IWF warnt vor chinesischer Schuldenproblematik

Von Nick Beams
15. Juni 2016

Der erste geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), David Lipton, hat am Wochenende während einer Konferenz in Shenzhen die bisher eindeutigste Warnung seines Instituts vor den weltweiten Folgen der wachsenden Unternehmensverschuldung in China ausgesprochen.

Die Rede bildete den Abschluss einer Bewertung der chinesischen Wirtschaft durch ein Team des IWF. Zuvor waren Daten veröffentlicht worden, laut denen die Gesamtverschuldung im ersten Quartal des Jahres auf 237 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen ist. Diese Entwicklung geht auf einen scharfen Anstieg der Kreditaufnahme in den letzten Monaten des Jahres 2015 und zu Beginn dieses Jahres zurück, als die Regierung angesichts von finanziellen Turbulenzen und einem starken Wachstumseinbruch versuchte, die Wirtschaft zu stabilisieren.

Lipton erklärte auf der Konferenz, die Staats- und Haushaltsverschuldung liege mit jeweils etwa 40 Prozent des BIP im internationalen Vergleich nicht besonders hoch. Bei den Unternehmensschulden sähe es jedoch ganz anders aus. Sie seien mit etwa 145 Prozent des BIP nach allen Maßstäben sehr hoch.

Er erklärte: „Die Unternehmensschulden bleiben ein ernstes und wachsendes Problem, das sofort und mit einem Bekenntnis zu ernsthaften Reformen bekämpft werden muss.“

Im Hinblick auf die weltweiten Folgen erklärte Lipton: „Wir haben in den letzten zwanzig Jahren immer wieder erlebt, wie Probleme in der Wirtschaft und den Märkten eines Landes spürbare Auswirkungen auf die ganze Welt haben können.“ Ein solches weltweites Echo auf Turbulenzen auf den chinesischen Märkten hatte sich erst jüngst zu Jahresbeginn ereignet.

Lipton erklärte, die Schuldenproblematik verstärke sich aufgrund der starken Erhöhung des Kreditvolumens in der jüngeren Vergangenheit. „Das ist ein kritischer Punkt in der chinesischen Wirtschaft. [...] Und es ist wichtig, dass China schnell etwas dagegen unternimmt.“

In seinem letzten Global Financial Stability-Bericht kam der IWF zu der Einschätzung, dass die potenziellen Verluste für die Unternehmensportfolios der größten Banken des Landes bei etwa sieben Prozent des BIP liegen könnten. Allerdings bezeichnete er dies als eine konservative Schätzung, da sie potenzielle Probleme im „Schattenbankensektor“ des Landes nicht berücksichtigt.

Lipton erwähnte die Äußerungen eines „maßgeblichen“ Amtsträgers über das Problem von „Zombiefirmen“ und „Schuldenüberhang“, die vor kurzem in der chinesischen People’s Daily veröffentlicht wurden.

Als wichtigste Ursache für das Schuldenproblem nannte er staatseigene Unternehmen. Er wies darauf hin, dass sie laut Schätzungen des IWF für etwa 55 Prozent der Unternehmensschulden verantwortlich seien, allerdings nur für 22 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zudem würden sie viel weniger Profit erwirtschaften als private Unternehmen.

Er fuhr fort: „Bei langsamerem Wirtschaftswachstum beeinträchtigt die Kombination aus sinkenden Einnahmen und wachsender Verschuldung die Fähigkeit von Unternehmen, Zulieferer zu bezahlen oder ihre Schulden zu begleichen. Die Banken haben immer mehr notleidende Kredite [...] Der Kreditboom der letzten Jahre verstärkt das Problem nur. Viele Staatsbetriebe werden schon jetzt künstlich am Leben gehalten.“

Wenn die Probleme nicht beseitigt würden, bestünde das Risiko, dass sie sich zu einer Krise entwickeln: „Die derzeitigen Schuldenprobleme der Unternehmen könnten sich zu systemischen Schuldenproblemen entwickeln. Diese wiederum können zu einem deutlich niedrigeren Wirtschaftswachstum oder einer Bankenkrise führen, oder sogar zu beidem.“

Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass die Schulden zwar wachsen, aber die chinesische Wirtschaft nicht so ankurbeln wie früher. In den zwölf Monaten bis November 2009 stieg das Kreditvolumen um 34 Prozent des BIP und steigerte die Wachstumsrate deutlich von 6,1 Prozent im ersten Quartal auf 9,2 Prozent während des Gesamtjahres. In den zwölf Monaten bis zum letzten Februar stieg das Kreditvolumen um 40 Prozent des BIP – aufgrund des Wachstums der chinesischen Wirtschaft ein deutlich höherer Betrag –, doch die Wachstumsrate hielt sich gerade bei über 6,5 Prozent.

