Tod und Verzweiflung an der griechisch-mazedonischen Grenze

Von Katerina Selin
17. März 2016

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat man diese Bilder in Europa nicht mehr gesehen: Tausende Menschen leben in Schlammmassen und überfluteten Zelten, schreiende Babys werden über reißende Flüsse getragen, ganze Familien waten barfuß durch Wasser und Dreck, schlagen sich durch Büsche und Wälder, um über die mazedonisch-griechische Grenze zu gelangen.

Die schockierenden Fotos und Videos, die gegenwärtig aus Nordgriechenland in die ganze Welt übertragen werden, zeigen den brutalen Charakter der europäischen Flüchtlingspolitik. Die Abriegelung der Grenzen auf der Balkanroute verweigert Zehntausenden Menschen Zuflucht in Europa. Das Elend der Flüchtlinge wird von Vertretern der Europäischen Union gezielt provoziert, um die Menschen abzuschrecken.

Die Schließung der griechisch-mazedonischen Grenze kostete in der Nacht von Sonntag auf Montag bereits drei Flüchtlingen das Leben. Zwei Männer und eine Frau aus Afghanistan ertranken im Fluss beim Versuch, über die Grenze zu gelangen. Die anderen 23 Menschen in ihrer Gruppe wurden in die mazedonische Grenzstadt Gevgelija gebracht und mussten wegen Unterkühlung behandelt werden.

Am Montag machten sich dann über 2.000 Flüchtlinge aus dem Grenzlager Idomeni auf den Weg, um hinter dem griechischen Dorf Chamilo an einer Stelle ohne Grenzzaun nach Mazedonien zu gelangen.

Zuvor waren Flugblätter von Hand zu Hand gegangen, auf denen eine Karte mit arabischen Anweisungen darstellte, wie die mazedonische Grenze überwunden werden könnte. Dieser Flyer ermutigten offenbar die Menschen, Richtung Grenze aufzubrechen. Wer ihn erstellt und verteilt hatte, ist weiterhin unklar. Laut Spiegel Online könnten die Informationen von einem Syrer stammen, der erfolgreich nach Deutschland flüchtete und über eine Facebook-Gruppe seine Erfahrungen mitteilte. Zuvor waren unbekannte „freiwillige Helfer“ mit dem Flyer in Verbindung gebracht worden.

Doch unabhängig davon, was der Auslöser gewesen ist, war der Grund für die Flucht zur Grenze die unermessliche Verzweiflung der Flüchtlinge. Ein zwanzigjähriger Syrer aus einer Gruppe von Flüchtlingen, die den Weg über die Grenze wagten, brachte die verzweifelte Stimmung gegenüber ZEIT Online auf den Punkt: „Ich weiß, dass ich in Mazedonien verhaftet werden könnte. Aber ich habe nichts mehr zu verlieren“, erklärte er.

Anwohner im Dorf Chamilo beobachteten entsetzt, wie bis in die Nacht hinein Familien mit Kleinkindern und Säuglingen, ältere Menschen und Rollstuhlfahrer nur dürftig vor Regen und Kälte geschützt zu Fuß an ihren Häusern vorbeizogen. Sie halfen ihnen mit Decken, Wasser, Lebensmitteln, auch mit einem Kinderwagen.

An einem reißenden Sturzbach hinter Chamilo spannten Flüchtlinge und Helfer ein Seil und hangelten sich mit Gepäck und Kindern auf Schultern und Armen durch das Wasser. Ein Video zeigt, wie ein Junge, der versuchte hinüberzukommen, ohne sich am Seil festzuhalten, sofort von der Flussströmung mitgerissen wurde. Er konnte gerettet werden.

Zwei Kilometer hinter einem zweiten Fluss auf mazedonischem Gebiet, dem Mala Reka, kämpften sich insgesamt etwa 1.500 Menschen durch Gebüsche und schafften den Weg über die Grenze. Dort wurden sie umgehend von mazedonischen Polizisten und Soldaten umzingelt und festgenommen. Die meisten von ihnen brachte man in eine Schule und andere Gebäude im mazedonischen Grenzdorf Moin.

