelangte Sylvia zu der Erkenntnis, dass das Problem im Kapitalismus bestand.

Sylvia Pankhurst 1909

Sylvia Pankhurst unterstützte die Russische Revolution von 1917 und begab sich 1920–1921 in die Sowjetunion, wo sie Lenin kennenlernte und Reden von Trotzki hörte. (Als sie im August 1919 in London war, erhielt sie von Lenin einen Brief, worin er sie drängte, sich für „die Gründung einer großen kommunistischen Arbeiterpartei in Großbritannien“ einzusetzen.) Sie geriet in Konflikt mit ihrer Mutter und stimmte der Marxistin Rosa Luxemburg bei, die im Jahr 1914 schrieb: „Bürgerliche Frauenrechtlerinnen wollen politische Rechte erwerben, um sich dann im politischen Leben zu betätigen. Die proletarische Frau kann nur der Bahn des Arbeiterkampfes folgen, der umgekehrt jeden Fußbreit tatsächlicher Macht erringt, um dadurch erst die geschriebenen Rechte zu erwerben.“ [Rosa Luxemburg: Die Proletarierin (1914), in: Gesammelte Werke, Berlin 1973, S. 412]

Die offizielle heutige “Linke” ist gänzlich von Identitätspolitik, Sexualitäts- und Genderfragen durchdrungen. Keiner ihrer Vertreter wagt es, daran zu erinnern, wie Sozialistinnen wie Luxemburg, Eleanor Marx, Luise Kautsky, Clara Zetkin und andere die wohlhabenden „Frauenrechtlerinnen“ ihrer Zeit mit Hohn und Spott überschütteten.

Damals war es üblich, die Frage aus der Klassen- und nicht aus der Geschlechterperspektive zu betrachten. Eleanor Marx schrieb beispielsweise: “Wir sind nicht männerbekämpfende Frauen, sondern Arbeiter, die die Ausbeuter bekämpfen.” [Eleanor Marx: Frauengewerkvereine in England, 1892] Sie schrieb auch, die „wirkliche Frauenpartei“ sei die „sozialistische Partei – welche den ökonomischen Ursachen der heutigen ungünstigen Lage der Arbeiterinnen auf den Grund geht und die Arbeiterinnen auffordert, Hand in Hand mit den Männern ihrer Klasse gemeinsam zu bekämpfen den gemeinsamen Feind: die Männer und Frauen der Kapitalistenklasse“. [Eleanor Marx: Wie sollen wir organisieren? 1892]

Eleanor Marx bemerkte auch: „Wir sehen nicht mehr Gemeinsames zwischen einer Frau Fewcett [‚Star der Frauenrechtsbewegung‘ im späten neunzehnten Jahrhundert] und einer Wäscherin, als wir zwischen [Bankier] Rothschild und einem seiner Angestellten sehen. Mit einem Wort, für uns existiert nur die Arbeiterbewegung.“ [Eleanor Marx: Frauengewerkvereine in England]

Oder Clara Zetkin: “Die moderne Frauenfrage ist das Ergebnis der durch die kapitalistische Produktionsweise gezeitigten wirtschaftlichen Umwälzungen … Im Proletariat ist es das Ausbeutungsbedürfnis des Kapitals, das die Frau zur Erwerbsarbeit zwingt und die Familie zerstört … Der Emanzipationskampf der Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Männer der eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Männern ihrer Klasse gegen die Kapitalistenklasse … Sein Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der Beseitigung der Klassenherrschaft und die Herbeiführung der sozialistischen Gesellschaft … Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts.“ [Clara Zetkin et al.: Resolution zur Frauen-Agitation auf dem Parteitag zu Gotha 1896]

Weiter ist zu erwähnen, dass obwohl die Heldin von Suffragette – Taten statt Worte eine Frau aus der Arbeiterklasse ist, der Film dahin tendiert, der Arbeiterklasse insgesamt mit Verachtung zu begegnen. Die zahllosen Großaufnahmen von Mulligans Gesicht verdeutlichen den absichtlich engen und begrenzten Fokus. Praktisch alle Männer, die im Film auftreten, sind Ungeheuer. Hinzu kommt, dass auch alle Kolleginnen mit Ausnahme von Violet und die weiblichen Nachbarn Maud dafür beschimpfen, dass sie den Kampf aufgenommen hat, und sich von ihr abwenden. Während also Maud eine der wenigen verdienstvollen Armen ist, wird der Rest als hoffnungslos rückwärtsgerichtet und Königs- und Vaterlandstreu porträtiert.

Und was ist mit dem Erfolg des Feminismus? Eine Studie, die ein britischer Think-Tank 2013 veröffentlichte, stellt fest, dass in „fünfzig Jahren Feminismus“ der Lohnabstand zwischen dem Durchschnittsmann und der Durchschnittsfrau schmal bleibt, während der Abstand zwischen den Frauen aus der Arbeiterklasse und aus der Oberschicht „bedeutend höher ist als die Unterschiede zwischen Männern und Frauen“.

Morgan/Gavrons Suffragette versucht, die Tatsachen zu umgehen und zu entstellen: Frauen aus der Arbeiterklasse werden in den Strudel des politischen Lebens gezogen, weil sie Bestandteil einer Klasse sind. „Und nun ist es nur eine unabweisbare Folge, nur das logische Ergebnis der Bewegung“ der ganzen Klasse, dass die Frauen mit „klassenbewusstem Trotz“ erfüllt werden. [Rosa Luxemburg: Frauenwahlrecht und Klassenkampf, 1912]