Buchbesprechung

Eine marxistische Kritik der Frankfurter Schule

Von Peter Schwarz
11. Juni 2016

David North, „Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken“, Mehring Verlag (Essen), April 2016

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und verwandte ideologische Strömungen werden in linken akademischen Kreisen seit Jahrzehnten als Marxismus ausgegeben. David North hat nun ein Buch vorgelegt, das sie vom Standpunkt des orthodoxen Marxismus kritisiert. Es enthüllt die tiefe Kluft, die den klassischen Marxismus von diesen Theorien trennt.

David North ist seit über vierzig Jahren ein führendes Mitglied der Vierten Internationale. Er hat zahlreiche Bücher zu historischen und politischen Fragen verfasst und ist Vorsitzender der Socialist Equality Party in den USA sowie der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site.

Der Marxismus, wie er von Marx und Engels, Plechanow und Kautsky, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki sowie anderen revolutionären Sozialisten entwickelt wurde, ist untrennbar mit einer Orientierung auf die Arbeiterklasse und der Entwicklung einer revolutionären, sozialistischen Perspektive verbunden. Die Frankfurter Schule und die verschiedenen Strömungen des „westlichen Marxismus“ trennen dagegen ihre Theorie vom politischen Kampf der Arbeiterklasse. Die Frankfurter Schule, schreibt North, „verwandelte den Marxismus aus einer theoretischen und politischen Waffe des proletarischen Klassenkampfs … in eine gesellschaftlich undifferenzierte Form der Kulturkritik, die den politischen Pessimismus, die gesellschaftliche Entfremdung und die persönliche und psychologische Frustration von Teilen der Mittelklassen zum Ausdruck brachte“.

Eine marxistische Abrechnung mit der Frankfurter Schule und den subjektiven und irrationalen Konzeptionen der Postmoderne ist nicht nur längst überfällig, sondern auch von brennender politischer Aktualität. Die Globalisierung hat den Bemühungen der sozialdemokratischen, stalinistischen und gewerkschaftlichen Organisationen, den Klassenkampf im Rahmen des Nationalstaats zu regulieren, den Boden entzogen und zu ihrem raschen Niedergang geführt. Pseudolinke Organisationen, die sich auf diese theoretischen Konzeptionen stützen, haben dadurch wachsende politische Bedeutung erlangt.

Am deutlichsten zeigt sich das in Griechenland. Dort hat im Januar 2015 die „Koalition der Radikalen Linken“ (Syriza), der Zusammenschluss eines Dutzends pseudolinker Organisationen, die Regierung übernommen. Von einer Welle der Opposition gegen das Spardiktat der Europäischen Union an die Macht getragen, zeigte Syriza sofort ihr wahres Gesicht. Im Wahlkampf hatte sie nicht mit radikalen Phrasen gegen Brüssel, Berlin, die Reichen und den Kapitalismus im allgemeinen gegeizt. Doch kaum hatten Alexis Tsipras und seine Freunde ihre Regierungsbüros bezogen, entpuppten sie sich als Alptraum für die griechischen Massen. Die sozialen Angriffe der Syriza-Regierung gehen weit über die ihrer sozialdemokratischen und konservativen Vorgänger hinaus. Außerdem spielt sie den Wachhund für die unmenschliche Flüchtlingspolitik der Europäischen Union.

Syriza ist kein Einzelfall. Ihr bodenloser Verrat lässt sich nicht subjektiv erklären. Tsipras, Varoufakis und Co. tragen dafür zwar die persönliche Verantwortung, doch ihre Politik war in der politischen DNA Syrizas vorgezeichnet. Die Linke in Deutschland, Podemos in Spanien, die Neue Antikapitalistische Partei in Frankreich und viele ähnliche Organisationen werden sich ebenso verhalten, sollten sie die Gelegenheit dazu bekommen.

North unterwirft das Phänomen der Pseudolinken in seinem Buch einer sorgfältigen Analyse. Ein Teil des Vorworts und das Kapitel „Die theoretischen und politischen Wurzeln der Pseudolinken“ sind diesem Thema gewidmet. Minutiös deckt er den Zusammenhang zwischen ihrer reaktionären Politik und ihren subjektiven, irrationalen Konzeptionen auf, die vor allem von den Philosophen der Postmoderne (Foucault, Laclau, Badiou u.a.) entwickelt wurden. Die sozialen Wurzeln der Pseudolinken verortet er in den „sozioökonomischen Interessen privilegierter und wohlhabender Schichten der Mittelklasse“.

