Die 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Flüchtlingskrise im Mittelpunkt der Berlinale

Teil 1

Von Stefan Steinberg
27. Februar 2016

Ein zentrales Thema der 66. Filmfestspiele in Berlin (Berlinale) war die Flüchtlingsnot sowie die Konsequenzen für Europa und die ganze Welt. Es ging um die Folgen der historisch beispiellosen Massenbewegung der vor Krieg und Armut fliehenden Menschen. Bezeichnenderweise ging der Hauptpreis des Festivals an einen Film, der unmittelbar vom Schicksal von Flüchtlingen handelt, die versuchen, nach Europa zu kommen: an den Dokumentarfilm Fuocoammare (Feuer auf See) von Gianfranco Rosi.

Monatelang haben die Medien und etablierten politischen Parteien in Deutschland (und nicht nur dort) eine unerbittliche Kampagne zur Verunglimpfung und Dämonisierung von Flüchtlingen geführt. Akademiker und Professoren eilten aus den Hörsälen an ihre Schreibpulte, um gegen die angebliche Gefahr zu wettern, die der deutschen Kultur und deutschen Nationalinteressen von Seiten verzweifelter Flüchtlinge und ihrer Familien droht, die vor Krieg fliehen. Die Preise, die in Berlin an Fuocoammare und eine Reihe weiterer Filme vergeben wurden, machen deutlich, dass einige Künstlern und Filmemachern in Europa und weltweit nicht bereit sind, die offizielle Propaganda hinzunehmen. Sie antworten auf die schäbige und reaktionäre Verhaltensweise der Regierungen mit gesundem Zorn.

In Großbritannien hat kürzlich eine Schauspielergruppe, angeführt von Jude Law, Benedict Cumberbatch und Idris Elba, einen Brief veröffentlicht. Darin kritisieren sie die britische Regierung, weil sie keine Flüchtlinge vom sogenannten Dschungelcamp im französischen Calais aufgenommen hat. Der chinesische Künstler Ai Weiwei sammelte tausende Rettungswesten, die von Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos zurückgelassen wurden und brachte sie an den Säulen des Berliner Konzerthauses Gendarmenmarkt an.

Das Flüchtlingsthema wurde vom Direktor der Festspiele, Dieter Kosslick, in seiner Eröffnungsrede direkt angesprochen. Kosslick zog eine Parallele zwischen der gegenwärtigen Migrationswelle nach Europa und der Situation im Jahr 1951, als das Berliner Filmfestival erstmals stattfand. In den Jahren unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs war Deutschland mit der Aufnahme von Millionen Vertriebener konfrontiert – Opfern des Krieges, den das Nazi-Regime entfachte, nachdem es von den herrschenden deutschen Eliten an die Macht gebracht worden war.

Die unmittelbare praktische Reaktion der Festspielorganisatoren auf die Flüchtlingskrise trug überwiegend symbolischen Charakter. In einigen Kinos wurden Sammeldosen aufgestellt, ein oder zwei syrischen Köchen wurde gestattet, den Festivalgästen Speisen zu reichen und einer kleinen Flüchtlingsgruppe wurde erlaubt, einige der Festivalfilme anzuschauen. Kurzfristig wurde ein Treffen zwischen dem prominentesten Festivalgast, dem Schauspieler George Clooney und Angela Merkel organisiert. Unter Blitzlichtgewitter und von einem Schwarm Journalisten umkreist, pries Clooney überschwänglich die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin, die in Wirklichkeit fieberhaft bemüht ist, sich der Flüchtlingswelle nach Deutschland entgegenzustemmen.

Es gab einige ernsthafte Beiträge zur Beleuchtung der Flüchtlingsschicksale, sowohl derjenigen, die Europa bereits erreicht haben, sowie jener, die noch unter unter schwierigsten Bedingungen unterwegs sind. Fuocoammare besprechen wir in einem eigenen Artikel. Andere Filme zeigten sowohl Stärken als auch Schwächen in der Bearbeitung des Themas.

Straße nach Istanbul ist der neue Film von Regisseur Rachid Bouchareb. Zu Beginn des Films wird die Hauptfigur, Elisabeth, mit dem plötzlichen Verschwinden ihrer zwanzigjährigen Tochter Elodie konfrontiert. Nach qualvollen Tagen, in denen sie keinen Kontakt zu ihrer Tochter hat, erfährt Elisabeth von der Polizei, dass Elodie von islamistischen Extremisten radikalisiert wurde und das Land verlassen hat, um sich dem Islamischen Staat in Syrien anzuschließen.

