David Bowie (1947-2016)

Von Hiram Lee
23. Januar 2016

Am 10. Januar verstarb die britische Rocklegende David Bowie nur zwei Tage nach seinem neunundsechzigsten Geburtstag und der Veröffentlichung seines letzten Albums Blackstar. Vor 18 Monaten war bei ihm Leberkrebs diagnostiziert worden, was der Sänger nicht publik gemacht hatte. Er hinterlässt eine Ehefrau, das somalische Model Iman, mit der er seit 1992 verheiratet war.

Bowie war einer der einflussreichsten Künstler seiner Generation. Er war ein talentierter Songschreiber mit einem bemerkenswerten Gespür für Popmelodien und Ohrwürmer. Er hatte eine ungewöhnliche, aber beeindruckende Stimme, die er seinem oft imitierten Cockney-Akzent verlieh. Er besaß überdies ein offensichtliches Gespür für das Dramatische. Dass Bowies Werk, trotz seiner Talente, gelegentlich deutlich an seine Grenzen stieß und politisch verwirrt war, hing mit den komplexen und schwierigen Zeiten zusammen, in denen er lebte und sich entwickelte.

David Bowie im Jahr 2002 [Foto von Adam Bielawski]

Bowie kam am 8. Januar 1947 als David Robert Jones in Brixton zur Welt. Bereits vor seinem Durchbruch in den frühen 1970er Jahren war der sein Äußeres verwandelnde Brite so etwas wie ein Chamäleon. Er trat in zahlreichen Gruppen und in verschiedenen Genres auf, darunter Rhythm and Blues, Folk-Musik und Rock. Er versuchte sich sogar im Musiktheater und lernte Pantomime. Diese Art künstlerischer Rastlosigkeit, möglicherweise auch Unsicherheit, blieb seine ganze Karriere über bestehen.

Der Kult-Hit „Space Oddity“ aus dem Jahr 1969, eine allegorische Erzählung über einen Astronauten, der im Weltraum hilflos ausgesetzt ist und dem „Ground Control“ (die Bodenkontrolle) versichert, wie populär er auf der Erde ist, ist bis heute einer seiner meistgehörten Songs. Er war das erste seiner Werke, das zwei der zentralen Themen seiner Karriere aufzeigte: Ruhm und Entfremdung.

Das frühe Album Hunky Dory (1971), das die beiden Hit-Singles „Changes“ und „Life on Mars“ enthält, zählt zu seinen besten. Das Album stellt ein sympathisierendes, wenngleich nicht unkritisches, Porträt der jungen Gegenkultur dar, mitsamt all ihrer Naivität und Konfusion sowie ihren Hoffnungen. „Kooks“ das von frischgebackenen und entschieden unangepassten Eltern handelt, ist eines seiner amüsantesten und lieblichsten Lieder.

Mit seinem Album The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars von 1972 wurde Bowie ein Superstar und leistete seinen erheblichsten Beitrag zur sogenannten Ära des Glam Rock.

Das Science-Fiction-Konzept des Albums erzählt die Geschichte von Ziggy Stardust, eines selbstzerstörerischen Rockstars und Propheten, der ankündigt, Außerirdische würden in den fünf letzten Jahren der Existenz der Erde den Menschen Hoffnung bringen. In seiner Darbietung nahm Bowie die Persönlichkeit von Ziggy selbst an, trug einen roten Zottelhaarschnitt und Gesichtsbemalung.

Trotz all der Extravaganz und den Exzessen dieser Zeit (der theatralische Glam Rock war stets mehr Star Wars als Citizen Kane) ist Ziggy Stardust ein auf seltsame Weise fesselndes Album. Es handelt teils von verlorenen Kindern, die vom Rock ‘n’ Roll angezogen werden, und war Bowies erfolgreichste Auseinandersetzung mit der Ruhm- und Heldenanbetung. Die Sensibilität von Hunky Dory gegenüber jungen Menschen ist ebenso etwas Bleibendes. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich so viele Menschen brauche“, sang er bewegt im Lied „Five Years“.

Aladdin Sane (1973), Pin Ups (1973) und Diamond Dogs (1974) setzten den Stil des Glam Rock fort, ohne dass der große Erfolg von Ziggy Stardust wiederholt werden konnte. „Rebel Rebel“ war eine der herausragenden Singles aus dieser Zeit. „Fame“ vom Album Young Americans (1975), gemeinsam mit John Lennon und dem Gitarristen Carlos Alomar geschrieben, war einer der besten Songs seiner Karriere und der Beginn seiner Erforschung des American Funk und Rhythm and Blues.

Mitte der 1970er Jahre hatte Bowie den Ziggy-Stardust-Charakter aufgegeben und eine neue Persönlichkeit tauchte auf: der „Dünne weiße Herzog“. Er nahm den Typ eines aalglatten Aristokraten an, der mit einem Fuß in der Weimarer Republik und mit dem anderen in der Rock 'n' Roll-Ära stand. Etwas Unheimliches haftete ihm an.