Eine Polemik

Der größte Teil des Buchs besteht aus einer Polemik gegen zwei ehemalige Mitglieder der amerikanischen trotzkistischen Bewegung, die sich über eineinhalb Jahrzehnte erstreckte. Es reiht sich damit in eine Tradition der marxistischen Polemik ein, die von Marx‘ und Engels‘ Auseinandersetzung mit den Junghegelianern, mit Proudhon und mit Bakunin über Lenins und Rosa Luxemburgs Streitschriften gegen Bernstein bis hin zu Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus reicht. Der Inhalt der Polemik war dabei in der Regel wichtiger als die Personen, gegen die sie sich richtete.

Alex Steiner und Frank Brenner hatten sich Anfang der 1970er Jahren der Workers League, der Vorgängerin der heutigen Socialist Equality Party, angeschlossen und sie nach wenigen Jahren wieder verlassen. Sie betrachteten sich zwar weiterhin als Sympathisanten, blieben aber politisch passiv. Ende der 1990er Jahre näherten sie sich der Bewegung wieder an und Steiner stellte sogar einen Mitgliedsantrag. Doch die SEP zögerte, ihm stattzugeben, da Steiner theoretische Konzeptionen vertrat, die zu schwerwiegenden politischen Problemen führen konnten.

Je mehr sich die SEP bemühte, diese theoretischen Differenzen zu klären, desto deutlicher traten die ihnen zugrunde liegenden politischen Fragen zutage. Steiner begann, das Internationale Komitee der Vierten Internationale öffentlich anzugreifen. Das IKVI hätte diese Angriffe ignorieren können, beschloss aber, sie zu beantworten, weil sie repräsentativ für eine Generation ehemaliger Radikaler waren, die nach rechts drifteten. Steiners und Brenners Dokumente waren, wie es im Vorwort des Buches heißt, „ein regelrechtes Kompendium antimarxistischer Auffassungen, die sich unter breiten Schichten ehemaliger kleinbürgerlicher Radikaler und Akademiker großer Beliebtheit erfreuen“.

Die Polemik beginnt 2003 mit einer Auseinandersetzung über die Frage, warum Plechanow, der „Vater des russischen revolutionären Marxismus“, und andere Führer der Zweiten Internationale 1914 den Ersten Weltkrieg unterstützt hatten. Steiner vertritt die Auffassung, Plechanows Verrat sei auf eine falsche Erkenntnistheorie, auf ein mangelndes Verständnis der Dialektik zurückzuführen. North nennt diese Auffassung idealistisch und ahistorisch.

Ein Wendepunkt der Weltgeschichte wie der Zusammenbruch der Zweiten Internationale könne nicht auf das intellektuelle Versagen einiger Individuen zurückgeführt werden, betont North. Die Hauptursache des Zusammenbruchs seien „die objektiven Widersprüche, die sich aus dem Aufkommen des Imperialismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergaben“. Nur in diesem Rahmen sei es „überhaupt möglich, den Ursprung und den Charakter der philosophischen Strömungen zu begreifen, die in der Zweiten Internationale vorherrschten“.

North versteht also den Zusammenbruch der Zweiten Internationale selbst als objektiven historischen Prozess – nicht in dem Sinne, dass er unvermeidlich war, sondern dass die theoretischen Konzeptionen, die ihn begleiteten, selbst historisch bedingt waren.

„Dieselben objektiven Umstände, die das gewaltige, organische Anwachsen der sozialistischen Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert begünstigt hatten“, schreibt er, „trugen auch zur Entwicklung bestimmter Denkmethoden bei, deren Grenzen erst in einem späteren, weit fortgeschrittenen Stadium der ökonomischen und politischen Krise offenbar werden sollten.“ Das Auftreten des Imperialismus habe eine „lange Ära der ‚organischen‘ sozioökonomischen Entwicklung“ beendet und durch „eine neue Periode revolutionärer Kämpfe“ abgelöst. Diese objektive Veränderung habe den Hintergrund der Krise des Marxismus innerhalb der Zweiten Internationale gebildet. „Die Ideologie ist ein wichtiger Faktor der Politik, aber nicht ein bestimmender; ihre Rolle ist eine politisch dienende“, zitiert er Trotzki.

Bald zeigte sich, dass hinter der Auseinandersetzung über Plechanow tiefere Meinungsverschiedenheiten standen. Steiner und Brenner griffen das Internationale Komitee heftig an, weil es das Schwergewicht seiner politischen Arbeit auf die Erarbeitung politischer Analysen und Kommentare und die Herausgabe der World Socialist Web Site legt. Sie warfen ihm „Objektivismus“ vor und beschuldigten es, die Bedeutung der Psychologie und des Utopismus für die Herausbildung sozialistischen Bewusstseins und das revolutionäre Handeln zu unterschätzen.