Die alleinstehende Mutter hatte keine Ahnung, dass ihre Tochter Verbindungen zu den Extremisten hatte und lässt sich erst überzeugen, nachdem sie ein Video sieht, in welchem Elodie ihren Übertritt zum Islam erklärt. Die verzweifelte Elisabeth beschließt, ihre Tochter zu finden, koste es, was es wolle. Ihre lebensgefährliche Reise führt sie zunächst in die Türkei, wo sie als unbegleitete Frau zu Fuß die Grenze nach Syrien zu überschreiten versucht. Soldaten hindern sie daran, in das von Krieg überzogene Syrien zu gehen, während im Hintergrund ein Bombenregen zu sehen ist, der auf eine grenznahe Stadt niedergeht. Elisabeth, die gezwungen ist, in die Türkei zurückzukehren, wird schließlich von türkischen Behörden informiert, dass ihre Tochter sich in einer Gruppe von IS-Rebellen befand, die von einer Drohne getroffen wurde. Letzten Endes finden Mutter und schwerverletzte Tochter in einem türkischen Krankenhaus wieder zusammen.

In vielerlei Hinsicht erinnert Straße nach Istanbul an Boucharebs vorhergehenden Film London River, der ebenfalls Brücken zwischen Kulturen zu bauen versuchte und nach den Londoner Terroranschlägen von 2005 entstanden war. Die Schwäche seines neuen Films ist der enge Horizont, den der Regisseur wählt. Der Film konzentriert sich auf die Seelenpein und die Gewissensnot der Mutter (sehr überzeugend von der Schauspielerin Astrid Whettnall dargestellt), doch geschieht dies auf Kosten einer weitergehenden Erforschung der Ursachen von Krieg und Zerstörung im Nahen Osten.

Abgesehen von einer Bemerkung, dass Elodie in der Schule schikaniert wurde, gibt es keinen Hinweis auf den sozialen und politischen Druck, der die junge Frau zu einem solch radikalen Schritt wie dem Beitritt zum Islamischen Staat hätte nötigen können. Obwohl dies im Film nicht direkt behauptet wird, ist der einzige denkbare Ursprung der Drohne, von der Elodie verletzt wird, das amerikanische Militär. Die Bilder des Films beschreiben die Hilflosigkeit eines Individuums, das ungewollt in einen Krieg verwickelt wird und der Willkür an schwerbewaffneten Nationalgrenzen ausgesetzt ist.

Doch der Film erforscht nicht (er streift dies nicht einmal), wie weit die Verantwortung der westlichen Nationen und der Vereinigten Staaten für das Anfachen des gegenwärtigen Kriegs geht, der den Nahen Osten überzieht, oder wie sie den islamistischen Extremismus genährt und angestiftet haben. Schließlich wurden viele Kinder an Schulen Opfer von Schikane, ohne dass sie sich politischem Extremismus von der Art des IS und Selbstmordanschlägen verschrieben hätten.

Um die Straße nach Istanbul angemessen darzustellen, wäre es erforderlich, zumindest einen Hinweis auf die enormen Todes- und Flüchtlingszahlen zu geben, die eine Folge der vom Westen betriebenen Kriege in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien sind.

Ein erfolgreicherer Versuch, die Verbindung zwischen Krieg und Flüchtlingsnot zu erklären, ist Soy Nero, der neue Film des iranisch-britischen Regisseurs Rafi Pitts. Die Hauptfigur des Films ist der 19-jährige Nero, dessen Familie aus Los Angeles nach Mexiko abgeschoben wurde, in das Ursprungsland des Vaters.

Zu Beginn des Films sieht man, wie der junge Nero versucht, den lebensgefährlichen Zaun zu überqueren, der zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten errichtet wurde. Der in den USA geborene und aufgewachsene Nero will zurück in seine Heimat gelangen. Nach einer Reihe von Ereignissen, darunter mit US-amerikanischen Grenzschützern und der Polizei, die ihn beinahe scheitern lassen, gelangt Nero schließlich in eine entsetzlich protzige Villa in Los Angeles, wo sein Bruder Jesus scheinbar in Luxus schwelgt. Der amerikanische Traum platzt für Nero, als der wahre Besitzer des vornehmen Hauses früher von einem Ausflug heimkehrt und Jesus katzbuckelnd über den Innenhof zu seinem Herrn eilt, um den Kofferraum auszuräumen.