Nur langsam kamen in den letzten beiden Tagen Details über das Schicksal der Flüchtlinge in Mazedonien ans Licht. Die Behörden hatten gezielt etwa 60 Journalisten, Fotoreporter und Helfer verhaftet und ins Gefängnis in Gevgelija gebracht, damit keine Zeugen ihre brutale Antiflüchtlingspolitik dokumentieren konnten. Bevor die Verhafteten freigelassen wurden, mussten sie wegen „illegalen Grenzübertritts“ eine Geldstrafe von 250 Euro bezahlen und erhielten ein sechsmonatiges Einreiseverbot.

Mazedonien hat angekündigt, alle Flüchtlinge zurück nach Griechenland zu bringen. Laut Angaben der griechischen Polizei hatten mazedonische Sicherheitskräfte mehrere Hundert Flüchtlinge direkt in Militärwagen auf illegalen Waldwegen zurückdeportiert. Es ist aber noch unklar, ob bereits alle Flüchtlinge zurück nach Griechenland gekommen sind.

Viele Flüchtlinge berichteten von der brutalen Behandlung durch die mazedonischen Polizei- und Militärkräfte. „Sie haben uns angebrüllt und geschlagen, sie haben uns in Militärwagen gesteckt und um 2 Uhr morgens zurückgebracht“, erzählte ein Syrer der griechischen Tageszeitung Kathimerini, als er wieder nach Idomeni zurückgekehrt war.

Flüchtlinge, die gestern zu Fuß zurück nach Idomeni kamen, sprachen gegenüber dem griechischen Staatsfernsehen ERT ebenfalls von Schlägen und Misshandlungen. Man habe sie erst stundenlang ohne Wasser und Essen im Regen warten lassen und dann in Militärwagen an die Grenze gefahren, wo sie durch ein Loch im Zaun wieder auf die griechische Seite wechseln mussten.

Die Hilfsorganisation „Save the Children“ erklärte im britischen Guardian, dass die mazedonischen Behörden die frierenden Flüchtlinge einfach in ihrer nassen Kleidung und ohne Hinweise zur Orientierung aussetzten. Auf dem Rückweg nach Idomeni mussten viele bei Regen eine Nacht im Freien verbringen. „Einige Menschen brachen am Wegrand zusammen und brauchten medizinische Betreuung vor Ort.“

Über 400 Flüchtlinge hatten den Weg über die Grenze nach Mazedonien nicht geschafft und am Flussufer übernachtet. Die ausgehungerten Menschen, darunter viele kranke und unterkühlte Kinder, schleppten sich am Dienstag zurück nach Idomeni.

Nach fast drei Wochen harren noch immer etwa 12.000 Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen in dem provisorischen Camp in Idomeni aus, das nach tagelangem Regen im Schlamm versinkt. Wieder werden neue Zelte aufgebaut, weil die meisten Flüchtlinge in Idomeni bleiben und nicht in die offiziellen griechischen Lager übersiedeln wollen. Sie fürchten die baldige Deportation in die Türkei und hoffen darauf, dass nach dem Gipfel der Europäischen Union am heutigen Donnerstag die Balkangrenzen wieder geöffnet werden.

Auch am griechischen Hafen von Piräus bleibt die Situation kritisch. Knapp 4.000 Flüchtlinge befinden sich dort. Viele sind krank und geschwächt. Am Dienstag wurde ein Kind mit Hepatitis A ins Krankenhaus eingeliefert; vor einigen Tagen hatte ein Mädchen in Idomeni dieselbe Diagnose.

Auch in Piräus weigern sich viele Flüchtlinge, in andere Unterkünfte gebracht zu werden und warten die Ergebnisse des Gipfels ab. Die Regierung versucht, die Menschen von den angeblich „humanitären“ Zuständen in den Aufnahmezentren und Lagern zu überzeugen. Doch laut ERT sind bereits Flüchtlinge aus Lagern nach Piräus zurückgekommen, weil dort die Lebensbedingungen noch schlimmer gewesen seien.