North antwortet, Steiner und Brenner versuchten, die Konzeptionen der Frankfurter Schule und der Postmoderne in die trotzkistische Bewegung einzuschleusen. „Ihr wollt, dass sich das Internationale Komitee nicht vorrangig mit Politik und Geschichte beschäftigt, sondern mit Psychologie und Sex, wie sie insbesondere in den Werken Wilhelm Reichs und Herbert Marcuses dargelegt werden. Diese Themen bilden für euch die Grundlage für die Entwicklung von ‚sozialistischem Bewusstsein‘…“

Um diese Fragen dreht sich die Auseinandersetzung. In ihrem Verlauf wird immer deutlicher, dass die von Steiner und Brenner vertretenen Auffassungen nicht mit der Entwicklung einer sozialistischen Perspektive und einer revolutionären Orientierung für die Arbeiterklasse vereinbar sind. Während Steiner und Brenner das Problem in der Psyche und dem Denken des Individuums verorten, verteidigt North die marxistische Methode.

Ausgangspunkt des Marxismus sind nicht die Psyche oder das Denken des Einzelnen, sondern die „historisch entwickelten sozio-ökonomischen und politischen Widersprüche des Kapitalismus als Weltsystem“. Aus ihrer Analyse leitet er seine Strategie ab. Eine revolutionäre Perspektive müsse sich „auf eine wissenschaftlich begründete Einschätzung der objektiven Tendenzen der sozioökonomischen Entwicklung gründen“, betont North. „Getrennt von den notwendigen, objektiven sozioökonomischen Voraussetzungen“ könne sie „nichts weiter als ein utopisches Konstrukt sein“.

Die Aufgabe revolutionärer Marxisten besteht also nicht darin, Arbeiter von der Utopie einer besseren zukünftigen Gesellschaft zu überzeugen. Vielmehr bemühen sie sich, ein möglichst präzises und aktuelles Verständnis der bestehenden Gesellschaft zu entwickeln – ihrer Widersprüche, ihrer Entwicklungstendenzen, der vorherrschenden Klasseninteressen, usw. – und daraus eine Perspektive abzuleiten, die den historischen Interessen der Arbeiterklasse entspricht und deren objektive Entwicklung vorwegnimmt. Sie kämpfen in der Arbeiterklasse für ein Verständnis dieser Fragen und bereiten sie so auf die Klassenkämpfe vor, die sich aus den unlösbaren Widersprüchen des Kapitalismus ergeben. Dabei spielen politische Analysen und Kommentare, für die Steiner und Brenner nur Verachtung übrig haben, eine zentrale Rolle.

De Man, Reich und Frankfurter Schule

Es ist für den deutschen Leser besonders interessant, dass sich diese Auseinandersetzung zwischen amerikanischen Trotzkisten zu einem großen Teil mit Personen und Fragen befasst, die im Bezug zu Deutschland stehen. Man könnte mit einer gewissen Berechtigung sagen, das Buch sei aus dem Amerikanischen ins deutsche Original zurückübersetzt worden. Neben der Frankfurter Schule und ihren Protagonisten Horkheimer, Adorno und Marcuse setzt es sich unter anderem auch mit Karl Korsch, Erich Fromm, dem Freudomarxisten Wilhelm Reich und dem Utopisten Ernst Bloch auseinander.

Bei der Untersuchung der Ursprünge der Frankfurter Schule befasst sich North interessanterweise auch mit Hendrik de Man. Das ist außergewöhnlich, doch North weist überzeugend nach, dass der belgische Sozialist, der an der Universität von Frankfurt lehrte, viele theoretische Voraussetzungen der Frankfurter Schule vorwegnahm, insbesondere was die Skepsis in das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse betrifft.

Das Massenschlachten des Ersten Weltkriegs, das er als Soldat selbst miterlebt hatte, veranlasste de Man zu einer „Verschiebung von der wirtschaftlich-deterministischen Auffassung des Sozialismus hinweg auf eine Denkweise zu, die dem Menschen als psychologischem Reaktionssubjekt die Hauptbedeutung beimisst“, wie er in seinem 1927 erschienen Hauptwerk „Zur Psychologie des Sozialismus“ schrieb. Insbesondere der Glaube des Marxismus „an den kategorischen Zusammenhang zwischen Klasseninteresse und Denkweise“ lehnte er ab.

De Man endete schließlich auf der äußersten Rechten. Als Mitglied der belgischen Regierung kollaborierte er mit den Nazis, als diese das Land besetzten. Nach Kriegsende wurde er in Abwesenheit wegen Verrats verurteilt.

