Die 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Zum Goldenen Bären für Fuocoammare

Teil 2

Von Bernd Reinhardt und Verena Nees
27. Februar 2016

Der Goldene Bär der diesjährigen Berlinale ging an Fuocoammare – „Feuer auf See“. Erstmals seit sechzig Jahren erhielt ein Dokumentarfilm die höchste Auszeichnung im Wettbewerb. Die Jury hat damit nicht nur einen künstlerisch herausragenden Film ausgewählt, sondern auch hochpolitisch entschieden – behandelt die Dokumentation doch das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa und damit ein Thema, das gegenwärtig Millionen Menschen bewegt und zugleich die Europäische Union zu zerreißen droht.

„Feuer auf See“ ist der Titel eines alten italienischen Schlagers, der sich auf den letzten Weltkrieg und die gefährliche Arbeit der Fischer bezieht, die während der Geschützfeuer auf das Meer hinaus fuhren.

Der Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi nimmt eine gegenwärtige Front in den Blick: Die Grenze Europas zu den kriegsverwüsteten Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas, aus denen Tausende Menschen fliehen und die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer wagen.

Die Mittelmeer-Insel Lampedusa ist seit langem ihre Anlaufstelle. Früher landeten ihre Boote am Ufer. Inzwischen werden die wackeligen Kähne und Schlauchboote von der EU-Agentur Frontex auf offener See abgefangen und die Flüchtlinge von der Inselbevölkerung isoliert. Rosis Film zeigt zwei getrennte Welten, die unmittelbar nebeneinander liegen.

Sensibel beobachtet er den Alltag auf der Insel. Ein Jahr lang hat Rosi hier für seine Dreharbeiten zugebracht. Kann es auf dieser Insel überhaupt Normalität geben? Hauptprotagonist des Films ist der zwölfjährige Samuele, ein Fischerjunge. Sein Leben scheint auf den ersten Blick vom Flüchtlingsdrama unberührt. Er geht zur Schule, macht Hausaufgaben und durchstreift mit seinem Freund die Insel.

Samuel ist aufgeweckt und neugierig. Er wächst mit dem Meer auf, lernt Rudern, wobei er im Hafen zwischen zwei vertäute Wachboote gerät. Am liebsten spielt er mit seinem Freund Krieg, sie schießen mit Steinschleudern auf Vögel oder auf Kakteen, in die sie Gesichter geschnitten haben – und die sie nach Ende ihres Beschusses fürsorglich mit schwarzem Klebeband verbinden. „Lasst uns aufhören“, sagt sein Freund. „Du hast schon alle umgebracht“.

Von den Küstenfelsen aus sieht Samuele Patrouillenboote, die die Insel umfahren, um Flüchtlingsboote aufzuspüren. Von ihnen berichten die Radionachrichten, auch von den Toten. "Arme Teufel", murmelt Samueles Tante Maria beim Kartoffelschälen. Sie weiß, was es heißt, dem Meer ausgeliefert zu sein. Ihr Mann, ein Fischer, ist wie viele andere oft und lange draußen.

Fuocoammare

Der Film zeigt einen Radiomoderator, in dessen Wunschkonzert-Sendung Maria sich den Schlager „Fuocoammare“ wünscht. Sie widmet ihn den Fischern auf dem Meer und ihrem alten Vater. Samuele erzählt sie von Großvaters früherer Angst, nachts zu fischen. Es war der Zweite Weltkrieg, und manchmal war das Meer rot.

Den anderen Alltag erlebt Gianfranco Rosi, wenn er mit Rettungsbooten aufs Meer fährt. "Wie ist ihre Position?" so die stereotype Frage am Radarschirm, mit der der Film eröffnet wird. Am anderen Ende der Leitung ertönt eine panische Stimme – „Please help!“ Das Flüchtlingsboot, voller Frauen und Kinder, ist im Begriff zu sinken.

Bei einer Rettungsaktion fängt die Kamera ein, wie kranke Flüchtlinge ins Patrouillenboot geladen werden, darunter ein völlig dehydrierter junger Mann, der es vielleicht nicht schaffen wird. Die anderen steigen in ein Marineschiff. Männer mit Mundschutz und Gummihandschuhen weisen in eine Richtung, schieben in die andere. Sie rufen „hier Mali“, „Tschad“, „Syrien da“. Man registriert, sortiert, fotografiert, nummeriert, als handele es sich um Frachtgut. Ein junger Mann kann nicht mehr sprechen und hören, sein Körper ist von Schlägen gezeichnet. „Bist du aus Syrien“, herrschen ihn Frontex-Beamte mehrfach an. Er kann nicht antworten.

An Land gebracht, warten Männer, Frauen, Kinder im Dunkeln auf Erstversorgung und Weitertransport -- in glitzernde Folie gehüllt, ängstlich und apathisch die Gesichter der einen, mit einem Anflug von Hoffnung die anderen. Eine Gruppe Afrikaner stimmt in einen Rap-Song ein, der von den hinter ihnen liegenden Strapazen erzählt: Hunger, wasserlose Wüste, Gefängnis, Meer, Krankheit und Tod. Der laute Sprechgesang schmerzt in den Ohren. In einem anderen Moment spielen sie ausgelassen Fußball mit Plastikflaschen: „Eritrea gegen Syrien“.

