Sorge um weltweites Wirtschaftswachstum treibt Erträge auf Anleihen nach unten

Von Nick Beams
14. Juni 2016

Zunehmende Bedenken im Hinblick auf das weltweite Wirtschaftswachstum haben am Freitag weltweit die Preise für Staatsanleihen in die Höhe getrieben. Aufgrund dieser Flucht der Anleger in sichere Anlageformen verzeichneten die Kapitalmärkte in Japan und Europa am Freitag ihr schlechtestes Ergebnis seit den Turbulenzen zu Beginn des Jahres.

Die Zinsen auf deutsche, britische und japanische Staatsanleihen, die sich im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Preis entwickeln, erreichten allesamt neue Tiefstände. Die Zinsen auf deutsche Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit, die als Maßstab für die Eurozone gelten, sanken auf bis zu 0,01 Prozent.

Philip Brown, Direktor für staatliche Kapitalmärkte bei der Citigroup, bezeichnete den niedrigen Zinsertrag auf Bundesanleihen als „schockierend.“ Er sagte: „Wir verzeichnen Kursverluste bei Aktien und eine Flucht in Qualitätswerte. Auf den Märkten herrschen ernsthafte Sorgen wegen des geringen weltweiten Wachstums.“

Der Anstieg der Preise für Staatsanleihen setzte ein, als die Europäische Zentralbank begann, neben Staatsanleihen für bis zu 80 Milliarden Euro pro Monat auch Unternehmensanleihen aufzukaufen. Die Ausweitung des Anleihenaufkaufs geht auf eine Entscheidung der EZB vom letzten März zurück, die quantitative Lockerung auszuweiten, um Billionen Euro in das Finanzsystem zu pumpen. Deutschland übt deshalb immer stärkere Kritik an der EZB.

Das Aufkaufprogramm begann am letzten Mittwoch. Die EZB hat noch nicht bekanntgegeben, welche Unternehmensanleihen sie kaufen wird; allerdings haben Marktanalysten schnell erkannt, welche es sein werden. Entgegen den Erwartungen, sie würde nur hochwertige Anleihen aufkaufen, sind einige von ihnen als „Spekulationspapiere“ eingestuft.

Eines der bekanntesten beteiligten Unternehmen war Telecom Italia Spa. Seine Anleihen werden von zwei der wichtigsten Ratingagenturen auf unterhalb des „Investment grade“ eingestuft. Einzig qualifiziert ist er durch den höheren Status, den ihm die Ratingagentur Fitch einräumt.

Der Chefökonom der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, veröffentlichte anlässlich der neuen Phase der EZB-Aktivitäten einen zwölfseitigen Bericht, in dem er mit dem Programm der Zentralbank hart ins Gericht ging. Zwar wurde bereits früher Kritik geübt, doch der jüngste Bericht ist der bisher schärfste.

Folkerts-Landau schrieb, die EZB habe „den Verstand verloren“. Ihre Verzweiflungstaten – die Aufkaufprogramme und die Einführung von Negativzinsen – hätten das Risiko eines „katastrophalen“ Fehlers vergrößert.

Weiter schrieb er: „Die Politik der EZB setzt um kurzfristiger finanzieller Stabilität willen das ganze europäische Projekt aufs Spiel.“

„Die Vorzüge einer immer lockereren Politik schwinden, während die Litanei von Verzerrungen, Perversionen und Fehlanreizen täglich wächst. Sparer werden bestraft und Spekulanten belohnt. Schlechte Unternehmen überleben, gute trauen sich nicht zu investieren.“

Der Bericht vergleicht die Fehler der EZB mit denen der deutschen Reichsbank in den 1920ern. Diese hatte Geld gedruckt und damit eine Hyperinflation und einen wirtschaftlichen Zusammenbruch ausgelöst. „Das war vor hundert Jahren, aber es werden weiterhin Fehler gemacht trotz der angeblichen Verbesserungen bei den Zentralbanken.“

Er schilderte die Entwicklung der Politik der EZB. Zuerst habe sie die Zinssätze auf den niedrigsten Stand seit zwanzig Generationen gesenkt. Nachdem diese Maßnahme nicht zu mehr Investitionen geführt hatte, begann sie, in großem Stil die Staatsanleihen von Mitgliedern der Eurozone aufzukaufen. Doch die Verkäufer dieser Anleihen investierten das Geld nicht, sondern legten es bei der Zentralbank an. Danach ging die EZB zum „nächsten logischen Extrem“ über und führte Negativzinsen auf Einlagen ein. Folkerts-Landau erklärte, fast die Hälfte aller Staatsanleihen der Eurozone würde mittlerweile zu Negativzinsen gehandelt. Das bedeutet, ein Käufer, der sie bis zur vollständigen Auszahlung behält, würde dabei Verlust machen.

Folkerts-Landau ging auch auf einen politischen Streit ein, der im April ausgebrochen war. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte damals erklärt, die Folgen der Negativzinsen für Kleinanleger seien zu mindestens 50 Prozent mitverantwortlich für die beträchtlichen Stimmgewinne der rechtspopulistischen AfD bei mehreren Landtagswahlen.