Jesus arbeitet, wie viele andere Mexikaner auch, illegal in den USA und kann nichts tun, um seinem Bruder zu helfen. Alles, was er ihm anbieten kann, ist seine eigene illegale ID-Kennung. Die einzige Rettung für Nero besteht darin, zur amerikanischen Armee zu gehen und zu hoffen, dass er so die über alles wichtige Green Card und die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. In seinen Anmerkungen zum Film erinnert Pitts daran, dass Präsident Bush nach dem 11. September nicht nur den Patriot Act einführte, der Massenabschiebungen und eine Verstärkung der US-Grenze nach sich zog, sondern auch ein fälschlicherweise „Dream Act“ genanntes Gesetz, das Migranten ermöglichte, ihre Abschiebung zu verhindern, wenn sie sich verpflichteten in der US-Armee zu dienen. Migranten, die einen zweijährigen Einsatz im Irak überlebten, konnten so (vielleicht) amerikanische Staatsbürger werden.

In einer Rückblende sehen wir das militärische Begräbnis für Neros Vater, der für die Armee der Vereinigten Staaten kämpfte und starb. Alles, was seine Witwe nach dem Begräbnis erhält, ist eine akkurat gefaltete Flagge der USA. Das Opfer, das der Vater brachte, reichte nicht aus, um seiner Familie und Nero den Aufenthalt in den Vereinigten Staaten zu erlauben.

Die Szenerie wechselt von den vornehmen Villen von Los Angeles in den Irak, wo Nero (der die ID-Kennung seines Bruders nutzt und sich Jesus nennt) als amerikanischer Söldner einen einsamen Grenzübergang bewacht. Am Anfang des Films trotzte Nero noch dem Militär und der Polizei und überwand die Grenze. Nachdem er Uniform gewechselt hat, bewacht er jetzt, mit einem Maschinengewehr bewaffnet, eine andere Grenze gegen Leute, die sie zu überschreiten versuchen.

Um den internationalen, aus vielen Ethnien zusammengesetzten Charakter der amerikanischen Armee zu unterstreichen, erhält der amerikanisch-mexikanische Soldat Jesus den amerikanisch-arabischen Rekruten Mohammed zum Kriegskameraden. Jesus und Mohammed treffen sich mitten in der Wüste im Irak und beide tragen die gleiche Uniform! Ein Kamerad von Jesus-Nero bekennt seine Fassungslosigkeit darüber, dass ein Araber auf seiner Seite in derselben Armee kämpft. Schließlich habe man ihm gesagt, der ganze Zweck der amerikanischen Intervention im Irak bestehe darin, gegen die Araber zu kämpfen!

Einige der Wortwechsel zu diesem Zeitpunkt wirken etwas plump. Eine Auseinandersetzung von Soldaten von der West- und Ostküste der Vereinigten Staaten über die Vorzüge und Mängel verschiedener Rap-Musiker schwappt gekünstelt über in eine Erläuterung der Probleme, vor denen Migranten in den Vereinigten Staaten stehen. Nichtsdestoweniger ist das nur eine geringfügige Kritik. Trotz aller Versuche Neros sich anzupassen, um sich Aufenthalt und Staatsbürgerschaft zu erarbeiten, scheitert er tragisch.

In seinen Bemerkungen erklärt Pitts, dass er keine Geschichte über Einwanderung schreiben wollte, die nur von einem Land handelt. Pitts und sein Drehbuchschreiber Razvan Radulescu (Autor verschiedener beachtlicher rumänischer Filme) wählten die amerikanisch-mexikanische Grenze deswegen, weil sie die “absurdeste” sei. Pitts schreibt: Die Vereinigten Staaten sind ein Land von Einwanderern… und … die kalifornische Wirtschaft ist abhängig von der Gemeinschaft der Latinos und der Immigration, doch sie haben eine Mauer errichtet.“ Pitts Film, der erste, der von den so genannten Green-Card-Soldaten handelt, ist ein zeitgerechter Beitrag zur politischen Debatte in den USA, wo Demokraten und Republikaner darum wetteifern, wer die höchstmögliche Mauer zwischen Amerika und Mexiko errichtet.

A Man Returned (Ein Mann kehrt zurück) ist ein kurzer Dokumentarfilm von Mahdi Fleifel, dem Regisseur des ausgezeichneten Films A World Not Ours (Eine Welt die nicht unsere ist.)