Im Kontrast dazu die demütigende Durchsuchung durch Polizeibeamte: Beim Abtasten beschweren sie sich über den Gestank des Diesels. Ein brennendes Streichholz würde „uns jetzt in Brand setzen“, sagt einer der Polizisten.

Flüchtlinge müssen während der Fahrt Treibstoff umfüllen, erklärt der Inselarzt Pietro Bartolo. Dies führe zu gefährlichen Verletzungen, weil sich das Meerwasser mit dem Diesel zu einer ätzenden Flüssigkeit vermische. Er zeigt Rosi das schockierende Foto eines 14-jährigen, dessen Körper an zahlreichen Stellen Verätzungen aufweist.

Der Arzt, der neben den Flüchtlingen auch die Einheimischen versorgt, darunter den Jungen Samuele, ist eine Schnittstelle zwischen dem Leben der Inselbewohner und dem Schicksal der Flüchtlinge. Die Filmkamera ist dabei, als er mit Ultraschall eine mit Zwillingen schwangere Frau untersucht. Man merkt Bartolo an, wie sehr er Anteil nimmt. Als er den Kopf eines Zwillings nicht sofort findet, bemerkt er: „Hier ist alles durcheinander, Beine, Arme, Kopf – kein Wunder bei allem, was sie durchmachen mussten“.

Besonders zu schaffen machen dem Arzt die vielen Leichen, die er untersuchen muss: tote Kinder, tote schwangere Frauen oder Frauen, die unmittelbar nach der Entbindung auf dem Boot starben. Kollegen, so Bartolo, sind der Meinung, er hätte sich inzwischen daran gewöhnt. Das sei jedoch unmöglich. Bei der Preisverleihung kritisierte er scharf die inhumane EU-Flüchtlingspolitik.

Auch der Regisseur zeigt sich erschüttert von seinen Erfahrungen bei den Rettungsaktionen. In einem Interview sagt er: „Wir erleben gerade einen menschlichen Tsunami, rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Elend. Die kann man nicht mit Zäunen und Mauern aufhalten … Europa darf sich nicht verbarrikadieren.“

Am Schluss des Films richtet er die Kamera auf Dutzende ineinander verknäulte Leichen im Rumpf eines Flüchtlingsboots. „Danach konnte ich nicht mehr weiterfilmen“, sagt Rosi. Mit diesem Bild wolle er Zeugnis ablegen. „Was wäre gewesen, wenn beim Holocaust Kameras da gewesen wären?“

Das Leben des Jungen Samuele ist nur scheinbar getrennt vom Schicksal der Flüchtlinge. Der Regisseur betont im Interview, vieles sei „förmlich zu einer Metapher für meine, für unsere Wahrnehmung der Flüchtlinge“ geworden. So die Brille, die der Arzt dem Jungen verordnet und die sein rechtes Auge verdeckt. Er müsse das linke „träge“ Auge trainieren, sagt Bartolo. „Er ist auf einem Auge fast blind, genau wie wir, die wir die Tragödie vor unseren Augen nicht wahrhaben wollen“, bemerkt dazu Gianfranco Rosi.

Als Samuele Magenprobleme bekommt und sich bei einer Bootsfahrt mit seinem Vater übergibt, rät dieser, seinen Magen auf dem schwankenden Bootssteg zu trainieren. Die Diagnose des Inselarztes lautet: Es ist Angst. Samuele beginne sich seiner Umwelt bewusst zu werden, bemerkt der Regisseur dazu. "Das war für mich ein schönes Bild für unser Verhältnis zur aktuellen Lage."

Das Ende des Films zeigt Samuele auf dem schwankenden Steg, mit einem imaginären Maschinengewehr wild in den Himmel schießend. Dieser Schluss und der Film als Ganzes sind aufwühlend. Er klagt nicht nur die inhumane EU-Politik an den Grenzen an, sondern wirft auch die dringende Frage nach den Ursachen für dieses Drama auf. Ohne die Kriege in Syrien und Nordafrika beim Namen zu nennen, sind diese gegenwärtig.

Hier bleibt der Film allerdings vage und entzieht sich einer Stellungnahme. Die europäischen Mächte nutzen das Flüchtlingsdrama, um im Namen der „Bekämpfung der Fluchtursachen“ selbst militärisch einzugreifen. Ihnen geht es dabei nicht um „Menschenrechte“, sondern um die Beteiligung am Wettlauf um Rohstoffe und strategische Vorteile. Die Flüchtlingstragödie droht sich zu einem weltweiten Krieg und einer Katastrophe für die ganze Menschheit auszuweiten.

Wenn der deutsche Außenminister Steinmeier bei der Preisverleihung von Fuocoammare frenetisch klatscht und der italienische Regierungschef Renzi ankündigt, er wolle eine DVD des Films beim nächsten EU-Flüchtlingsgipfel verteilen, sollte dies jedem eine Warnung sein.

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