Folkerts-Landau schrieb, je länger die EZB mit ihrer Politik eine „Katharsis“ verzögere, „desto stärker trägt sie zum Erfolg populistischer und extremistischer Parteien bei.“

Diese Äußerungen zeigen, was die tieferen Gründe für die scharfe Kritik aus der deutschen Finanzwirtschaft an der Politik der EZB sind. Das deutsche Finanzsystem beruht zu einem Großteil auf kleineren regionalen Banken, deren Geschäftsmodell auf sicheren Staatsanleihen basiert und daher durch negative Zinsen stark benachteiligt ist. Die Geschäfte dieser Regionalbanken begründen einen Teil der sozialen Basis der regierenden CDU.

Nicht nur die Deutsche Bank kritisiert die EZB. Auch die teilverstaatlichte Commerzbank, die zweitgrößte Bank Deutschlands, deutete letzte Woche an, sie erwäge ihr Geld zu horten anstatt es bei der EZB zu einem Negativzins von –0,4 Prozent anzulegen. Ein Kommentator schrieb, dies wäre „der bisher schärfste Protest einer Bank gegen die Politik der Zentralbank.“

Aus Folkerts-Landaus Ausführungen wird ersichtlich, welche politischen Ziele die Deutsche Bank und ein Großteil der Finanzelite Deutschlands verfolgen. Er schrieb, die EZB habe trotz ihrer „guten Absichten“ den Anreiz für die Regierungen der Eurozone zunichte gemacht, ihre Politik durch „Strukturreformen“ umzugestalten. Dies und das Gerede von einer „notwendigen Katharsis“ verdeutlichen, dass führende Finanzkreise auf weitere umfassende Angriffe auf die sozialen und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse in ganz Europa drängen, die noch weit über das hinausgehen, was die französische Regierung durch ihre neuen Arbeitsgesetze durchsetzen will.

Die offizielle Erklärung für das Vorgehen der EZB und der anderen Zentralbanken lautet, die niedrigen Zinssätze seien notwendig, um Inflation und Investitionen anzukurbeln. Doch in der Eurozone herrscht weiterhin Deflation, und die EZB hat ihre Wachstumsprognose für das Jahr 2018 für die Region nach unten korrigiert.

Der Widerstand gegen die derzeitige Politik beschränkt sich nicht auf Kritik an der EZB. Letzte Woche berichtete die Ratingagentur Fitch, dass die Gesamtsumme von Staatsanleihen mit Negativzinsen um fünf Prozent auf mittlerweile zehn Billionen Dollar angestiegen ist. Da sich Zinserträge und Preis gegensätzlich zueinander entwickeln, bedeutet dies, dass die Preise für die jeweiligen Anleihen steigen.

Anfangs waren nur die Anleihen mit den kürzesten Laufzeiten von den Negativzinsen betroffen, doch das Phänomen breitet sich inzwischen aus. Mittlerweile sind u.a. deutsche Bundesanleihen mit siebenjähriger Laufzeit und japanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit davon betroffen. Dies wird schwerwiegende Auswirkungen für Versicherungskonzerne und Rentenfonds haben, deren Geschäfte in großem Ausmaß von positiven Zinssätzen auf Staatsanleihen finanziert werden.

Bill Gross, der ehemalige Direktor eines der weltweit größten Anleihehändler, schrieb auf Twitter über die Gesamtsumme der Staatsanleihen mit Negativzinsen: „Die Zinsen sind weltweit auf dem niedrigsten Stand seit 500 Jahren... Das ist eine Supernova, die eines Tages explodieren wird.“ Damit meint er, dass die Zinssätze irgendwann wieder ansteigen werden, was zu einem Preisrückgang der Anleihen führen wird. Die Investoren, die sie zu überhöhten Preisen gekauft haben, werden dadurch massive Verluste erleiden.

Gross ist bei weitem nicht der einzige, der vor einer finanziellen Katastrophe warnt. Die Capital Group, die Fonds im Wert von etwa 1,4 Billionen Dollar verwaltet, warnte, Negativzinsen würden die Finanzmärkte verzerren und „potenziell gefährliche Folgen nach sich ziehen.“

Der Direktor des Anleihehändlers DoubleLine aus Los Angeles, Jeffrey Gunlach, bezeichnete Negativzinsen vor kurzem als „die dümmste Idee, von der ich je gehört habe“ und warnte, das „nächste große Ereignis“ auf den Finanzmärkten könnte der Abbruch des Experiments durch die EZB und die Bank von Japan sein.

Larry Fink, Vorstandschef von BlackRock, eines der größten Hedgefonds der Welt, schrieb vor kurzem in einer Mitteilung an Investoren, es habe zahlreiche Diskussionen darüber gegeben, wie niedrige Zinssätze zum Anstieg der Wertpapierpreise beigetragen hätten. Allerdings, fuhr er fort, „wurde nicht annähernd genug Aufmerksamkeit auf die Frage gerichtet, welche Folgen diese niedrigen und sogar negativen Zinssätze auf die Fähigkeit der Investoren haben, zu sparen und für die Zukunft zu planen.“

Mit anderen Worten: Die parasitäre Politik, von der die Hedgefonds und andere milliardenschwere Finanzspekulanten so stark profitiert haben, zerstört die wichtigsten Fundamente, auf denen das Finanzsystem seit Jahrzehnten ruht.

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