Das Verstörendste und vielleicht Überraschendste, war, dass Bowie mit faschistischer Bildlichkeit und Jargon zu kokettieren begann. In einem Interview für den Playboy erklärte Bowie im Jahr 1975, Hitler sei „einer der ersten Rockstars“ gewesen und er glaube „sehr stark an den Faschismus“. Zuvor erklärte er einem schwedischen Journalisten: „Großbritannien könnte Nutzen von einem faschistischen Führer haben“.

Später entschuldigte er sich glaubwürdig für diese Äußerungen und nannte sie „unglaublich verantwortungslos“. In den 1980er und 1990er Jahren gab er mehrere antirassistische und antifaschistische Erklärungen ab. Bowie und andere machten seinen Drogenmissbrauch für diese Episode verantwortlich: „Ich verlor meinen Verstand, war vollständig, komplett auf Drogen.“ Ohne Frage ist das glaubwürdig. Bowie litt zu dieser Zeit an einer ernsthaften Kokainabhängigkeit. Dazu gesellte sich sein immerwährendes Bedürfnis, Publikum und Presse zu schockieren. Doch dies war nicht die ganze Wahrheit.

Großbritannien hatte gerade eine Periode intensiver Klassenkonflikte hinter sich gebracht, in der die konservative Tory-Regierung unter Edward Heath fünfmal den Notstand ausgerufen hatte. Die Heath-Regierung wurde schließlich 1974 durch den Bergarbeiterstreik gestürzt. Der Streik dauerte fort, während die nationalen Parlamentswahlen im selben Jahr stattfanden und als Referendum über die Frage deklariert wurden: „Wer regiert Großbritannien, die Regierung oder die Gewerkschaften?“ Es gab Diskussionen innerhalb regierender Kreise, ob ein Militärputsch durchgeführt werden solle, um die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse zu unterdrücken.

David Bowie und Cher im Jahr 1975 [CBS Television]

In dieser Periode fand in gewissen Schichten der Mittelklasse ein Schwenk nach rechts statt, wovon Künstler nicht ausgenommen waren. Bowie bekannte 1983 in einem Interview mit David Thomas für The Face: „Ich hatte fast eine Antenne dafür. Ich meine, ich hatte tatsächlich eine Antenne. Und ich denke, ich habe immer noch eine Antenne für die Angst der Zeit oder den Zeitgeist... Wo auch immer ich bin, fühle ich deutlich die Atmosphäre. Und ich fühlte diese Dinge in der Luft. Die ganze Geschichte mit dem Nazi-Zeug fand nur kurz vor dem echten Auftreten des National Front in England statt, und ich hatte es gefühlt“.

Dass Bowie von solchen Stimmungen angezogen werden konnte, wie sehr er sich auch über die Konsequenzen im Unklaren befunden haben mag, verdeutlicht die wachsende soziale Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit, die sich in angeblich „linken“ Mittelklasseschichten entwickelte.

Diese Desorientierung hatte Auswirkungen auf Bowies Kunst. Am langweiligsten war, dass seine Arbeit bisweilen angestrengt und protzig wurde. Man bekam den Eindruck, dass er versuchte, für etwas zu kompensieren, die Lücken auszufüllen, wo er Tiefe und Substanz vermissen ließ. In seinen aufwendigen Bühnenshows der 1970 und 1980er Jahre, wie der Diamond Dogs Tour von 1974 und der Glass Spider Tour von 1987, beglückte er das Publikum mit allem, was es von A bis Z zu finden gibt.

Seine glühendsten Bewunderer werden wohl kaum zustimmen, aber häufig war Bowie dort am Unterhaltsamsten, wo er sich selbst nicht ernst nahm oder nicht „künstlerisch“ sein wollte. Während der 1980er Jahre produzierte er solide und tanzbare Popmusik. Damals trat er nicht mehr als Charakter auf, sondern einfach als David Bowie.

„Let’s Dance“, „China Girl”, „Modern Love” und „Never Let Me Down” sind nicht die Werke, auf denen er seine Reputation errichtete, aber sie sind gut gemachte und gut aufgeführte Popsongs. Auf vielfache Weise sind sie ein frischer Wind, der der „Avantgarde“-Düsterheit folgte, die ihren Ausdruck in der musikalisch innovativen, aber doch fragmentarischen und manches Mal pessimistischen Berlin-Trilogie (die Alben Low, Heroes und Lodger) fand.

Obwohl sein Werk in den nachfolgenden Jahren ziemlich ungleichmäßig war, blieb Bowie in der Lage, etwas Bedeutendes beizusteuern. Sein Album The Next Day aus dem Jahr 2013 war eine der überzeugendsten Leistungen von Bowie in seiner Spätkarriere und zugleich eines der besten Popalben dieses Jahres.

David Bowie fand und sprach sein Publikum weltweit an. Er berührte die Gefühle zahlreicher Menschen. Ihre Betroffenheit über seinen Tod war echt und bewegend.

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