Im Vergleich dazu war Wilhelm Reichs Schicksal eher tragisch. Von den Nazis ins amerikanische Exil vertrieben, geriet er wegen seiner Sexualforschung ins Visier der US- Behörden, die ihn ins Gefängnis steckten, wo er im Alter von 60 Jahren starb. Doch Reichs theoretische Konzeptionen, die sich in der 68er Studentenbewegung wieder großer Beliebtheit erfreuten und insbesondere die Schriften Herbert Marcuses beeinflussten, sind ebenso unmarxistisch und irreführend wie die de Mans.

North räumt der Auseinandersetzung mit Reich erheblichen Raum ein, da sich Steiner und Brenner ausdrücklich auf ihn berufen. Insbesondere seine Antwort auf die Frage, weshalb die deutsche Arbeiterklasse von Hitler und den Nazis besiegt wurde, sei „von einem düsteren Pessimismus durchdrungen“ und führe „zu einer falschen Perspektive und zu einem falschen Programm“, die „zwangsläufig von der revolutionären Politik und vom Sozialismus wegdriften“, erklärt North.

Für Reich ist die Ursache der Niederlage der Arbeiterklasse nicht die verheerend falsche Politik der SPD und der KPD, sondern „der Mangel einer brauchbaren marxistischen politischen Psychologie“. „Während wir [d.h. die KPD] den Massen großartige historische Analysen und ökonomische Auseinandersetzungen über die imperialistischen Gegensätze vorlegten, entbrannten sie für Hitler aus tiefsten Gefühlsquellen“, schrieb er.

„Wissen um die Widersprüche des kapitalistischen Wirtschaftssystems, … um die Notwendigkeit der sozialen Revolution“ war Reich zufolge nur für die Parteiführer wichtig, nicht aber für das Klassenbewusstsein der Massen: „da geht es um kleines und kleinstes, alltägliches, banales“. Wichtigste Aufgabe der Marxisten sei es daher, „den Anschluss an das kleine, banale, primitive, einfache Alltagsleben und Wünschen der breitesten Masse in allen ihren Verschiedenheiten nach Land und Schichten zu finden“.

„Reich“, kommentiert dies North, „brachte eine besonders vulgäre Form des politischen Opportunismus zum Ausdruck, wie man ihn öfters unter Intellektuellen findet, deren Verständnis der Arbeiterklasse impressionistisch, unhistorisch und in den Vorurteilen ihres eigenen kleinbürgerlichen und beruflichen Milieus befangen ist. Sie nehmen die Arbeiterklasse nicht als historisch aufsteigende Klasse wahr, als Protagonistin einer neuen und höheren Gesellschaftsorganisation. Sie sehen lediglich eine Ansammlung rückständiger und unwissender Individuen, die sich kaum über das Niveau wilder Bestien erheben, unwissend, gleichgültig gegenüber kulturellen Fragen und ohne ernsthafte Interessen.“

Die Frankfurter Schule argumentierte vielleicht nicht ganz so plump wie Wilhelm Reich, aber auch sie zog aus den Niederlagen der Arbeiterklasse in den 1930er Jahren äußerst pessimistische Schlussfolgerungen und stellte die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse und die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution überhaupt in Frage.

Besonders prägnant formulierten Max Horkheimer und Theodor Adorno diese demoralisierte Haltung in ihrem Schlüsselwerk „Dialektik der Aufklärung“. Für sie war „die Ohnmacht der Arbeiter nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft“. Sie brachten damit „Stimmungen zum Ausdruck, die unter breiten Teilen der kleinbürgerlichen Intelligenz vorherrschten“, schreibt North.

Er zitiert Leo Trotzki, der schon 1940 geschrieben hatte: „All die verschiedenen Arten enttäuschter und verängstigter Vertreter des Pseudomarxismus gehen … davon aus, dass der Bankrott der Führung nur die Unfähigkeit des Proletariats ‚widerspiegelt‘, seinen revolutionären Auftrag zu erfüllen… Wenn wir annehmen, es wäre wahr, dass der Grund für die Niederlagen in den sozialen Eigenschaften des Proletariats selbst begründet liegt, dann müsste man die Lage der modernen Gesellschaft als hoffnungslos bezeichnen.“

Politik und Philosophie

Das Buch von North ist nicht nur eine theoretische Verteidigung des Marxismus gegen die subjektiven und irrationalistischen Konzeptionen der Frankfurter Schule und der Postmoderne. In der Auseinandersetzung mit Steiner und Brenner wendet North die marxistische Methode auch an und zeigt so ihre Überlegenheit.