Drei Tage nach Liptons Rede wurden Daten veröffentlicht, die erneut auf die Probleme niedrigen Wachstums hinweisen. Laut diesen Daten sind die Investitionen in China in den ersten fünf Monaten des Jahres aufgrund von Einsparungen bei privaten Unternehmen auf das niedrigste Niveau seit sechzehn Jahren gesunken.

Das Wachstum der Anlageinvestitionen war mit 9,6 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000. Die Investitionen im Privatsektor stiegen um nur 3,9 Prozent, bei den staatseigenen Unternehmen waren es hingegen 23,3 Prozent.

Der China-Ökonom von Capital Economics, Julian Evans-Pritchard, schrieb: „Durch die anhaltende Verlangsamung der Investitionen im Privatsektor wächst das Risiko, dass die Wirtschaft einen weiteren Abschwung erlebt, wenn sie von der Politik nicht mehr unterstützt wird.“

Daten aus der Schwerindustrie stützen diese These. Die Stahlproduktion stieg im Mai um zwei Prozent, in den ersten fünf Monaten des Jahres blieb sie jedoch unter dem Niveau des Vorjahres. Die Kohleförderung ging im Vergleich zum Vorjahr um mehr als siebzehn Prozent zurück, die Leistung von Heizkraftwerken um sechs Prozent.

Über das Bau- und Immobiliengewerbe berichtete die Financial Times, dass der Immobilienmarkt „mit leeren Wohnblocks in Provinz- und Kleinstädten kämpft“ und dass die Immobilienverkäufe „in den letzten Wochen nach starken Preiserhöhungen in den begehrtesten Städten im ersten Quartal“ nachgelassen haben.

Die Bedeutung der Warnungen vor Chinas Schulden und seiner schwächelnden Wirtschaft wird deutlicher, wenn man sie im Kontext der globalen Wirtschaft betrachtet. Die massive Ausweitung der Kreditvergabe in China war eine Reaktion der Regierung und der Finanzbehörden auf die globale Finanzkrise von 2009, in der mehr als zwanzig Millionen Arbeitsplätze vernichtet wurden. Diese Reaktion beruhte auf der Annahme, dass das Wachstum in den Industrienationen, den wichtigsten Exportmärkten Chinas, weitergehen würde wie zuvor.

Doch dies ist nicht eingetreten. Der „Aufschwung“ in den USA nach dem Ende der „offiziellen“ Rezession 2009 zeigt die niedrigsten Wachstumsraten einer solchen Phase seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone hat erst vor kurzem das Niveau erreicht, auf dem sie sich vor der Finanzkrise befand.

Allerdings führte die Ausweitung der Kreditvergabe in China zu einem Investitionsboom, von dem diejenigen Volkswirtschaften profitierten, die die chinesische Industrie mit Rohstoffen belieferten. Dies wiederum führte zu der Vorstellung, die sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) könnten dem Weltkapitalismus eine neue stabile Grundlage liefern.

Doch selbst eine oberflächliche Betrachtung dieser Volkswirtschaften entlarvt dies als Illusion. China leidet unter niedrigem Wachstum und wachsender Verschuldung.

In Brasilien ging das BIP im ersten Quartal auf Jahresbasis um umgerechnet 5,4 Prozent zurück. Zuvor war es bereits in den letzten drei Monaten des Jahres 2015 um 5,9 Prozent gesunken. Die russische Wirtschaft schrumpfte 2015 aufgrund von Sanktionen und dem sinkenden Ölpreis um 3,7 Prozent, wobei weitere Rückgänge oder bestenfalls eine Stagnation prognostiziert werden. In Indien gehen die Exporte seit siebzehn Monaten zurück, die offizielle Wachstumsrate von acht Prozent gilt allgemein als unglaubwürdig. Außerdem verbreitet sich die Sorge um Probleme im Bankensystem des Landes. Die Wirtschaftsleistung Südafrikas ging in den ersten drei Monaten des Jahres aufgrund sinkender Produktivität im Bergbausektor und den Folgen einer Dürre zurück; für den Rest des Jahres wird eine Rezession befürchtet.

Die wachsende Verschuldung in China und die Rückgänge in den großen Industrienationen, die von China abhängig sind, verdeutlichen den grundlegenden Trend der Weltwirtschaft hin zu Stagnation und Rezession.

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