A Man Returned, der in Berlin ebenfalls zwei Preise erhielt, spielt in Ain El-Heleh, dem größten Flüchtlingslager im Libanon. Als junger Mann war der Palästinenser Reda im bewaffneten Widerstand gegen Israel aktiv. Nach einer Schießerei mit israelischen Soldaten floh er in das Lager, um der Rache der Israelis zu entkommen. Ein Versuch, sich durch die Flucht nach Europa eine Zukunft, aufzubauen, endet in Griechenland. Dort verbringt er drei Jahre verarmt und obdachlos auf den Straßen Athens. Zusätzlich zur Verelendung wird er auch noch drogenabhängig. Nach der Ablehnung seines Gesuchs als Flüchtling anerkannt zu werden, wird der 26jährige Reda, der viel älter aussieht, zurück in den Libanon abgeschoben.

Der Film beginnt mit der Rückkehr Redas in das Lager, wo er seine Hochzeit plant. In einer engen, baufälligen Hütte erklärt er seine Ideen, wie er die Wände verschönern und alles für das Leben mit seiner künftigen Frau vorbereiten will.

Wir sehen Reda, wie er sich vor seinen Eltern einen Schuss verpasst und in den engen Gassen des Lagers umherschlendert. In seinem Gürtel steckt ein Revolver. Er ist offensichtlich selbst ins Drogengeschäft eingestiegen. Männer, Frauen und Kinder, sind wie Vieh in dem Lager zusammengepfercht. Jegliche Privatsphäre steht außer Frage. Täglich strömen mehr Flüchtlinge aus Syrien herein. Die Hochzeit findet statt. Mit großem Aufwand und hohen Kosten wurde aus der Hochzeitszeremonie ein großartiges Ereignis. Die strahlende Braut fährt in einem bändergeschmückten Mercedes vor. Der Empfangsraum ist voller jubelnder Gäste, aber nichts kann die Klaustrophobie des Lagers überdecken.

Zu Beginn des Films telefoniert Reda mit seiner Braut und warnt sie: “Ich denke, unser neues Leben wird ziemlich hart werden und keiner von uns hat das jemals ausprobiert. Wir müssen einfach das Unmögliche möglich machen. Mit unserer Liebe, unserem Vertrauen und gegenseitigem Verständnis.“ Redas Drogensucht und die unerträglichen Lebensbedingungen in dieser Umgebung, die nichts als ein riesiges Gefängnis ist, lassen ahnen, dass das junge Paar bei dem Versuch, das Unmögliche zu schaffen, vor unüberwindlichen Problemen steht.

Ein weiterer Film, der es verdient besonders erwähnt zu werden, ist die Dokumentation National Bird, der sich mit einem höchst geheimgehaltenen Aspekt der US-Militärpolitik, dem Drohnenkrieg, befasst. Der Amerikaner Errol Morris und der deutsche Filmemacher Wim Wenders haben ihn gemeinsam produziert.

Die Regisseurin Sonia Kennebeck stützt sich auf Interviews mit drei ehemaligen Analysten der US-Luftwaffe und einer afghanischen Familie. Sie deckt auf, wie vollkommen verbrecherisch das Drohnenkriegsprogramm ist, das unter der Präsidentschaft Barack Obamas eingeführt wurde. Die drei Analysten hatten sich aus Patriotismus dem Militär angeschlossen, wollen aber nicht länger stillschweigen über die Verbrechen, die sie verübt haben.

In einem Interview nach dem Film erläuterte die Regisseurin, dass es sich bei den Analysten um nur ein Glied in der „Tötungskette“ handele. Den Analysten werden vom Pentagon Ziele vorgegeben und müssen diese mit genaueren Informationen an die „Piloten“ weitergeben, die dann den eigentlichen Auslöser betätigen, der die Drohne in Marsch setzt. Die am Programm Beteiligten sind meist sehr junge Männer und Frauen, denen Diplome überreicht werden über die Anzahl der von ihnen Getöteten. Heather, eine der Analystinnen, erhielt eine Medaille, die sie sich an die Wand hängen kann. Die Medaillen und Diplome sind wichtig bei einer Beförderung.

Heftig kritisierte die Whistleblowerin und Menschenrechtsaktivistin Jesselyn Radack, die beim Interview und der nachfolgenden Diskussion neben der Regisseurin saß, die Obama-Regierung wegen ihrer Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Die Bilanz der Obama-Regierung in Sachen staatlicher Unterdrückung von Informationen, so erklärte Radack, sei schlimmer als die von Richard Nixon.

Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass Amerikas „maßgebliche Zeitung“, die New York Times, am letzten Sonntag ihre Spalten dem früheren Chef der CIA öffnete, der die Leserschaft aufforderte, den „Drohnenkrieg“ zu begrüßen.

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