Während Steiner und Brenner zunehmend subjektiv und hysterisch auf die Polemik reagieren – auf ihrer Website häufen sich üble persönliche Beschimpfungen gegen North –, ist diesem jede Art von Subjektivismus völlig fremd. Er untersucht sorgfältig die historischen und sozialen Wurzeln ihrer theoretischen Konzeptionen und deckt so die zugrunde liegenden politischen Fragen auf.

North ermöglicht dabei einen neuen Blick auf die Beziehung zwischen Politik und Philosophie. So würde man kaum erwarten, dass die Frage, wie Giordano Bruno (1548-1600) zur religiösen Offenbarungs- und Geheimlehre der Hermetik stand, ob er ein religiöser Denker oder ein wissenschaftlicher Philosoph war, in einer Polemik über den Marxismus im 21. Jahrhundert, eine Rolle spielt. Tatsächlich gehört sie zu den interessantesten Passagen des Buches, die Steiners Abrücken von der materialistischen Weltanschauung besonders deutlich zeigt.

Je schärfer North die theoretischen und politischen Fragen zuspitzt, desto heftiger greift Steiner die gesamte politische Orientierung des Internationalen Komitees an. Hatte er sich Anfangs noch als Unterstützer des Internationalen Komitees ausgegeben, verbündet er sich mittlerweile mit seinen übelsten Gegnern – wie dem griechischen Pseudoradikalen Savas Michael-Matsas, der dem IK 1985 aus nationalistischen Gründen in den Rücken fiel, und dem Anarchisten und Antimarxisten Javier Sethness – um das IKVI zu denunzieren.

Der dritte Essay in dem Band, „Die politische und ideologische Irrfahrt von Alex Steiner“, ist in dieser Hinsicht besonders interessant, weil er Steiners Verhältnis zur marxistischen Bewegung, das von Unterstützung über passive Sympathie bis zur offenen Feindschaft reicht, über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten minutiös rekonstruiert. Er stellt Steiners Evolution in einen historischen und theoretischen Zusammenhang und weist überzeugend nach, dass sein Abdriften nach rechts mit seinen antimarxistischen Auffassungen, den politischen Schwankungen des Kleinbürgertums und der Verschärfung des Klassenkampfs in Zusammenhang steht. North‘ Einschätzungen erweisen sich dabei im Verlauf der Polemik, die sich über viele Jahre hinzog, immer wieder als erstaunlich vorausschauend und präzise.

„Die politische und ideologische Irrfahrt von Alex Steiner“ ist eine Fallstudie über eine Generation kleinbürgerlicher Intellektueller, die sich Ende der 1960er Jahre radikalisierte und auf die Welle von Klassenkämpfen, die zwischen 1968 und 1975 große Teile der Welt erfasste und von den stalinistischen und sozialdemokratischen Bürokratie abgewürgt wurde, mit einer Rechtswende und der Integration in die Institutionen der bürgerlichen Herrschaft reagierten. Die theoretischen Konzeptionen, die Steiner und Brenner verteidigen, spielten auch bei der Entwicklungen der deutschen Grünen und zahlreicher pseudolinker Organisationen eine zentrale Rolle, die heute eine wichtige Stütze der bürgerlichen Herrschaft bilden.

Der nächste Essay in North‘ Buch, „Die theoretischen und historischen Wurzeln der Pseudolinken“, verallgemeinert diese Fragen und verfolgt sie bis in die 1930er Jahre zurück. In knapper, prägnanter Form weist er nach, dass die Verwandlung der „pseudolinken Organisationen in offene Instrumente der imperialistischen Reaktion das Ergebnis einer langen gesellschaftlichen, politischen und theoretischen Entwicklung“ ist.

Der Band enthält zwei weitere Essays.

„Die Wissenschaft der politischen Perspektive“ verteidigt den Anspruch des Marxismus, den Sozialismus auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt zu haben. Er zeigt anhand eines historischen Überblicks, wie Marx, Engels, Lenin, Trotzki und andere führende Marxisten ihre Perspektiven auf ein sorgfältiges Studium der sozioökonomischen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und der historischen Erfahrungen des Klassenkampfs stützten.

„Engels war an allem Schuld“, eine Kritik von Tom Rockmores Buch „Marx nach dem Marxismus“, verteidigt Engels gegen den Angriff, er habe mit seinen Schriften über den Materialismus Marx verfälscht, der ein heimlichere Idealist gewesen sei.

Den Anhang bilden zwei Artikel von Leo Trotzki und Alexander Woronski, die Plechanows Bedeutung als Marxist würdigen.

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